Ich habe Gothic nie gespielt. Das sollte eigentlich irrelevant für diese Review sein. ELEX ist schließlich ein Spiel in einem neuen Setting. Dennoch wollte ich es hier erwähnt haben. Ich habe dementsprechend den damaligen Tumult um das unfertige Gothic 3 nicht mitbekommen. Unspielbar ist Elex zwar nicht, dafür aber voller Bugs und anderer technischer Ungereimtheiten. Auch sonst gibt es wenig, was einen Neueinsteiger über Stunden motivieren sollte.

Erhaltet einen kleinen Einblick ins Spielgeschehen von ELEX:

ELEX - Gameplay-Trailer - Die Fraktion der Albs10 weitere Videos

Zunächst beginnt ELEX stimmig: In einer schicken Cutscene im Comic-Look wird die Vorgeschichte der erdähnlichen Elex-Welt Magellan erzählt, auf die ein Meteorit einschlägt und die ominöse Substanz Elex freigibt. Dadurch entsteht ein weltweiter Bürgerkrieg um die seltene Ressource. Die verleiht nebenbei auch magische Kräfte. So weit, so gut.

ELEX - Ein Spiel mit X

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In Magellan könnt ihr euer ganz individuelles Abenteuer erleben
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Ein Pluspunkt des Spiels: Magellan ist wirklich schön, abwechslungsreich und lädt zum Erkunden ein. Die Welt selbst besticht durch gute Lichteffekte und optisch ansprechende Flora und Fauna. Je nach Gebiet durchstreift ihr eine Wüste, eine Tundra oder eine hochmoderne Festung, die auch aus Star Wars hätte stammen können. Zudem gibt es an vielen Ecken und Enden versteckte Gegenstände, Hintergrundinfos zur Geschichte und Minibosse zu finden. Eine Sightseeing-Tour ist Elex aber nicht, denn gerade am Anfang gibt euch gefühlt 80 Prozent der feindlich gesinnten Untier-Population so sehr aufs Fressbrett, dass ihr nach zwei Schlägen das Zeitliche segnet. Gerade das ist allerdings ein Faktor, der den Reiz des Spiels ausmacht.

Auch interessant an ELEX ist der Umstand, dass Charakter, Waffen und Gegner nicht strikt nach Leveln unterteilt sind, wie in anderen Rollenspielen. Die Welt passt sich nicht euch an, ihr habt in dieser Welt zu überleben. Grundsätzlich eine coole Idee, in der Praxis wird das aber fast zur Tortur. Gerade am Anfang gibt es viele Sammelaufgaben. Ihr latscht also von einem Ende der Map zum anderen, um Gegenstände zu sammeln oder mit Leuten zu quatschen. Dabei greift euch permanent Freiwild an. Mit etwas Pech ist dann auch ein größeres Ungetüm dabei und selbst weglaufen bringt in Elex gar nichts. Solange ihr euch in einer gefühlt 100 Meter großen Luftlinie der Gegner befindet, spüren sie euch trotzdem auf; egal ob zwischen euch eine große Felswand ragt oder nicht.

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Die Monster tümmeln sich überall in Magellan und es braucht einiges an Geschick, um sie zu besiegen
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Versucht ihr euch dann in ein freundlich gesinntes Dorf zu retten, gipfelt das Ganze in einer Art Slapstick-Comedy: Während ihr mit einem NPC redet, raiden eure Verfolger nämlich das Dorf. Und so ist es mir einige Male passiert, dass ich ein riesiges Ungetüm hinter mir stehen hatte, das nur darauf wartete mich zu attackieren, sobald meine Konversation mit dem NPC vorbei war. Der Umstand, dass ein Miniboss-Monster wie ein Fiffi brav darauf wartet, bis meine Unterhaltung vorbei ist um mich zu attackieren, ist unglaubwürdig und reißt zumindest mich komplett aus der Spielwelt heraus.

Bekämpfen wollt ihr eure Gegner aber auch nicht wirklich, denn die Hitboxen und Animations-Abläufe eures Charakters sind unpräzise. Als wenn dadurch nicht schon genug Frust aufkommen würde, gibt es nicht wirklich viel Variation: Die Stoß- und Stichwaffen haben allesamt dieselbe drei-Schlag-Kombination. Außerdem gibt es Magie-Angriffe und Schusswaffen, die zwar auf Distanz nützlich sind, allerdings auch in vielen Fällen einfach zu wenig Schaden anrichten, um effektiv genug zu sein. Dementsprechend meide ich schon nach kürzerer Zeit herumlaufende Gegner, denn sie sind entweder viel zu stark oder das Kampfsystem ist dermaßen dröge, dass ich keine Lust auf die fünf Erfahrungspunkte habe, die mir das Monster verabreichen kann. Es wäre nett, wenn es eine Möglichkeit gäbe, auch stärkere Monster mit einer smarten Taktik auszutricksen.

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Welcher Fraktion werdet ihr angehören?
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Von Bauern mit Waffen, Anarchisten und Extremisten

In der Welt von Elex gibt es drei Fraktionen: Die Outlaws, die wirken, als wären sie direkt der Welt von Mad Max entsprungen. Dann gibt es die Kleriker, die als einzige Fraktion einen wirklichen Hang zur modernen Technologie haben, ironischerweise aber religiös indoktriniert bis in die Haarspitzen sind. Die dritte Fraktion sind die Berserker, die scheinbar nicht realisiert haben, dass man kein Schwert zu einer Schießerei mitbringt. Tatsächlich könnt ihr auch auf eigene Faust ein Lager und damit eine eigene Fraktion gründen - eine coole Idee. Das klingt auf dem Papier ziemlich abwechslungsreich und schaut auch so aus, da sich die Basen dieser Fraktionen stark unterscheiden. Im Detail aber lassen sich alle auf einen Faktor reduzieren: Jede Fraktion besteht grundsätzlich aus Arschlöchern. Alle sind sie auf ihre eigene Weise machthungrige, Egozentriker in anderen Farben.

Diese Linie zieht sich wie ein roter Faden durch die Charaktergestaltung von Elex. Fast jeder Charakter auf den ihr trefft, ist in Wahrheit doch gar nicht so lieb. Alles muss auf Teufel komm raus kantig und grimmig wirken. Das strengt nach einer Weile ganz schön an.

Elex ist objektiv betrachtet kein gutes Spiel geworden. Wer sich für eine schöne Spielwelt durch 5 Stunden Tortur quälen kann, könnte vielleicht noch zugreifen.Fazit lesen

Die deutsche Vertonung dagegen überzeugt: Gut, sie ist an manchen Stellen vielleicht etwas überzogen, grundsätzlich aber sympathisch. Wer sich auf Deutsch vertonte Cartoons anschauen kann, der wird Elex in diesem Punkt mögen.

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Technisch kann ELEX uns leider nicht überzeugen
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Kommen wir zum technischen Part. Fans von Piranha Bytes wissen, dass das nichts Gutes bedeuten kann. Ich für meinen Teil habe die Xbox One-Fassung getestet und was hier für ein Vollpreis-Spiel abgeliefert wurde, ist schon ein wenig grenzwertig. Ständig gibt es Tearing-Effekte, die Bildwiederholrate unterbietet konstant die gewünschte 30er-Marke und immer wieder musste ich Truhen öffnen und wieder schließen, um beim fünften Versuch die enthaltenen Gegenstände endlich herausnehmen zu können. Menüpunkte, die auf einen Dialog mit einem Charakter hinweisen sollen, bleiben mitten im Bildschirm kleben – auch wenn der Charakter schon 200 Meter weit weg steht. Hin und wieder mal ein Ruckler darf ja vorkommen, aber Elex lässt sogar die Release-Fassung von Mass Effect: Andromeda ausschauen wie ein Glanzstück.

Außerdem wirken auch die Texturen schlicht altbacken. Teils wirkt es so, als hätte man Rüstungen oder Items aus einem Digitalshop für Videospiel-Assets gekauft und sie auf einem eigens modellierten Charakter gesetzt. Denn die Diskrepanz zwischen Gesicht, Haaren und Rüstungstexturen ist bemerkenswert komisch. Noch komischer ist die künstliche Intelligenz. An mehreren Stellen feuerte mein treuer Gefährte Duras wild mit seinem Bogen umher, traf dabei aber nur den Boden oder eine direkt vor ihm stehende Wand. Warum also schießen? Weil sich 30 Meter weiter ein Gegner befand. Auweia. Dass auch die Animationen abgehackt und veraltet wirken oder etwa eine Fall-Animation gar nicht existent ist, ist da das Tüpfelchen auf dem I. Technisch gesehen hätte Elex vermutlich auch für die Xbox 360 erscheinen können, ohne große Abstriche machen zu müssen.

“Sind die denn deppert?!”

Zum Schluss noch ein paar Worte zum Quest-System und der Möglichkeit, in Elex seinen eigenen Pfad zu bestreiten. Gleich zu Anfang stehen euch alle Wege offen und ihr werdet mit dutzenden (!) Quests überhäuft. Leider reduzieren sich viele auf altbackene Fetch-Quests à la “Hole mir Gegenstand A” oder “Ermorde Person B”. Sicherlich, keiner erwartete, dass Elex das Rollenspiel-Rad neu erfindet. Etwas mehr Kreativität hätte ich mir hier aber gewünscht.

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Dann gibt es noch die Möglichkeit, in Quests und Dialogen mit Charakteren verschiedene Optionen auszuwählen, um seine eigene Reise zu bestimmen. Diese Optionen sind aber oft leider nur “Arschloch sein” oder “Etwas weniger Arschloch sein”. Man merkt, dass die Entwickler eine offenbar etwas einschlägige Meinung zum menschlichen Dasein besitzen. Problematisch ist auch, dass diese Optionen nur bedingt realistisch und umsetzbar sind. Ein Beispiel: Wenn ihr etwa einen Kumpanen beim Oberhäuptling der Berserker verpfeift, weil dieser einen Lehrling umgebracht hat, ist der ehemalige Kumpane nicht sonderlich positiv auf euch gestimmt und geht auf euch los - verständlich! Dass dann aber weder die Wachen des Häuptlings noch er selbst einschreiten, sondern seelenruhig rumsitzen, als euch der verpfiffene Mörder hinterrücks umlegt, wirkt bizarr. Ist ja nur ein frei herumlaufender Mörder, der sich gerade sein nächstes Opfer sucht. Nichts weiter dabei.

Viel schwieriger ist aber, dass es sich bei dieser Quest um eine relativ frühe handelt. Die Chance, dass ihr diesem Gauner also im Kampf eins auswischen könnt, geht gegen null. Also zwingt euch das Spiel praktisch, ihn nicht zu verpfeifen, denn eine andere Option bedeutet den sicheren Tod. Auch hier ist das Individualisierungsprinzip eine gute Idee, in der Exekution aber teils mangelhaft.