Actiongeladene Trailer, detailverliebte Screenshots, übersexualisierte Messebabes und lupenreine Werbetexte: Publisher und Entwickler haben vielfältige Wege gefunden, Käufer vom Wert ihres Produkts zu überzeugen – oder von diesem abzulenken. Eine Grundkonstante in diesem medialen Kreuzfeuer ist die unverbindliche Empfehlung: Das Urteil einer Person, deren Geschmack man einschätzen kann, ist viel wert und ein Kompass im Gewirr des Werbelabyrinths. Für viele Spieler stellen Kommentare und Rezensionen diesen Pool dar, aus dem sie Vertrauen schöpfen und letztendlich eine Entscheidung treffen können. Electronic Arts hat sich nun angeschickt, diesen Heiligen Gral der Urteilsbildung zu entweihen – und wir fragen uns: U MAD, BRO?

Alles begann am 30. Januar 2014: Dungeon Keeper nistet sich als Reboot im App-Store der Android- und iOS-Systeme ein. Bereits nach kurzer Zeit tauchten die ersten Bewertungen auf, die sich fast ausschließlich im 5-Sterne-Bereich befinden. Begleitet wird diese Sternenflotte an positiven Wertungen von passenden Kommentaren wie „I love it, now I am addicted“ und „Pretty much like the computer based version but now I can play on my iPhone“.

Dungeon Keeper - "E.A., U MAD?"

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Der erste Blick in den App-Store ist vielversprechend
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Ein Handyreboot der einen PC-Klassiker von 1997 spaßbringend auf mein Smartphone gerettet hat? Ich war begeistert und zog mir das kostenlose Spiel auf mein Smartphone um möglichst schnell in die Welt der dunklen Verließe und Monstergehege abtauchen zu können. Doch dieser Weg sollte kein leichter sein, mein Abstieg war steinig und schwer und endete direkt in der Free-to-Play-Vorhölle.

Let me be clear here: Free-to-Play ist grundsätzlich nichts Schlechtes oder Verwerfliches. Viele Spiele haben den sogenannten Sweet Spot für sich entdeckt, an dem eine perfekte Balance zwischen Spielspaß und freiwilligen Finanzspritzen herrscht: Team Fortress 2 und Clash of Clans sind zwei hervorragende Beispiele dafür, dass dieses Geschäftsmodell gut funktionieren kann.

Dungeon Keeper allerdings überspannt den Bogen der Spielergeduld: Bereits nach kürzester Zeit wird der Punkt erreicht, an dem grundlegendste Spielmechanismen 20 Stunden oder mehr in Anspruch nehmen können. Die Alternative dazu sieht nicht besser aus: Die Gems, die solche Vorgänge beschleunigen können, werden zu horrenden Preisen angeboten. Und selbst wer das Sparpaket für rund 90 Euro (!) erworben hat, wird die kleinen, grünen Wundersteinchen schneller verbrauchen, als ihm lieb ist. Das monetäre System von Dungeon Keeper ist vergleichbar mit einem Bumerang, der nur zurückkommt, wenn man draufzahlt.

Packshot zu Dungeon KeeperDungeon KeeperErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Als der mittlerweile ausgewachsene Shitstorm der Online-Spielerschaft Electronic Arts erreichte, reagierte man mit plakativem Unverständnis: Man verwies auf die positiven Wertungen im App-Store, die ganz deutlich zeigten, dass zahlreiche Spieler viel Spaß aus dem Reboot ziehen würden.

Wieso aber herrscht im App-Store auf der Kommentarseite des Spiels eine so ausgelassene Stimmung, wenn das Produkt selbst ein so offensichtlicher Griff ins Free-to-Play-Klo ist?

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Nach unserem Test wunderten wir uns über die vielen positiven Wertungen - dann aber gingen wir der Sache auf den Grund
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Hierauf gibt es zwei Antworten.

Die Wertungsbox ist strategisch klug positioniert. Das wohl einzige Highlight des Spiels ist das Tutorial, das einen Blick auf das versteckte Potential des Reboots gewährt. Horny begleitet uns moderat unterhaltend durch die Spielmechaniken und führt uns in die Welt von Dungeon Keeper ein. Obwohl sich bereits hier ein mulmiges Gefühl bemerkbar macht, wenn man noch vor dem eigentlichen Spielbeginn zum Kauf von verschiedenen Boostern und Gems aufgefordert wird, so hatte ich hier noch am meisten Spaß.

Das Ende des Tutorials wird von einer Wertungsbox gekrönt, die uns dazu auffordert, die App zu bewerten. Dass hier viele Spieler mit den positiven Eindrücken des Tutorials die Höchstwertung verteilen war der gewünschte Effekt von E.A. Sobald Dungeon Keeper aber seine 5-Sterne-Wertung eingesackt hat, grabscht er tief in den Geldbeutel des Spielers und verteilt Spielspaß nur noch portionsweise. Dreist!

Noch viel schlimmer ist die Tatsache, dass Bewertungen unter 5 Sternen zunächst nicht möglich sind. Der genaue Blick auf den Wertungskasten bei Android-Systemen offenbart, dass es eigentlich nur zwei Möglichkeiten zur Bewertung für den Spieler gibt.

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Entweder man entscheidet sich für die Höchstwertung oder für die seltsame Alternative „1-4 Sterne“. In ersterem Fall wird man direkt auf die Seite des App-Stores weitergeleitet, um hier die 5-Sterne-Wertung zu bestätigen. Wer sich allerdings für weniger Sterne entscheiden möchte, gelangt zu einem weiteren Fenster, in dem der Spieler aufgefordert wird, per Mail seine Wahl zu begründen. Antwortmöglichkeiten hierauf sind „Nicht Jetzt“, was zurück zum Spiel führt, oder eine Email, in der man seine Negativbewertung begründen soll.

Die einzige Möglichkeit, seine Kritik ohne ausführliche Mail zu äußern, führt über den 5-Sterne-Button, um dann im App-Store weniger Sterne zu verteilen. Allerdings wissen das die meisten Spieler natürlich nicht.

Electronic Arts hat mit dieser Strategie dafür gesorgt, dass ein Großteil der negativen Kritik gar nicht erst den App-Store erreicht und so ein Meinungsbild aufgebaut, dass in der Realität gar nicht exisitiert. Während negative Stimmen in Email-Ordnern der Empfänger verschwinden, gelangt fast ausschließlich positive Rückmeldung durch den nun semipermeablen Membran des App-Stores.

Dieser Täuschungsversuch, den Electronic Arts hier mit Dungeon Keeper in die Wege geleitet hat, erntet im Netz weitestgehend Reaktionen, die an das mittlerweile in Mode gekommene Lanz-Bashing erinnern. Es gehört zum guten Ton, Dungeon Keeper schlecht zu finden und darüber herzuziehen. Leider zurecht.

Damit nicht genug: Dass E.A. den Namen einer so traditionsreichen und ehemals beliebten Lizenz dermaßen in den Dreck gezogen hat, wird ein großer Teil der älteren Spielerschaft dem Publisher übelnehmen, die Dungeon Keeper unmittelbar nach der Installation wieder von ihrem Handy verbannen und sich fragen: „E.A., U MAD?“