Es gab Ermüdungserscheinungen und nicht zu wenig. Auch zum 20. Geburtstag ist die E3 nach wie vor die wichtigste Spielemesse, obschon ihr die gamescom und andere Veranstaltungen etwas vom einstigen Glanz nehmen. Der Messekoloss ist gerade in den vergangenen Jahren aber auch träge, fast schon selbstgefällig geworden. Große Überraschungen oder Unerwartetes gab es kaum, nur alten Wein aus neuen Schläuchen. Nun, in dieser Hinsicht haben wir gute Nachrichten.

Wir alle haben im Vorfeld der E3 unsere Wettscheine ausgefüllt, doch 2015 ist gleich in mehrerlei Hinsicht ein überraschender Jahrgang gewesen. Fünf Dinge, die wir so nicht von der E3 erwartet haben:

1. Das vermeintlich schwache Geschlecht ist auf dem Vormarsch

Endlich hat der 08/15-Hauptcharakter seinen Zenit überschritten. Während noch vor wenigen Jahren gefühlt jeder dritte Protagonist ein abgewichster Mittzwanziger mit Dreitagebart und One-Liner-Stakkato war, entdecken Entwickler gerade, dass auch etwas ausgefallenere Charaktere das Interesse der breiten Masse wecken können. Dieses Jahr fällt besonders die hohe Anzahl weiblicher Helden auf: Horizon Zero Dawn, Mirror’s Edge Catalyst, ReCore, Rise of the Tomb Raider, Dishonored 2 — in jedem dieser Spiele geht es als Frau zur Sache. Ein Trend, den im Grunde bereits FIFA 16 vor wenigen Wochen mit der Ankündigung, Frauen-Mannschaften zu implementieren, startete. So kann es gern weitergehen.

2. Fleischbeschauung ade: Messe-Babes haben sich rar gemacht

Sex sells, in der oft etwas infantilen Videospielbranche sowieso. Seit Jahren gehören leicht bekleidete Mädels deshalb zum „guten Ton“ der Messewelt; an jeder zweiten Ecke stehen aufgetakelte Fotomotive, die in dutzenden Fotogalerien hochgeladen werden. Der peinliche Softporno des kleinen Mannes Gamers, einfach zu produzierender Klickzahlgarant für Internetseiten. Auch wir bei gamona nehmen uns davon nicht aus, auch wenn wir in den letzten Monaten und Jahren versucht haben, zusehends von neuen Inhalten dieser billigen Qualität Abstand zu nehmen.

Doch dieses Jahr war das Bild auf den Messefluren ein anderes: Zwar setzen einige Aussteller nach wie vor auf die niederen Instinkte des männlichen Geschlechts, doch ist die Anzahl der Messe-Babes stark zurückgegangen, was in jeder Hinsicht erfreulich ist. Bleibt zu hoffen, dass sich dieser Trend auch auf andere Messen (ich gucke besonders in deine Richtung, gamescom) überträgt. Spiele sollen durch ihre Inhalte überzeugen, nicht durch die Bikini-Mädels an den Ständen.

3. Frischer Wind bei den Pressekonferenzen

Festgefahren und altbacken, vor allem das waren viele der Pressekonferenzen in den letzten Jahren — Nintendos Entschluss, mehrere Jahre hintereinander auf große Shows zu verzichten und stattdessen eine im Vorfeld produzierte Sendung auszustrahlen, half da nicht unbedingt (auch wenn die Japaner dieses Jahr ohnehin nicht viel zu melden hatten). Dieses Jahr betrat mit Bethesda allerdings endlich wieder ein neues Schwergewicht den Ring und hatte zugleich die schwere Bürde, den diesjährigen Reigen der Pressekonferenzen zu eröffnen. Eine Aufgabe, die sie mit Bravour gemeistert haben.

E3 2015

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4. Eine Messe für Fans und Spieler

Es war keine Wende um 180 Grad, die wir dieses Jahr bei den Publishern beobachten durften. Noch immer dominieren Fortsetzungen und eher konservative Spielkonzepte die Messe, doch mehr als je zuvor gab es auch frische Impulse sowie mutige Experimente, die neben den Investoren vor allem den Spielern zusagen sollten. Sony hat hier mit Shenmue 3, The Last Guardian und dem Remake von Fina Fantasy VII eindeutig alles weggerockt, aber auch Bethesda zeigte etwa während der Pressekonferenz vor allem Material der Spiele, die die Leute sehen wollten — mit vergleichsweise wenig hohlen Phrasen und vielen netten Insider-Gags. Die E3 richtet sich endlich wieder an Spieler.

5. Ein etwas anderes Spiel der Messe

Sehr wahrscheinlich habt ihr schon in etlichen Listen für euer Spiel der Messe abgestimmt, doch den heimlichen Star der E3 haben vermutlich eher wenige auf der Liste, wenn die Frage nach dem Highlight der Show aufkommt: Fallout Shelter. Nicht nur war Bethesdas Ankündigung und zeitgleiche Veröffentlichung ein kleiner Geniestreich, auch das Spiel selbst ist ein verdammt gelungener Zeitvertreib — und mit riesigem Abstand der meistgespielte Titel der Messe. Überall, wo Besucher gerade ein paar Minuten Zeit haben — sei es in Warteschlangen, beim Essen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln — starren etliche Zocker auf ihre Smartphones und versenken Stunde um Stunde in Fallout Shelter. Viel besser kann man es nicht machen, Bethesda.