Das »Infinite Monkey Theorem« besagt, dass ein Affe mit Schreibmaschine bei einem unendlich lang gewählten Zeitraum letztlich Shakespeares Werke schreiben würde. Das gleiche Ergebnis wäre mit einer unendlichen Anzahl Affen zu erzielen. Hierbei drängt sich regelmäßigen Besuchern von Internetforen der Verdacht auf, die Praxiserprobung besagter Theorien sei im vollen Gange.

Ob bei Imdb, Amazon oder Youtube, überall darf jedermann die eigenen Ansichten in die Welt trompeten. Und zwar vollkommen unabhängig von der Existenz fachlicher respektive orthographischer Kenntnisse oder schlicht eines Großhirns. Nur, ist soviel Meinung gut für die Gesundheit?

Entgegen eines weit verbreiteten Irrglaubens ist Computerspielen genauso wenig eine Fertigkeit, wie all die anderen, für die es lediglich eine freie Hand, Langeweile oder zuviel Hormone und kein Gegenüber braucht. Bevor das Krakeele »Erzähl das mal den Jungs von Speeddemoarchives, du Noob!« oder »Wtf? Treffen in Blade's Edge und dann jibbets auffe Moppe!« losgeht: Onanie wird auch nicht beeindruckender, wenn man schneller rubbelt und Nasenhaarflechten ist höchstwahrscheinlich eine Kunst, dessen Weltmeister aber trotzdem ein Idiot.

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Guybrush auf der Suche nach Shakespeares Werken.
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So wie es leicht ist, eine Fliege zu zerquetschen, aber unmöglich, sie wieder zusammenzusetzen, lassen sich Computerspiele unwahrscheinlich locker flockig in den Boden stampfen. Vernichtendes wie »Die Grafik ist hässlich, der Sound grauenvoll - wenigstens passen sie zusammen« oder »Das größte Unglück, seit Saddam Husseins Vater seine Frau beim Ziegenhändler kaufte« ist schnell gesagt. Aber erlernt mal eine einzige Fähigkeit, die es zur Spielentwicklung benötigt.

Nichtsdestotrotz sind wir alle Kritiker (das Schlimmste: Manche werden dafür sogar bezahlt). Wir bemängeln hohe Preise, übertriebene Hardwareanforderung, fehlenden Realismus, ökkelige Steuerung, miese Kameraführung und so weiter und so fort. Obwohl wir tief im Innersten die Einsicht hegen, dass nichts mehr nervt als Besserwisserei in Personalunion mit Dilettantismus haben wir trotz vollständiger Absenz nützlicher Talente immer einen guten Ratschlag für die Entwickler parat: »Macht doch ein Spiel mit heroinabhängigen Dinosaurierpiraten, die gegen ein finsteres Mopsimperium kämpfen« oder »Lasst das nächste Mal einfach die Bugs weg, die braucht kein Mensch«.

Aber nicht nur das. In bester Stammtischmanier hat jeder von uns auch für alle anderen Probleme der Welt eine Lösung in petto. Egal ob Politiker, Fußballer, Schiri, Lehrer, Richter, Drehbuchautor, Regisseur oder Journalist … nur weil wir aufgrund in virtueller Realität vergammelter Freizeit keinerlei nennenswerte Lebenserfahrung haben, heißt das noch lange nicht, dass wir deren Arbeit nicht mühelos besser machen würden. Denn bekanntermaßen sind »die da oben« alle inkompetent, »die Justiz« ist ungerecht und Texte schreiben kann sowieso jeder. Das Netz beweist es.

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Everyone's a SingStar...
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Entgegen Dieter Nuhrs allzu wahren Feststellung, man dürfe eine Meinung haben, müsse dies jedoch nicht, fördern die Medien das Meinungenhaben als Volkssport. Nicht nur Talkshows helfen jeder Nasenpfeife bei der Verbreitung ihres unmaßgeblichen Weltbildes. Dank Beteiligungsrechten per Telefon dürfen selbst Zeitgenossen mit der Musikalität eines überfahrenen Maulwurfs die Frage klären, welche unsägliche Kreatur von Dr. Bohlen-Stein für das nächste Jahr den Äther mit Musikersatzprodukten zuorgeln soll. Ganz zu schweigen von den unzähligen Shows, in denen jeder erdenkliche Sachverhalt in Listen zusammenkompiliert wird, begleitet durch die Ansichten von Typen, die wir nur deswegen für Prominente halten, weil sie ansonsten doch wohl kaum im Fernsehen wären.

Die meisten von uns haben gelernt, ihre leibliche Notdurft nicht an jeder beliebigen Ecke zu verrichten. Für den kommunikativen Überdruck gilt leider nicht das Gleiche: Jede Sau läßt ihre Weisheit perlen, wo es ihr beliebt. Es wird Zeit für Barmer, AOK und Co. die Verbalinkontinenz verbunden mit öffentlichen Ein- und Auswürfen als Volkskrankheit anzuerkennen.

Dabei heißt für die meisten, eine angeblich eigene Meinung auszusprechen, nicht nur Eulen nach Athen tragen, sondern auf dem Rückweg auch noch Holz in den Wald mitzunehmen. Denn das Anwachsen der individuellen Äußerungsfreudigkeit scheint sich zur Aufnahmebereitschaft des kollektiv Geäußerten antiproportional zu verhalten. Umso mehr der Einzelne sich sein eigenes Weltbild zurechtwurstelt, umso weniger Nerv bleibt für den Senf anderer. Zumal – wenn wir ganz ehrlich sind – uns fremde Meinungen interessieren wie Elton John ein Playboy-Abo.

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Das Credo des Kritikers: In die Fresse rein - statt Fresse halten.
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Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass ich in all den Jahren auch nur eine einzige Diskussion im Netz erlebt hätte, nach der einer der Teilnehmer seine Meinung geändert oder sich gar Kritik an der eigenen Person zu Herzen genommen hätte. Aus einer derartigen Einsicht resultiert wohl auch die uralte Internetweisheit »Arguing on the internet is like running in the special olympics. Even if you win, you're still retarded«.

Und wenn wir tausendmal Recht haben, es interessiert niemanden. Deswegen würde es kaum schaden, wenn wir tatsächlich hin und wieder einfach mal die Klappe hielten. Das spart Nerven und Energie.

Als größtmöglich vorstellbare Ironie empfände ich in dem Zusammenhang übrigens, wenn nun irgend so ein Vollpfosten daherkäme und in einem Artikel seine Ansicht zum Thema äußern würde, wie zwecklos es sei, anderen die eigene Meinung andrehen zu wollen. Vermutlich würde er ihn »Everyone’s a critic« nennen und damit genau gar keinen Effekt erzielen.