Was wäre der Mai ohne E3... äh, der Juni. Reimt sich nicht so schön, aber ihr wisst, was ich meine. Die Electronic Entertainment Expo ist buchstäblich ein vorgezogenes Weihnachten, weil wir auf dieser sommerlichen Messe erfahren, was wir am kalten Ende des Jahres spielen werden. Aber wie war es denn damals vor der ersten E3, und wie hat sie sich entwickelt?

Wächst man mit Videospielen auf, so ist die Gefahr allgegenwärtig, das Alter dieser Branche zu vergessen. Es ist noch gar nicht so lange her, da herrschte viel Unordnung bei den Konsolen und spieletauglichen Homecomputern. Noch in der Mitte der Achtziger, nach dem ominösen Videospiele-Crash, gehörten digitale Zeitvernichter in die Schmuddelecken der Spielzeughändler. Erste Videospiel-Journalisten kämpften sich an Puppen-Ständen und Fisher-Price-Baukästen vorbei, um im besten Fall den Prototypen einer neuen Spielekiste im Glaskasten fotografieren zu können.

Weil Videospiele oft einen gewissen Grad an Gewalt vermitteln, war ihre Zeit bei Puppen und Baukästen begrenzt. Obendrein ging die Kommunikation zwischen Handel, Presse und zu erschließender Kundschaft viel zu einseitig vonstatten, was weniger am Willen aller Beteiligten lag, sondern am Umstand, dass ausgerechnet das ferne Japan Dreh und-Angelpunkt einer Szene war, die in den USA und in Europa das größte Publikum zu erreichen hatte – oder genauer gesagt: westliche Händler überzeugen musste. Den gewünschten Anforderungen wurden nur zwei Messen halbwegs gerecht, nämlich die Consumer Electronics Show (CES), die zwei Mal im Jahr in Las Vegas und Chicago stattfand, sowie ab dem Ende der Achtziger die European Computer Trade Show (ECTS) in London.

Auf beiden Messen waren Videospiele als neue Unterhaltungsform noch immer schlecht zu platzieren. Die CES galt als ein kleines Wunderland für Technik-Freaks. Hier rang die neueste bahnbrechende Technik auf dem Feld der Mikrowellenherde mit der jüngsten Innovation auf dem Feld der Satelliten-Receiver um Aufmerksamkeit, während sich im untersten Stockwerk Starensembles der Porno-Industrie die Klinke reichten. Nicht gerade eine Idealumgebung für Mario und Sonic Die ECTS nahm sich dagegen ein wenig zu ernst, um Videospielen eine größere Plattform einzuräumen. Von der deutschen IFA und deren stiefmütterlicher Behandlung ganz zu Schweigen.

Um zu überleben, musste sich die Videospiel-Branche ein eigenes Handels- Umfeld erarbeiten; sich emanzipieren. Diese Erkenntnis drang spätestens 1993 zu allen Beteiligten durch, als plötzlich Unmengen neue Anwärter den Sektor betraten oder verteidigten. Philips, die 3DO-Company, Sony, Sega, ja selbst die Computer Spezialisten Commodore und Atari präsentierten plötzlich ihre Vorstellung einer 32-Bit-Unterhaltungsplattform, während der angeschlagene Marktführer Nintendo nicht einmal einen Prototypen vom N64 in den Schubladen hatte. Aber Big N schaffte es trotzdem, Massenansammlungen zu verursachen, die alle Wege verstopften, denn bei den ersten Bildern von Donkey Kong Country hielten selbst Branchenfremde den Atem an. Der plötzliche Wachstum der Branche zwang die Betreiber der CES, das Feld auszulagern, was im Januar 1995 nicht gerade glücklich gelöst wurde. Alle Videospiel-Hersteller verfrachtete man in ein Zelt nach draußen.

E3 2015 - Die Geschichte der E3 - damals und heute

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Die CES war thematisch weiter gestreut und nicht direkt auf Spiele ausgerichtet.
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Im gleichen Zeitraum gehörte das Thema Videospiel-Gewalt zu den Aufregern der US- amerikanischen Politik. Ein Verband wurde gegründet, um eigene Interessen vertreten zu können - die Interactive Digital Software Association, kurz IDSA. Schon kurz nach der unglücklich organisierten CES 1995 kündigte die ISDA ihre eigene Messe an, die Electronic Entertainment Expo heißen sollte. Wobei Nintendo zu den letzten Unterstützern gehörte. Die Japaner wollten ursprünglich der CES die Treue halten und gaben erst in letzter Minute ihre Teilnahme bekannt.

Blitzstart zum Generationswechsel

Geschadet hat es Nintendo mit Sicherheit nicht, gelang es doch gleich bei der ersten Ausstellung, den Renderwahnsinn mit Donkey Kong Country 2 auf dem Super Nintendo zu verlängern - und damit selbst das Startaufgebot der technisch überlegenen Konsolen PlayStation und Sega Saturn zu entzaubern. Wirklich glücklich machte Nintendo diese Entwicklung trotzdem nicht, weil ein derart zentrales Ausstellungs-Medium der hauseigenen Messe in Japan, genannt Nintendo World, das Wasser abgraben würde. Man mag sich ausmalen, wie wenig das alle anderen – vornehmlich Sony und Sega, juckte.

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Beachtlicherweise startet die E3 nie auf kleinem Fuß. Schon 1995, im ersten Jahr der Messe, fuhren 50000 Fachbesucher nach Los Angeles. Nintendo ließ auf der hauseigenen Party den damals noch angesagten Sänger Seal auftreten und startete damit für die folgenden Jahre eine Tradition der Bombast-Shows. Action-Spezialist Acclaim flog dagegen das Original-Batmobil aus den Tim Burton-Filmen ein - Ausstellungsfläche gab es ja nun genug. Sony stach Sega mit einem Preisunterschied von 100 Dollar für Next-Gen Hardware aus und Atari hechelte mit dem Jaguar hinterher. Schlagzeilen über Schlagzeilen.

Die folgenden Jahre waren sehr turbulent. Jedes Jahr im Mai (ja, damals war es noch so), versammelte sich die Branche erneut, bereits 1997 mit 500 Ausstellern im Angebot. Beinahe jedes Jahr kam eine andere Überraschung zutage, sofern sie nicht von dubiosen Quellen vorab verraten wurde. Nintendos damalige Überheblichkeit, das Profi-Marketing von Sony, der Untergang Segas. Nirgends waren die Zeichen deutlicher vorab zu erkennen als auf dem jährlichen Stelldichein in Kalifornien, wie allein das desaströse Abschneiden bei der der Xbox One beweist. Mehr über die jährlichen Highlights der Messe erfahrt ihr in der zugehörigen Bilderstrecke.

Obwohl stets eine unterhaltsame Angelegenheit, muss sich die E3 allerdings auch den Vorwurf einer gewollten Überzeichnung gefallen lassen. Schon zur Jahrtausendwende war die Veranstaltung mehr Show als ernstzunehmende Fachmesse. Der Anspruch schwankte jederzeit.

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Bescheidene Anfänge, auch bei der E3.
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Das sah und sieht man schon am Verhalten der Fachpresse. Für eine gelungene Vorstellung ein wenig Applaus zu geben, kann höflich und wohlwollend sein. Auch Beteiligung an der Show – ja wenn's denn passt und zur Stimmung beiträgt, warum nicht? Begeisterung für das Themenfeld schadet ganz gewiss nicht. Leider verhält es sich gegenteilig. Unserer Zunft fehlt es oft an Abstand. Man hat das Gefühl, anstelle von Berichterstattern einen Haufen Videospiel-Fans in den Reihen zu erspähen. Das nimmt der ganzen Messe leider ein wenig von ihrem Gesamtwert, und ist mitunter der Grund, warum Tageszeitungen und Technik-Blätter die Veranstaltung nicht ganz ernst nehmen.

Mehr Show als Messe

Warum? Nun, schon die einleitenden Giganto-Veranstaltungen der E3 als Pressekonferenzen zu bezeichnen, ist nicht gerade treffend. PKs in beinahe jeder anderen Branche laufen völlig anders ab. Erheblich ernster, faktenorientierter und vor allem viel differenzierter vorgetragen. Auf Ankündigungen und Statements folgen Fragen der Presse. Dagegen wirkt die E3 wie eine Aufforderung zu einem Trinkspiel. Jedes Mal, wenn ein Präsentator oder Entwickler so etwas sagt wie „never seen before“, „amazing“, „revolutionary“ (oder andere völlig überzogene Superlative), dann müsst ihr einen Kurzen trinken. Natürlich nicht im Ernst, sonst winkt schon nach der ersten PK das Krankenhausbett. Anschließende Fragen? Nur bei Booth-Terminen möglich, und selbst dann sind kritische Fragen abseits des einstudierten Vortrags höchst unbeliebt. Manchmal liegt das einfach nur am Stop-and-Go, denn man winkt Pressevertreter im Halbstundentakt durch.

Der Kritikpunkt der fehlenden Ernsthaftigkeit ist keineswegs neu. Er kam schon früh auf und führte zeitweise zu einer freiwilligen Reduzierung der Besucher-Anzahl und zu einem Verbot von Booth Babes, das aber nie mit vollem Ernst durchgezogen wurde. 2009 waren nur wenige zu erspähen, diese wenigen sorgten aber für umso mehr Wirbel. Ebenfalls früh in der Kritik: exorbitante Kosten für Aussteller, die jährlich stiegen. Darum fand die E3 im Jahr 2007 gar nicht erst statt. Viele Aussteller mieteten stattdessen Business-Lounges und Hallen rund um Santa Monica, einem Ort nahe bei Los Angeles.

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Als die E3 2008 zurückkehrte, hatten sich einige Dinge wesentlich verändert.
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Ein Schnitt mit Wirkung. Die Messe im darauffolgenden Jahr war erheblich ruhiger und übersichtlicher, weil trotz erster großspuriger Ankündigungen viel weniger Aussteller anreisten als gedacht. Ein Wandel im Konzept folgte, der neben einer Öffnung zum allgemeinen Publikum auch eine verstärkte Einbindung des Internets als Trägermedium vorsah. Dass dieses Vorhaben glückte, ist nicht zu leugnen. Auch dieses Jahr werden wieder Leitungen glühen, wenn Webstreams von LA aus rund um die Welt wandern. Was den Prunk angeht, so scheinen einige Traditionen wohl nie auszusterben.

Aber auf eine gewisse Weise lieben wir diese Messe dafür. Es ist eben wie Weihnachten. Alles blinkt, alles leuchtet, und obwohl wir wissen, dass das Meiste davon nur aufgesetzte Show ist, lassen wir uns gerne vom Trubel, ja vom eigens geschaffenen Hype mitreißen, den es offensichtlich nur in unserem kleinen Flaschenschiff gibt. Das wichtigste Gaming-Event der Welt ist keiner ernsthaften Zeitung ein Vorrücken auf den Top-News-Platzhalter wert – ganz im Gegensatz zu Veranstaltungen wie dem Academy Award beim Film. Wer weiß, vielleicht dauert es noch einmal zwanzig Jahre, bis es so weit kommt.