Die beiden großen Player der E3 haben mittlerweile der Spielerschaft und der Fachpresse den Hof gemacht und zwischen viel gezeigtem Material und Hype steht wieder die Frage im Raum: Wer hat sein Gucci-Kleid besser getragen, Sony oder Microsoft, wer hat das schönere Gefühl hinterlassen? Ganz ehrlich – diese Grabenkämpfe sind ermüdend, und der direkte Vergleich, wer seinen Namen besser in den Schnee pinkeln kann, ist ziemlich unsexy.

Microsoft - Das Holodeck für zu Hause und für Minecraft (E3 Präsentation)Ein weiteres Video

Lasst uns also so offen und freundlich wie möglich an dieser Stelle einfach zusammenfassen, was bei beiden Pressekonferenzen passiert ist. Ein paar Vergleiche sind erlaubt, und natürlich könnt und solltet ihr selbst ein Urteil treffen, wer euch besser überzeugt hat. Aber behaltet im Hinterkopf: Wir sind alle Gamer und unser aller Ziel ist es, so viel Spaß wie möglich zu haben, egal, wo wir gerne zocken.

Microsofts Konferenz – eine neue Welt für Xbox-Spieler

Microsoft war zuerst dran mit seiner Konferenz und hatte so, ziemlich bald nach Debütant Bethesda, die Gelegenheit, vorzulegen. Im Vergleich zur späteren Sony-Konferenz wurde hier nicht allein das Line-Up an aktuellen Spielen, sowohl erwartet als auch unerwartet, gezeigt. Stattdessen gab es auch einige relevante Informationen zur Konsole selbst.

Tatsächlich wurde einer der größeren Jubelstürme von der Ankündigung ausgelöst, die Xbox One werde in Zukunft die lange ersehnte Abwärtskompatibilität erhalten, die es Spielern nun also erlaubt, Spiele für die Xbox 360 auf Microsofts aktueller Konsole zu spielen. Ein starkes Zeichen dafür, dass Microsoft auf die Bedürfnisse der Spielerschaft hört, allerdings natürlich auch eine sehr verspätete Maßnahme, bei der streitbar ist, ob sie jetzt noch sinnvoll ist – oder vielleicht doch nur Masche, um etwas Hype zu generieren.

E3 2015 Microsoft und Sony - Der Schwelbrand und das Feuerwerk. Die Konferenzen im Vergleich.

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Gute Stimmung und sinnvolle Ankündigungen prägten die Microsoft-Konferenz.
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Weniger in Frage steht da schon der ebenfalls angekündigte Elite-Controller, der mit erhöhter Präzision, einem erstaunlichen Maß an Customizing-Möglichkeiten und neuen Features wie zum Beispiel Trigger-Locking, um die Schultertasten besser kontrollieren zu können, vielen Spielern gefallen dürfte – insbesondere denjenigen, die kompetitive Spiele wie Shooter anpeilen.

Ebenfalls nicht selbstverständlich, aber höchst erfreulich und positiv aufgenommen: Im Zuge der (zu dem Zeitpunkt schon zweiten) Fallout-4-Präsentation wurde angekündigt, dass am Rechner erstellte Mods für das Endzeit-RPG auch auf der Xbox One spielbar sein werden. Ein für die Spielebranche quasi revolutionärer Schritt, der die qualitative Lücke zwischen PC und Konsolen ein deutliches Stück schrumpfen lassen dürfte.

Andere Spielereien, wie das VR-Gerät Microsoft HoloLens, ernteten eher verhaltenen Höflichkeitsapplaus – ein Phänomen, das Sony bei seiner späteren Konferenz würde nachvollziehen können. Im Grunde eine gute Idee: Mit Xbox Game Preview soll man künftig Early-Access-Versionen von Spielen über Xbox One erst kostenlos ausprobieren, dann gegebenenfalls kaufen können. Die Demos würden zudem vor allzu gravierenden Fehlkäufen schützen und kommerziell wäre es eine gute Methode für Microsoft. Das Problem ist nur, dass das angekündigte Test-LineUp von Microsoft für dieses Feature derartig schnarchnasig ist, dass sich außer ein paar Animateuren im Publikum keiner zu Beifall hinreissen ließ.

E3 2015 Microsoft und Sony - Der Schwelbrand und das Feuerwerk. Die Konferenzen im Vergleich.

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Das LineUp war gut, Microsoft zeigte neben wenigen Neuankündigungen vor allem Bekanntes, aber mit insgesamt guter Stimmung.
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Was das Lineup von Games anging, war Microsoft allerdings sehr stark dabei, und selbst, wer keine heißen Neuigkeiten erspähen konnte, wurde durch Trailer und neues Material gut unterhalten. Der vorherige Leak und die relative Berechenbarkeit von Dark Souls III nahm dem gezeigten Cinematic-Trailer zwar nichts von seinem Zauber, aber doch einiges an Wucht. So blieb als einziger kommerzieller Überraschungsknaller eigentlich nur Gears of War 4, dessen Vorschau-Gameplay aber auch die Frage erlauben wird, wann genau sich die Reihe derartig Elementen wie Duster-Horror und Uncharted-Einstürzen verschrieben hat, dass jetzt der erste Eindruck des Spiels wirkt wie "Nathan Drake erforscht Raccoon City". Kleinere Neuankündigungen, wie Keiji Inafunes ReCore, in dem ein Mädchen mit einem Roboterbegleiter, der in verschiedene Körper schlüpfen kann, durch eine Wüste zieht, oder Rares Sea of Thieves, das auf den ersten Blick ein knuffig-cartooniges Piraten-MMO zu sein scheint, ernteten zumindest neugierige Blicke, aber nicht viel mehr.

Doch der Umgang mit dem Bekannten war dafür sehr gelungen. Fallout 4 zeigte einige neue Spielszenen, Halo 5: Guardians sowohl stimmungsvolles Leveldesign als auch brachiale PvP-Action. Von Forza 6 hätte man schon allein deshalb gerne mehr gesehen, weil es so wahnsinnig schön ist, und der spektakuläre Anfang (wir nehmen an, dass es der Anfang ist) von Rise of the Tomb Raider ist eh über jeden Zweifel erhaben – ein Spiel, das beginnt, wie andere Games aufhören. Von The Division und Rainbow Six Siege hätte man sich vielleicht etwas mehr gewünscht. Werden Tom-Clancy-Titel abgestraft oder wollte man einfach der Ubisoft-Konferenz nicht zu viel vorwegnehmen?

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Insgesamt eine solide Konferenz, arm an echten Überraschungen, aber dafür gut bestückt mit sinnvollen Präsentationen. Kein Humbug und Bullshit, eine erfreulich niedrige Quote an Spielen, von denen man beim ersten Hinsehen schon merkt, dass sie Totgeburten sind, keine peinlichen Moderatoren oder Entertainment-Versuche. Die Spiele und vor allem die im Vergleich zu Sony zahlreichen neuen Features sprachen eine deutliche Sprache, die Sprache der Vernunft. Aber...

Sonys Konferenz – Diamanten in die Spieleraugen

Gamer wollen nicht immer Solidität. Sie sind oft gerne bereit, Augenwischerei, Peinlichkeit und sinnloses Gelumpe zu ertragen, wenn man sie dafür mit etwas Razzle-Dazzle verzaubert, ihr inneres Kind kitzelt, ihnen Magie ins Herz schießt.

Es war dieses Element, auf das Sony setzte. Überraschung. Verblüffung. Und ein immenses Potential zur Zufriedenstellung der Fans. An Konsole, Peripheriegeräten und derlei mehr hatte man gar nicht erst groß geschraubt. Die angekündigten Titel für das VR-Gerät Morpheus wurden unter "ferner liefen" verbucht, und der Playstation Vue Service, der nicht nur für uns hierzulande nicht relevant ist, sondern vor allem erstmal einen Preis für dümmste Schreibweise einheimsen sollte, erntete eher auffällige Räusperer als frenetischen Jubel.

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Große Überraschungen gab es bei Sony gleich im Dreierpack.
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Aber Sony wusste nunmal, was es in petto hatte, und während Microsofts Konferenz eine eher ruhige aber beständige Freude lieferte, zündete Sony eine Reihe von Feuerwerkskörpern – und nicht verwunderlich, dass da immer auch ein paar Blindgänger dabei sind. Es ging eigentlich. Niemand der Anwesenden interessierte sich so recht für Disney Infinity 3.0 und seine zwei deformierten Star Wars Updates, aber sie waren eh nur sowas wie ein Appetitanreger für Star Wars Battlefront, das mit seiner exobitanten Grafik und dem stimmigen Lasergewitter die Erwartungen erfüllte und übertraf.

Über die Ankündigung eines neuen Hitman freute man sich natürlich, und dass Media Molecule gar nicht anders können, als Zuaber zu wirken und Tränen in die Augen zu treiben, ist eh hinlänglich bekannt. Ob ihr neuer Titel Dreams breitflächig genug Anklang finden wird, um sich kommerziell zu behaupten, wird sich noch zeigen müssen, aber spontan war der Editor / das Puppentheater / das Filmstudio schon wieder so herzig, dass man keine Kritik äußern möchte.

Dann gab es natürlich eine Reihe von Titeln, die erartungsgemäß anwesend und ebenso erwartungsgemäß geil waren. Natürlich sieht Assassin's Creed Syndicate toll aus, AC sieht immer toll aus, das gleiche gilt für ein Call of Duty oder ein Uncharted. Diese Spiele sind das Gegenteil von "schlecht", aber der Neuheitswert und Überraschungsfaktor halten sich eben doch so ein bisschen in Grenzen. Zwar verblüfften die Killzone-Macher Guerilla mit einer neuen IP, in der nach dem Zusammenbruch der Zivilisation Jäger und Sammler mit Speeren und Bögen gegen Robotertiere kämpfen, doch was aus Horizon: Zero Dawn wird, muss sich nach initialer Coolness erst noch zeigen.

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Auch mit Bekanntem konnte man bei Sony punkten.
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Was hermusste, waren ein paar Bomben, und boy howdy, haben die Sony-Fans welche bekommen. Im Vorfeld schon bemunkelt und dann als wieder einmal leere Hoffnung abgetan war The Last Guardian, das nicht nur lebendig ist, sondern offenbar auch vor Kraft strotzt. Gut, das Alter und den Plattformwechsel sieht man dem Spiel mittlerweile rein technisch an, aber dass da überhaupt etwas ist, was man sehen kann, grenzt an ein Wunder.

Und da wir gerade bei extrem späten Wundern sind, mit denen niemand mehr gerechnet hatte: Auf dieser Welle schwammen noch zwei weitere Titel mit. Während in den vergangenen Jahren immer geunkt worden war, dass ein Final Fantasy VII Remake 40 Jahre und unzählige japanische Leben kosten würde, scheint das Unmögliche jetzt doch Realität zu werden: Cloud und Konsorten werden uns einmal mehr heimsuchen, und mehr als ein Spieler sieht schon wieder dreistellige Stundenzahlen seiner Freizeit in den Orkus purzeln.

Zuletzt auf dieser Welle, allerdings auch etwas eigenartig, war die "Ankündigung" von Shenmue III. Anstatt Serienvater Yu Suzuki die Fortsetzung seines legendären Titels zu finanzieren, gab man ihm zumindest die Plattform, zum Crowdfunding aufzurufen, und die Zusicherung, auf der PS4 erscheinen zu können. Shenmue III wurde in Rekordzeit finanziert und wird hoffentlich reich gefüttert die Konsolen der Welt erreichen.

Man sieht, dass Sonys Konferenz die tendenziell explosivere war, während Microsofts Präsentation eher einem Schwelbrand glich. In gewisser Weise hat das etwas versöhnliches: Anstatt sich gegenseitig zu übertrumpfen, punkteten beide großen Konsolenanbieter in verschiedenen Kategorien und befriedigten die Spieler auf unterschiedliche Weise. Unbeabsichtigt, sicher. Aber sehr viel entspannter als das übliche Gefletsche.