Autor: Sebastian Weidner

Die neumodische Zweckentfremdung des traditionsbewussten Wortes Matador ist bemerkenswert. Erst ein Lifestyle-Magazin für Männer, jetzt ein knallharter Actionshooter, ebenfalls primär für die Herren der Schöpfung entwickelt.

Geht man der eigentlichen Bedeutung des Begriffs auf die Spur, so ist die maskuline Fokussierung eigentlich kein Wunder. Denn Matadore (wörtlich: "Töter") sind furchtlose Stierkämpfer, die die unschuldigen Tiere im Zweikampf hinterrücks umbringen. Ja, so fies sind tatsächlich meist nur Männer!

Zum vorliegenden Actionkracher passt der Name "El Matador" wie die Faust auf's Auge. Statt gegen starke Stiere kämpft ihr allerdings gegen rücksichtlose und mächtige Drogenbosse. Weitere kleine, aber feine Unterschiede zum traditionellen Stierkampf: Unschuldig sind eure Gegner natürlich allesamt nicht, und statt einem roten Tuch und einer Stechlanze rückt ihr mit bleihaltigen Argumenten in den Kampf!

Teuflische Wandlung
Seit unserem letzten Blick auf "El Matador" hat der Titel aufgrund der vorläufigen Indizierung viele Änderungen erfahren. Protagonist Victor Corbet ist kein regimetreuer Polizist mehr, sondern ein geldgieriger Verräter, der sich von der Drogenmafia bezahlen lässt, um das Kräftegleichgewicht aus den Fugen zu bringen. Mr. Corbet kann so gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Zum einen ordentlich im Drogenmilieu aufräumen, das sieht die Polizei gerne. Und zum anderen die dadurch frei gewordenen Kapazitäten auf ein einziges Kartell umlenken. Das wiederum gefällt seinem kriminellen Geldgeber.

El Matador (dt. Version) - El Matador setzt animalische Instinkte frei. Weck auch du den Stier in dir!

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Lagebesprechung: Gleich geht's den Drogengangstern an den Kragen.
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An den eigentlichen Aufträgen hat sich indes nichts geändert. Nach wie vor ballert ihr euch in der Rolle des Polizisten Victor Corbet durch abwechslungsreiche Schauplätze, um einen Drogenring nach dem anderen auszuschalten. Vom Fiesling Corbet ist in den Einsätzen nichts zu spüren. Seine blutige Seite kehrt sich nur in Zwischensequenzen während der Missionen heraus. Darin telefoniert er mit den Gangstern und erstattet Rapport. Die eigentlichen Aufträge erhaltet ihr jedoch stets von der Polizei.

Packshot zu El Matador (dt. Version)El Matador (dt. Version)Erschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

In Anbetracht der Zeitknappheit ist den Entwicklern die Story-Änderung durchaus gelungen. Dennoch merkt man dem Spiel an, dass die Geschichte bis vor wenigen Wochen einen ganz anderen Hintergrund hatte. Denn während El Matador, so der Spitzname von Corbet, innerhalb der Missionen eher "Mister Nice Guy" verkörpert, wirkt er in den Cutscenes plötzlich wie ausgewechselt. Auch über die Beweggründe des Doppelspiels werdet ihr im Unklaren gehalten. Bloße Geldgier? Spaß am böse sein? Keine Lust mehr auf Polizeiarbeit?

Index-Angst
Viel nerviger als die Verwandlung des guten Polizisten in den bösen Drogenmafia-Beauftragten sind teils einschneidende Gameplay-Änderungen, die die Balance des Spiels negativ beeinflussen.

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Auch in engen Gassen müssen wir gegen die Drogenmafia ran!
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So dürft ihr eure Gegner ab sofort mit gleich zwei Betäubungsgewehren ausschalten. Der Sinn hinter zwei Gummigeschoss-Wummen erschließt sich uns zwar nicht ganz. Doch soll es auch Menschen mit zwei (oder mehr) Ferraris im Hof geben. Insofern wollen wir uns darüber nicht echauffieren. Sehr wohl ärgert uns aber, dass die Betäubungsknarren viel wirkungsvoller und schussgenauer sind als echte Bleispritzen. Das ist schlicht unlogisch! Auch wundern wir uns darüber, was die Entwickler unter dem Begriff "Betäubung" verstehen. Denn schlummernde Gegner stehen ebenso wenig wieder auf wie erschossene Feinde.

Dass die Programmierer sämtliches Blut aus dem Spiel entfernt haben, dachten wir uns schon fast. Auch, dass ihr auf tote Gegner nicht mehr schießen dürft, ist berechtigt. Dass eure Waffe nach dem tödlichen Schuss sofort blockiert, geht uns aber eindeutig zu weit. Denn ihr könnt selbst dann keine Patrone mehr abfeuern, wenn die Gegner gerade dabei sind umzukippen. Das ist insofern nervig, als dass die Anzeichen und das Geräusch eines leeren Magazins identisch sind mit der Schussblockade. In heiklen Ballereien, in denen jede Sekunde und Kugel zählt, wisst ihr ohne den vom Gefecht ablenkenden Blick auf die Munitionsanzeige nie so recht, ob euer Magazin leer oder der Gegner gerade gestorben ist.

In Zeitlupe gegen Schützenkönige
Die Missionen von "El Matador" führen euch in abwechslungsreiche Landschaften, von typischen Fabrikhallen über idyllische Hafenanlagen bis hin zu Dschungelszenarien mit extrem hoher Baum- und Drogenfabrik-Dichte. So mannigfaltig die Schauplätze sind, so einfältig sind die Missionsziele. Im Endeffekt geht es in jedem Auftrag nur darum, vom Anfang bis zum Ende zu laufen und dabei zahlreiche Gangster über den Haufen zu ballern.

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Hauptsache cool: Auch innerhalb von Gebäuden trägt die Polizei dunkle Sonnenbrillen.
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Dieses altehrwürdige Problem fast eines jeden Shooters zehrt aufgrund der gekonnten Inszenierung der Einsätze aber nicht wirklich an der Motivation. Regelmäßige Cutscenes mit coolen Sprüchen, die aus Hollywood-Actionschinken geklaut sein könnten, lockern das Spielgeschehen ebenso auf wie die häufigen Scriptsequenzen. So seilen sich etwa Kollegen von euch per Hubschrauber ab, und markerschütternde Explosionen erfüllen die Luft mit gleißenden Feuerschwaden.

Auch die Gefechte als solche sind hollywood-reif umgesetzt. Wie in "Matrix" aktiviert ihr eine Zeitlupe, um Gegner effektiver aufs Korn nehmen zu können. Das funktioniert jedoch nicht beliebig oft. Ist der Ausdauerbalken erschöpft, muss er erst regenerieren, bevor ihr die Zeit erneut verlangsamen dürft. Natürlich bestätigen auch in "El Matador" Ausnahmen die Regel. So könnt ihr additiv jederzeit einen Zeitlupensprung à la "Max Payne" hinlegen. Doch sobald ihr wieder Boden unter den Füßen habt, deaktiviert sich das Schneckentempo von selbst. Leider haben sich die Programmierer unsere Preview-Kritik nicht zu Herzen genommen: Denn nach wie vor verschwimmt das Bild in der Zeitlupe so stark, dass ihr vor lauter Schlieren kaum mehr etwas seht.

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Der Zeitlupenmodus im Einsatz: Der Gegner ist kaum zu erkennen.
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Ebenfalls ungelöst ist das Problem der zu schlauen Gegner. Die Schergen verfügen scheinbar nicht nur über Supermans Röntgenblick und sein Supergehör, sondern haben auch die Treffsicherheit von Billy the Kid intus. Kaum betretet ihr einen Raum, müsst ihr schon wieder neu laden, weil zwei Volltreffer euch nach wenigen Sekunden ins Reich der immerwährenden Träume geschickt haben. Diese unausgewogene Balance frustriert. Gerade weil "El Matador" eigentlich gar kein superrealistischer Shooter sein will, sondern euch eher in die Rolle des unverwundbaren Actionhelden hieven möchte.

In diesem Zusammenhang kurios: Auf die Distanz sind eure Kontrahenten viel gefährlicher als im Nahkampf-Schussduell. Bedrängt ihr die Jungs zu sehr, nimmt sogar das an sich recht clevere Deckungsverhalten merklich ab. Dann stehen sie des Öfteren nicht wissend, was sie tun sollen, vor euch und lassen sich mühelos abknallen.

Trügerische Idylle
Technisch hat uns "El Matador" ausgesprochen gut gefallen. Knackig scharfe Texturen und gelungene Licht- und Schatteneffekte gehören zu den Highlights der Engine-Eigenentwicklung. Vor allem in den malerischen Außengebieten lässt die Technologie ihre Muskeln spielen. Der Urwald muss keinen Vergleich mit "Far Cry" scheuen. In das herrlich blaue Wasser würden wir am liebsten direkt mit Schnorchel und Flossen abtauchen. Musikalisch köchelt der Titel dafür auf Sparflamme. Geht es gut zur Sache, bekommt ihr ein rockiges Stück zu hören, in ruhigen Momenten erklingt ein sanfterer Ton. Die Betonung liegt jeweils auf "ein": Im ganzen Spiel gibt es nur zwei Tracks!

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Häuserschlacht: "El Matador" bietet Action am Fließband.
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Multiplayer-Fans müssen wir leider enttäuschen. Plastic Reality hat sich ganz auf den atmosphärischen, aber mit ca. 6-8 Stunden recht kurzen Einzelspielermodus konzentriert. Mit anderen Worten: Kumpels abballern müsst ihr woanders, hier gebührt der Action-Ruhm wohl oder übel euch alleine!