So kann man sich irren. Im Preview zu Drakensang 2: Phileassons Geheimnis hatte ich noch den Eindruck, dass im allgemeinen Tohuwabohu um die Pleite von Entwickler Radon Labs die Qualität des Rollenspiel-Addons nicht gelitten hatte und eine Enttäuschung für Fans nicht zu befürchten sei.

Wie sich nach Begutachtung des "fertigen" Werks nun erwiesen hat, lag ich mit dieser Einschätzung daneben. Bereits ein Blick in das Handbuch lässt Schlimmes erahnen, wie sich schon sehr schnell bestätigen soll…

Drakensang: Am Fluss der Zeit – Phileassons Geheimnis - Neuer Trailer

Gewohnte Umgebung

Statt wie üblich die vielen hübschen Neuerungen von Drakensang 2: Phileassons Geheimnis anzupreisen und zu erklären, liest sich das Heftchen eher wie ein Geschichtsabriss des Drakensang-Universums inklusive Biografie der wichtigsten Person - Asleif "Foggwulf" Phileasson. Immerhin: Die neuen Inhalte wurden makellos in das Hauptspiel integriert und starten am Hafen von Nadoret mit einer Wächterquest, die schließlich eine lineare Questabfolge ohne große Überraschungen oder Höhepunkte initiiert.

Drakensang: Am Fluss der Zeit – Phileassons Geheimnis - Entwickler pleite, Addon kommt trotzdem - schlechtes Omen?

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Trotz schöner Zwischensequenzen bleibt Phileasson als Hauptfigur blass.
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Wer seine bestehende hochlevelige Abenteuerergruppe weiterverwendet, dürfte mit den neuen Herausforderungen keine Probleme haben. Neu erschaffene Helden sind jedoch mit den Missionen überfordert.

Dabei beginnt alles sehr atmosphärisch, die Umgebung ist prachtvoll in Szene gesetzt, die Sprecher erledigen einen tadellosen Job und die bezaubernde Hintergrundmusik webt ein feines, atmosphärisches Netz. Insgesamt gab es im Vergleich zum Hauptspiel praktisch keine Veränderungen hinsichtlich des technischen Unterbaus. Ob Interface, Kampfsystem, Gruppenstruktur oder auch Charakterindividualisierung - hier bleibt alles beim Alten. Wer „Am Fluss der Zeit“ gespielt hat, findet sich also umgehend in der gewohnten Spielwelt zurecht und das Addon wirkt daher wie eine bestens integrierte Quest.

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Um an einen der Sphärenrisse zu gelangen, müssen wir einen steinernen Wächter beseitigen.
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Wie sich aber nach zwei bis drei Stunden herausstellt, ist Phileassons Geheimnis auch genau das - und nicht mehr. Von all den auf der Verpackung angepriesenen Quests, neuen Gegnern, neuen mächtigen Waffen und Gegenständen, Zauber oder Fertigkeiten ist über die Hauptquest hinaus nur sehr wenig zu sehen. Und um die abzuschließen, werden erfahrene Rollenspieler kaum länger als sechs bis acht Stunden benötigen. Und auch die spult man leider eher lustlos ab, weil von den großen Stärken des Hauptspiels kaum etwas zu sehen ist.

Wo sind die unterhaltsamen Charaktere und ihre Geschichten geblieben? Warum werden wir mit einer stringent erzählten Handlung bei Laune gehalten, die uns immer wieder in stinklangweilige, generische Dungeons führt, anstatt neue Landschaften erkunden zu lassen?

Fire and forget?

Die Antwort müsste eigentlich von Entwickler oder Publisher kommen, aber wir können es uns denken: Das insolvente Unternehmen hatte einfach keine Zeit und keine Mittel mehr, um das Addon mit ausreichendem Umfang auszustatten. Ganz nach der Devise: Fertig stellen und raus damit. Aber macht man sich damit Freunde?

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Auch interessante Charaktere wie dieser mysteriöse Seemann sind rar gesät.
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Immerhin handelt es sich bei Phileasson quasi um die Lichtgestalt des Drakensang-Universums und die wird hier in einer unausgegorenen, oberflächlichen Kurzquest verheizt, bei der es die Heldentruppe durch Sphärenrisse mehrfach ins sagenumwobene, aber schon seit dreitausend Jahren zerstörte, Tie’Shianna verschlägt. Das prachtvolle Elfenreich, das unter dem Ansturm der "Namenlosen" zu zerbrechen droht.

Bei jedem der traumwandlerischen Besuche in Tie’Shianna wird Phileasson zum Teil der eigenen Gruppe, aber lediglich im finalen Part der Quest dürfen wir ihn auch wirklich steuern. Als wäre das nicht bereits Enttäuschung genug, stellen wir schnell fest, dass der berühmte Recke eigentlich substanzlos ist. Er bietet unserem Team keinen großen spielerischen Mehrwert, Nahkämpfer haben wir schließlich bereits im Überfluss.

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Nebenquests, wie diese Schatzsuche, sind Mangelware.
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Auf der anderen Seite: Da uns das Addon meist nur durch die bereits aus dem Hauptspiel bekannte langweilige Dungeon-Architektur schleust und wir dort einen Kampf nach dem anderen bestreiten, fällt das auch nicht mehr so sehr ins Gewicht. Es ist geradezu schmerzhaft, miterleben zu müssen, wie sehr die Entwickler wohl unter Zeitdruck Quest-Abläufe im Copy/Paste-Verfahren erschaffen haben und wir mehrmals hintereinander die gleichen öden Räume säubern müssen.

Ein technisch sauber implementiertes Addon, von der Qualität des Hauptspiels ist die mickrige Erweiterung jedoch meilenweit entfernt.Fazit lesen

Es ist schade, denn in Tie’Shianna, der goldig glänzenden Machtmetropole schlummert so viel Potenzial. Die Umgebung des Elfenreichs ist in wunderschönen, warmen Farben gestaltet. Sonnenstrahlen baden Paläste aus Gold in einem bezaubernden Licht, Palmen werfen lange Schatten, Gebäude und Objekte weisen detailliert ausgestattete, filigrane Muster auf, und tragen einen ägyptisch angehauchten architektonischen Touch.

Doch das ist alles Makulatur, denn wir bekommen bis auf einen großen Platz und einige Nebenräume kaum etwas von dieser Pracht zu sehen. Es ist schon fremdschämig mitanzusehen, wie ein und derselbe Ort mehrfach für einige wenige Kämpfe missbraucht wird und unsere Helden immer wieder aus der Geschichte gerissen oder vor vollendete Tatsachen gestellt werden, die auch niemand hinterfragt. Mit Rollenspiel hat das nur noch ansatzweise zu tun.