Für einen Journalisten sind Messen immer ein zweischneidiges Schwert. Einerseits verliert man dabei wertvolle Zeit und Energie (und als Freelancer außerdem eine Menge Geld, weil man die Zeche selber zahlen muss), andererseits kommt man um den Besuch kaum herum. Wenn die Schäfchen des digital-verspielten Zeitalters vor den Blockbuster-Altären beten und in den Pressekonferenzen vor ihren Idolen in den Staub fallen, dann hat das tatsächlich ein bisschen was von einer Wallfahrt oder einem sakralen Akt. Die Gläubigen pilgern zum Berg – und der Berg liefert ihnen einen gigantische Show.

Im Zeitalter von Internetstreams und Youtube-Videos ist das Messeformat eigentlich überholt – denn Konferenzen und Neuankündigungen kann man längst verbreiten, ohne sich einer tobenden Journalisten-Stampede stellen zu müssen. Ganz bequem. Dass man trotzdem jedes Jahr aufs Neue den selben Zirkus veranstaltet, das ist fast schon ein Phänomen – vor allem aber eine Tradition. Vor 20 Jahren vereinbarte man einen persönlichen Termin mit dem PR-Manager des jeweiligen Herstellers und ging mit einem Köfferchen voller Informationen nach Hause, die es nirgendwo anders gab. Heute dagegen wird man in Rudeln durch minutiös durchgeplante Präsentationen getrieben – und was man dort sieht, das steht zur selben Zeit Millionen Interessierten per Youtube und Co. zur Verfügung. Ist also ungefähr so exklusiv wie ein Regentropfen während des Monsuns.

Warum wurde das "Modell Messe" also nicht längst ausrangiert? Ganz einfach: Zu jedem E3- und gamescom-Termin öffnet sich ein Aufmerksamkeitsfenster, durch das die verspielte Welt auf die jeweilige Veranstaltung und ihre Aussteller blickt. Die Hype-Maschine läuft auf Hochtouren und jeder weiß, was die Stunde geschlagen hat. Der Puls der Spielewelt schlägt dann für eine Woche mit drastisch erhöhter Frequenz – und jeder ist neugierig auf das, worauf er sich in den nächsten Monaten freuen darf. Oder Jahren.

E3 2015: Weichenstellung oder Rohrkrepierer? - Was bedeutet das Aufgebot aus L.A. für die Zukunft unseres Hobbys?

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Na, so schlimm war die E3 nun auch wieder nicht.
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Obwohl die versammelten Branchenvertreter in den Pressekonferenzen und schwitzig-klaustrophobischen Präsentationszellen nichts anderes sehen als die User hinter ihrer Monitoren (wo es vergleichsweise bequem ist), so beneiden sie die Pressevertreter dennoch. Beneiden sie darum, dass sie den Pulsschlag der Branche hautnah spüren können. Und pures, unverfälschtes Adrenalin atmen – mit einer gehörigen Portion "Sensationslust". Es geht nicht mehr um die Information, sondern um das Event. Das ist ein bisschen wie die Frage, ob man sich AC/DC lieber live ansieht oder gemütlich auf dem Sofa lümmelt und sich dabei das Studioalbum anhört. Die Couch-Album-Kombi ist zwar bequemer und der Studio-Sound besser… aber das Erlebnis, inmitten einer grölenden, tanzenden, springenden und hysterischen Menge die echten Stars zu erleben – das ist einfach nicht zu toppen.

Im Grunde bräuchte es keine große Rolle zu spielen, was hier passiert: Ein Haufen Spielebegeisterte, die sich ansehen, was immer es gerade zu sehen gibt – fertig. Doch die Wahrheit ist viel komplexer: Wir wollen glauben, dass hier die Weichen für die Zukunft des Hobbys und der Branche gelegt werden – und genau darum kommt es auch genau so. Ist es wichtig, dass Nintendo auf seinem "Digital Event" ein vergleichsweise enttäuschendes Bild abgegeben hat? Neben einem neuen Star Fox nur wenig attraktiven Mehrspieler-Kram und den inzwischen altbekannten Woll-Yoshi gezeigt hat, während man uns Informationen über den "Status Zelda" oder das mysteriöse Projekt "NX" schuldig blieb? Im Grunde ist die E3-Performance des Herstellers ziemlich schnuppe, wenn er dafür am Ende trotzdem liefert. Und 2016 zum Beispiel mit einer neuen Hardware um die Ecke kommt, die für die karge Wii-U-Zeit entschädigt: Ein "NX", das mindestens mit PS4-Performance wohlig unter unserem HDTV schnurrt und uns gleich zum Start ein aufgebohrtes Open-World-Zelda, ein vollwertiges Metroid Prime sowie ein neues Mario Galaxy beschert. Dann wäre es vollkommen gleichgültig, dass man in diesem Jahr E3-seitig auf Sparflamme gekocht hat.

Aber Menschen sind leider begeisterte Kaffeesatzleser: Dass wir bereits in grauer Vorzeit versucht haben, aus Fischgedärm, Vogelschiss und Knochenmustern die Zukunft zu deuten, das liegt in unserer chronischen Zukunftsangst begründet. Dass uns das Ungewisse Angst macht – das ist ein schlichter Überlebensinstinkt. Abschätzen zu können, wann die nächste Dürre kommt, wohin die fetten Herden trampeln und ob ein verheerender Sturm aufzieht, das konnte in alten Zeiten den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.

Und heute geht es eben um Fragen wie "Bringt Nintendo 2016 eine Hit-Konsole?", die über Erfolg bzw. Misserfolg der angeschlossenen Geschäftsleute entscheiden. Und darüber, ob ihre Familien Fleisch im Topf haben oder nicht. Es geht darum, so viele Informationen wie möglich über ein Problem zu sammeln, sie clever auszuwerten und dann auf Basis von Erfahrungen eine Prognose zu erstellen: Nicht umsonst lassen sich branchen- und businesserfahrene Analysten wie ein Michael Pachter gut bezahlen, ihre "Kaffeesatzleserei" kann Hersteller und Investoren davor bewahren, Millionen in den Sand zu setzen. Oder umso mehr Geld versenken.

Auf Fanseite ist das Analysieren so was wie ein Kompetenzvergleich: Man diskutiert und zankt sich, weil jeder Recht haben will – denn wer die Zukunft am besten "auslesen" kann, der ist ein potenteres Kerlchen, kann seine Familie besser versorgen. Auch diese Sorte von "virtueller Rechthaberei" basiert letztlich auf einem Urinstinkt. So betrachtet sind eine E3 und eine gamescom also wenig mehr als die Zusammenkunft Testosteron verströmender Neandertaler, die sich als die größeren Jäger und Versorger beweisen möchten.

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Die Messe war gut besucht, auch wurde wieder viel Tamtam gemacht. Doch ist das alles überhaupt noch zeitgemäß?
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Wer am Ende wirklich recht hat, ist dabei weniger entscheidend als die Sorte Argumentation, die im Moment als die überzeugendste erscheint. Denn letztlich sind selbst die schönsten Prognosen nicht mehr als Momentaufnahmen, an die sich ein halbes Jahr später kein Steinzeit-Männlein mehr erinnert. Denn am Ende will es sowieso jeder richtig gewusst haben.

Und weil das lautstarke Fachgrunzen gar so viel Spaß macht, ziehe ich jetzt einfach mal mit: Ich schwinge mich unrasiert auf den Baum, trommle mir aufs Redakteurs-Hühnerbrüstchen, rolle furchterregend mit den noch von der letzten Nachtschicht rot unterlaufenen Augen… und lege los. Und der Einfachheit halber liefere ich jetzt direkt mal die Übersetzung aus dem Ugga-Bugga-Grunzgeheul:

Zunächst mal hatte dieser Neandertaler hier auf viele neue Marken gehofft. Die gab's dann auch – doch von vielversprechenden neuen Brands wie dem unter Regie von Keiji Inafune entstandenen Recore hat man uns nicht mehr gezeigt als schicke Render-Trailer. Das gefeierte Wiedersehen mit alten Bekannten wie dem in der Endlos-Entwicklungsschleife gefangenen The Last Guardian oder Suzukis Shenmue 3 sind für Liebhaber eine fantastische Nachricht – doch gleichzeitig sind sie die Wiederbelebung von Armutszeugnissen, die den Kunden als platten Stoffel und die Industrie als gesichtslose Stoffel-Bedienmaschine entlarvt.

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Es lebt noch! So richtig eingeschlagen hat die Wiederauferstehung des totgeblaubten The Last Guardian dann aber doch nicht.
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Shenmue 3 konnte bisher nicht entstehen, weil keine ausreichend große Zielgruppe und damit auch kein Publisher-seitiges Interesse an einer derart teuren Produktion bestand. The Last Guardian wiederum ist das traurige Zeugnis dafür, dass japanische Traditions-Teams aus der Ära PS2 den Sprung auf die letzte Konsolengeneration nicht oder zumindest nur bedingt geschafft haben. Die "Doch noch"-Präsentation des Abenteuers von "Shadow of the Colossus"-Macher Fumito Ueda  ist eine taktisch kluge Schadensbegrenzung, die jetzt als Prestige-Projekt verkauft wird. Genauso wie Shenmue 3, für das man erst den offiziellen Startschuss abfeuerte, nachdem man zuvor bei 40.000 Kickstarter-Backern über zwei Millionen Dollar erbettelte – und die müssen wohl bereits geahnt haben, dass zwei oder drei Millionen niemals reichen würden, um ein Projekt vom Kaliber eines Shenmue zu finanzieren.

Beide Titel – Shenmue 3 und The Last Guardian – erwecken den Eindruck potentieller Megaseller, weil ihre Unterstützer im Netz viel Furore machen. Tatsächlich handelt es sich hier um nicht mehr und nicht weniger als prestigeträchtige Experimental-Produktionen. Da Sony als Plattformhalter keine teuren Lizenzgebühren abführen muss, kann man die Verkaufszahlen hier etwas entspannter sehen als bei den Drittanbietern – aber dieser Faktor allein macht aus einem mäßig verkauften Titel noch immer keinen Superhit. Aber vielleicht schafft es ein solches Spiel, die Reputation der Plattform auf ein Level zu hieven, das sie für Drittanbieter attraktiver macht. Die Call of Duties, Battlefields und Fifas dieser Welt spielen das große Geld ein – aber die Vorzeigeprojekte ebnen ihnen den Weg und sorgen dafür, dass eine Plattform von einer Aura des Erfolgs und vielleicht auch Anspruchs umgeben ist.

Derart betrachtet hatte die E3 für jeden etwas zu bieten: neue Marken (auch wenn man noch nicht viel von ihnen gesehen hat), die übliche Fortsetzungs-Breitseite und zumindest die Andeutungen potentieller Innovationen aus dem Indie-Lager – eine Fraktion allerdings, die im Verhältnis zum Indie-Aufgebot der letzten Jahre vergleichsweise dürftig wirkte. Aber dass es um die jungen Wilden in den letzten beiden Jahren ähnlich ruhig geworden ist wie um die AAA-Lieferanten dieser Welt, ist ja nichts Neues mehr – die Kleinen müssen sich inzwischen ähnlich "rehabilitieren" wie die Großen.

ReCore - E3 2015 - Trailer von der Microsoft-Präsentation

Auf der E3 2015 stand man in der Pflicht, das angeschlagene Vertrauen der Kunden wieder aufzubauen – und das ist zumindest im Ansatz gelungen. Vor allem Sony hat gezeigt, dass man weiter auf Core-Gamer-Kurs setzt. Microsoft hingegen wirkte – trotz vielversprechender Neuerungen wie Recore – etwas verfahren, wie aufgerieben zwischen seiner PC-Tradition auf der einen und seiner Konsolenkundschaft auf der anderen Seite. Man verwandelt das altehrwürdige Fable in eine Free-to-play-Multiplayer-Maschine, macht aus der Halo-Kampagne ein Koop-Aufgebot, bewirbt die Kommunikationsfreudigkeit der Spiele-Hardware mit Windows-10-gesteuerten PCs bzw. Windows-Phones und präsentiert die Abwärtskompatibilität in Richtung Xbox 360 als erdrutschartige Neuerung.

Hätte sich der Konzern nicht vor wenigen Jahren durch eben diese Art von Politik mit Anlauf in die Nesseln gesetzt, wären derlei Ankündigungen eine schöne Idee, eine willkommene Ergänzung des Programms. Doch angesichts der heutigen Stimmung sollte man so etwas wie ein F2P-Fable oder ein ähnlich gepoltes Rare-Projekt lieber peinlich berührt unter den Teppich kehren. Doch den Fans zuerst die goldenen Titel der großen Rare-Ära unter die Nase zu reiben, um ihnen kurz darauf ein Multiplayer-Piraten-Spiel zu präsentieren – das war keine gute Idee. Dass sie nicht mit Fackel- und Heugabel-Schwenkerei quittiert wurde, war vermutlich allein der kurz zuvor erfolgten Ankündigung von Recore zu verdanken.

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War's das mit der Wii U? Nintendo war der große Verlierer dieser E3 und scheint sich bereits auf Project NX zu konzentrieren.
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Dass Nintendo wiederum gleich ganz auf eine Pressekonferenz verzichtete, war zwar ein kluger Schachzug, doch noch klüger wäre es wohl gewesen, das Aufmerksamkeitsfenster E3 gleich ganz und gar ungenutzt verstreichen zu lassen – denn die bereits eingangs kritisierte Präsentation war trotz liebevoller Aufbereitung ein Schuss in den Ofen. Zu diesem Zeitpunkt standen viele alte Nintendo-Fans angesichts der "Nintendo goes iOS und Android"-Meldungen noch so sehr unter Schock, dass die eigentlich gar nicht so üble Show von Anfang an unter einem schlechten Stern stand. Trotzdem ist sie in erster Linie ein gutes Zeichen: Sollte der Hersteller erkannt haben, dass seine Wii U nicht mehr zu retten ist, dann ist es die logische Konsequenz, alle Ressourcen in den Nachfolger zu stecken – denn hier darf man sich keinen Fehltritte mehr erlauben.

Endlich mal wieder eine muskulöse Core-Gamer-Hardware mit einem schlichten, guten Controller zu bringen – das wäre der mutmaßlich richtige Schritt. Sie dann direkt zum Start durch Iterationen der stärksten Zocker-Marken flankieren und überdeutlich den Schulterschluss mit den Drittanbietern suchen, käme Ende nächsten Jahres gerade recht und hätte das Zeug dazu, wieder etwas Würze in den inzwischen etwas langweiligen gewordenen Zweikampf zwischen Sony bzw. Microsoft zu bringen. Der stagniert auf hohem Niveau und wird seine Sitzverteilung zumindest verhältnismäßig kaum noch ändern. Andererseits werden die beiden Platzhirsche Ende 2016 ihre eigenen Großkaliber in Stellung bringen. Ergo: Der eigentliche Next-Gen-Krieg wird erst Ende 2016 eröffnet. Und bis dahin ist die Langeweile hoffentlich nicht so groß, dass am Ende keiner mehr mitkämpft.