„Unter den Blinden ist der Einäugige König!“ können und werden ein paar Nörgler sagen, „Es war einfach eine geile Show“ beinahe alle anderen, die ihre Sinne beisammen sowie ein gesundes Gespür für Timing und Spaß an der Sache haben. Fakt ist: Nintendo hat mit der E3-Präsentation am gestrigen Dienstagabend (18:00 Uhr deutscher Zeit) überzeugt.

Seit gestern dürfte die Genesung von Satoru Iwata mit deutlich größeren Schritten vorangehen. Während der Nintendo-Chef aus gesundheitlichen Gründen daheim in Japan geblieben ist, haben seine Stellvertreter einen beachtenswerten Auftritt in Los Angeles hingelegt und den 54-Jährigen mehr als angemessen vertreten. Nicht live oder auf einer großen Bühne mitten im Convention Center der Stadt der Engel, sondern mit einer bereits im Vorfeld erstellten Präsentation – was den Eindruck jedoch nicht im Geringsten schmälert.

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Ganz im Gegenteil: Während sich die Konkurrenz (allen voran die unmittelbaren Rivalen von Microsoft und Sony) alle Mühe gab, mit ausgefeilter Bühnenshow, netten Lichteffekten (wer auch immer auf die Idee hinter diesen leuchtenden Armbändern kam, ist entweder verrückt oder genial) und anderen Sperenzchen zu punkten, konzentrierte sich Nintendo in knackigen rund 50 Minuten (zum Vergleich: Nach Sonys Konferenz standen am Ende zwei Stunden auf der Uhr) auf das, worauf es eigentlich ankam: Spiele. Und von denen hatte Big N eine ganze Wagenladung zu zeigen.

Nach einer mehr als abgefahrenen Einleitung im Stop-Motion-Stil dauerte es nur zweieinhalb Minuten, bis die ersten Spielszenen zu sehen waren. Super Smash Bros. Wii U mag nicht der spektakulärste Einstieg gewesen sein, aber einer der wirksamsten. Immerhin sieht man nicht alle Tage, wie sich Iwata-san und Nintendo-of-America-CEO Reginald „Reggie“ Fils-Aime das Fressbrett polieren.

So viele Spiele!

Ein paar von euch dürften beim Anblick der Miis im Prügelspiel mit den Augen gerollt haben und das nicht mal unberechtigt. Die allgegenwärtige Präsenz der Männchen kann einem gehörig auf den Senkel gehen, gerade aus deshalb, weil die Figürchen sich noch immer nicht in den Look typischer Nintendo-Spiele fügen wollen. Sei es Mario Kart 8, Mario Golf: World Tour oder nun eben Super Smash Bros. Wii U: neben Mario, Link und Konsorten wirken die Miis stets leicht deplatziert. Immerhin dürften sich die Kerlchen spielerisch gut in der Kämpferriege etablieren, die nach der Präsentation noch um Pac-Man als spielbaren Charakter erweitert wurde.

E3 2014 - Das Beste kommt zum Schluss? Nintendos diesjähriger E3-Auftritt

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Im Oktober zeigt Bayonetta 2, was auf einer „Kinderkonsole" so möglich ist.
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Welchen Wert die Keilerei für Nintendo hat, zeigt nicht nur die prominente Platzierung zu Beginn der Show. Rund ein Fünftel der Präsentation ging für das Prügelspiel drauf, was schon beachtlich ist. Nach der HD-Fassung wurde allerdings erstmals auch ausführlich der 3DS-Ableger in Bewegung gezeigt, der bereits Anfang Oktober erscheinen soll und finanziell wohl sogar noch mehr Gewicht als der große Bruder haben dürfte.

Nach diesem gelungenen Einstieg hätten die Japaner einen für die E3 so typischen Fehler machen können, der ihnen nach den Fehltritten der letzten Jahren nicht zum ersten Mal passiert wäre. Regelmäßig schätzen Hersteller die Publikumswirksamkeit ihrer Produkte falsch ein, verwenden etliche Minuten wertvoller Präsentationszeit darauf, für das Kernpublikum uninteressante Inhalte zu zeigen. Während Sony lang und breit auf PS Vita TV und ähnlichem Kram herumreitete, quetschte Big N ihren potenziellen Goldesel namens amiibo in knappe vier Minuten.

Die Skylanders-ähnlichen Sammelfiguren dürften den Japanern Abermillionen Yen in die Kassen spülen und müssen natürlich im Rahmen der E3 gezeigt werden. Doch für die Zielgruppe des Spielzeugs, die vorrangig aus Kindern besteht, reicht es, die Dinger anzukündigen. Sie sind es nicht, die sich diese Präsentation anschauen und das wusste Nintendo sehr gut.

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Besser spät als nie: Nintendo hat seinen Humor wiederentdeckt.
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Und Nintendo wusste auch, was die Leute an den Bildschirmen sehen wollten, wovon vieles nach der amiibo-Vorstellung geliefert wurde: neben Yoshi's Woolly World, einem Wii-U-2D-Hüpfer im Stil von Kirby und das magische Garn, zeigte der Konzen etwa Bayonetta 2, den voraussichtlich sehr zeitintensiven Mario Maker, Captain Toad: Treasure Tracker, Kirby and the Rainbow Curse, den de-Blob-ähnlichen Mehrspieler-Shooter Splatoon und so einiges mehr.

Aus dem bereits im vergangenen Jahr gezeigten Sci-Fi-Rollenspiel Project X wurde das, was wir uns alle davon erhofften: Xenoblade Chronicles X, eine Fortsetzung des wohl besten Japano-Rollenspiels der Wii. Und dann gab es da natürlich noch das ganz große Highlight: das erste HD-Zelda.

Auf den ersten Blick scheint Nintendo gleichermaßen bei sich selbst als auch der Konkurrenz ein wenig abgeschaut zu haben. Während der eher comichafte Look des neuen Links eindeutig von Wind Waker und Skyward Sword inspiriert ist, weckt die weite Steppe eher Erinnerungen an Skyrim. Tatsächlich soll das Wii-U-Zelda ein Open-World-Spiel werden, wie später bestätigt wurde. Einen Titel sowie konkreten Termin ist man uns hingegen immer noch schuldig. Wird wohl eine Weile so bleiben.

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Wer soll das ganze Gras jemals schneiden?
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Und dann war's plötzlich vorbei. Kein Metroid, keine Retro Studios, keine wirklich neue IP, aber eine proppevolle Show mit jeder Menge sehr vielen guten Gründen, sich demnächst einen 3DS, vor allem aber eine Wii U anzuschaffen. Unterm Strich ging Nintendo nicht mehr Risiko als nötig; zwei weitere große Neuankündigungen hätten es ruhig noch sein können. Zumindest die Entwicklung eines neuen Star-Fox-Spiels für die Wii U bestätigte man später.

Dennoch: Was hier in eine Dreiviertelstunde gepresst wurde, war in seiner Gesamtheit einer der besten, wenn nicht die beste Präsentation der diesjährigen Messe. Keine übertrieben lässige Show wie bei Ubisoft, keine Durchhänger wie bei Microsoft, dafür aber eine ordentliche Prise selbstironischer Humor und ein dicker Batzen Spiele.

Vor nicht einmal einem Jahr habe ich Nintendo noch Ideenlosigkeit und Beliebigkeit vorgeworfen. Zum Glück habe ich mich geirrt.

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