Mein überlebensgroßer fernöstlicher Superkämpfer springt unerwartet leichtfüßig in die Luft und schwingt zwei riesige Hellebarden über seinem Kopf: Mit einem lauten Schrei entfesselt er seltsame, hellblaue Wellen, die den gegnerischen Mob aus hunderten gesichtslosen Polygonsoldaten an die Palastwände schleudern. Das begleitende Gitarrenstück kommentiert mit dröhnendem Japano-Rock jede Tastenkombination und lobt mich für den ultimativen Angriff, der schon seit vielen Leveln zum Grundinventar gehört. Dem epileptischem Anfall nahe ruft ein Zuschauer „Was ist DAS denn?“, ich antworte mit labilem Grinsen „Dynasty Warriors 8: Xtreme Legends Complete Edition!“

Dabei bleibt unklar, ob die oben beschriebene Szene vor zehn Jahren oder vorgestern passierte – beides wäre denkbar und würde das grundlegende Spielkonzept der Dynasty Warrior-Reihe treffend beschreiben, heute wie damals: Seit 1997 kloppen sich Spieler mit übermächtigen Heldenfiguren durch fernasiatische Polygonarmeen der drei Reiche Chinas.

Dynasty Warriors 8: Xtreme Legends - Per Handkantenschlag durch Asien

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So hübsch wie auf diesen Screenshots kommt das Asia-Gekloppe leider nicht daher.
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Weder grafisch noch inhaltlich sind die Warrior-Spiele dabei ein Höhepunkt der Videospielgeschichte und trotzdem übt das wiederholte Drücken eines überschaubaren Kombinationsspektrums eine seltsame Faszination auf ihre Fans aus, während Außenstehende unverständlich den Kopf schütteln.

Der Handkantenschlag geht in die nächste Runde

Mit den Zusätzen „Xtreme Legends“ und „Complete Edition“ werden noch weitaus mehr als nur Worthülsen auf den Originaltitel „Dynasty Warriors 8“ gepackt: Neue Kostümchen, eine Cross-Save-Funktion, die die Speicherstände von PS3 mit PS4 und Vita verbinden und ein überarbeiteter Ambition-Modus, der mit „Ehrgeiz-Modus“ gruslig ins deutsche übersetzt wurde, gehören zu den Features des Titels.

Nicht Bestandteil des Erweiterungspacks scheinen Dingen wie Kantenglättung und detaillierte Texturen zu sein – die suchen wir während des epischen Schlachtenkloppens abseits des eigenen Helden vergeblich. Immerhin bleibt meist kaum Zeit dafür, an Palast- oder Festungswänden zu verweilen, um sich die digitalen Mauerzüge genauer anzusehen – dafür passiert auch jenseits des serienmäßigen Grafiknebels einfach viel zu viel.

Dynasty Warriors 8: Xtreme Legends - Per Handkantenschlag durch Asien

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Die Kräfte der Kämpfer sind vergleichsweise spektakulär in Szene gesetzt.
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Die Schlachten und Kämpfe bilden traditionell den spielerische Kern von Dynastie Warriors 8: Jeder der insgesamt 82 spielbaren Charaktere ist mit irgendeiner Ereigniskette der tobenden Schlachten und Geschehnisse im halb fiktiven, halb historischen China verbunden und so finden wir uns je nach Heldenwahl auf verschiedenen Fronten mit verschiedenen Geschichten und Hintergründen wieder.

Dynasty Warriors ist zurück - mit alten Schwächen und Tugenden gleichermaßen. Schade!Fazit lesen

Doch ob es nun um die Eroberung einer strategisch wichtigen Festung oder die Wiedererrichtung der kaiserlischen Herrschaft im Land geht - wenn man einmal ganz ehrlich ist, dann spielen wohl nur die wenigsten Freizeitkrieger unter uns „Dynasty Warriors“, um eine toll inszenierte, packende Geschichte zu erleben. Viel wichtiger sind flüssige Kombos, viele Waffen und ordentlich Backpfeifenfutter – und davon gibt’s mehr als genug.

„Mach Platz, hier kommt der Landvogt!“

Als ich mich zum ersten Mal durch das Charaktermenü bewegte, fühlte ich mich wie das kleine Kind im Bälle-Pool des Einkaufszentrums von nebenan. So viele verschiedene Helden, mehrheitlich Männer aber auch ein paar Frauen, die optisch vom zerbrechlichem Schönling bis zum wettergegerbtem Haudegen kein Klischee auslassen. Nachdem ich mich endlich für einen Heroen entschieden habe, wird schon die nächste, vielleicht noch kniffligere Entscheidung von mir verlangt.

Aus rund 1200 Waffen muss ich mir Primär- und Sekundärbewaffnung zusammensuchen – keine leichte Aufgabe, da die tödlichen Werkzeuge sehr vielfältig sind und fast das komplette Spektrum des Vorstellbaren abdecken: Von Rosshaarpeitschen über Ängste, Lanzen und verschiedenste Schwerter bis zu Holzknüppeln. Besonders schön daran ist, dass sich die Movesets und Bewegungen je nach Waffe immer voneinander unterscheiden – die Waffenwahl zu Beginn einer Schlacht ist also weitaus mehr, als nur der Austausch von verschiedenen Waffenskins.

In der Schlacht angekommen merken wir allerdings schnell, dass es fast egal ist, für welche Waffe wir uns entschieden haben: Da sich die Gegnerhorden fast kommentarlos abschnetzeln lassen, waltet nur unser Geschmack, nicht aber strategische Überlegung über die Entscheidung, ob wir Pfeil und Bogen oder doch der Doppelaxt den Vorrang geben wollen: Als fernasiatischer Held seid ihr hoffnungslos übermächtig und werdet nur auf dem allerhöchsten Schwierigkeitsgrad „Ultimate“ hin und wieder den Niederlage-Bildschirm erblicken.

Diese spielerische Allmacht gehört allerdings zum Konzept der Dynasty-Reihe: Der Spielspaß besteht nicht aus spannenden Duellen und nervenaufreibenden Quicktime-Sequenzen, sondern das möglichst spektakuläre Auspusten tausender Polygon-Lebenslichter. Diesem Konzept fallen auch die Storylines zum Opfer, die durch Ladebildschirmtexte mit vereinzelten Rechtschreibfehlern oder als uninspierter Zwischensequenzen vor Beginn einer Schlacht erklärt werden. Auch aus diesem Grund fällt es schwer, Neueinsteigern und Zuschauern abseits des Geschehens das Faszinosum „Dynasty Warrior“ schmackhaft zu machen.

Neue Modi: Obligatorisch und obsolet

Neben dem üblichen Freien Modus, der das spielerische Destillat der Dynasty-Reihe auf den Punkt bringt und dem Herausforderungsmodus, der der wilden Massenschlägerei eine Online-Rangliste hinzufügt, dürfen sich Serienfreunde über den Ambition-Modus („Ehrgeiz-Modus“) wundern: Hier muss man sich für einen Helden entscheiden, an dessen Seite ein anfängliches Lager auf einer Waldlichtung nach und nach zu einem kleinen Dorf ausgebaut werden kann.

Dynasty Warriors 8: Xtreme Legends - Per Handkantenschlag durch Asien

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Backpfeifen für alle!
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Hierfür müsst ihr aber Materialien sammeln – und wie kommt so ein ruhmreicher, schlachtengestählter Krieger an so einfache Dinge wie Bauholz? Richtig, noch mehr Schlachten! Beim Pförtner (Kein Witz!) eurer persönlichen Lichtung dürft ihr aus verschiedenen Missionen wählen, die je nach Schwierigkeitsgrad mit unterschiedlich viel Baumaterial locken.

Mit den wertvollen Hölzern im Gepäck dürft ihr allerdings nach eurer Rückkehr nicht selber entscheiden, wo und welche Gebäude entstehen dürfen. Stattdessen klappert ihr die Baustrukturen wie am roten Faden gezogen ab ohne Einfluss auf das Aussehen eurer Basis zu haben. Damit schleicht sich das Gefühl ein, dass die Entwickler „irgendwas mit offener Welt und freiem Missionsdesign“ implementieren wollten, aber am Spielprinzip, dass einen ganz anderen Fokus hat, scheiterten. Dynasty Warriors 8 ist nun mal keine Aufbausimulation.