Begrüßen Sie die Kontrahenten des Abends, meine Damen und Herren. Herausforderer Microsoft in der rechten Ecke, mit einer Bilanz von einer Niederlage und einem Unentschieden, aber mächtig Motivation, den Titel zu erstreiten. Links Sony, Titelverteidiger mit zwei Siegen und einem Unentschieden. Irgendwo dazwischen wuselt noch der geschrumpfte Großmeister Nintendo herum.

Welch' ein epischer Schlagabtausch. Die Electronic Entertainment Expo zeigte in den letzten Jahren so manche schwache Vorstellung, aber die Pressekonferenzen der diesjährigen Messe machten vieles davon wett.

Ein Kampf mit harten Bandagen. Microsoft warf alles in die Waagschale, was nach dem vorausgegangenen PR-Desaster möglich war. Die E3-Pressekonferenz der Redmonder bestand somit fast ausschließlich aus Ankündigungen und Demonstrationen kleinerer und größerer Spiele. Darunter viel Action für den amerikanischen Markt, aber auch Kreatives wie Project Spark.

Nicht alle Titel waren Exklusivmarken und so manchen Käse hätte man sich wohl sparen können. Trotz allem sprach Microsofts PK eine klare Sprache: Wir haben Spiele in petto. Viele gutaussehende, eindeutig nach Next Gen riechende Softwaretitel. Dazu ein aufgewertetes Xbox-Live-Modell, das Sonys PlayStation Plus nacheifert.

Völlig gleich, welche Partei man aus Gewohnheit bevorzugen mag, an der Xbox-One-PK gab es inhaltlich nur wenig auszusetzen. Genau genommen nur eine Sache: Microsoft saß stillschweigend jegliche Kritik aus und unternahm keinerlei Versuche, DRM sowie andere Restriktionen der Konsole zu rechtfertigen. Hashtag #Dealwithit

Die großen Drei - Kampf der Giganten

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Inhaltlich gab es an der MS-PK nicht viel zu rütteln. Es wurde präsentiert, was versprochen wurde: Spiele. Nur unangenehme Themen umschiffte man bisher.
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Für Sonys folgende Präsentation eine Steilvorlage. Hätte Microsoft zumindest versucht, Erklärungen abzugeben, Verständnis zu wecken, ja vielleicht Vorteile des Systems genauer zu analysieren, so hätte Jack Tretton später keineswegs so lässig dahergrinsen können, als er Online-Zwang und Stolperfallen für Gebrauchtspiele bei der PlayStation 4 ausschloss.

Sicherlich hatte seine Botschaft noch immer freundlicher gesinnte Ohren gefunden als das Wirrwarr der Xbox One, doch diese Ohrfeige auf offener Plattform würde unvoreingenommener diskutiert und weniger als gerechte Strafe angesehen werden. Anderweitig hatte Sony nämlich nicht besonders viel auf der Pfanne. Ein paar gute Games waren dabei, trotzdem bewies Microsofts PK mehr Druck in den Leitungen.

Lasst uns die Karten auf den Tisch legen: Wir sind ständig mit dem Internet verbunden. Jeder von uns nutzt einige Dienste, auch wenn manche in Sachen Datenschutz fragwürdig sind – siehe Facebook und Co. Microsoft möchte die Netzwelt in alle Wohnzimmer bringen und im Rahmen der Unterhaltungsindustrie ebenfalls ein wenig vom Datenstrom profitieren. Grundsätzlich legitim.

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Für Sony eine wunderbare Vorlage. Man musste nicht mal so wahnsinnig doll aus eigener Kraft ausholen.
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Noch einmal: Wir sind ständig mit dem Internet verbunden. Aber nicht zwingend permanent an einem Stück, sondern immer wieder aufs Neue. Nur weil ein Router dauerhaft „on“ ist, muss müssen PCs, Smartphones oder Konsolen im selben Netz noch lange keine Daten saugen. Sie gehen inzwischen uneingeschränkt ihren Funktionen nach.

Das Zauberwort heißt Bedarf. Stellt euch vor, Facebook verlangte von jedem Nutzer tägliches Zwangs-Einloggen, andernfalls würden Fotos und Profile gesperrt. Allein der Druck, es tun zu müssen, würde viele abschrecken, obwohl sie faktisch täglich Facebook verwenden. Bei der Xbox One verhält es sich ähnlich. Angesichts der Cloud-Optionen, Multiplayer-Modi und Download-Angebote gibt es kaum einen Grund, die Konsole offline zu lassen. Alle 24 Stunden ins Netz zu müssen, aus welchem Vorwand auch immer, widerspricht dennoch der Bedarfsregel.

Schlimmer noch: Die Regel stellt alle Nutzer unter den Generalverdacht, womöglich moddende Raubkopierer zu sein. Oder – der Himmel bewahre – gemeine Gebrauchtspielkäufer. Wer so offensichtlich darlegt, dass er den Hals nicht voll bekommt, darf sich nicht über entsprechende Kritik wundern.

Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler

Obwohl die diesjährige E3 gerade erst angefangen hat, ist sie in Sachen Informationsgehalt kaum zu übertreffen. Was diese PKs offenlegten, waren nicht nur neue Spielmaschinen, sondern Einblicke in die Philosophie der Firmen, die sie herstellen.

Microsoft hätte schlichtweg abwarten können. Kein Online-Zwang, keine DRM-Knebelei durch das selbst geschaffene Problem des redundanten Datenträgers, stattdessen eine einfach gehaltene Multimedia-Konsole mit vielen nützlich präsentierten Online-Features – das wäre es gewesen. Am besten noch die Gebühr für Xbox Live abschaffen, dann wären sogar noch mehr Leute fröhlich eingeloggt, ohne sich die geringsten Gedanken um Datenspionage zu machen. Microsoft hätte das „All-in-One-ich-koch-dir-sogar-Kaffee“-Feature bis in die Unendlichkeit ausquetschen können.

Genauso verhält es sich mit Kinect. Die 3D-Kamera soll nun zum Standard der Konsole gehören, damit Entwickler sie konsequenter nutzen. Eigentlich keine große Sache, wenn man dem Kunden die Nutzung nach Bedarf zuspricht. Nicht nur abschalten sollte man sie können, auch abklemmen, einmotten, herauskramen, wiederentdecken, wenn sie im Rahmen eines bestimmten Spiels interessant wird.

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Immerhin zeigte Microsoft viele Exclusives, etwa das dritte Dead Rising.
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Inzwischen müsste selbst Microsoft gemerkt haben, dass Kinect gewisse Begrenzungen aufweist und nur bedingt mit üblichen Controllern vereinbar ist. Sprachsteuerung war noch nie ein gutes Argument für ein komplettes Kamerasystem, so bequem es auch erscheinen mag. Wozu also der ganze Mist auf einmal? Microsoft versäumte auf der E3-PK, uns von den Vorteilen Kinects zu überzeugen. Was bleibt, sind Zweifel und Spionageverdacht. Aus den Augen, aus dem Sinn? Nee, liebe Leute, so geht das nicht.

Die Jungs und Mädels aus Redmond mögen tolle Geschäftsleute sein. Menschlichkeit scheint hingegen nur selten durch. Wer verbringt freiwillig jede Minute seiner heimischen Freizeit vor einer Kamera? Ja, ist klar, man darf sie abschalten sowie in der zugehörigen Software bestimmen, ob und wann sie gesammelte Daten versendet.

Was ist mit dem psychologischen Faktor? Mit dem Gefühl, ständig vor digitalen Augen und Ohren zu sitzen, nie zu wissen, ob nicht doch die eine oder andere Information über das Netz flutscht, weil der amerikanische Geheimdienst meint, es wäre im Namen der Freiheit vertretbar? Der Aufruhr um das Auslesen von Skype-Gesprächen war wohl noch nicht Warnung genug.

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Bei Sony hingegen beeindruckte nicht so vieles, am ehesten vielleicht das neue Spiel von Quantic Dreams mit seinen großartigen Charakteranimationen.
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Menschen sind nicht dumm. In der Regel sind sie schlecht informiert. Nur weil Core-User Jens Meier weiß, wie man Kinect abstellt, gilt das noch lange nicht für jeden potenziellen Kunden. Wie viele gutmütige Familienväter werden unwissentlich in die Datenfalle tappen, die Kiste nach einer zukünftigen Preissenkung womöglich als harmlose Spielkonsole ins Kinderzimmer stellen?

Welches Genie bei Microsoft meinte, die gesamte Videospielszene würde von schicken Spielen geblendet ja und hurra rufen? War wahrscheinlich derselbe, der bei Windows 8 den Startbutton unnötig fand.

Für die PR der Konkurrenz und die Presse natürlich ein gefundenes Fressen. Es genügten zwei Argumente, um Sonys eher langatmige Vorführung in ein Jubelorchester zu verwandeln: Kein DRM-Gefummel und 100 Euro (beziehungsweise US-Dollar) Preisdifferenz.

Sony düpiert Microsoft: Werdet ihr der Xbox One trotzdem eine Chance geben?

  • 53%Auf keinen Fall, die Kiste kommt mir nicht ins Haus
  • 27%Nur, wenn Internetzwang, Kinect und Co. abgeschafft werden
  • 11%Vielleicht nach einer Preissenkung und wenn die Spiele stimmen
  • 5%Eine Chance geben? Das Ding wird am ersten Tag gekauft
  • 4%Früher oder später auf jeden Fall
Es haben bisher 827 Leser ihre Stimme abgegeben.Weitere Umfragen

Sony, Retter der Industrie?

Wer meint, die Japaner verdienten als heroischer Retter der Industrie einen Tapferkeitsorden, der irrt. Zeigt denn nicht die Form der Konsole eindeutig, dass sich beide Parteien weiter annähern? Womöglich folgen sie denselben ausgewerteten Daten irgendwelcher Marktanalysten. Jetzt mal im Ernst: Heraus kam bei beiden ein schwarzer Kasten mit ein wenig Klavierlack, der auf Cloud-Dienste zugreift. Abgeschrägte Kanten hin oder her. Gebühren für Online-Schlachten gibt es nun ebenfalls beidseitig.

Keiner weiß, ob Sony vor ein paar Monaten ähnliches beim Thema DRM im Sinn hatten und bloß die Zeichen zu deuten wussten. Auch der japanische Technikriese setzt auf Multimedia-Gedöns sowie Cloud-Power. Hundert Euro Preisdifferenz schmelzen dahin, wenn man bedenkt, dass Sonys High-Tech-Kamera nicht zum Bundle gehört. Der einzige greifbare Unterschied: Sony behielt die Nerven und nutzte im richtigen Moment die Schwäche der Konkurrenz. Im Endeffekt stehen sie erheblich sympathischer und kundenorientierter da, weil sie Käufern trotz etlicher netzgebundener Funktionen eine Wahl lassen. So funktioniert Marketing.

Im Vollrausch des Konsolenkriegs wird der Widerhall dieser Watschen noch wochenlang zu hören sein. Animierte Gifs, Youtube-Clips, Gesang und Gedichte über diese heroische Schlacht. Das wird den harten Kern der Xbox-Fans keineswegs aufweichen, aber die unentschlossene Laufkundschaft scheint selbst in den Microsoft-freundlichen USA Zweifel zu hegen.

Ob es so bleibt, werden die kommenden Monate zeigen. Rudert Microsoft zurück? Oder wirft man noch stärkere Argumente ins Feuer? Imagepflege allein dürfte jedenfalls nicht ausreichen, um den Karren aus dem Graben zu ziehen.

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Und Nintendo? Nintendo ist eben Nintendo und macht, was sie immer machen: Mario, Mario Kart, Smash Bros. Spiele für die Spieler, die ihre Konsole kaufen (sollen).
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Ein Faktor, der die Gunst noch drehen könnte, ist die Hardware. Beide Konsolen bringen eine ähnliche Leistung, aber Sonys Präsentationen wirkten unfertiger und instabiler als Microsofts 60-fps-Attacke. Lötet Microsoft doch einen besseren Grafikchip auf die Platine? Reicht das Auslagern von KI-Daten aus, um das Blatt zu wenden? Beherrschen sie die X86-Struktur besser? Oder waren die Builds bei Sony lediglich unausgereift? Es bleibt wahrscheinlich so lange spannend, bis Bastler die ersten Schrauben vom Gehäuse lösen.

Inzwischen scheint Nintendo die einzige Partei zu sein, die tatsächlich das tut, was die Kundschaft erwartet: Spiele für eine reine Konsole entwickeln. Große Überraschungen bleiben aus, aber Mario Kart 8, Mario 3D World und das neue Smash Bros. scheinen direkt auf das übliche Nintendo-Publikum zugeschnitten.

Bayonetta 2 und der Xenoblade-Abkömmling sehen ebenfalls ansehnlich aus. Schade, dass die Wii U so wenige Grafikmuckis mitbringt. Mit ein wenig mehr Power hätten konstant gute Marken, kundenfreundliche Distribution und durchgehender 3rd-Party-Support allen anderen die Suppe versalzen.