Online-Shooter gibt es wie Sand am Meer. Der Markt ist hart umkämpft, denn die Spieler sind eher konservativ, bleiben meist einer bestimmten Serie treu. Warum also glaubt MMOG-Publisher CCP, mit Dust 514 ausgerechnet in diesen Markt vorstoßen zu können? In einer Suite am Rande der gamescom konnten uns die Jungs aus Island eindrucksvoll beweisen, dass ihr Spiel weit mehr als nur ein herkömmlicher Shooter wird.

Voll war es in diesem Jahr auf der gamescom - und heiß. Viel zu heiß auf jeden Fall für das kleine Team, das von CCPs Hauptquartier im eisigen Reykjavik aus in streng geheimer Mission an den Rhein entsandt worden war. Und weil die Mission so geheim war und die mörderische Hitze in den heiligen Hallen zu Köln dem isländischen Organismus sichtbar schwer zusetzte, mietete man kurzerhand eine Suite gegenüber des Messegeländes und ließ einen Ruf ergehen.

Konspiratives Treffen

Der erreichte mich in Halle 9 just zu dem Zeitpunkt, als ich mich angesichts von Hitze und Luftfeuchtigkeit auf dem Vorhof zur Hölle wähnte und mir der Messe-Tinnitus zudem beharrlich einen Bienenschwarm um meinen Kopf herum simulierte. Die Worte ‘Dorint Hotel’ und ‘Suite 603’ ließen mich in diesem Moment eher an Ruhe, erfrischende Getränke und ein gemäßigtes Klima denken und weniger an diesen staubigen Online-Shooter, an dem CCP gerade zimmerte.

Dust 514 - Staub aufgewirbelt: Der neue Shooter der Eve-Online-Macher

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Dust macht seinem Namen alle Ehre: Die Atmosphäre ist wirklich trist und feindselig.
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Kein Wunder, denn mit der Ankündigung, Dust 514 im kommenden Frühjahr exklusiv und ausschließlich für die PS3 und mit Itemshop veröffentlichen zu wollen, hatte das isländische Studio schon im Vorfeld der Messe gehörig Staub aufgewirbelt. Die Fans von EVE Online waren entsetzt, fühlten sich ausgegrenzt und große Teile der Gamer-Community prognostizierten dem Shooter eine ganz und gar düstere Zukunft.

Besuch bei den Men in Black

Was auch immer die CCPler da in ihrer Suite bereithalten sollten, interessierte mich zu diesem Zeitpunkt also weit weniger als die Hoffnung auf etwas Ruhe vom allgemeinen Messestress. Das sollte sich jedoch in dem Moment ändern, als ich vollkommen unerwartet von gleich fünf gut gelaunten Entwicklern empfangen wurde, die mir ohne Umschweife ankündigten, womit ich im Vofeld niemals gerechnet hätte: Ich würde in jener Hotel-Suite Dust 514 live, online und in Aktion zu sehen bekommen. So weit sind die also schon!

Als ich daraufhin freudestrahlend in meiner Tasche kramte, wurden die fröhlichen Jungs in Schwarz allerdings ernst: “Mitschreiben ist in Ordnung - filmen oder fotografieren allerdings nicht!” War ja klar, dass die Sache einen Haken haben würde. Na gut - ich lehne mich also zurück und beschließe, mich einfach ein wenig von Dust 514 berieseln zu lassen.

Packshot zu Dust 514Dust 514Erschienen für PC und PS3

Staub aus Shanghai

Das Wort hat Atli Már Sveinsson. Das ist einer jener isländischen Entwickler, die vor einiger Zeit nach Shanghai ausgewandert sind. Das taten sie aber nicht allein der schönen Mädels wegen, sondern um dort CCP Asia zu gründen. Mittlerweile arbeitet der asiatische Ableger auf Hochtouren an der Fertigstellung von Dust 514, das zwar bereits im kommenden Jahr erscheinen soll, in Sachen Spieldesign allerdings noch immer ein Mysterium ist. Doch genau um das zu enthüllen, sitze ich ja jetzt in dieser feinen Hotel-Suite.

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Und egal, wohin man blickt - es wird einfach nicht besser.
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Während Sveinsson weit ausholt und erklärt, was EVE Online ist und ausmacht, hält sein Kollege den PS3-Controller in der Hand. Der wird wohl gleich Dust zocken, denke ich mir so und ärgere mich gleichzeitig darüber, dass der andere Kollege derweil am Notebook EVE Online zocken und ständig dabei chatten muss - eigentlich eine Unverschämtheit, mitten in einer Präsentation.

Die Verschmelzung von EVE und Dust klingt in der angestrebten Komplexität mittlerweile wie der Traum eines wahnsinnigen Entwicklers. Doch der Wahnsinn könnte Methode haben.Ausblick lesen

Zwei Herzen in einer Brust

Endlich sehe ich Dust 514 auf dem großen Monitor. Die Lobby erinnert stark an das neue Quartier, das die Piloten seit Incarna in EVE Online bewohnen. Das Charaktermodell gleicht dem aus EVE wie ein Ei dem anderen, die Bewegung ebenso. Faszinierend - immerhin basiert EVE auf der hauseigenen Trinity-Engine, Dust hingegen auf Unreal 3.

Man habe gewisse Schnittstellen entwickelt, erklärt Creative-Director Sveinsson, über die man die beiden grundverschiedenen Engines kommunizieren lassen kann. Und es sei natürlich gewollt, dass sich der Söldner aus Dust in einem für New Eden typischen Umfeld befindet. In diesem Fall hockt er auf einer Orbitalstation, von der aus eine Art Fahrstuhl bis hinunter auf den Planeten führt.

Solutions for a small planet

Unten angekommen, geraten wir sofort in ein Feuergefecht, das in seiner Intensität durchaus mit den besten Shootern am Markt mithalten kann. Der Mann mit dem Controller in der Hand ist Teil eines Teams, das sich offenbar das Ziel gesetzt hat, eine Basis vom Feind zu befreien. Der Feind wird, ebenso wie die verbündeten Kämpfer, von Kollegen gespielt, die zeitgleich im Studio sitzen - fernab der gamescom.

Ich erlebe also eine echte Online-Schlacht mit, wie sie später in Dust 514 die Regel werden soll. Der zockende CCPler in der Hotel-Suite spielt Dust nicht zum ersten Mal. Er kennt sein Team und er kennt die Gegner. Er geht geschickt vor, steigt aus seinem Panzer aus, sucht immer wieder Deckung, streckt mit seiner Wumme gezielt Gegner nieder und wirft, als er vom Feind umzingelt scheint, todesmutig Granaten um sich.

Unter Zockern

Das rettet ihm die Haut. Er freut sich wie ein kleiner Junge. Im Präsentationsraum feuert man ihn an - das sei der Wurf des Tages gewesen, rufen die Kollegen und werfen vor Begeisterung die Arme hoch. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr wie in einer Präsentation, sondern eher wie im Kreise meiner Kumpels, die auf einer LAN-Party ihr Lieblingsspiel zocken.

Auch der Typ am Notebook wird plötzlich aktiv. Jetzt komme sein großer Auftritt, verkündet er. Ich blicke auf seinen Bildschirm und sehe, wie er von seinem Schiff in EVE Online aus irgendetwas auslöst. Für einige Sekunden wird es ruhig. In Dust 514 scheint die Zeit stillzustehen. Dann geht alles Schlag auf Schlag. Weiße Strahlen bahnen sich vom Orbit aus ihren Weg auf die Planetenoberfläche und fegen die letzten verbliebenen Gegner aus dem Bild. Die Basis ist befreit.

Dust 514 - Eve Online wird ein Shooter. Hilmar Pétursson im Interview.8 weitere Videos

Mitten ins Zockerherz
Ich reibe mir die Augen und weiß in diesem Moment nicht, wen ich mehr beneiden sollte - den Mann mit dem Controller oder seinen Kollegen am Notebook, für den ich anfangs kein Verständnis aufbringen konnte und der mich jetzt mit einem überlegenen Lächeln mustert, als hätte er die ganze Zeit meine Gedanken gelesen. Ich muss eingestehen - mit dieser Vorstellung haben mich die Jungs von CCP eiskalt mitten in mein Zockerherz getroffen.

Ich wundere mich. Warum zum Teufel freut man sich dermaßen über den Sieg, wo es doch eigentlich nur darum gehen sollte, einem Journalisten zu zeigen, wie das Spiel funktioniert? Atli Már Sveinsson lacht und erklärt: Wie in EVE Online wird man auch in Dust nicht nur gewinnen können - es besteht auch immer das Risiko, dass man hohe Werte verliert. Ausrüstung kostet ISK, Fahrzeuge kosten ISK - es steht immer etwas auf dem Spiel.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!

Weil das Spiel noch nicht live ist und die Entwickler über keine ‘echte’ ISK-Währung verfügen, spielen sie derweil einfach ein wenig um echtes Geld, um den Adrenalinstoß zu simulieren, den Dust-Spieler später ebenso erleben sollen. Die Vorführung hat dem kleinen Gespann in Köln also nicht nur das Wohlwollen eines Journalisten eingebracht, sondern obendrein noch eine Runde gutes deutsches Bier auf Kosten der Kollegen in Island.

Es stimmt also - Dust wird typische Sandbox-Elemente enthalten. Wer nicht aufpasst, kann viel Geld verlieren. Wer geschickt vorgeht, wird unermesslich reich. Und berühmt, denn ein erfolgreicher Feldherr darf einem Planeten einen neuen Namen verpassen, mit dem dann natürlich nicht nur die Spieler von Dust, sondern auch die Piloten in EVE Online zumindest zeitweise leben müssen.

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Mensch, irgendwo muss es doch wenigstens etwas Farbe geben.
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Die Chance der Theoretiker

In der Suite entbrennt eine hitzige Diskussion über den Verfall der MMOGs im Allgemeinen und darüber, was EVE Online und Dust 514 ausmacht. Auch in Dust soll ‘Theorycrafting’ eine große Rolle spielen. Es geht augenscheinlich nicht nur darum, möglichst gut mit einer teuren Waffe zu zielen, sondern es geht Teamplay und das Setup in der Gruppe. Die wichtigste Phase bei der Eroberung eines Planeten ist die Planung im Vorfeld - wie im echten Krieg.

Doch auch das Fitting der Fahrzeuge, das ähnlich dem der Raumschiffe in EVE Online gehalten ist, spielt eine entscheidende Rolle und kann einen Kampf entscheidend beeinflussen, ebenso wie die zu errichtende planetare Infrastruktur - dazu zählen Einrichtungen wie Klonfabriken oder Verteidigungsanlagen. Dust 514, verspricht der Creative-Director, werde weit mehr als “shooting someone in the face”.

EVE = Tranquility = Dust

Auch für Dust 514 gibt es tatsächlich nur einen Server. Und der heißt Tranquility. Das ist natürlich kein Zufall und wer EVE Online kennt, weiß auch, was das bedeutet. Tranquility verknüpft dann nicht nur zwei vollkommen unterschiedliche Spiele miteinander - Dust wird ein völlig neuer Teil der alten Welt von New Eden. Demgemäß fügt sich jeder Dustler auch automatisch in die Sandbox ein, ob er will oder nicht.

Da man von Dust 514 aus auf den Markt von EVE zugreift, bekommen die Wirtschaftsmogule von New Eden bald Konkurrenz. Sveinsson rechnet sogar mit Dust-Spielern, die nicht einen einzigen Schuss abgeben, sich dafür aber umso erfolgreicher am Markt positionieren oder politisch die Fäden in der Hand halten. Ihre Entscheidungen können, ebenso wie die von mächtigen EVE-Bossen, das Gesicht der Galaxis verändern. Und ja, es soll tatsächlich funktionieren: Man wird von der Konsole aus auch Raumschiffe in EVE Online zerstören können.

Kein Sandkastenzwang

Doch ich habe Bedenken. Nicht jeder PS3-Shooter-Fan will gleich tief in Marktsystem und Spielerpolitik eintauchen, um eine Mission zu erleben. Die meisten werden sich wahrscheinlich nur einloggen und losballern wollen. Können sie auch, erklärt mir der Creative-Director. Die Unterteilung von ‘HighSec’ und ‘LowSec’ als Gebiete mit hoher und niedriger Polizeipräsenz existiert auch in Dust.

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Zumindest hier sieht's etwas heimeliger aus.
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Wer sich nur mal eben durch eine Mission schießen will, um auf die Schnelle ein paar ISK zu verdienen, kann das in den sicheren Sektoren tun. Dort vergeben dann die bekannten NPC-Corporations mehr oder weniger lukrative Aufträge. Wer jedoch wirklich reich und berühmt werden möchte, fordert sein Schicksal in den von Spielern umkämpften Sektoren heraus und tritt in die Dienste der mächtigen Corps.

Meine Corp ist auch deine Corp

Die Spielervereinigungen in EVE Online sind dann quasi mit denen aus Dust 514 identisch. Natürlich werden sich auch in Dust neue Corps gründen. Jedes Unternehmen, das etwas werden will, braucht die Söldner am Boden. Umgekehrt braucht jede Söldnergruppe auch die Auftraggeber und ihre Unterstützung aus dem Orbit.

Der Aufschrei der EVE-Spieler und die Befürchtung, dass man Dust an ihnen vorbei entwickle, ist also teilweise berechtigt. Allerdings soll Dust 514 auch kein Nachfolger für EVE Online werden. Natürlich wird der eine oder andere erfahrene Kapselpilot hin und wieder mal eine Runde Dust zocken, doch letztlich wird seine Präsenz im Orbit viel entscheidender sein.

Nur für neu einsteigende Shooter-Fans wird Dust 514 ein komplett neues Spiel. Für die Veteranen aus EVE Online hingegen wird Dust die wahrscheinlich größte Erweiterung, die ihr Spiel je erfahren hat. Mitten im Sandkasten von New Eden ist CCP dabei, einen Tunnel zu einer weiteren Ebene zu buddeln. Und auch wenn die Spieler im Sandkasten immer nur auf einer Ebene spielen dürfen, so haben ihre Handlungen doch auch immer Einfluss auf das große Ganze.

Plötzlich verstehe ich, warum sich der Publisher für die PS3 und gegen den PC als Plattform entschieden haben. Man erschließt eine komplett neue Zielgruppe, bringt neue Spielkameraden in den Sandkasten. Man baut New Eden also nicht um, sondern man baut es in jeder Hinsicht aus. Zudem eignet sich die Weltraumsimulation phasenweise recht gut, um nebenbei gespielt zu werden. Durch den Einsatz der Konsole kann EVE also prima im Hintergrund weiterlaufen.

Dust 514 - Staub aufgewirbelt: Der neue Shooter der Eve-Online-Macher

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Trotzdem beeindruckend, die Zukunft, in die CCP entführt.
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Günstiger Einstieg

Und noch eine Information leiere ich aus dem isländischen Gespann heraus: Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Dust 514 zum Start für rund 20 Dollar zu haben sein. Dafür bekommt man etwas Spielgeld. Wer mehr davon möchte, darf es sich entweder ergrinden oder kaufen. Die Jungs garantieren mir, dass sich daraus keine unfairen Vorteile ergeben, sondern allenfalls ein Zeitvorteil.

Damit die Sandbox nicht unter dem alternativen Gebührenmodell leidet, wird die virtuelle Währung AUR aus Dust nicht in EVE übertragbar sein und umgekehrt - im Gegensatz zur Standardwährung ISK. Ob das in der Praxis wirklich wie geplant funktioniert, bleibt abzuwarten. Aber die fünf Entwickler versichern mir, dass sie unter keinen Umständen das Gleichgewicht von New Eden gefährden würden. Sie wissen, dass der langjährige Erfolg von CCP letztlich auch davon abhängt.