Na, wollt ihr Gold? Rüstungen? Zaubersprüche? Dann holt sie euch. Aber beschwert euch nicht, wenn ihr beim Versuch auf einem der Folterinstrumente meines Dungeons landet. Gute Spieler kommen in die Highscore-Liste. Böse überall hin.

Der Zweck heiligt nicht alle Mittel, hat der Vater mit gehobenem Zeigefinger gesagt und dabei meist ungeheuerlich weit die Augen aufgerissen. Das würde ich auch heute noch unterschreiben. Und sofort Vertragsbruch begehen. Mit Dungeons. Dieses Spiel fordert auf. Es ist eine Ermutigung zur Revolte gegen ausgelatschte Fantasy-Pfade.

Realmforge sitzt in seiner kleinen Entwicklerecke und darf sich herrisch darüber freuen, dass man sich mehr als zehn Jahre nach Erscheinen der Inspirationsquelle Dungeon Keeper 2 an ein Genre herangetraut hat, das eigentlich gar keines ist. Zumindest kein starres, eingezwängtes und in Taxonomien festgelegtes. Ein Aufbau-Abenteuer, aber aus Schurkensicht.

Dungeons - Höllenqualen, Schmerzensschreie, Blutergüsse - ein Fest für Folterknechte

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 26/311/31
Blutig, muffig, abgeranzt: ein Kerker zum Wohlfühlen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Gewölbe, unterirdische Verliese mit Skeletten, Zombies, Spinnweben und Gruften sind inzwischen Standard, das lockt keinen Spieler mehr hinterm Fantasy-MMORPG hervor. Doch bei Dungeons geht es darum, blöden 08/15-Helden auf ihrer Suche nach Schätzen, Ausrüstung und Monstern so richtig in den Hintern zu treten, ihren Hass auf alles Dunkle abzuzapfen und damit ein Königreich der Unterwelt zu schaffen. He he! Aber im Herzen des Hasses war vorher Liebe - und die macht bekanntlich blind. Und faul.

Und so sitzt der Lord auf seinem Kristallthron, lässt sich von seiner Geliebten Calypso (wer findet die Werbung?) an der behelmten Nase herumführen und merkt nicht, dass die Freundin und Mitherrscherin Tür und Tor für Heldenhorden öffnet. Die überrennen nun das riesige Dungeon, meine Macht ist erst mal dahin.Was soll die rot-schwarze, leicht bekleidete und großbusige Teufelsschnecke auch mit einem langweiligen Throngammler, der noch nicht mal mehr weiß, wie er zu seinem Ruhm gekommen ist? Sie sagt nur: „Zwischen uns ist es aus.“

Packshot zu DungeonsDungeonsErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Was das bedeutet, erklärt Diener Sidekick, der - passenderweise mit einem Holzbein ausgestattet - die Richtung vorgibt. Nach oben. Je näher an der Oberfläche, desto harmloser der Dungeon-Lord, desto harmloser auch die Monster. Das ist spätestens seit Diablo allgemein bekannt. Also, alles auf Los. Im höchsten Verlies lernt es sich noch immer am ruhigsten.

Unter Lecker-Schmeckerlingen

Direkt unter Lecker-Schmeckerlingen werden die eingeschläfenen Fähigkeiten trainiert. Wie baue ich ein Verlies, über das in den Tavernen gesprochen wird, aber keinen Goldrausch entfacht? Priorität eins: Beschütze das Herz. Solange es im Zentrum des Kerkers schlägt, summt die Helden-Erntemaschine wie geölt. Denn neben dem Gold, das sie mit in mein Labyrinth bringen, haben sie noch etwas Wertvolleres: Seelenenergie.

Ohne die läuft nichts. Während die Lichtduscher in regelmäßigen Abständen im Level aufsteigen (schließlich haben sie ja auch ein gutes Trainingsgelände!), muss ich mich richtig anstrengen. Monster aufwerten, den Herzwächter beschwören, meine Fähigkeiten als rasender Raumausstatter verbessern - viel Aufwand, hohe Kosten.

Dungeons - Höllenqualen, Schmerzensschreie, Blutergüsse - ein Fest für Folterknechte

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 26/311/31
Helden sind zum Sterben und Ausquetschen da.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Also: Je mehr Seelenenergie, desto besser. In manchen der 17 Kampagnenlevel wird es zum Verhängnis, wenn der Dungeon zwar toll aussieht, mit „Skelett in Topf“, Schlangenbrunnen und Kerzenständern ausgestattet ist, aber die Helden ein viel höheres Level als die monströsen Bewohner haben. Dann sind sie nicht besonders beschäftigt und gehen auf mich los. Auch unter Tage wird Einseitigkeit bestraft.

Der Dungeon-Lord empfiehlt: Skelett im Topf.Fazit lesen

Werratten, sechsbeinige Höllenhunde und schwebende Langarmzombies mit Jackett sind furchteinflößend - aber nicht, wenn sie beim ersten Schlag direkt vornüber fallen. Da gähnt der schwertschwingende Paladin, winken die Zaubernovizen und Waldläufer aus der zweiten Reihe voran - und suchen nach größeren Herausforderungen.

Auch der Dungeon-Lord, der in persona durch seine Gänge hastet, kann gegen hochgelevelte Abenteurer in wildgewordener Gruppe zuweilen wenig ausrichten. Je unspektakulärer, je unbekannter das Gängegewirr an der Oberfläche, desto weniger Boni auf die rollenspieltypischen Grundwerte (Stärke, Geschicklichkeit, etc.). Wer die Sicht von oben nicht mag, für den gibt es die inzwischen standardmäßige MMORPG-Kamera in dritter Person.

In verschiedenen Leisten am unteren Bildschirmrand sind Zaubersprüche organisiert, die der möchtegernschrecklichste der Schrecklichen per Fähigkeitenbaum erlernt oder verbessert. Für Achievements packe ich Schriftrollen in den Magiewälzer und ebenfalls in die horizontale Icon-Übersicht.

Dungeons - Höllenqualen, Schmerzensschreie, Blutergüsse - ein Fest für Folterknechte

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 26/311/31
Bevor sie irgendwo als Häufchen Elend enden.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Bei den Helden ist die Reflexion des eigenen Berufsstandes erstaunlich. „Bitte tötet mich nicht, ich bin viel zu niedrigstufig“, fleht einer um Gnade. Das gibt von mir zwar ein paar Gnadenminuten, danach aber ist Schluss. Was soll das elendige Gewinsel? Zuvor haben sie sich noch über meine Arbeit gefreut, prahlten ständig: „Monster! Erfahrungspunkte! Gold!“. Gut, dass die Kampagne so abwechslungsreich ist - denn die pure Heldenernte kann auf Dauer etwas fade werden.

Das liegt daran, dass ich mit dem Dungeon-Lord vieles selbst machen muss. Bei gegnerischen Herrschern auf der Karte wird es zu einer Aneinanderreihung von Duellen - zwar mit MMORPG-Charakter, aber ohne Mitstreiter. Die eigenen Monster kann ich nicht direkt steuern, sodass sie in den heimischen Gängen auf ihren Pentagrammen sitzenbleiben. Auch wenn ihr Meister zeitgleich außerhalb einen erbitterten Kampf gegen den Konkurrenten austrägt.

Quatschende Helden am Heilbrunnen

In der eigenen Einflusssphäre quatschen die Oberflächenflaschen derweil darüber, was sie sich von den erbeuteten Schätzen kaufen wollen. Falls ich sie laufenlassen sollte und sie die Heldeneingänge wieder als Ausgänge nutzen können! „Davon hole ich mir eine neue Rüstung!“, „Das brauche ich für meinen Zauberstab!“. Auch die Fantasy-Parallelwelt ist längst zur Konsumgesellschaft verkommen. Wer nicht wimmert, darf stattdessen weiter seinen Bedürfnissen frönen: Die eigens angelegten Waffenkammern, Bibliotheken und Goldhaufen benutzen, masochistisch auf Schaden im Kampf hoffen und Fallen entschärfen.

Zwischendurch quatschen Helden gemütlich am Heilbrunnen über ihre Abenteuer und fühlen sich an der eingerichteten Feuerstelle richtig wohl. Wird einer wütend, weil ihm die Gestaltung des Dungeon nicht genehm ist, wandelt sich die Gruppe zur revoltierenden Meute, die sich gemeinsam den Weg zum Zentrum bahnt. Rädelsführer frühzeitig ins Gefängnis stecken hilft definitiv.

Dungeons - Höllenqualen, Schmerzensschreie, Blutergüsse - ein Fest für Folterknechte

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 26/311/31
Die Höhlen unter Tage sind gefüllt mit allerlei wunderlichen Gestalten.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Auch wenn ein Champion kommt, der wirklich an das große Gute glaubt und schnurstracks in Richtung Foltergeräte, Zellen und Dungeon-Herz marschiert, droht Chaos in der bösartigen Ordnung. Freigelassene Gefangene, erlöste Gefolterte, Helden mit plötzlichem Sinn für das Allgemeinwohl. Das kann ich nicht gebrauchen! Selbst hochgelevelte Riesenfrösche mit fleischgewordenem Morgenstern auf dem Kopf hält ihn nicht auf.

Als Gegenmittel gibt es nur Prestige. Je berühmt-berüchtigter die riesige Heldenfalle, je größer die Ausbreitung, je mehr Monster ich platziere, desto stärker werde ich im direkten Duell mit den goldsuchenden Horden von Schafsbergen, Knuffelfingen oder Burg Schnuckelfels. Während ich für Vorgesetzte, die übrigens allesamt einen Knall haben (welcher Lord des Untergrunds macht schon ein Anti-Aggressionstraining, herrscht seine Untergebenen aber ständig an, er brauche Gold, damit er es bezahlen kann?), Missionen erfülle und mit meiner Figur von einem Ende meiner Gänge zum anderen haste, ist ein Großreinemachen sinnvoll.

Wackelpuddingschleim und Foltergerät „TV“

Bei der Erntezeit wird offensichtlich, ob der Dungeon sinnvoll angelegt ist. Denn mit geschickter Platzierung der Bauelemente und Räume beeinflusse ich, wo die Helden entlanglaufen. Alles in einen Raum packen ist dabei genauso schwachsinnig wie Lästern über Spiele, die man nicht verstanden hat. Die Chance auf zufriedene Eindringlinge, eine erträgliche Ernte und ein unversehrtes Herz ist damit verschenkt. Hier eine Bibliothek, da eine Waffenkammer, in die eine Ecke eine Schatztruhe, in die andere ein Skelettlampe zum Staunen und Fürchten, davor einige besiegbare Monster, eine gelegentliche Falle und zwischendurch ein paar Verschnaufpausen. Da bringt dem Heldenherz Freude. Und mir mehr Ressourcen.

Dungeons - gamescom 2010 TeaserEin weiteres Video

Also: Helden mit Klinge und Zaubersprüchen umsensen, schon ist es wieder etwas ruhiger im Verlies. Na gut, das stimmt nicht ganz, denn eigentlich quatscht mich häufig mein Goblinhelfer zu, der auf Waldmeister steht. So will ich bei einer Mission die grünen Schleimmonster nur vom einen zum anderen Ende der Karte eskortieren. Doch Sidekick verrennt sich in der Meinung, die Munition für die Schleimkanone sehe wie Wackelpudding mit ebendiesem Geschmack aus. Er liegt falsch, was er mit Fluchen kommentiert. Also kann ich Burg Schnuckelfels in Schleim versenken, ohne den Bewohnern Gratis-Waldmeisterpudding zu verabreichen. Und mein Goblin lässt sich lieber seine grünen Nasenauswüchse schmecken.

Auch meine Goldkasse ist danach gefüllt, denn die Gäste bringen freundlicherweise volle Beutel mit in meinen Dungeon. Meine Gefängnisse quellen dann vor Lichtduschern über, die immer mehr ihre gesammelte Seelenenergie an mich abgeben - je befriedigter sie vor der Ernte waren, desto länger. Geduld lohnt sich: So gibt es einen riesigen Seelenenergiebonus, sobald alle Bedürfnisse eines Eindringlings erfüllt sind.

Endlich ein geregeltes Einkommen! Noch besser klappt das mit den Mitteln der modernen Inquisition, etwa dem „Foltergerät TV“. Die Ingame-Beschreibung hält das Niveau des Namens spielend: „Dieses schreckliche Gerät wird selbst gestandene Helden zum Schreien bringen, dank der speziellen TV-Technik. TV steht dabei für 'Total Verblödend'.“ Herrlich.

Für eine Kompletternte bieten sich die Opferaltäre auf der Höllenebene an, die vor erneuter Benutzung allerdings erst gereinigt werden müssen. Menschen sind ja nützlich, aber warum diese rote Flüssigkeit im ganzen Körper? Manchmal habe ich das Gefühl, der Herrscher am anderen Ende der Vertikalen hat nicht nachgedacht. Zugegeben, wer seine Schöpfung nach Phil Collins & Co. benennt, von dem ist kaum Gescheites zu erwarten.

Dungeons - Höllenqualen, Schmerzensschreie, Blutergüsse - ein Fest für Folterknechte

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 26/311/31
So könnte ein Hort des Schreckens aussehen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das komplette Spiel sprüht nur so vor Witz. Von den Namen der Helden, dem Design der 15 verschiedenen Monster (die Riesenfrösche schon vergessen?) über die ständigen Anspielungen auf Diablo und Dungeon Keeper bis zu völlig sinnfreien Kommentaren des Helfergoblins und den Beschreibungen der Gegenstände, Fallen, von Was-weiß-ich-noch-alles. Hier ist Realmforge in die Vollen gegangen und hat ein Humorstück allererster Güte in die Regale (und unter die Erde) gelegt.

Auf drei unterschiedlichen Ebenen mit komplett eigenen Einrichtungs- und Monstersets kann ich mich auch im Sandbox-Modus austoben und Helden tagelang ausquetschen. Im Kampagnenpart sind die Scheiniheinis von der Oberfläche jedoch nur Mittel zum Zweck: um die hinterhältige Calypso in der Hölle zu besiegen und wieder auf den Kristallthron zu steigen!