Das war's. Die E3 2009 ist aus und vorbei. Die Karten liegen auf dem Tisch. Die großen Drei haben enthüllt, präsentiert, verblüfft, sind in Selbstbeweihräucherung verfallen und in faszinierenden Zukunftsvisionen versunken. Es gab Erfreuliches, Ernüchterndes, Schönes und Schlechtes. Wer ist der große Verlierer, wer der Gewinner?

BÄÄÄM! Habt ihr das auch gespürt? Im ersten Moment schien es wirklich wie eine harte Rechte, ein aus allen Poren dampfender Aufwärtshaken, der da aus der Microsoft-Ecke geflogen kam. Letztes Jahr mussten sich PS3-Spieler schon grummelnd damit anfreunden, Final Fantasy XIII und Tekken 6 mit dem ollen 360-Lager teilen zu müssen. Und dann kam dieser E3-Auftakt, der nach dem ernüchternden Auftritt letztes Jahr wieder etwas Drama und Bewegung in den Kampf der großen Drei brachte. Vor allem aber einer, der anfangs schmerzvoll ins gekränkte Sony-Ego biss.

Gemeint ist der Moment, als Verfechter der schnurrenden Schwarzen panisch zum Baldrian greifen mussten und sich der über der Kojima-Productions-Teaserseite schwebende Schleier endlich auflöste. Als das vor Jahren noch müde Belächelte bestätigt wurde, das ewig als Schreckgespenst über den Köpfen eingeschworener Sony-Fanboys flatterte: Metal Gear Solid: Rising für die Xbox 360, ein Metal-Gear-Spiel ohne Sony?

Der Biss ins Ego

Das schmerzte, das ruckelte am Stolz, und irgendwie war die dunkle Lady im Schrank gleich etwas weniger sympathisch, oder? Sind Japaner nicht dafür bekannt, loyal gegenüber ihren Partnern zu sein? Scheinbar nicht, wenn man in Redmond nur hartnäckig genug mit dem Dollarbündel wedelt. Neben Square Enix, Namco und Capcom, früher alles Garanten für japanische PS3-Unterhaltung, reiht sich nun auch Konami in die Riege der „Verräter“ ein.

E3 2009 - Prächtig, wummernd, emotional: Das war die E3 2009

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 49/521/52
Natürlich gab's auch wieder lecker Mädsche.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dass MGS: Rising auch für die PS3 erscheinen wird, war zwar zu erahnen, aber irgendwie saß dieser Schock erst mal tief. Das müssen schreckliche Stunden voll mit Kakophonien bitterer Flames in den Foren gewesen sein, bis der Haken einen Tag später an einer grandiosen Parade verpuffte. Warum wurde das neue MGS-Abenteuer auf der Pressekonferenz von Sony mit stoischer Miene totgeschwiegen und erst später von einem Sprecher bestätigt? War da etwa jemand bockig, dass Redmond zuerst die Metal-Gear-Flagge hisste?

Nein, es war schlicht und einfach nicht nötig, denn dieser Schlag brachte den japanischen Riesen nicht mal ins Wanken. Stichwort Pressekonferenzen: Während Microsoft ein protziges Multimedia-Schlachtschiff heranzüchtet, das zwischen 360-exklusivem Nervenkitzel und Facebook'schem Gepose, zwischen Twitter und streambaren HD-Filmen pendelt, punkteten die Japaner vor allem mit den wichtigsten Eigenschaften: Mit Herz und Seele, echten Abenteuern, die zwischen seelenloser Multi- & Media-Beweihräucherung beweisen, warum wir eigentlich seit Jahren zum Pad greifen.

E3 2009 - Prächtig, wummernd, emotional: Das war die E3 2009

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 49/521/52
Der Schlag saß tief: das nächste MGS nur für 360?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Weil wir Spieler sind, weil wir kernige Abenteuer erleben, in fremde und faszinierende Welten abtauchen wollen. Und genau hier, wo man echte Zocker packt, legten die Japaner das mit Abstand beste Line-up vor. Zwar nicht, ohne mit dem Motion-Controller ein kurzes Raunen in Richtung Projekt Natal und Wii auszustoßen, aber es waren starke Augenblicke, als die Spielszenen präsentiert wurden.

Prächtig, wummernd, emotional

Nicht nur, dass man mit God of War 3, Heavy Rain, The Last Guardian, Agent, Uncharted 2, MAG, Final Fantasy XIV, Gran Turismo 5 und Co. mehr Genres abdeckt als Big N und Big M. Es waren vor allem Momente tiefer Erhabenheit, als Kratos vor grandioser Kulisse wütete. Momente emotionaler Ergriffenheit, die einen mit rührseligen Erinnerungen an ICO und mit Gänsehaut zurückließen, als Fumito Uedas The Last Guardian einen kleinen Jungen zeigte, der durch einen von einfallenden Lichtstrahlen gefluteten Burgkomplex hetzte und sich ins Fell seines riesigen Begleiters schmiegte.

E3 2009 - Prächtig, wummernd, emotional: Das war die E3 2009

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 49/521/52
Begeisterung: Kratos sorgte für das Wow-Gefühl der Messe.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es war dieses wohlige „Wow“-Gefühl, als Nathan Drake in majestätischer Höhe und vor grandioser Postkartenkulisse eine Tour de Force durchstehen musste. Neugierde, als Rockstar mit Agent PS3-exklusive Unterhaltung versprach. Und vor allem ein episches Zittern, als Final Fantasy XIV angekündigt wurde.

Außerdem hatte man mit der PSP Go den Hosentaschenjoker und mit entsprechenden Assassin's Creed-, Little Big Planet-, Gran Turismo-, Soul Calibur- sowie Metal Gear Solid-Versionen gleich das passende Entertainment im Kleinformat parat, während bei Microsoft Leere herrschte. Wo war Zune HD? Wo war die große Handheld-Offensive, die Microsoft neben PSP und NDS auch im nächsten Verkehrsstau reizvoll gemacht hätte? Wo waren die grafischen Kraftmeier, das Gears of War für die U-Bahn, Project Gotham Racing für den nächsten Arztbesuch? Microsoft hätte diese Messe nutzen können, um nicht nur mit Project Natal in Molyneux'sche Schwärmerei zu verfallen. Statt vorschnell einen Nagel in den Sarg des guten alten Controllers zu schlagen, hätte man Nintendo und Sony mit Faszination im XS-Format Paroli bieten können.

So blieb jedenfalls noch genug für Nintendo, um auf dem DS endlich wieder abseits von Koch- und Kreuzworträtsel-Blödsinn zu begeistern. Mit einem Mario-&-Luigi-Rollenspiel, mit The Legend of Zelda: Spirit Tracks oder C.O.P. The Recruit in einer Open World. Auch wenn die Pressekonferenz einen biederen, fast schon sterilen Charme versprühte, auch wenn man große Jubelarien wie weiland bei der Ankündigung von Twilight Princess vermisste, muss man Nintendo eines zugute halten: Die Sphären, in denen sie nach 50 Millionen verkauften Wii-Konsolen schweben, wirken zwar immer noch wie ein Vakuum der Arroganz. Aber wenigstens gab es ein schwach glimmendes Zeichen, das man nach der Games-Convention-Abwesenheit und der E3-Luftnummer vom letzten Jahr nicht unbedingt erwartet hätte.

Ohne freche Innovationen, ohne kreativen Neuanfang, Aufbrechen alter Strukturen oder wilde neue Charaktere, die der eingefahrenen Nintendo-Mischpoke unheimlich gut tun würden. Wo blieb zum Beispiel das seit Monaten durch die Gerüchteküche geisternde Kid Icarus? Und warum wurde das neue Wii-Zelda nicht präsentiert?

Alte Helden, neue Abenteuer

Aber immerhin nutzte man die Messe, um im Casual-Fegefeuer mit alten Stärken eine neue Erwartungshaltung zu schüren. Da war New Super Mario Bros. Wii, da war Metroid: Other M. Und Super Mario Galaxy 2. Mehr als ein Mario-Spiel auf einer großen Nintendo-Konsole – das gab's seit dem Super Nintendo nicht mehr. Natürlich verlor man die 15 Millionen verkauften Einheiten von Wii Fit nicht aus den Augen, natürlich wurde das nächste Fitnessprogramm vorgestellt, das besser, präziser, cooler und familienfreundlicher werden soll. Natürlich musste man ein neues Wii Sports unter dem Deckmantel ach so wichtiger Motion-Plus-Verbesserungen nachschieben.

Star Wars: The Old Republic - "Deveiced" Cinematic Trailer

Und natürlich war da immer noch das große Casual-Gespenst, das echte Spieler und seit Jahren auf spannende Wii-Abenteuer wartende Fans mit den Zähnen knirschen ließ – auch wenn man betonte, dass Third-Party-Hersteller mit Motion Plus unheimlich viel anstellen können. Da warten immerhin Red Steel 2, The Conduit und Final Fantasy: The Crystal Bearers.

Wie hätte Microsoft die Ankündigung dieser "komplett neuen Metal-Gear-Erfahrung", die letztlich doch kein 360-exklusiver Joker bleiben sollte, noch toppen können? Indem man ein Beben entfacht, Cliff Bleszinski und Co. mit Kettensägengerassel auf die Bühne stürmen lässt. Man hätte diese E3 technisch für sich entscheiden können, und wir hätten uns unheimlich über ein neues Gears of War gefreut. Nicht falsch verstehen: Dieses Shadow Complex, das letztlich vorgestellt wurde, macht Lust auf spaßige Arcade-Action.

Left 4 Dead 2 - E3 2009 Trailer

Aber Epic hätte etwas Großes, Krachendes, etwas die X360 bis an die Grenzen Treibendes vorstellen und nebenbei hohnlachend mit dem Finger auf die Verkaufszahlen von Killzone 2 zeigen können. Tat aber keiner. Dafür erwarten euch „tonnenweise Bosskämpfe“, wenn Shadow Complex im Sommer auf Xbox Live Arcade erscheint. Immerhin.

Darüber hinaus hatte man zum Beispiel mit Crackdown 2, Left 4 Dead 2, Forza Motorsport 3, Halo 3: ODST und Halo: Reach ein paar zwar wenig überraschende, aber starke Enthüllungen in der Hinterhand. Und natürlich Project Natal, den Sargnagel für die konventionelle Unterhaltung per Controller – zumindest wenn es nach Peter Molyneux geht. Zugegeben: Das ist eine wirklich faszinierende Vision, ein kurzer Einblick in eine mögliche Spielezukunft. Letztlich auch eine realistische? Und hey, zumindest wissen wir jetzt, dass Alan Wake und Sam Fisher noch leben. Wäre ja auch schade um die beiden gewesen.

Fazit: Die Karten liegen auf dem Tisch

Gab es dieses Jahr den großen Verlierer? War die Ernüchterung so groß wie 2008? Nein. Denn zwischen netten, aber fragwürdigen Twitter- und Facebook- Kooperationen und dem schleichenden Abgesang auf den altgedienten Controller versteckten sich echte Spiele. Da war was Bissfestes, was Richtiges für hungrige Spieler jeder Plattform.

Streicheln wir den Hund in Fable 3 komplett mit Handbewegungen? Stürzen wir uns in Gears of War 3 bald mit vollem Körpereinsatz in den Kampf gegen die Locust? Driftet Nintendo langsam von der Fitness- zurück auf die Core-Schiene? Wird die PlayStation 3 zur Fuchtelkonsole? Die Karten liegen auf dem Tisch. Hoffentlich sind sie nicht gezinkt.