Krawall im Kerker: Obsidian und Square-Enix wagen es tatsächlich, die „Dungeon Siege“-Serie fortzusetzen – und dann auch noch mit Fokus auf den Konsolen, oh Frevel. Der PC wird selbstverständlich auch mit einer Umsetzung beglückt, aber die Konsequenzen sind abzusehen. Konsolenfreundlichkeit? Funktioniert das überhaupt mit einem Dungeon Crawler, der solch markante PC-Altlasten buckelt?

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Virtuelle wie auch gefühlte 120 Jahre nach Dungeon Siege 2 läuft im Königreich Ehb so ziemlich alles falsch. Das einst mächtige Land zerfällt; an die glorreichen alten Tage erinnern höchstens noch versteinerte Ebenbilder einstiger Lebensretter. Und nun soll Lucky Lucas es richten. Ganz allein, auf sich gestellt, von allen verlassen streift Lucas durch dunkle Wälder und feuchte Grotten, um Glanz und Gloria zu ernten. Selbstverständlich unter der Regie eines Spielers, der das Geschehen traditionell aus leicht angeschrägter Vogelperspektive beobachtet und ihn durch unzählige Massenschlachten führt.

Dungeon Siege 3 - Krawall im Kerker: Wird die Konsolenfassung dem PC-Schnetzler zum Verhängnis?

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Dynamische Lichtberechnung sorgt für düstere Atmosphäre.
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Nun, ganz alleine ist Lucas nicht. Zumindest nicht permanent. Hin und wieder schließen sich NPCs seiner vom Schwert getriebenen Suche an und unterstützen ihn beim Abtrennen ekliger Spinnenbeine oder der Vernichtung anderer typischer Fantasy-Monster. Wäre ja auch ein Ding, wenn Lucas wirklich alleine schnetzeln müsste, immerhin steuerte man im Vorgänger noch ganze Kerkersäuberungsdivisionen in taktisch angehauchten Scharmützeln.

In Teil drei fallen diese aber flach. Stattdessen dürfen weitere Mitspieler eingreifen: Ein kurzer Druck auf den Start-Knopf des Joypads genügt, und schon macht Madam NPC das, was Spieler Nummer zwei möchte. Genauso leicht steigt man auch wieder aus, um das Schlachtfeld der künstlichen Intelligenz zu überlassen. Man sucht fast nach dem Münzschlitz, so „arcady“ scheint die plötzliche Rudelbildung, deren finale Größe noch nicht preisgegeben wurde. Mit derart deutlich in den Ecken platzierten HUD-Elementen ist man sogar geneigt, an Vier-Spieler-Sessions nach alter Gauntlet-Tradition zu denken.

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Obacht, eine Horde Frosch... Fisch... Mutanten... Wasauchimmer.
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Doch Nachhaken führte den engagierten Entwickler auf der Präsentation in Köln erst aufs Glatteis, dann zum Schweigen, dann zu ein wenig Gelächter und der abschließenden Bitte, dass wir uns doch selbst einen Reim darauf machen sollen – Gefolgt von der Gratulation seines Kollegen: Er habe sich wunderbar aus der Frage herausgewunden. Offensichtlich konnte man Vier-Spieler-Sessions also weder bestätigen, noch wollte man sie dementieren.

Mit „man“ sind übrigens die Entwickler von Obsidian gemeint, die unter der Obhut von Konsolenveteran Square-Enix am Ruf eines möglichen Diablo-Konkurrenten feilen. Die ursprünglichen Schöpfer von Gas Powered Games und Mad Doc Software nehmen nur noch eine beratende Position ein. Und das sieht man, denn obwohl versprochen wurde, man wolle die Komplexität eines PC-Rollenspiels auf die Konsole holen, scheint es eher umgekehrt. Hier wird ein heruntergebrochenes Zerrbild von Dungeon Siege programmiert, das Konsolenfeeling auf den PC bringt. Nicht zuletzt bewiesen durch den Umstand, dass neben Maus und Tastatur auch ein Xbox-360-Joypad auf dem PC Unterstützung findet, eine Nagetier-Steuerungsvariante für Playstation 3-Krieger aber bislang nicht einmal in Erwägung gezogen wurde.

PC-Tugend auf den Konsolen, oder umgekehrt?

Optimierungen für Konsolen sind keinesfalls ein Todesurteil für den Spielspaß. Aber schon an der Benutzerführung ist klar zu erkennen, dass die neuen Konsolenonkel von Square-Enix ein paar Kompromisse voraussetzen, die Fans der Reihe zur Diskussion anregen, wenn nicht gar vergraulen können. Zugeständnisse an die Handlung und den Zeitgeist – sprich den augenblicklich angesagten poppigen Grafikstil für Topview Dungeon Crawler – gehören sicher nicht dazu. Es geht vielmehr um unnötig verschachtelte Fertigkeitenmenüs und vereinfachte Grundregeln.

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Beim Grillen wird zu sparsamem Umgang mit Brandbeschleunigern geraten.
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Ein Beispiel: Jeder Loot wird sofort identifiziert, jedes Geheimnis abseits vorgegebener Rätseleinlagen augenblicklich gelüftet, um Joypadakrobaten umständliches Cursorgefummel zu ersparen. Vielleicht wird auch so mancher PC-Rollenspieler erleichtert sein, das Inventar des Helden nicht mit Item-Scrolls belasten zu müssen, doch sind es oft genau diese Kleinigkeiten, die den ewigen Höhlen-und Kerker-Schlachten ein wenig Abwechslung unterjubeln.

Ob sich das langfristig negativ auswirkt, ließ sich in Köln noch nicht feststellen. Selbst die Entwickler bezeichneten die exemplarisch vorgeführte Quest als typisches Rollenspielfutter, das nur als Platzhalter dienen sollte. „Gehe zu Dungeon X und befreie es vom bösen Obermotz“ gehört nunmal nicht zum Gipfel kreativer Aufgabenstellung. Im fertigen Spiel sollen allerdings mehrere Aufgaben pro Abschnitt bereitstehen, mit denen Joypadakrobaten wie auch Mausschubser eigenhändig die nächsten Handlungsstationen bestimmen können.

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Für PCler könnte DS3 einen Hauch zu arcadig werden.
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Ein Hilfsmittel dafür sind Gesprächabzweigungen („Dialog Trees“), die witzigerweise auch in Form eines Baums visualisiert werden und euch durch drei Antwortmöglichkeiten entscheiden lassen, mit wem ihr Freund oder Feind sein wollt. Nonlinearer Handlungsaufbau ist kein Rollenspiel-Meilenstein (siehe Mass Effect), aber zumindest eine Maßnahme, die den ersten Durchlauf spannender und erneutes Durchspielen attraktiver macht.

PC- oder Konsolenspiel? Dungeon Siege 3 scheint in dieser Frage noch unentschlossen. Wir sind jedoch zuversichtlich.Ausblick lesen

Erfreulicherweise bleibt dabei genug Freiraum für eigene Charakterentwicklung. Jede Klasse verfügt über ein unverwechselbares Ausrüstungsrepertoire und distinktive Fertigkeiten, die in zweistufiger Angriffsstärke ausgespielt werden können. So wird aus einem kegelförmigen Feuersturm bei entsprechenden Kraftreserven schnell mal ein radialer Flammenteppich. Solche Feinheiten werden vor allem gebraucht, wenn Bosse ihre Strategien wechseln, zumal die verfügbaren Charakterklassen sich in ihren Fähigkeiten ergänzen. Das rückt den spielhallentypischen Mehrspieler-Anteil weiter in den Vordergrund. In welche Richtung sich ein Charakter entwickelt, soll in der Hand des Spielers liegen, allerdings wurden keine Einzelheiten genannt.

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Grafisch wird Dungeon Siege 3 pompös.
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Auch grafisch gibt sich Dungeon Siege 3 durchaus pompös. Große, scharf gezeichnete Unholde, geben dank dynamischer Lichtberechnung und Ragdoll-Animationen hervorragende Wusel-Feindbilder ab. Soweit zumindest der Eindruck der PC-Version. Farbenfrohe Zaubersprüche und charakterspezifische Animationsphasen können sich aufgrund der bewährten Onyx-Engine ebenfalls sehen lassen, aber nicht ganz mit dem erwarteten Platzhirsch Diablo 3 konkurrieren.

Auf Xbox 360 und PlayStation 3 müssen sie das auch nicht. Hier wird man Dungeon Siege 3 im besten Fall mangels ernstzunehmender Konkurrenz mit offenen Armen aufnehmen. Aber die PC-Gemeinde dürfte sich eventuell etwas veralbert vorkommen, wenn sie ein zwecks Joypadfreundlichkeit heruntergebogenes Zwitterprodukt vorgesetzt bekommt, das weder Fisch noch Fleisch ist und auch optisch nicht am Blizzard-Thron kratzen kann.