Gewaltdiskussion - Zurück in die Zukunft?

Fast war es still geworden um ein Thema, das sich wohl am Besten mit nur einem Wort beschreiben lässt: Erfurt. Die Diskussion um Gewalt in Computer- und Videospielen schien von einem Buschfeuer zum Schwelbrand zurückgegangen zu sein. Bis, ja bis die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten scheinbar der Meinung waren, es sei Zeit für einen neuen Keulenschlag in Richtung der zockenden Zunft.

Frontal 21, ein Magazin des alterwürdigen ZDF, schienen die gut recherchierten Beiträge ausgegangen zu sein. Anstatt seriösem Journalismus gabs mal wieder Polemik pur, statt Recherche waren Vorurteile angesagt, statt Dialog erneut Monolog. Auf ein Neues wurden Spieler zu potentiellen Massenmördern erklärt, andere mögliche Faktoren für fehlgeleitete Jugendliche erneut auf eine erschreckende Art und Weise außer Acht gelassen. Vielleicht hätten unsere Politiker der Erhöhung von Rundfunk-Gebühren doch in vollem Umfang zustimmen sollen - dann

wäre den Zuschauern vielleicht Journalismus geboten worden, der dem ZDF würdig ist.

Durch die Zocker-Community ging ein Aufschrei, auf nahezu jedem größeren Online-Magazin waren Kommentare zu dem reißerischen Frontal 21-Beitrag zu finden. Politiker nahmen die vom ZDF hingeworfenen Knochen dankbar an - ein gewisser Herr Beckstein wollte bestimmte Spiele gar vollständig verbieten.

Zwei Fragen drängen sich auf: Hat Herr Beckstein es nötig, mit derart populistischen Mitteln auf seine Person aufmerksam zu machen um seinen Bekanntheitsgrad zu steigern? Und zweitens - eigentlich viel wichtiger: Ist dem Mann die Institution namens USK bekannt? Das sind die Leute, die in Zusammenarbeit mit Publishern und anderen sinnvollen Jugendschutz betreiben, und einen Aufkleber mit verbindlichen Alterfreigaben auf die Schachtel pappen lassen.

Andererseits - wir können es uns doch leisten. Da müssen dann so zweitrangige Probleme wie die

höchste Arbeitslosigkeit seit Jahrzehnten, Staatschulden in Billionenhöhe und eine erneute Schlappe in der Pisa-Studie zurückstehen. Schließlich gehts ja auch um Themen, von denen man Ahnung hat. Oder würde jemand bestreiten wollen, dass die an vorderster Front für die Verdammung von Ego-Shootern oder ähnlichen Spiele streitenden Politiker regelmäßig auf einschlägigen LAN-Partys zu sehen sind? Na also, es sprechen also doch die richtigen Menschen zum Volk...

Aber irgendwie können wir doch auch stolz sein, wir Zocker. Wann hat es zum Beispiel Greenpeace das letzte Mal in den Fokus des Medieninteresses geschafft? Die müssen ein echtes Schiff versenken um aufzutauchen in den Medien - bei uns Zockern reichen ein paar Liter virtuelles Blut.

Dass es trotzdem Hoffnung auf objektive Berichterstattung gibt, ist nicht zuletzt SPIEGEL ONLINE zu verdanken. Anscheinend ist es ohne öffentliche Fördermittel einfacher, gewissenhaft arbeitende Redakteure zu ergattern. Regelmäßig sticht der

Online-Ableger des bekannten Printmagazins durch kritische, aber faire Berichterstattung postitiv aus dem Moloch des Medienpopulismus hervor und veröffentlicht fundierte Artikel zur Gewalt in Computer- und Videospielen. Es kommen Vertreter beider Seiten zu Wort - und im Gegensatz zur Berichterstattung an manch anderen Orten werden ihre Aussagen weder verstümmelt noch aus dem Zusammenhang gerissen. Auch ist es den Spiegel-Redakteuren offensichtlich gegeben, die Aussagen von Vertretern der Spieleindustrie nicht von vornerein als befangen abzustempeln oder ins Lächerliche zu ziehen. Eine Fähigkeit, die bei diesem Thema leider allzu oft auf der Strecke bleibt.

Ich wünsche Ihnen - trotz aller Aufreger in der letzten Zeit - ein ruhiges und besinnliches Weihnachtsfest. Lassen Sie sich den Spaß an Knüllern wie Half-Life 2, Doom 3 und Konsorten nicht verderben - aber vergessen Sie nicht, für wen diese Spiele sind: Für Erwachsene!

Thomas BayerChefredakteur