Aus einer erfolgreichen Idee folgt erst Wiederholung, dann Routine, schließlich Lethargie – bei Videospielen genauso wie bei jedem anderen Wirtschaftszweig. Diese Seuche geht nicht erst seit Dynasty Warriors um und doch kann es kaum ein exemplarischeres Beispiel geben als eine Serie, die inzwischen nicht nur selbst alle zwölf Monate erscheint, sondern sogar mehrere Ableger pro Jahr gebärt, denen diese Abnutzungserscheinungen ebenfalls anzusehen sind. Die gute Nachricht: Bei Dragon Quest Heroes ist das noch nicht der Fall.

Geflissentliches Überhören wäre noch die diplomatischste Umschreibung für jenes Schauspiel, das sich in der gamona-Redaktion üblicherweise abspielt, sobald es einen Tester für das aktuellste Dynasty Warriors zu finden gilt. Gehört zum Job, musste jeder von uns hier schon mal durch, meistens eher früher als später, quasi ein auf Disc gepresster Aufnahmeritus. Hat auch alles seine Richtigkeit – bis „dasselbe“ Spiel zum dritten oder vierten Mal auf dem eigenen Schreibtisch liegt.

Insofern hat Dragon Quest Heroes: Der Weltenbaum und der Tyrann aus der Tiefe (ein Untertitel, den ich hier aus naheliegenden Gründen das erste und letzte Mal vollständig ausgeschrieben habe) die ersten Komplimente bereits bekommen, bevor es überhaupt im PS4-Laufwerk rotierte. Statt den üblichen „Sehe ich dich nicht, siehst du mich nicht“-Spielchen schossen die Freiwilligenarme plötzlich nach oben, bevor wir den Tester schließlich wie jede seriöse Redaktion durch Stein, Schere, Papier ermittelten.

Dragon Quest Heroes: Der Weltenbaum und der Tyrann aus der Tiefe - Der Schüler beschlürft den Lehrer

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Sieht gut aus und macht Spaß. Bekommen wir jetzt bitte ein Dragon-Ball-Dynasty-Warriors?
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Diesen ungewöhnlichen Enthusiasmus haben sich die Entwickler von Omega Force durchaus verdient, hält man sich erst einmal ihre vergangenen Ableger vor Augen. Sowohl One Piece: Pirate Warriors 3 als auch das Zelda-Spin-off Hyrule Warriors waren richtig ordentliche Spiele, lagen meilenweit über dem üblichen Käse der stark gealterten Mutterserie. Während diese irgendwo zwischen 2004 und 2006 stehengeblieben ist und nur noch träge das immergleiche Schema abspult, werden ausgerechnet in fremden Welten regelmäßig neue Akzente gesetzt.

Nun könnte man spekulieren, woran das liegt: ob die Rechteinhaber strenge Vorgaben setzen, die Entwicklung womöglich gezielt steuern, oder Omega Force alte Dynasty-Warriors-Hasen (von denen es mehr gibt als man denkt) nicht verprellen will und Experimente deshalb auf andere Ableger beschränkt. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Auch diese alternativen Spiele sind keine Meilensteine und eher nice to have als wirkliche Must-Haves, unterm Strich aber richtig ordentliche Freizeitvernichter, mit denen man nicht viel falsch machen kann. Etwas, das man über das Original längst nicht mehr sagen kann.

Packshot zu Dragon Quest Heroes: Der Weltenbaum und der Tyrann aus der TiefeDragon Quest Heroes: Der Weltenbaum und der Tyrann aus der TiefeErschienen für PS3, PS4 und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Dragon Quest trifft Dynasty Warriors trifft... ins Schwarze?

Dragon Quest Heroes steht voll in dieser noch recht jungen Tradition, stellt womöglich gar ihre Speerspitze dar – je nachdem, wo ihr eure Schwerpunkte setzt. Inhaltlich werdet ihr hier auf den ersten und zweiten Blick nicht so wahnsinnig viele Unterschiede zur Ursprungsreihe oder ihren Kindern feststellen, denn am Kern ändert sich erwartungsgemäß wenig bis nichts. Ein superkrasser Typ (ihr) und eine schier unendliche Zahl verschiedener Gegner, denen ihr dutzendfach die Kauleiste neu richtet. So weit, so Dynasty Warriors.

Dragon Quest Heroes: Der Weltenbaum und der Tyrann aus der Tiefe - Beginn eines neuen AbenteuersEin weiteres Video

Wie auch schon in anderen Ablegern erweitern Omega Force dieses gleichermaßgen gängige wie redundante Schema um sinnvolle, zum jeweiligen Universum passende Elemente. Bei Hyrule Warriors war das etwa ein gesonderter Spielmodus mit Retro-Übersichtskarte, in DQH ist das neben dem sehr drolligen Design vor allem rudimentärer Rollenspielkram, wie man ihn von einem Spiel mit Namen Dragon Quest eben erwarten würde.

Natürlich alles um ein paar Ecken reduziert; erwartet nun kein Japano-Rollenspiel mit allem Pipapo. All das wäre hier aber ohnehin deplaziert, geradezu unnötiger Ballast für ein Spiel, das euch mit seiner Plug-and-play-Mentalität ins Boot holen will. Niemand wird euch Steine in den Weg legen, wenn ihr mit vier von insgesamt einem guten Dutzend Charakteren (zwischen denen ihr jederzeit wechseln könnt) in die Schlacht zieht, niemand schreibt euch vor, wann eure Helden welche Fähigkeit lernen oder was ihr wie zu tun habt.

Dragon Quest küsst Dynasty Warriors: Dragon Quest Heroes vereint sinnvoll Elemente beider Welten und ist trotz kleinerer Schwächen einer der besten Vertreter seines Genres.Fazit lesen

Ein Ziel, viele Möglichkeiten

Heroes tut seine Sache sehr gut dabei, euch weder zu über- noch zu unterfordern. Es ist zugänglich genug, um für den schnellen Kick eine halbe Stunde lang eingelegt zu werden und zugleich motivierend genug, damit ihr euren Hintern auch mal drei oder vier Stunden in Folge vor dem Fernseher parken könnt. Spielt schnell zwei Missionen oder levelt eure Kerlchen auf, kauft ihnen neue Ausrüstung oder erledigt ein paar Nebenaufgaben, um Zutaten zum Herstellen neuer Objekte zu farmen. Beschwört mit Medaillen eigene Monster mit unterschiedlichen Fähigkeiten und setzt sie an strategisch wichtigen Punkten zum Schutz bestimmter Ziele ein. An Möglichkeiten und Aufgaben zumindest mangelt es in dieser bunten Welt so schnell nicht.

Dragon Quest Heroes: Der Weltenbaum und der Tyrann aus der Tiefe - Der Schüler beschlürft den Lehrer

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Gelegentlich stellen sich Bossgegner zwischen euch und euer Ziel. Einer besonderer Strategie bedarf es meist nicht, um diese Viecher zu erlegen, eure Siebensachen solltet ihr aber schon zusammen haben.
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Unglücklicherweise ist die Rollenspiel-Massenklopperei allerdings genau dort am schwächsten, wo es seine Wurzeln am wenigsten verstecken kann: auf dem Schlachtfeld. Dass die Karten vergleichsweise klein und Monstermassen für DW-Verhältnisse überschaubar sind – geschenkt, zumal euch dadurch nie die Übersicht flöten oder der PS4 die Puste ausgeht. Auch mit der nervigen Kamera und der im Grunde identischen Tasten- und Kombobelegung der Helden kann ich mich arrangieren; wer will sich vor dem Zocken schon etliche Tastenkombinationen einprügeln? Alles nicht ganz optimal, aber auch kein Grund, skeptisch die Augenbrauen zu heben.

Das beginnt dann, wenn ihr die fünfte, sechste, zehnte Hauptmission hinter euch gebracht und dabei nichts anderes als zuvor gemacht habt. Zu sagen, DQH hätte so etwas wie ein Missionsdesign, wäre deutlich übertrieben. Die meiste Zeit schützt ihr einen oder mehrere Punkte vor den Angriffen der feindlichen Übermacht, manchmal nicht einmal das. Es gibt keine Struktur, keine unterschiedlichen Aufgaben auf dem Schlachtfeld – im Wesentlichen spielt ihr dieselbe Mission immer und immer wieder, nur auf anderen Karten mit anderen Gegnern. Ein Umstand, der umso schwerer wiegt, da Omega Force keinen weiteren Spielmodus, geschweige denn eine Mehrspielerkomponente implementiert hat (die ja nun wirklich mehr als nahegelegen hätte). Einzig kleinere Online-Events soll es geben, etwa XP-Wochenende etc. pp.

Deshalb wird aus DQH noch lange kein schlechtes Spiel, ganz im Gegenteil: gemeinsam mit Pirate Warriors 3 und Hyrule Warriors zählt es zum Besten, was das Genre zu bieten hat. Und trotzdem wird auch das in absehbarer Zeit nicht mehr reichen.

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