Ich war noch nicht mal zehn Jahre alt, als mir eine Raubkopie von Elite in die Hände fiel. Damals ahnte ich nicht, dass dieses Spiel einst meine Leidenschaft wecken und damit mein Leben verändern würde. Wie sehr, das merkte ich erst jetzt, als mich in einem Museum in der Nähe von Cambridge meine eigene Vergangenheit einholte.

Duxford ist ein kleines, verschlafenes Nest, irgendwo drei Autostunden nördlich von London. Das Kaff hat im November außer Nebel und typisch englischem Permaregen nicht viel zu bieten und ich wäre wohl im Leben nicht auf die Idee gekommen, mein Wochenende dort zu verbringen, wäre es nicht David Braben höchstpersönlich gewesen, der zu einer Party geladen hatte.

Welch verrückte Idee

David Braben - ein Name, mit dem vor allem die Nerds der ersten Gaming-Generation mehr verbinden, als sich ein jüngerer Gamer heute vorstellen kann. Als Elite 1984 auf den Markt kam, war es bereits eine Weltraum-Sandbox und in vielerlei Hinsicht das erste Spiel seiner Art. Trotz minimalistischer Vektor-Grafik, die komplett ohne Texturen auskommen musste und weniger Speicher belegte als ein einfaches digitales Foto heute, fesselte Elite die Spieler unzählige Stunden vor den Röhrenmonitoren.

6 weitere Videos

Das Spiel bot die Möglichkeit, einen dynamischen Weltraum zu erkunden, Raumschiffe zu zerstören, Kopfgelder zu kassieren und Handel zu treiben. Und - dank der verrückten und damals innovativen Idee seiner Entwickler, den Spielstand festhalten zu können, war Elite theoretisch auch endlos spielbar - sofern man nicht gleich zu Beginn den Joystick aus dem Fenster geworfen hatte, weil man immer wieder beim Landeanflug vor die Raumstation geklatscht war.

Nerdige Geschichten fürs Lagerfeuer

Es sind solche Geschichten, die an diesem Wochenende in Duxford erzählt werden. Die Geschichten der sichtbar gealterten Gründerväter der Gaming-Community. Die alten Herren stellen an an diesem Abend in Duxford die Mehrheit der Gäste und allesamt haben sie mindestens 700 Pfund in die Neuerfüllung ihres Kindheitstraums gesteckt - viele von ihnen weit mehr.

Dessen war sich David Braben mit Sicherheit bewusst und so hat er sich mit der Veranstaltung in Duxford auf seine ganz eigene, clevere Art bedankt. Ort des Geschehens war nämlich nicht eine beliebige Halle, sondern ein echtes Landedeck in der Duxford-Raumstation. Zumindest sah die futuristisch hergerichtete Halle, tagsüber das Imperial War Museum, von innen so aus, standen und hingen in ihr doch allerlei Vehikel - aus allen erdenklichen Epochen der Fliegerei.

Elite: Dangerous - Reif fürs Museum: Weltraum-Premiere mit David Braben in England

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/55Bild 28/821/82
In diesem Umfeld lässt es sich gut aushalten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Treffen mit den Geldgebern

Für die rund 1.500 Hardcore-Fans ein absolutes Erlebnis, das sie wohl so bald nicht mehr vergessen dürften. Jede Menge Fluggeräte zum Anfassen, darunter die legendäre kleine Cobra MK III, ein altbekanntes Allround-Handelsschiffchen, das überall im von Menschen besiedelten Teil des Weltraums zu finden ist und das, “trotz des jahrhundertealten Designs noch immer eine beliebte Wahl unabhängiger Piloten ist”.

Entsprechend euphorisch war die Stimmung unter den Fans, als nach dem obligatorischen Buffet dann David Braben persönlich auf die Bühne kletterte und sich in seiner unverwechselbar bescheidenen und sympathischen Art bei den Fans dafür bedankte, dass sie diesen Abend und das komplette Elite Dangerous mit ihrer Unterstützung überhaupt erst möglich gemacht haben.

Hand angelegt

Dass man sich kurz zuvor noch fürchterlich darüber aufgeregt hatte, dass Braben den Offline-Solo-Modus aus dem Spiel entfernen möchte, schien mit einem Mal komplett vergessen. In Duxford-Station gab es keinen Zwist und keine hitzigen Debatten. Man war sich einig, Teil eines der genialsten Projekte aller Zeiten zu sein.

6 weitere Videos

Und wer bis dahin noch nicht wusste, wie sich Elite Dangerous spielt, der konnte an einem der Tische selbst zum Joystick greifen. Anders als auf vielen anderen Veranstaltungen dieser Art war es auch nicht schwierig, einen Pilotensessel zu ergattern, denn die meisten Anwesenden zockten Elite Dangerous ohnehin schon seit den allerersten Testrunden und mit zum Teil abenteuerlicher Ausrüstung rauf und runter.

Packshot zu Elite: DangerousElite: DangerousErschienen für PC, Xbox One und PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Alles dreht sich

Neu war für viele Fans allerdings die Erfahrung, mal gediegen mit fetter Ausrüstung und dem Development Kit 2 von Oculus Rift auf der Nase durchs All zu brausen. Manch einer strahlte danach übers ganze Gesicht - andere allerdings waren sichtbar grün um die Nase und suchten nach der Sitzung fix die Toilette auf. Ein Landeanflug auf eine sich in der Schwerelosigkeit drehende Station ist in feinster Dreidimensionalität nämlich keineswegs etwas für jeden Magen.

Insgesamt war man sich einig: So toll das Erlebnis mit dem Oculus Rift auch ist - es ist noch Entwicklungsarbeit nötig - sowohl für David Braben als auch für die Hersteller des VR-Helms. Eilig haben es die Fans in dieser Hinsicht ohnehin nicht: “Das hier ist der Weltraum. Für uns sind die moderne Grafik und der Helm eine nette Dreingabe, doch wir würden Elite Dangerous auch unterstützen, wenn es den Look des ersten Teils hätte.”, erklärte mir ein Fan im Nadelstreifenanzug, der eigens aus Schottland angereist war.

Flieg nicht zu weit raus!

David Braben kommt das ungemein entgegen. Er kann seine Weltraum-Sandbox schon am 16. Dezember veröffentlichen, obwohl sie noch weit von dem entfernt ist, was sich das Team so insgesamt für das Spiel vorgestellt hat. Noch kann man nicht auf Planeten landen oder durch Raumschiffe wandeln. Man kann keine Raumstationen errichten oder Welten besiedeln und Imperien aufbauen.

6 weitere Videos

Doch man kann sich einer von drei Sternenreichen anschließen - oder gleich für oder gegen alle gleichzeitig arbeiten. Man kann Piraten oder Händler um ihre Fracht bringen. Man kann Erz schürfen und Handel auf einem dynamischen Markt treiben, der galaxisweit von Angebot und Nachfrage gesteuert wird, auch wenn sich gerade kein Spieler einmischt. Und man kann weiter rausfliegen, als jemals zuvor in einem Spiel.

Eine Aufgabe für Generationen

Weiter sogar, als ein Spieler zu Lebzeiten fliegen könnte, wie ein Fan Braben während der Podiumsdiskussion vorrechnete. Der jedoch hält genau das für eine der Stärken von Elite Dangerous, das eben so unendlich ist wie der echte Weltraum. Außerdem, so der Altmeister, basiere die Rechnung auf der Annahme eines technologischen Stillstands - und davon sei kaum auszugehen.

6 weitere Videos

Kein Wunder, setzt David Braben im Gegensatz zu den meisten anderen Publishern weder auf die lukrative Monatsgebühr noch auf ein cleveres Free-To-Play-Modell mit Abzock-Option. Elite Dangerous kostet in der Vorbestellung 40 Euro - und damit ist man uneingeschränkt mit dabei. Geld zum Betreiben der Server verdient man mit dem Spiel, davon ist Braben überzeugt, auch so genug.

Aufbruch ins Ungewisse

Zudem geht die Arbeit nach Release unvermindert weiter. Braben hat Dutzende von Mechaniken und Funktionen im Kopf, die er gerne verwirklichen möchte. Mehr, als es dem Entwicklerteam bisweilen lieb ist. Doch obwohl man den Visionär hier und da ausbremsen muss, verspricht man, dass die Schubladen nicht nur für Updates, sondern auch für zukünftige Erweiterungen gut gefüllt sein werden.

6 weitere Videos

Zudem arbeitet gleich eine ganze Reihe von Autoren an der Geschichte zu Elite Dangerous - und auch die Community arbeitet an allen Fronten kräftig mit - zeichnet, schreibt, entwirft und schickt Braben immer neue Ideen. Braben selbst scheint es hin und wieder kaum glauben zu können, dass mit 1.500 Gästen in Duxford schon vor Release von Elite Dangerous ein nagelneues Event vom Kaliber des EVE-Fanfests entstanden ist, das möglicherweise ab sofort jährlich stattfindet.

The Final Frontier

Apropos EVE Online - das sehen übrigens weder die Entwickler noch die Fans von Elite Dangerous als Konkurrenz. Viele Anwesenden spielen ohnehin schon seit zehn Jahren EVE - und auch Star Citizen haben die meisten mit unterstützt. David Braben selbst hat Geld in Chris Roberts Projekt gesteckt und Chris Roberts ist ein Unterstützer von Elite Dangerous.

Sie alle haben ein gemeinsames Ziel, denn für sie alle kann es gar nicht genug Weltraum geben - zudem jeder Titel seine ganz eigene Ausrichtung hat und jedes Team von den Ideen der anderen lernen kann. Sicher ist nur: Es ist höchste Zeit und ungemein wichtig, endlich wieder die Raumfahrt anzukurbeln - ob virtuell oder real. Oder, um es mit dem Spruch der NASA auszudrücken, den man an diesem Abend in Duxford immer wieder hören konnte: I NEED MY SPACE!