"Nirgends sind die Zwerge so haarig wie in Drakensang", schrieben wir 2008 im Test zum damals wohl besten deutschen Rollenspiel seit Gothic 2. Weniger als zwei Jahre später soll nun "Drakensang – Am Fluss der Zeit" folgen. Teils wiederverwertet, teils spielerisch optimiert soll der Quasinachfolger daherkommen.

Lange Jahre hatte die Fangemeinde des renommierten deutschen Pen&Paper-Rollenspiels "Das Schwarze Auge" unter einer Durststrecke zu leiden. Nach der erfolgreichen "Nordland-Trilogie", die ihren Abschluss mit "Schatten über Riva" fand, wartete man immerhin gute zwölf Jahre auf neue Abenteuer in Aventurien bis "Drakensang" in die Bresche sprang und auf Anhieb gute bis sehr gute Kritiken einheimsen konnte. Jetzt steht bereits nach weniger als einem Jahr der Nachfolger nur noch vier Monate vor der Veröffentlichung. Was ist da geschehen?

Drakensang: Am Fluss der Zeit - Das Introvideo zum DSA-Nachfolger

Ganz einfach: Entwickler Radon Labs ging den direkten Weg und befragte die Community, was gewünscht wurde. Auf der einen Seite stand ein gänzlich neu entwickeltes Spiel mit überarbeiteter Spielmechanik sowie neuer Grafikengine zur Debatte, welches wohl einige Jahre Entwicklungszeit beansprucht hätte. Die zweite Möglichkeit bestand in dem Vorschlag einfach ein neues Abenteuer auf die bestehenden Programmroutinen zu legen und diesen zwischen Add-on und Nachfolger angesiedelten Titel möglichst zeitnah zu veröffentlichen.

Drakensang: Am Fluss der Zeit - Echtes Zwergenwerk: Tradition schlägt Innovation

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Aus alt mach neu. Die Engine bleibt, das Abenteuer ist ein gänzlich anderes.
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Die Community, von Drakensang angetan und nach neuen Erlebnissen im Fantasiereich Aventurien lechzend, zeigte sich von der Aussicht auf ein bald erscheinendes Spiel begeistert. So soll "Drakensang – Am Fluss der Zeit" nun also nicht das (Borons-)rad neu erfinden sondern mit bewährter Technik eine neue Geschichte erzählen. Günstig ist dies natürlich auch für die Entwickler, welche nun Programmbestandteile wiederverwerten können.

Alles in allem sorgt dies für einen Nachfolger nur gut eineinhalb Jahre nach dem erfolgreichen ersten Drakensang, was als Entwicklungszeit für ein Rollenspiel als geradezu verschwindend kurz anzusehen ist. Da liegt die Vermutung nahe, dass es sich um eine Fortsetzung der bisherigen Erzählung handelt und heftigstes Charakterrecycling ansteht. Doch weit gefehlt...

Packshot zu Drakensang: Am Fluss der ZeitDrakensang: Am Fluss der ZeitErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Ein Zwerg mit Bier erzählt es dir

Zwar haben wir schon das zweite Spiel von Radon Labs mit der DSA-Lizenz vor uns und auch einige der altbekannten Charaktere feiern ihr erneutes Stelldichein, doch auf eine Fortführung der Geschichte des Vorgängers wollten sich weder Autoren noch Entwickler einlassen. Schließlich war man am Ende von Drakensang mit Stufe 16 oder höher nach Maßstäben der Spielwelt derart mächtig, dass kaum noch Herausforderungen für die Heldengruppe bestanden hätten.

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Nach der Einstiegsmission findet man sich zunächst im Hafen des lauschigen Nadoret wieder.
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Stattdessen bedient man sich eines netten Kniffs und lässt Forgrimm, einen der wichtigsten Begleiter im Vorgänger einen Schwank aus früherer Zeit erzählen. Kladdis, die Spielern des ersten Teils ebenfalls wohlbekannte kesse Scharlatanin und Diebin sitzt in dem stimmungsvollen Einführungsvideo des Nachts auf den Dächern von Ferdok und sinniert im Beisein ihrer Katze über Die Götter und die Welt.

Es ist ein Abend innerer Einkehr und schon bald ruft sie der alte Forgrimm zu sich hinunter, um ihr die Geschichte zu erzählen, wie er und Ardo von Eberstamm (in Teil 1 ermordet) eines ihrer ersten Abenteuer mit einem wahren Frischling als Beistand erlebten. Und genau hier kommt ihr ins Spiel, ihr seid jener Frischling, von dem Forgrimm im Spiel immer wieder väterlich berichtet. Selbst wenn ihr sterbt, durchbricht das Spiel die erzählerische vierte Wand und mit einem lachenden Kommentar des Zwergen à la "Nein, nein... so ist es natürlich nicht gewesen, ich wollte nur wissen, ob du mir noch zuhörst" ladet ihr den letzten Spielstand.

Mehr vom guten Alten und ein paar Verbesserungen, die keine sind. Ich kann mich einer gewissen Ernüchterung trotz Vorfreude nicht erwehren.Ausblick lesen

Der kleine Storykniff verlegt die Handlung atmosphärisch in den Bereich einer Kaminfeuererzählung und trägt bereits zu Spielbeginn zum märchenhaften Flair des Schwarzen Auges bei. So baut Radon Labs eine Brücke zu den Vorgeschehnissen, ohne Neueinsteiger ratlos und ohne Vorwissen im Regen stehen zu lassen. Wer die vorigen Ereignisse nicht kennt, erlebt einfach eine mit netter Rahmenhandlung versehene Anekdote des alternden Zwergen.

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Der zerfallene Tempel des Flussvaters birgt uralte, bösartige Geheimnisse.
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Schon in unserer Previewfassung kündigte sich ein dräuendes Unheil an. Ein uraltes, sagenumwobenes Wesen, genannt der Flussvater, gilt seit Äonen als Wächter des titelgebenden "Flusses der Zeit". Von den einen als Aberglauben angesehen, von den anderen als ernstzunehmende Bedrohung baut man hier schon bereits früh im Spiel ein Gefühl der Ungewissheit auf.

Überhaupt will Radon Labs den Spielablauf diesmal straffen. Schließlich musste man sich ob der letzten Quests in "Drakensang" einige Kritik anhören. Zuviel dröge Höhlensysteme und ein eher uninspirierter Abschlusskampf bildeten das Ende der ansonsten über lange Strecken packenden Rollenspielerfahrung. Gestraffter und an den richtigen Ecken nachjustiert sollen wir diesmal auf Abenteuersuche gehen.

Phexverflucht, welche Bürde für den Nerv!

Leider erweist sich die Sehnsucht der Entwickler nach Verbesserungen im Detail als zweischneidige Zwergenaxt. So stecken Held und Partymitglieder nun ihre ausgerüsteten Angriffswaffen nach einem bestandenen Kampf weg. Was die Glaubwürdigkeit der Spielwelt steigern soll (wer rennt schon mit gezogenen Waffen durch eine bevölkerte Stadt, ohne in Konflikt mit den Gardisten zu kommen?) erweist sich in Verbindung mit der Einbindung aller Kisten und Fässer ins Kampfsystem als Nervfaktor.

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Die Beleuchtung in den Dungeons sorgt immer noch für dichte Atmosphäre.
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In unserer Previewfassung stoppt der Held vor einer zu zerschlagenden Kiste, wartet kurz ab, zieht die Waffe, wartet auf seinen Einsatz im rundenbasierten Kampfsystem und zerschlägt dann erst die Kiste. Dies sorgt bei der rollenspieltypischen Schatzsuche für Frustmomente.

Radon Labs verspricht dafür aber auch Verbesserung im Interface, welches einer der größeren Kritikpunkte im Vorgänger war. Einfacher und trotzdem umfangreicher soll es werden, so können passionierte DSA-Spieler im Expertenmodus nun auch die bekannten Vor-und Nachteile erwerben, welche im Spiel für dauerhafte Mali oder Boni sorgen. Zusammen mit den verschiedenen Fertigkeiten, Zaubern und Schmiederezepten kann der Charakter nach wie vor recht individuell ausgestaltet werden.

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Selbstverständlich ist das pausierbare Kampfsystem wieder ein Hauptteil der Spielmechanik.
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Auch optisch sind die Charaktere nun veränderbar, verschiedene Gesichtsformen und Körperstaturen markieren einen Schritt in die richtige Richtung. Weiter verfeinert wird die Charaktererstellung mit immerhin zwei Neuzugängen im Heldenzirkus. Der Gjalskerländer stellt seine geballte Muskelkraft zur Verfügung und toleriert eine Menge Treffer, während der Zwergengeode eher als unterstützender Naturmagier herhält und die Gruppenmitglieder mit seinen langanhaltenden Zaubern stärkt und heilt oder Gegnern mittels "Plumbumbarum schwerer Arm", die Kraft aus den Gliedern hext. Mit den neuen aber auch mit den bereits bekannten Charakterklassen erlebt ihr einen abwechslungsreicheren Spieleinstieg als im Vorgänger.

In Nadoret ists tags nur nett

Während es für alle Charaktere auf einer kleinen Schiffsreise ins erste Abenteuer geht, spalten sich nach Erreichen der Stadt Nadoret die Handlungsstränge erst einmal auf. Insgesamt vier verschiedene Spieleinstiege sollen zur Auswahl stehen. So müsst ihr als naturverbundener Charakter eurem Elfenlehrmeister bei der Säuberung des umliegenden Forstes helfen (Wilderer haben fiese Tierfallen aufgestellt), Kämpfer hingegen dienen zunächst einmal in der Stadtwache und müssen des Nachts Trunkenbolde zur Räson bringen und Überfälle verhindern.

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Sogar den örtlichen Boronsanger (Friedhof) haben die Entwickler liebevoll ausgestaltet.
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Nadoret und Umgebung bieten dabei bereits jetzt eine Menge Erkundungsfläche, die im Gegensatz zu Ferdok im Vorgänger ohne Ladezeiten begehbar ist. Einzig beim Betreten von Häusern müsst ihr einige Sekunden abwarten. Nach wie vor sind entferntere Gebiete über die Landkarte zu erreichen. Um den langen Laufwegen, die in "Drakensang" noch störten und von einem Wechsel der Partymitglieder während eines laufenden Auftrags in einem Spielgebiet abhielten, vorzubeugen, kommt diesmal das Schiff als neues Spielelement hinzu.

In diesem sollt ihr eure Schätze, Werkbänke und auch die inaktiven Gruppenmitglieder auffinden können. Außerdem legt es an jedem der entlang des Flusses gelegenen Handlungsorte an, sodass die äußerst langwierige Rückkehr in ein festes Basishaus wohl endlich der Vergangenheit angehört.

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Neue Abenteuer kündigen sich an. Wie wir wohl diese Trolle überwinden sollen?
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Hut ab vor Radon Labs für diese simple, aber effektive Lösung. Trotz dieser Modernisierungen merkt man dem Spiel aber nach wie vor eine gewisse klassische "Steifheit" an. Dynamische Dialogsequenzen mit umherwandernden Charakteren und glaubwürdiger Gestik suchten wir bisher vergebens.

Da sich das Spiel laut Aussagen der Entwickler bereits in der Qualitätskontrollphase befindet, kann man wohl zwar auf ein noch bugfreieres Spiel, als es der Vorgänger ohnehin schon war, freuen, doch die angesprochenen Kritikpunkte finden wohl erst bei einem möglichen dritten Teil Beachtung. Gerade gegen die aktuellen Konkurrenten wie "Dragon Age: Origins" und "Risen" wirkt "Drakensang" allmählich doch etwas altbacken... Entschuldigung, wir meinen natürlich "traditionell".