Auch Tage nach dem Ende der E3 hinterlässt das Branchenspektakel ihre Spuren überall im Netz. Nicht nur auf Gamona sieht man das Logo auf unzähligen Artikeln prangen. Konkretes Futter wird den Gaming-Fans zwar nicht serviert, doch versteht es die Branche mittlerweile sehr gut, Appetit auf all die neuen Leckereien zu wecken - sofern es sich nicht um MMOGs handelt, denn da herrscht mittlerweile Flaute.

Was haben sie allesamt geträumt, die Großen der Branche. Einfach mal ein MMOG machen und Monat für Monat gemütlich fette Umsätze scheffeln - so wie Blizzard mit World of Warcraft oder NCSoft Südkorea mit Lineage. Doch die Unterhaltungsbranche ist anderen Regeln unterworfen als herkömmliche Industrien und mit den Blaupausen der großen Titel, mit denen viele Entwickler operieren, lässt sich in der Praxis weniger anfangen, als den Damen und Herren lieb ist.

Eine Dekade, viele Milliarden

Zehn Jahre hat es gedauert, bis das zum Management vorgedrungen ist. Zehn Jahre, in denen Milliarden in mittelklassigen Kopien des immer gleichen Themepark-Konzepts versenkt wurden, ohne den Spielern dafür einen spaßigen Gegenwert zu liefern. Doch in diesem Jahr offenbart ein Gang über die E3 ganz klar: Diese Zeiten sind vorbei.

Die Branche ist offensichtlich ernüchtert. Die großen Publisher sind nicht länger bereit, Geld in MMOGs zu stecken, wenn deren Erfolg nicht berechenbar ist und die Mehrheit der Spieler hat keine Lust darauf, immer wieder die gleichen Mechaniken mit neuen Texturen und 08/15-Aufgaben durchzunudeln. Ob man nun all den ruhelosen Seelen in ESO hilft, die letzte Ruhe zu finden oder den Lopp von WildStar ihre “glitzigen Glitzies” - es nervt nur noch.

Entsprechend übersichtlich ist das Programm auf der E3 für unsereins. Klassische MMOGs findet man kaum noch. Stattdessen versuchen die Publisher in verwandten Genres ihr Glück, stellen unzählige Arena-Games vor, Online-Shooter und MOBAs. Mancher namhafte MMO-Publisher bleibt der Veranstaltung gleich komplett fern oder zeigt allenfalls ein spartanisches MMO-Pflichtprogramm.

ZeniMax - 300

So auch die ZeniMax Online Studios, wo man im Vergleich zur Schwesterfirma Bethesda einen eher kümmerlichen Auftritt hingelegt hat. Einen neuer Trailer zu The Elder Scrolls Online hatte man zwar im Gepäck, doch wirkt dieser dermaßen dahingeschusselt, dass man sich fragen muss, wie viel Mühe Matt Firor sein großer Titel überhaupt noch wert ist.

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Ein paar bekannte Szenen aus dem Spiel - dazu der Titel “Live another Life”. Ein anderes Leben soll ich also leben - ausgerechnet in ESO, das weitgehend für Solisten konzeptioniert ist, in dem Team-Inhalte, vor allem das PvP, ebenso fehlerhaft wie unausgewogen sind, das nicht mal im Ansatz eine persistente Welt bietet, wie man sie von einem echten MMORPG erwartet und das in Sachen Immersion und Bezahlmodell gleichermaßen hinter den Titeln der Schwesterfirma herhinkt? Ein nicht sonderlich klug gewählter Slogan.

Ebenfalls unklug gewählt ist der Zeitpunkt, zu dem die Öffentlichkeit erfahren musste, dass ZeniMax gerade ihre Support-Abteilung ausmistet. Bis zu 300 ESO-Mitarbeiter mussten laut Connacht Tribune schon ihre Arbeitsplätze im beschaulichen Galway räumen, die man vor nicht allzu langer Zeit natürlich aus Liebe zur Landluft dort errichtet hatte und nicht etwa, um den Fiskalbehörden des europäischen Festlandes auszuweichen, wie so viele andere Konzerne.

Destiny - drei Monate Irland gefällig?

Auch Activision Blizzard unterhält solch eine steuerlich günstige Vertretung in Irland, in der, wie es der Zufall will, gerade die Position eines QA-Lead zu vergeben ist - mit einem irrsinnig attraktiven Dreimonatsvertrag. Der allerdings könnte sich verlängern, wenn denn nur Destiny so am Markt einschlägt, wie sich das Bobby Kotick erhofft. Immerhin hat der gute Mann über eine halbe Milliarde Dollar in den Titel gesteckt, mit dem er eine der erfolgreichsten Marken der Branche erschaffen will.

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In der weltweiten Spielergemeinde allerdings hält sich die Begeisterung für Destiny insgesamt bislang in Grenzen. Insbesondere nach der Veröffentlichung eines siebenminütigen Gameplay-Trailers macht sich Ernüchterung breit. Das Spiel, so die Ansicht einiger Kritiker, sieht zwar prima aus, bietet vom Gameplay her, zumindest auf den ersten Blick, auch nicht viel mehr als Titel wie Warframe, Borderlands 2 und Defiance - garniert mit einer Geschichte, die an Halo und Mass Effect erinnert. Wobei das wahrscheinlich weit besser ist als das nächste MMO aus der Retorte.

Final Fantasy XIV - der Schurke, der ein Ninja wird

Ein solches war für mich auch Final Fantasy XIV. Wenngleich eine gewisse Gruppe von Fans darin die virtuelle Erfüllung gefunden zu haben scheint, kämpfte ich angesichts der eigenwilligen Story sowie der ewig langen Laufwege beim Spielen erbittert gegen den Sekundenschlaf. Entsprechend gering ist auch mein Wunsch, noch einmal nach Eorzea zurückzukehren.

Da helfen auch Squares Bemühungen nichts, mit einer neuen Klasse für frischen Wind zu sorgen. Ein Schurke, aus dem ein Ninja wird - so etwas hätte sich so mancher Spieler wohl von Anfang an gewünscht und nicht erst ein Jahr nach dem zweiten Release. Löblich ist aktuell jedoch, dass sich Produzent Naoki Yoshida gerade dafür stark macht, dass Microsoft seine Firmenpolitk aufweicht und das plattformübergreifende Spielen ermöglicht. Möge den Japanern gelingen, woran bislang jede andere Firma gescheitert ist. Der Xbox One täte derzeit wohl sogar ein Spiel wie Final Fantasy XIV noch ungemein gut.

Sony Online Entertainment - EverQuest findet Trost

Doch nicht immer ist es die restriktive Firmenpolitik, die ein serverübergreifendes Zocken verhindert. Wie man bei Sony Online Entertainment mit PlanetSide 2 erkennen muss, ist es auch das notwendigerweise synchronisierte Aufspielen von Updates sowie das veränderte Interface, die den um Vereinigung bemühten Entwicklern das Leben schwer machen. Doch vielleicht bekommt man das ja bei künftigen Titeln besser hin - immerhin dürfte Töchterchen SOE einen guten Draht zu den Sony-Technikern haben.

Künftige Titel, das sind beispielsweise EverQuest Next und dessen Baukastensystem Landmark. Mit EverQuest Next will Firmenchef John Smedley beweisen, dass er die Zeichen der Zeit erkannt hat und den aktuellen Wunsch nach Veränderung in mehrfacher Hinsicht erfüllen wird. Immerhin hat sich das Studio im Vergleich zu früher geöffnet und bezieht die Spielerschaft jetzt äußerst aktiv in die Entwicklungen mit ein.

Wiped! - Die MMO-Woche - Wo gehts hier zu den MMOs?

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Ist SOE eigentlich noch ganz bei Trost? Wahrscheinlich, denn bei Trion ist Trost nicht mehr.
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Das erscheint mir verdammt wichtig, wenn ich auf die aktuelle Zusammensetzung des SOE-Teams schaue. Da taucht doch tatsächlich urplötzlich Bill Trost auf der E3 als Senior Game Designer von EverQuest Next auf. Jener Bill Trost, der vor einem Jahr noch bei Trion für Defiance verantwortlich zeichnete und mir damals erzählen wollte, wie grandios und sandboxig der Online-Shooter doch sei.

H1Z1 - lieber krank und glücklich als gesund und gelangweilt

Wobei mein Favorit im Portfolio von SOE auch gar nicht EverQuest Next ist, denn als altem UO-PvPer war mir EverQuest in beiden Ausführungen seit jeher zu fad. Umso eher genießt die Entwicklung von H1Z1 derzeit meine Aufmerksamkeit. Denn kaum ein Szenario bietet mehr Möglichkeiten, eine spannende und glaubwürdige virtuelle Welt aufzubauen, als das der Zombie-Apokalypse.

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Und spätestens seit ich den E3-Trailer zu H1Z1 gesehen habe, weiß ich auch, dass bei SOE offensichtlich Leute sitzen, die in dieser Hinsicht die gleichen kranken Fantasien haben wie ich, die The Walking Dead geschaut und State of Decay gespielt haben. Entwickler, die tatsächlich erkannt zu haben scheinen, dass Zwischenmenschliches in die Spielmechaniken eingewoben gehört, dass Aufbau und Erwerb ohne Zerstörung und Verlust nichts wert sind.

Ubisoft - The Crew kommt am 11.11. - wenn es der Verkehr zulässt

Ähnlich weit von klassischen Themepark-MMOGs entfernt scheinen auch Ubisofts Beiträge zum Online-Genre zu sein, wenngleich der Publisher zumindest in Bezug auf The Crew auf der E3 zu jeder Gelegenheit betont hat, dass das Racing-Game ganz sicher ein MMO werden wird. Immerhin müssen die Wagenlenker auf ihrem Weg durch die virtuellen USA auch Boss-Kämpfe bestehen, indem sie die Fahrphysik zu ihren Gunsten einsetzen, um gegnerische Boliden auch in Gruppen schrottreif zu fahren.

The Crew - Coast to Coast TrailerEin weiteres Video

Die Präsentation auf der E3 kam insgesamt relativ gut an, wenngleich das Spiel in Sachen MMO-Mechaniken noch nicht wirklich viel zeigt. Entsprechend vorsichtig bin ich auch damit, Ubisoft den 11.11.2014 wirklich als verbindliche Release-Datum abzukaufen, denn wie planlos man in dieser Hinsicht oft selber ist, haben die Enthüllungen rund um The Division gezeigt.

The Division - jede Menge Selbstbeherrschung nötig

Das wurde auch zuerst für 2014 angekündigt, zuletzt dann aber doch auf 2015 verschoben - falls man nicht sogar noch länger braucht. Derlei terminliche Nebensächlichkeiten halten Ubisoft jedoch ganz offensichtlich nicht davon ab, pünktlich zur E3 einen neuen Trailer aus dem Hut zu zaubern, von dem wir bereits in der letzten Woche einen kurzen Teaser zu sehen bekommen haben.

Tom Clancy's The Division - E3 2014 Cinematic TrailerEin weiteres Video

Und bei aller gebotenen Vorsicht fällt es mir doch verdammt schwer, meine Fanboy-Erwartungen, was The Division betrifft, im Vorfeld zu zügeln. Wenn Ubisoft auch nur ansatzweise umsetzt, was da im Trailer angedeutet wird - das Spiel könnte genial werden. Und müsste ich eine 500-Millionen-Dollar-Wette abschließen, wie es Bobby Kotick es jüngst genannt hat, ich setzte das Geld kaum auf sein Destiny - obwohl ich hoffnungsloser Sci-Fi-Fan bin.

My.com - der Herausforderer mit Skyforge, Armored War und World of Speed

Nicht zuletzt deswegen kann ich bis jetzt auch mit der auf den ersten Blick seltsamen Story-Mischung aus Sci-Fi und Fantasy leben, mit der Allods Team und Obsidian in Skyforge punkten wollen. Zudem sieht das letzte seiner Art verflixt gut aus und man sieht, welchen Fortschritt das Studio in technischer Hinsicht seit Allods Online gemacht hat, das spielerisch gar nicht so schlecht gewesen wäre, hätte gPotato in Europa nicht das Geschäftsmodell komplett versemmelt.

Skyforge - The Ascension Atlas - TrailerEin weiteres Video

Skyforge ist eines der wenigen klassischen MMOGs, die überhaupt noch auf der mehr oder weniger westlichen Warteliste stehen. Es setzt auf Action-Gameplay im Stil von TERA - in Kombination mit der absoluten Freiheit, mit einem Charakter zwischen all den freigespielten Klassen zu wechseln - wenn es sein muss auch mittendrin im Dungeon. Dazu kommt eine Charakterentwicklung, wie man sie in dieser anschaulichen Form bislang nur aus Path of Exile kennt.

Armored Warfare - der Dritte im Bunde

Im Gegensatz zur bunten Sci-Fi-Fantasy von Skyforge kommt Armored Warfare eher realistisch daher. Das Spiel, das ebenfalls bei Obsidian geschmiedet und vom neuen Megapublisher My.com veröffentlicht wird, setzt da an, wo World of Tanks und War Thunder aufhören - und das ist nicht nur in Bezug auf den historischen Kontext zu verstehen.

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Im Gegensatz zu den beiden etablierten und unbestritten hochwertigen Spielen soll Armored Warfare einen Schritt weiter in Richtung ‘Massively Multiplayer’ gehen. Die Entwickler setzten auf tiefgreifende Anpassungsmöglichkeiten und auf echte PvE-Inhalte. Worauf sie finanziell setzen, konnte ihnen auf der E3 allerdings bislang kein Kollege entlocken. In dieser Hinsicht könne man noch keine verbindlichen Aussagen treffen, so die einheitliche Antwort der Entwickler.

World of Speed - Kopf an Kopf mit The Crew?

Und noch einen Titel hat My.com in der Pipeline: World of Speed. Das scheint nur auf den ersten Blick in direkte Konkurrenz zu The Crew zu treten. Im Gegensatz zu Ubisofts Beitrag, will man mit World of Speed, da ist der Name etwas irreführend, jedoch keine persistente Welt bieten. Vielmehr haben die Entwickler eher einen leichten Einstieg, kurzweilige Action und eine blitzblanke Optik im Fokus.

World of Speed - So mächtig ist das TuningEin weiteres Video

Ersten Berichten zufolge soll sich World of Speed weit einfacher spielen als The Crew, das auf mehr Realismus und eine detailliertere Fahrphysik setzt. Dafür bietet World of Speed die Möglichkeit, Territorien zu erobern, indem man Rennen bestreitet. World of Speed wird von den Slightly Mad Studios entwickelt, die mit Need for Speed: Shift und Shift 2: Unleashed zwei durchaus solide und mit Test Drive: Ferrari Racing Legends einen durchwachsenen Titel zu verantworten haben.

No Man’s Sky - der geheime Favorit?

Und dann wäre da noch mein kleiner Geheimfavorit, den aktuell offenbar Sony ein wenig unter seine Fittiche genommen hat. Schenkt man allen erdenklichen Umfragen und Statistiken Glauben, erfüllt No Man’s Sky tatsächlich die Träume der Mehrheit aller Spieler. Er bietet nämlich in Reinstform, was kaum ein anderes Spiel heute noch bietet: Raum für Entdeckungen.

No Man's Sky - E3 2014 TrailerEin weiteres Video

Zwar scheint es, als wüssten selbst die Entwickler noch nicht so recht, wie viel Multiplayer letztlich in No Man’s Sky stecken wird und wie genau man es umzusetzen gedenkt, doch schaut man sich die Entwicklungsstrategie an, die insbesondere auf prozedurale Techniken setzt, gerät man durchaus schon mal ins Schwärmen - ähnlich wahrscheinlich wie die Jungs von Sony, die sich No Man’s Sky zuerst für die PlayStation 4 gesichert haben.

Ausblick

Das war es im Wesentlichen, was die vergangene Woche in Bezug auf die E3 hervorgebracht hat. Doch wie in jedem Jahr haben viele Kollegen einen langen Flug vor sich, müssen sich ausschlafen, das Material sortieren, übersetzen und runtertippen. Es steht uns also noch so manches Interview bevor, das mehr Licht auf einen der erwähnten Titel oder einen ganz anderen werfen kann. Damit und mit dem, was die Indie-Ecke so auf der E3 getrieben hat, wollen wir uns dann am kommenden Samstag beschäftigen. Und zwischendurch hält uns der Fußball bei Laune. Was will man mehr...