"Ich trage den Käse, er trägt nicht mich." sagt der bebrillte, glatzköpfige Mann, dem zwei Scheiben labberigen Schmelzkäses von der äußerst hohen Stirn baumeln. Sein Name: unbekannt. Seine tiefere Bedeutung: keine. So geschehen in "Buffy – The Vampire Slayer". Warum ich euch das erzähle? Um zu verdeutlichen, dass es oftmals auch und gerade die Dinge sind, die trotz mangelnder Wichtigkeit und Substanz hängenbleiben – einfach nur dadurch, dass sie merkwürdig, eigenartig und 'fucking weird' sind. Willkommen bei Dropsy.

Dropsy ist ein Clown und wie die meisten Clowns keine Schönheit. Dem an ein aus speckigen Ballons zusammengekleisteres Gespenst erinnernden Pummelchen ragen die vereinzelten, schiefen und gelben Zähne aus dem Grinsemund. Seine Arme erinnern weniger an Gliedmaßen als viel eher an schlaffe Socken oder dicke Nudeln, und wenn sie in Richtung einer anderen Person wabern, dann ist das Grauen groß. Gleichzeitig ist er, was ein Mops oder Nacktmull ist: So hässlich, dass er das Schema umkurvt und von der anderen Seite schon wieder irgendwie als süß erscheint. Dennoch, sein Aussehen ist nicht leicht zu lieben.

Dropsy - Als der Zirkus in Flammen stand

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Unser Held. Lasst mich hinzufügen: WAAAAH!
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Aber Dropsy ist herzensgut... zumindest scheint es so. Alles, was das knuddelige Monstrum will, ist Leute zu umarmen. Doch Leute sind traurig. Misstrauisch. Böse. Verletzt. Nicht jeder will geknuddelt werden, erst recht nicht von einem hässlichen Clown. Die Lösung ist einfach: Mach die Leute glücklich, sodass sie dich ins Herz schließen. Dann lassen sie sich umarmen. Was das Ziel dieses eigentümlichen Point-and-Click-Adventures ist. Steckt mehr dahinter? Jedes weitere Wort wäre eines zu viel.

Interessant an Dropsy, dem Spiel, ist: Es erzählt seine Geschichten, die vielen kleinen der traurigen Leute, wie auch die paar großen im Hintergrund – wie Dropsys Vergangenheit in einem Zirkus, der eines Tages in Flammen stand oder die Geschichte des örtlichen, eigenartig omnipräsenten Pharmakonzerns – ganz ohne Worte. Alles wird in Bildern und kleinen Piktogrammen dargestellt, jeder Dialog, jede neue Entdeckung, jeder Tipp. Dass das so gut aufgeht spricht einerseits für den geschickten Einsatz dieser Stimittel, andererseits dafür, dass man thematisch nicht zu hoch gegriffen hat. Dropsy ist ein kleines Spiel.

Dropsy - Als der Zirkus in Flammen stand

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Dropsy wird immer schräger, bis zu einem Ende, für das ich viel zu dumm bin.
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Das äußert sich auch in der eigentlichen Spielmechanik. Zwar gibt es richtige Rätsel zu lösen, aber sie beschränken sich auf Genreklassiker (wie zum Beispiel einen Charakter ablenken, um ein Item zu mopsen), simple Klickerei ohne Verben oder mehrfache Interaktionsmöglichkeiten und Kopfnüsse, die zumindest für erfahrene Adventure-Spieler nicht gar so hart zu lösen sind.

Clown-Abenteuer mit Clown-Anspruch

Damit es aber nicht zu langweilig wird, hat Dropsy doch noch zwei Kniffe parat. Der erste: Es gibt einen Tag- und Nachtwechsel, der sich hauptsächlich auf den Tagesrhythmus der Charaktere auswirkt. Nach Feierabend offenbart so mancher eifrige Arbeiter seine wahren Sorgen, traurige Kinder hingegen gehen eher ins Bett. Die Zeit läuft, wenn man die Bildschirme wechselt, und die meisten NPCs muss man zur richtigen Zeit erwischen (oder eben meiden), um voranzukommen.

Zum Liebhaben oder Ekeln: Ein süß hässliches und bizarres Adventure mit nicht zu viel Fleisch auf den Rippen.Fazit lesen

Zum zweiten gibt es dann eben doch so etwas wie ein Verbensystem, denn Dropsy ist nicht ganz allein auf seiner Reise. Kann das clownische Monster-Herzchen sich zwar Gegenstände in die übergroße Hose stopfen und anderswo benutzen, kann er zum Beispiel nicht graben. Sein treuer Hund jedoch kann das durchaus. Ein schmaler Spalt muss erforscht werden? Da hilft eine früh als Freund gewonnene Ratte. Und der kleine gelbe Piepmatz... nun, ihr könnt es euch denken.

Solche Ideen bringen etwas Schwung in ein Spiel, dem ansonsten die klassischen Adventures eigene Trägheit anhaftet. Das große Spiel kommt dabei nicht raus. Dropsy punktet durch Stil, und zwar durch einen, der auf viele Spieler sehr unterschiedlich wirken wird. Ich zum Beispiel, ihr habt es schon gelesen, finde ihn süß, charmant, irgendwie knuffig auf seine groteske Art. Wie Hans Maulwurf bei den Simpsons: runzlig und geradezu antik, knutscht sich aber wie eine alte Kartoffel.

Dropsy - Als der Zirkus in Flammen stand

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Das passiert jedesmal, wenn ihr etwas umarmt. YAAAAY. Ich meine: WAAAAAH!
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Andere werden Albträume von Dropsy bekommen. Wieder andere, gar nicht so wenige wahrscheinlich, werden einfach die gesamte Spielzeit über ein Gefühl von innerer Unruhe und Anspannung mit sich tragen. Man will dem Frieden nicht so recht trauen. Grotesk überzeichneter Clown will begleitet von schiefer Leierkastenmusik alles und jeden umarmen (man kann auch zahlreiche leblose Objekte herzen) und einfach Leute glücklich machen? Da kann was nicht stimmen. Wann zieht er das Messer und häutet jemanden?

Das macht die Reise definitiv interessant. Das eine Wort, auf das sich wohl alle Beobachter einigen können ist: morbide. Nein, wartet: surreal! Oder doch absurd? Ganz so einfach ist es vielleicht dann doch nicht. Was sich aber sagen lässt: Dropsy das Spiel ist die perfekte Widerspiegelung seiner eigenen Hauptfigur. Aber, wie das mit Spiegelbildern so ist: Sie sind genau verkehrt herum. Dropsy der Clown hat nicht viel Aussehen herzuzeigen, trägt dafür aber sehr viel in seinem Inneren, das es lohnt, erforscht zu werden. Dropsy das Spiel hat rein inhaltlich nicht so viel zu melden, es ist ein solides, anachronistisches Adventure, aber durch Look, Sound und all dieses Schmuckgefieder vermag es sein Publikum zu bewegen – auf die eine oder andere Weise.