Ich bin ehrlich: Als Dwarf Fortress in unserem Sandkasten-Voting auf dem letzten Platz landete, brach mein Herz in tausend spitze Scherben, die nun blutig in meinen Händen stecken und meine Muskeln dazu zwingen, einen Artikel über Dwarf Fortress zu schreiben. Mit Herzblut. Denn Dwarf Fortress ist so ein bisschen die Mutter aller Sandkasten-Spiele; ein verrücktes Meer aus Zeichen, das nicht nur euer Auge, sondern auch euer Herz bestechen wird. Wahrscheinlich. Wenn ihr weiterlest und zulasst, mit mir und der gamona-Zeitmaschine eine kleine Reise zu unternehmen.

Dwarf Fortress stellt sich vor (Vorsicht: Unerwartete Blut-Explosionen):

2006: Das Leben vor Minecraft

… war hart. Keine Klötzchen-Welten, keine Let’s Plays von bärtigen Menschen, keine verrückten Todesstern-Konstruktionen, die jahrelang zusammengezimmert wurden. Keine seltsame Spielergemeinde, die einsam oder gemeinsam in ihren virtuellen Sandkasten buddelte. Wartet. Doch, die gibt es 2006, denn das ist das Jahr, in dem zwei Brüder entscheiden, ihre Strategie-Simulation Dwarf Fortress im Gewand einer Alpha ins Internet zu werfen.

Für Lau, im Übrigen. Dwarf Fortress ist bis heute kostenlos und finanziert sich ausschließlich über Spenden. Mit einem eigenen Reddit und einer seit Jahren standhaften Community funktioniert das recht gut. Aber zurück ins Jahr 2006: Dwarf Fortress schleicht ungesehen in die Spielergemeinschaft und versammelt um sich herum die ersten Jünger des bizarren Spiels: Die Menschen, welche die Regeln verstehen. Wenigstens ein bisschen. Denn Dwarf Fortress ist eines dieser Spiele. Eines der ersten Sandbox-Games überhaupt und in seiner Komplexität konnte es bis jetzt kein anderes Werk überbieten. Auch nicht Minecraft, denn Minecraft kam nach Dwarf Fortress und Markus 'Notch' Persson sagt selbst: Ohne die Zwergenfestung gebe es unseren liebsten Sandkasten gar nicht:

Auf der Suche nach neuen Ideen schaute ich einige alte Projekte durch und stieß auf einen alten Prototyp namens RubyDung, aus dem nie etwas geworden ist. Das Spiel, das aus verschiedenen Gründen so hieß, sollte ein einfaches Bau-Spiel werden, inspiriert von Dwarf Fortress”, erklärt Notch 2009 in einem eigenen Blogpost.

Auch Zachary Barths Infiniminer inspirierte Notch maßgeblich, aber das ist eine andere Geschichte. Dwarf Fortress war also ein großes Ding unter Programmierern und Kennern der damaligen Sandbox-Szene. Aber was ist Dwarf Fortress eigentlich? Was machte es so besonders, dass Notch noch immer in größten Tönen davon spricht?

Dwarf Fortress - Die rätselhafte Mutter von Minecraft

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Doof
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Slaves to Armok II: Dwarf Fortress

Dwarf Fortress sieht, nett ausgedrückt, doof aus. Die Spielwelt bestand und besteht noch immer ursprünglich aus Textzeichen, wobei es mittlerweile Mods gibt, die das Spiel verschönern. Aber dieser Sandkasten soll gar nicht so grafisch ansprechend wie ein Skyrim sein, denn bei dem Werk zählt die innere Schönheit: der Code.

Darum geht’s: Dwarf Fortress kreiert beim Start eines neuen Spiels eine gesamte Welt; jedoch nicht nur Bäume, Sträucher, Meere und Gesteine, sondern auch Tiere, Monster und Zwerge. Mit den Zwergen gilt es im Spiel, alles zu bauen, was ihr wollt: Hauptsache, ihr sterbt bei dem Versuch nicht oder werdet von einer Horde Goblins umgebracht. Das Spiel ist eine der komplexesten Simulationen, die es gibt.

Tarn Adams ist der Kopf hinter Dwarf Fortress und er brach seine Anstellung als Post-Doktorand in der Mathematik ab, um – natürlich – Dwarf Fortress zu programmieren. Könnt ihr euch vorstellen, was passiert, wenn ein Mathematiker solch ein Spiel austüftelt? Ich sage es euch: Kotzende Katzen. Tote Katzen. Und ganz, ganz viel Schnaps. Wir schreiben das Jahr 2015.

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Aber wir mögen Katzen. Was hat Dwarf Fortress mit den Katzen gemacht?
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2015: Dwarf Fortress: Kotzende Katzen

In Dwarf Fortress gibt es für jede Kleinigkeit Code und Regeln. Tarn und sein Bruder haben das Spiel über die Jahre immer weiter ausgebaut; werkelten jedoch nicht an der Grafik, sondern all die Zeit einzig an den etlichen, etlichen Codes, auf denen die Zwergengesellschaft basiert. Was ist also mit den Katzen passiert? Sie starben. Grundlos und plötzlich, überall im Spiel. An ihnen klebte Erbrochenes, was im Todes-Log der einzelnen Tiere minutiös aufgelistet wird.

Um eines klarzustellen: Katzen trinken in Dwarf Fortress keinen Alkohol. Stattdessen wurden zu dieser Zeit in einem Update Tavernen eingeführt, in denen Zwerge Alkohol trinken und sich auch betrinken konnten. Bei zuviel Suff konnte ein Zwerg sogar sterben, aber Katzen?

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Hallo, Tarn Adams
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In einem Interview mit PCGamer erklärt Tarn Adams, was damals eigentlich passierte. Für Katzen gab es verschiedene Codes, zum einen liefen sie natürlich über die Karte und tapsten somit auch in die neuen Tavernen, nachdem das Update in Dwarf Fortress einschlug. Ein gänzlich anderer Code betraf alle Lebewesen im Spiel: Spuren hinterlassen. Tarn erklärt, er wollte damit zu einem vergangenen Zeitpunkt etwa Blutspuren kreieren, die ein Zwerg nach einem Kampf hinterlassen konnte. Falls besagter Zwerg also blutige Stampfen über die Karte verteilte, musste ja eine gewisse Substanz an ihm kleben – ergo Blut, oder auch alle anderen möglichen Flüssigkeiten. Nun galt das nicht nur für Zwerge und in den Tavernen landeten die Getränke nicht nur in den Mägen der Besucher, sondern auch auf dem Boden. Wie in einer realen Taverne.

Ich muss noch weiter ausholen: Wir haben Tavernen und Katzen, die in den Tavernen lungern und in alkoholhaltige Getränke treten, die an ihnen kleben bleiben. Zu einem anderen Zeitpunkt werkelte Tarn an den Regeln für Katzen in Dwarf Fortress und wusste, wie wir alle wissen, dass Katzen nichts lieber tun, als sich zu säubern. Mit ihrer Zunge. Er programmierte die niedlichen Fellknäuel also derart, dass sie ihren Körper ablecken und dabei das aufnehmen, was an ihnen klebt. Wie Fell etwa, damit sie Fellbälle spucken. Oder Alkohol.

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Mysteriöses Katzensterben in Dwarf Fortress
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Richtig. Die Katzen säuberten sich also von dem Alkohol und der Betrunkenheits-Code setzte ein; sie wurden betrunken, hörten aber nicht auf, sich zu lecken. Warum auch? Und so starben sie, eine nach der anderen. Ich denke, ihr könnt euch nun vorstellen, was passiert, wenn ein Mathematiker wie Tarn Adams ein Spiel entwickelt. Lasst es uns testen und schauen, was geschieht, wenn ich mein Glück in Dwarf Fortress versuche.

2027: Dwarf Fortress im Selbstversuch.

Ich startete Dwarf Fortress Ende 2017, doch die ersten Minuten zeigten mir bereits, wie viel ich noch lernen musste. Kurz gesagt: Ich verstand nichts. Mit der Tastatur in klammen Händen versuchte ich, einzelne Befehle zu testen: Neue Karte kreieren. Gut. Das habe ich geschafft. Dann jedoch überfielen mich Buchstaben und Zahlen wie wildgewordene, betrunkene Katzen - und ich entschied, zu lernen.

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Nach einer langen Weile: noch mehr lernen!
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Die Jahre vergingen. Dwarf Fortress konnte ich zunächst nur zum Feierabend spielen, aber irgendwann wurde mir klar, dass es nicht genug sein konnte. Ich kam nicht voran, das Spiel war einfach zu komplex und so entschied ich mich im Jahre 2020, meinen Job an den Nagel zu hängen und mich ganz dem Zwergenleben zu widmen. Das Problem nur: Tarn werkelte weiter an Dwarf Fortress und machte es noch undurchsichtiger und bizarrer.

Heute, an einem sonnigen Samstag im Jahre 2027, denke ich an die alten Tage zurück. Dwarf Fortress habe ich noch immer nicht gänzlich verstanden, aber ich bin auf einem guten Weg. Vielleicht versucht ihr es auch einmal? Das Spiel zu starten dauert kaum mehr als ein paar Minuten, es zu lernen… nun, ihr seht es ja an mir. Eines möchte ich aber noch loswerden: Dwarf Fortress muss nicht selbst gespielt werden, aber es gibt vielleicht einen Einblick in das, was Sandbox-Spiele sein können und was ein einzelner, doch recht genialer Mensch erschaffen kann.