Die E3 Nachlese:
Where Business Gets Fun (?)

(von Garry Leusch)

Auch dieses Jahr fand sie wieder statt, die weltgrößte Messe für Computer und Videospiele in Los Angeles. Man könnte sie auch das Mekka der Spieleindustrie nennen, denn hier trifft sich einmal im Jahr

das Who's who der Programmierer, Manager und Journalisten. Neueste Produkte werden vorgestellt, wichtige Interviews geführt und natürlich darf auch das Business nicht zu kurz kommen.

Man kann sagen: Jeder, der die Leidenschaft Computer und Videospiele zu seinem Beruf gemacht hat, muss in LA anwesend sein und einige tausend Dollar ausgeben - alles andere wäre unverantwortlich.

Meist steht eine solche Messe unter einem bestimmen Motto. So auch dieses Jahr: »Where Business Gets Fun« - wo Geschäfte Spaß machen. Wie viel Spaß in naher Zukunft die Spieler haben werden, wollen wir in dieser E3-Nachlese herausfinden. Sie ist unterteilt in drei Themen-Schwerpunkte, die klar dominierten: Massive-Online-Rollenspiele, Shooter / Action-Games und Konsolen. Aber der Reihe nach.

MMORPGs sind hip
Mit Sicherheit wurden nie zuvor so viele Online-Rollenspiele gesichtet, wie auf der diesjährigen E3. Über 100 verschiedene Titel dieses Genres beherrschten die Messestände. Eine schier unglaubliche Zahl. Vor allem wenn man bedenkt, wie viel Aufwandbetrieben werden muss, um ein solches Spiel lauffähig und dazu noch populär zu machen. Aber was vordergründig betrachtet erst einmal beeindruckt, das erweist sich beim zweiten Hinsehen oftmals als laue Mischung aus unausgereiften Konzepten und alten Grafik-Engines.

Die wichtigste Frage lautet: Wer soll das alles spielen? MMORPGs (Massive-Multiplayer-Online-RPG) kosten eine monatliche Gebühr und ein durchschnittlicher Spieler wird sich kaum mit mehreren Titeln gleichzeitig beschäftigen.

Immer vorrausgesetzt, man bekommt ihn überhaupt dazu, neben dem Spielepreis weiteres Geld in sein Hobby zu investieren.

So werden nur eine Handvoll Titel übrig bleiben, die das potenzielle Erbe von »Ultima Online«, »Everquest« und »Dark Age of Camelot« antreten können.

Besonders positiv aufgefallen sind dieses Jahr:



»Horizons« von Artifact Entertainment, Blizzards »World of Warcraft«, »Everquest 2« von Sony Online Entertainment, Microsofts »Mythica« sowie »Lineage 2«, »City of Heroes« und »Guild Wars« von NC Soft.
Gerade letzterer Titel war einen zweiten Blick wert, denn »Guild Wars« verfolgt ein grundlegend neues Konzept. Das Spiel soll keinen monatlichen Beitrag kosten, sondern sich durch im Spiel eingeblendete Werbung finanzieren.

Man stelle sich vor: Unser Charakter stapft durch eine dunkle, angsteinflößende Höhle. Als er um die Ecke biegt erwartet ihn kein grauenhaftes Monster, sondern sein Blick fällt auf ein nicht zu übersehendes, großes, gelbes »M« an der Höhlenwelt. Und daneben steht: »Stärken Sie sich jetzt mit einem Double Skeleton Burger, garantiert nicht knochenfrei. Besucht die Mc-Fantasy-Wochen bei XY«. Da kommt Freude auf, oder?

Massive-Multiplayer-Rollenspiele erfordern einen immensen Aufwand an Servertechnologie, Infrastruktur, Support und Know-how.

So gut wie jeder große Publisher beansprucht für sich, diese Vorraussetzungen mitzubringen. Ob dem wirklich so ist, bleibt abzuwarten. Eine gewisse Skepsis ist angebracht.

Vorreiter in Sachen Online-Gaming ist Korea, ein Land, dass mit unglaublichen Kundenzahlen glänzt. In Fernost lockt das Geld und das Business.

Sage und schreibe 500.000 Koreaner spielen regelmäßig »Lineage« und jeder von ihnen zahlt umgerechnet etwa 20 Dollar im Monat. Dass sich ein solches Geschäftsmodell rentiert, ist leicht nachzurechnen.

Und bei uns? In Deutschland zocken gerade einmal 25.000 Spieler »Dark Age of Camelot«. Für zwölf Euro im Monat.

Aber vielleicht sollte man nicht vergessen, dass wir Mitteleuropäer nun mal eine andere Mentalität haben und dem dauernden Manga- und Anime-Gewusel ala Ragnarök-Online eher skeptisch gegenüberstehen. Deshalb werden sich einige Publisher wundern, warum ihr Spiel hierzulande nicht ankommt.
Zwei Spiele beherrschen die Szene
Das Spiel der diesjährigen Messe? »Half-Life 2«! Wir hatten das Vergnügen, einer Vorführung hinter verschlossenen Türen beizuwohnen und waren sprachlos. Ja, dieser Titel wird mit Sicherheit ein Riesenhit.

Was uns der Hersteller Valve in LA zeigte, war eine Augenweide. Wir können jetzt gut nachvollziehen, was das Team aus Seattle die letzten fünf Jahre getan hat. Die Entwickler haben »Half-Life 2« gezaubert und zünden jetzt ein unglaubliches Grafik-Feuerwerk, mit abwechslungsreichem Gameplay, einer Flut neuer Ideen, fantastischen Animationen, und, und, und.Die Superlative gehen einem nicht aus ... dafür geht vermutlich der eigene PC in die Knie. Welche Anforderungen das Spiel an die Hardware stellt, darüber schweigt man bisher beharrlich. Immerhin lief die Demonstration flüssig auf einem Pentium 4 mit 2,8 Gigahertz. Dies nährt die Hoffnung, dass man auch auf seinem 1,8-GHz-Heim-PC noch einigermaßen am Spaß teilhaben kann. Und das sollte man auch.

Die deutsche Version von »Half-Life« hat damals das Shooter-Genre revolutioniert und wir sind überzeugt, dass dieser Coup wieder gelingt.
Natürlich stand auch »Doom 3« wieder im Fokus der Journalisten, wenn auch nicht mehr ganz so stark wie noch auf der letzten E3. Damals wurde das Spiel als Sensation gefeiert. Nun ist mit »Half-Life 2« ein gewichtiger Konkurrent aufgetaucht.

Trotzdem überzeugte auch »Doom 3« mit atemberaubender Grafik und einer gigantischen Atmosphäre.

Der Shooter ist düster, unheilvoll und spannend, leider aber auch ziemlich gewalttätig. Das Gleiche gilt auch für »Half-Life 2« und man darf gespannt sein, welche Alterseinstufung diese beiden Spiele hierzulande bekommen werden. Vielleicht wird es sogar erneut eine entschärfte deutsche Version geben.

Natürlich gab es noch jede Menge andere Actionspiele zu sehen. Besonders aufgefallen sind uns dabei unter anderem »Tron 2.0« - mit interessantem und abwechslungsreichem Gameplay - sowie »Halo 2« von Bungie Software. Das erscheint aber wiederum erst einmal nur für die Xbox, womit wir schon beim nächsten Highlight der Messe angekommen wären: Den Konsolen.

Xbo ... äh ... Konsolen erobern die Spielerherzen
Die Anzahl der Xbox-Logos auf der Messe kann nur geschätzt werden. Tausend? Zweitausend? Oder mehr?



Jedenfalls glich der Messestand von Microsoft einem Meer aus grünen Xbox-Schriftzügen und Xbox-Live-Ankündigungen.

Und schaut man sich das Ganze genauer an, so stellt man schnell fest, dass Sonys Vorsprung mit der Playstation 2 schmilzt. Die Xbox leistet verdammt viel und sie hat mit der sehr erfolgreichen Einführung ihrer Online-Fähigkeit (Xbox Live) das angeschlagene Image kräftig aufpoliert.

Microsoft gibt zu, dass die Xbox weiterhin ein Verlustgeschäft ist. Doch die Mannschaft von Bill Gates sieht das Projekt als langfristige Investition, die sich eventuell erst in 15 Jahren amortisieren wird. Wohl dem, der das Geld hat, so etwas durchzuziehen.
»Midtown Madness 3«, »Halo 2« und eine schier unüberschaubare Flut weiterer neuer Titel erscheint für die Xbox.

Besonders das Online-Spielevergnügen bei Action-Titeln wie »Gran Tourismo 4« oder jetzt auch »Counterstike« laden dazu ein, zum Konsolero zu werden. Oder doch bei der Playstation 2 oder dem GameCube von Nintendo zu bleiben. Denn auch für die gab es eine Unmenge neuer Spiele zu sehen.

Bei einigen von ihnen drängte sich allerdings der Eindruck auf, dass diese beiden Konsolen technisch ein wenig hinterherhinken. Vom Online-Vergnügen ganz zu schweigen: Die PS2 bietet das immer noch nicht, der GameCube aber sehr wohl. Aber kennen Sie jemanden, der online mit der GameCube-Konsole spielt?

Vielleicht sollte man bei Nintendo die Marketing-Strategie noch einmal überdenken.
Auf Wiedersehen im nächsten Jahr

Die E3: Alle Jahre wieder ist diese Messe ein spannendes Erlebnis. Nur wünscht man sich manchmal, der Tag hätte 36 Stunden. Tagsüber stürzt man sich in den bunten, höchst informativen Messerummel, abends trifft man sich mit Kollegen zu netten Sit-ins und zwischendurch muss man auch noch Hollywood einen Besuch abstatten.

Beispielsweise um bei der Premiere von »Matrix Reloaded« dabei zu sein.
Keine Angst, wir schafften es. Und so wusste der Autor dieser Zeilen schon eine Woche vor Ihnen: Ataris »Enter the Matrix« ist cool! »Matrix Reloaded« ist noch cooler! So unglaublich cool, dass er sich den erneuten Besuch des Films in deutschen Kinos sparen wird und lieber Eis essen geht. Das ist nämlich auch cool.

Aber die Veranstalter haben Recht behalten: »Where Business Gets Fun« stimmt! Oder hätten Sie sonst diesen Bericht gelesen?