Techland konnte bislang zwar mit emotional stark geladenen Trailern punkten, aber die Spiele dazu waren eher durchschnittlich. In keinem „Dead Island“ wurde die Dramatik der Überlebenden wirklich glaubhaft transportiert, das waren mehr plumpe Zombie-Schlachtsimulatoren. Für Dying Light lässt man sich jetzt heftig von „Mirror’s Edge“ inspirieren und spielt endlich auch im Spiel mal die Gefühlsklaviatur.

Dying Light - Dying Light: The Following | Be the Zombie: The Showdown TrailerEin weiteres Video

„Seit zwei Monaten sind wir jetzt in diesem Rattenkäfig gefangen. Irgendwo zwischen Leben und Tod“, murmelt ein muskulöser Typ in seinen Rauschebart. Er trägt ein durchschwitztes, schmutziges Hemd, eine Machete am Gürtel und wirkt ziemlich außer Atem. Gerade noch wollte ein fetter, hässlicher Zombie Bowling mit seinem Haupt spielen und generell hat die Bevölkerung dieser südamerikanischen Stadt nur „Braaains“ im Kopf.

Bretterhütten säumen ganze Hügelketten, zwischendurch guckt mal eine Palme raus und die Sonne brennt. Das Szenario erinnert an Rio de Janeiro (den offiziellen Spielort hält Techland allerdings noch geheim), das Spiel an sich an „Dead Island“. Allerdings auch nur entfernt, denn das hier fühlt sich viel agiler, leichtfüßiger und schneller an. Wo „Dead Island Riptide“ ein blutiges Massaker war, ist das hier eher ein High-Speed-Action-Adventure, das viele menschliche Züge trägt.

Kein Heldentum, sondern einfach nur Menschlichkeit

Die Dead-Island-Reihe hatte jedes Mal einen Trailer, der unter die Haut ging. Beim ersten Titel war es dieses kleine Mädchen, das wir auf der Flucht begleiten, danach erleben wir, wie ihre Eltern hingerichtet werden und auch sie letztlich stirbt.

Beim zweiten Spiel das Pärchen, das eng umschlungen in ihrem gestrandeten Boot kauert, sich küsst und die Gasbehälter neben sich voll aufgedreht hat. Er nimmt ein Streichholz, sie seine Hand - eine Szene könnte wohl kaum besser umschreiben, was mit dem schönen Trauspruch „Bis dass der Tod euch scheidet“ gemeint ist.

Dying Light - Dead Island küsst Mirror’s Edge

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Schusswaffen sind extrem rar. Lediglich Militär, einige Banditen und Söldner haben Sturmgewehre (die wir ihnen mopsen können).
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Nur warum hat Techland daraus nie etwas gemacht? Die Dead-Island-Spiele waren plumpe Actionkost, die viel mehr Wert auf brutale Inszenierung als Gefühle legten. Emotionale Bindung zu den Charakteren? Fehlanzeige. Genau hier will Techland ansetzen und euch die Frage stellen, ob ihr bereit wärt, das Leben für die anderen zu opfern?

Packshot zu Dying LightDying LightErschienen für PC, PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One

Würdest du dein Leben für andere riskieren?

Das ist eine Frage, die von Shakespeare über „The Walking Dead“ bis zu „The Last of Us“ schon jedes künstlerische Medium gestellt hat. Techland macht aus dieser Frage ein Spielelement, denn in diesem Open-World-Action-Adventure begegnen euch ständig Neben-Quests, die ihr annehmen und meistern könnt – oder die ihr ignoriert. Das Jammern und Wimmern eines kleinen Mädchens wird kaum einer ignorieren können, auch nicht der Präsentator. Als wir gerade an einem Haus vorbeiziehen, hören wir die Kleine.

Die Totenarmee der Nacht

Die Tür ist jedoch abgeschlossen, wir müssten versuchen, über einen Strommast nach oben zu klettern und dann über den Balkon einzusteigen. Das alles kostet Zeit, und die ist in „Dying Light“ unglaublich wertvoll. Das Spiel setzt nämlich auf einen dynamischen Tag-und-Nacht-Rhythmus. Bei Tag warten ganz andere Gegner als bei Nacht. Sobald es dämmert, erwacht scheinbar auch der letzte Untote aus seinem Grab, jedenfalls sind die Straßen überfüllt mit Zombies.

„Dying Light“ zählte auf der E3 zu den schönsten Spielen überhaupt. Techland muss jetzt nur noch beweisen, dass sie auch Geschichten und Charaktere schreiben können.Ausblick lesen

Also zurück zur Operation „Rette kleines Mädchen“: Helfen wir ihr, werden wir es nicht vor Anbruch der Dunkelheit zu einem der Safehouses schaffen. „Die Mission hat Vorrang“, sagt eine Stimme aus dem Walkie-Talkie. Sie gehört zu Jade, die versucht, einen militärischen Ton anzubringen, der allerdings doch eher unsicher wirkt. Auch Jade weiß, dass die Kleine alleine keine Chance hat. Also schnell den Mast hochgeklettert, aufs Obergeschoss geschwungen und schon finden wir das Mädchen in ihrem Schrank.

Sie hat sich dicht an ihren großen Teddybär geklammert und offensichtlich Angst vor uns. „Daddy kommt gleich, du musst gehen. Er wird böse sein und dich verhauen. Mich verhaut er auch immer“. Lernt Techland etwa gerade, Schicksale zu transportieren? Schöner Anfang, da geht sicher noch mehr. Es ist durchaus interessant zu sehen, wie Techland eher die emotionale Klaviatur spielt als den üblichen „Rette sie, dann bekommst du +10 Charisma und 20 Gold“-Standard. Einen Bonus bekommen wir für die Rettung jedenfalls nicht, müssen uns jetzt aber extrem sputen, denn die Zeit rast.

Dying Light - Dead Island küsst Mirror’s Edge

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Wer hat die denn alle zur Party eingeladen? Flucht ist oft besser als heldenhafter Tod.
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Zackiger Parcours-Lauf, schnittige Action

Beim Spielgefühl verlässt sich Techland in einigen Teilen dann doch auf die Dead-Island-Erfahrung. So können wir ganz klassisch einen elektrisch geladenen Draht mit der Machete im Crafting-Menü kombinieren und erhalten dann ein Schnittwerkzeug mit Schockfunktion. Der Spielstil ändert sich allerdings rapide: Wo „Dead Island: Riptide“ eher behäbig daherkam, rennen wir hier auf einen Zombie zu, springen an die Wand rechts neben uns, weichen so seinen Krallen aus und setzen selbst zum Köpfen an.

Wenn ein besonders dicker Untoter namens „Demolition“ mit Autos nach uns wirft, schlittern wir in Deckung oder weichen per Hechtsprung aus. Der Rest ist Parcours, so rasant wie „Mirror’s Edge“: Wir springen von einem Dach an einen Balken, holen dort Schwung und landen an einem Mast. Schnell runterrutschen, nach rechts an die Wand springen, dort abstoßen und so auf die gegenüberliegende Seite gelangen.

Ganz nebenbei sieht das auch noch verdammt gut aus: Die Texturen sind messerscharf, die Sonne wirft tolle Schatten und wenn wir einem gerade erst mutierten Zombie den Hals umdrehen, können wir das Weiß in seinem Auge sehen