Ein gutes Jahr nach Release von Elite Dangerous legt Altmeister David Braben nach und erweitert den Sternenhimmel um ein Element, mit dem in so kurzer Zeit kaum jemand gerechnet hätte. Von nun an dürfen Sternenfahrer Planeten anfliegen und darauf landen. Zumindest auf einigen.

Von Kritikern und Hatern

Die Nachricht ist aktuell: Ein Jahr nach Release freuen sich David Braben und sein Team von Frontier über 1,4 Millionen verkaufte Versionen von Elite Dangerous. Die durchschnittliche Spielzeit pro Kopie liegt bei 60 Stunden - im Branchenvergleich ein ziemlich guter Wert für ein MMO, das seit Release ziemlich viel Kritik einstecken musste.

Ein Teil dieser Kritik ist durchaus berechtigt und gehört zum Tagesgeschäft in der Szene. Manche Kritiker allerdings sind mit falschen Erwartungen an den Titel herangegangen - weil sie eigentlich auf ein ganz anderes Spiel warten und nun damit rechneten, etwas in der Art auch bei Elite zu finden. Doch Elite Dangerous ist eben nicht Star Citizen und David Braben nicht Chris Roberts.

Zwei Kapitäne, eine Mission

Zwar jonglieren beide Entwickler mit Raumschiffen und Sternen, haben beide das Ziel, die perfekte Space-Simulation zu schaffen, die auch in zehn Jahren noch Standards setzen wird, jedoch beschreiten sie dabei einen jeweils völlig unterschiedlichen Weg. Und den sollte man kennen, bevor man in einen der beiden Titel investiert.

Müsste man Chris Roberts und David Braben mit zwei berühmten Charakteren aus der Science-Fiction vergleichen, dann wäre Roberts wohl James T. Kirk und Braben Jean Luc Picard. Beide waren wundervolle Raumschiffkommandanten, jedoch hätte ihre Vorgehensweise unterschiedlicher kaum sein können.

Der Weltraum. Unendliche Weiten.

Und während nun Chris Roberts zweifelsohne einen Fetisch für schnittige Raumvehikel, spannende Abenteuer und gepflegte Schießereien hat, sucht Braben eben den ruhigeren Zugang, steckt seine Energie in die Erforschung von Grundlagen und in die Idee, eine virtuelle Milchstraße abzuliefern, die ihrer Vorlage in möglichst wenig nachsteht.

Hinter dem Horizont, in der Unendlichkeit des Alls wartet unendlich viel Arbeit auf David Braben.Fazit lesen

Wer Elite Dangerous kennt, weiß ob der Dimensionen, in denen David Braben denkt. Über 400 Milliarden Sonnensysteme simuliert das Spiel - mit einem Vielfachen an Planeten, Raumstationen, Asteroidenfeldern und allerlei weiteren Phänomenen. Sie alle zu besuchen ist allerdings eine Aufgabe, mit der man den eigenen Nachwuchs noch über Generationen hinweg beschäftigen würde.

Was soll das werden, wenn es fertig ist?

Wer dabei verwundert den Kopf schüttelt und sich fragt, warum Braben dann überhaupt eine solche Galaxis entwickelt, warum er nicht einfach ein paar spannende, von Hand gebastelte Orte in den Weltraum setzt und mit epischen Abenteuern spickt, ist mitten drin in der Diskussion um Sinn oder Irrsinn von Elite Dangerous und seiner ersten Erweiterung Horizons.

Denn als wären 400 Milliarden Sternensysteme nicht genug, hat man bei Frontier das Jahr seit Release genutzt, um diese unverschämt große Zahl noch einmal dadurch zu toppen, dass man jedes einzelne dieser Systeme um eine ganze Reihe von Inhalten aufwertet. Dabei sind jedoch, wir reden schließlich immer noch über David Braben, keine gescripteten Abenteuer gemeint.

Ein Jahr, Milliarden Planeten

Vielmehr ist Braben mit Horizons dazu übergegangen, die ehemals toten und entfernten Himmelskörper dadurch mit Leben zu füllen, dass man sie besuchen kann. Konkret heißt das: Landungen auf Himmelskörpern sind jetzt möglich. Vorerst zwar nur auf einem kleinen Teil, denn dafür ist die planetare Vielfalt im Universum schlichtweg zu groß und das Entwicklerjahr zu kurz, jedoch schon mal auf den Milliarden von Felsbrocken, die durch die Milchstraßen jagen.

Das funktioniert tatsächlich genau so, wie man sich das vorstellt und statt der bisherigen Warnung, dass man zu nah an einem Himmelskörper befände, schwenkt das eigene Raumschiff, die richtigen Upgrades vorausgesetzt, nun in eine Umlaufbahn im Orbit ein und mit schwindender Höhe schließlich in den Gleitflug, der interessanter- und logischerweise ein ganz neues Fluggefühl mit sich bringt.

Faszination Weltraum

Die Faszination zu beschreiben, die von dem Anflug auf einen solchen Himmelskörper ausgeht und davon, sich eine möglichst geeignete Stelle für die Landung zu suchen, und langsam auf dem Brocken aufzusetzen, ist nahezu unmöglich. Auch wird nicht jeder verstehen, warum es die Herzfrequenz mancher Spieler drastisch erhöht, wenn sie in den Buggy steigen, um die Oberfläche aus nächster Nähe zu erkunden.

Der Buggy, eigentlich Surface Reconnaissance Vehicle genannt, zeigt einmal mehr, mit welcher Liebe zum Detail Braben und sein Team vorgegangen sind. Sowohl der Gleitflug im Raumschiff als auch die Fahrsimulation mit dem Buggy bringen jeweils eine weitere Dimension mit in die Simulation, denn natürlich besitzt jeder Himmelskörper auch eine individuelle Gravitation.

Licht und Schatten

Und der Buggy besitzt Düsen, was passionierten Fahrern die waghalsigsten Manöver erlaubt. Ein Sprung über einen gewaltigen Canyon mit eleganter Drehung? Kein Problem - allerdings gefährlich, denn unzerstörbar ist der Buggy natürlich nicht. Und weil jeder Brocken eben prozedural generiert wurde, handelt es sich bei den Oberflächen auch nicht um eine kleine, instanzierte Landschaft - man bräuchte also eine Ewigkeit, um selbst kleine Himmelskörper mit dem Buggy zu umrunden.

Entsprechend wenig Abwechslung bietet die Felslandschaft - abgesehen von bisweilen wundervollen Formationen und, je nach Abstand und Beschaffenheit der jeweiligen Sonne, atemberaubenden Schauspielen von Licht und Schatten. Sollte es doch hier und da zu einer Unregelmäßigkeit kommen, zeigt es der bordeigene Scanner an.

Wohin geht die Reise?

Das tut er allerdings nur recht ungenau, was beabsichtigt ist, damit man sich tatsächlich als Entdecker fühlen kann, wenn man beispielsweise Rohstoffe auf der Oberfläche findet, die sich abbauen und verwerten lassen oder die Wracks gestrandeter Raumschiffe. Stationen gibt es natürlich auch, die als Anlaufstellen für planetare Vehikel ebenso dienen wie als Landeplattformen für Raumschiffe.

Ebenso wie die Stationen im All halten auch die Einrichtungen auf den Planeten Missionen bereit. Zwar sind die noch weit davon entfernt, wirklich dauerhaften Spielspaß zu generieren, sie bieten allerdings schon mal etwas mehr Abwechslung als die bisherigen und deuten an, was die Entwickler langfristig für diesen Bereich des Spiels im Sinn haben könnten.

Grundlagenforschung für ein Genre

Das gilt übrigens für die komplette Erweiterung, die als Teil einer weiteren Staffel von Elite Dangerous verstanden werden muss. Während die erste die Grundlagen für ein virtuelles Universum geschaffen hat, den Makrokosmos mit seinen Planeten und Stationen, eröffnet Horizons den Zugriff auf den Mikrokosmos, auf die Oberflächen der Himmelskörper.

Und während kaum jemand daran geglaubt hätte, dass David Braben dies in einem Jahr leisten könnte und der Ansatz durchaus Respekt verdient, darf man sich nichts vormachen: Horizons ist ein laufendes Projekt und nicht einmal ansatzweise fertig. Es ist ein weiterer Schritt auf einer unendlich langen Reise und gestattet allenfalls einen kleinen Blick durch die Tür zu einer ganzen Reihe neuer Welten.

Ein flüchtiger Blick in eine ferne Welt

Eine Tür, hinter der tatsächlich irgendwann einmal jeder Planet simuliert werden soll, der da draußen existieren könnte. Riesige Gaswelten, Planeten voller Eis, Lava, Wasser oder dichter Wälder samt exotischster Tiere. Außenposten oder Zentren von Sternenreichen samt ihrer Metropolen, in deren Raumhäfen man landen und die man im eigenen Fahrzeug oder zu Fuß erkunden kann, deren Sonnenauf- und Untergänge man ebenso erleben kann wie die jeweilige Schwerkraft samt exotischer Atmosphäre.

Doch so vielfältig die neuen Möglichkeit auch sind, so zahlreich sind die offenen Baustellen, an denen Braben noch arbeiten muss. Die wundervolle Hintergrundgeschichte, die Politik der Mächtigen im Hintergrund, geht noch immer weitgehend an den Spielern vorbei, die gemütlich ihren Tätigkeiten nachgehen, Handel treiben, Rohstoffe abbauen, Missionen fliegen und die Galaxis erkunden, die aber kaum eine Möglichkeit haben, Einfluss auf das große Ganze zu nehmen, berühmt oder berüchtigt zu werden.

Darüber kann man natürlich ebenso streiten wie über das Geschäftsmodell, nach dem Frontier eine kostenpflichtige Erweiterung im Jahr veröffentlichen wird. Erweiterungen, die sich Veteranen ebenso kaufen müssen wie Neueinsteiger, die damit allerdings dann auch alle bisherigen Veröffentlichungen bekommen, also weit günstiger davonkommen. Angesichts der Abofreiheit von Elite Dangerous und des Verzichts auf nervige Shop-Elemente ist das allerdings ein Kompromiss, mit dem man wohl leben kann.