Wenn von JRPGs gesprochen wird, dann eigentlich immer von Final Fantasy. Warum Final Fantasy so toll ist hier, warum Final Fantasy überbewertet ist da, Final Fantasy ist gefühlt omnipräsent innerhalb jeder Debatte über JRPGs. Wenn man Glück hat, findet man noch einen Gesprächspartner zum Thema Kingdom Hearts, Pokémon oder Tales of. Wenn man von Dragon Quest redet, bleiben aber viele Münder stumm. Dabei wissen viele gar nicht, dass Final Fantasy ursprünglich als Kopie des erfolgreichen Dragon Quest Franchises entwickelt wurde. Warum ist das so? Wie kann es sein, dass ein Franchise, welches in Japan sogar Final Fantasy überragt, hier mit viel Glück die vierte Geige spielen darf? Eine Analyse.

Dass Dragon Quest hierzulande weniger bekannt sind, liegt einerseits daran, dass die letzten Dragon Quest Ableger auf Handhelds erschienen sind, genauer gesagt auf dem DS und 3DS. Und Handhelds haben - den Verkaufszahlen zum Trotz - zumindest im Westen nicht den Stellenwert von Konsolen und PCs: jegliche Videospiel-Debatten werden von Konsolen und ihren Fans beherrscht. Für die Konsole kam aber lediglich Dragon Quest VIII sowie einige Spin-Offs wie Dragon Quest: Swords oder Dragon Quest: Builders raus. Der letztgenannte Minecraft-Klon konnte zwar gute Kritiken einfahren, war aber neben Dragon Quest: Heroes der einzige Ableger des Franchises, welcher für eine aktuelle Konsolen-Generation erschienen ist. Dragon Quest VIII war nicht nur der letzte Hauptteil auf einer Konsole der im Westen erschienen ist, sondern liegt auch mittlerweile über 10 Jahre zurück.

Andererseits ist Dragon Quest unbeliebter, weil es im Westen schlicht gesagt keine lange Geschichte vorweisen kann: Zwar erschienen die ersten Dragon Quest Teile in Amerika noch unter dem Namen "Dragon Warrior", in Europa hingegen kamen erst 2006 mit dem Erscheinen von Dragon Quest VIII Europäer in den Genuss dieses Franchises - ganze neun Jahre nach Final Fantasy VII, das erste Final Fantasy was im Westen erschien. Dragon Quest VIII war also nicht nur das erste Dragon Quest-Spiel überhaupt in Europa, sondern das einzige Dragon Quest-Hauptspiel für eine Konsole, welches jemals in Europa erscheinen sollte. Das MMORPG Dragon Quest X ist bis heute Japan-exklusiv, auch wenn eine Version für die Nintendo Switch das künftig ändern könnte. Zu hoffen wäre es, denn Dragon Quest könnte auch im Westen einen höheren Stellenwert haben, als aktuell der Fall.

Denn Dragon Quest hat so viel zu bieten: Angefangen mit einem fantastischen Soundtrack, der vom klassischen Komponisten Koichi Sugiyama orchestriert wurde. Die legendäre “Overture”, welche man in jedem Ableger der Reihe findet, gilt als eine der bekanntesten und beliebtesten Videospiel-Melodien überhaupt.

Auch grafisch steht Dragon Quest seinem kleinen Bruder Final Fantasy lediglich in Stilfragen etwas nach: Klar, Final Fantasy 13 und 15 sehen nach allen Regeln der Kunst bombastisch aus und überzeugen mit Effekt-Feuerwerken Scharen von Spielern. Dragon Quest hält sich dagegen klassisch, sieht mit seinem eigenen Cartoon-Stil aber nicht minder großartig aus. Schließlich sind die Charaktere sowie Gegner aus der Feder der Mangaka-Legende Akira Toriyama entsprungen. Und für viele Fans, die mit dem explosiven Stil von Final Fantasy nichts anfangen können, ist das klassische JRPG-Feeling welches Dragon Quest grafisch untermalt genau das Richtige.

Herr der Ringe auf Japanisch

Was Story & Charaktere angeht, kann man sich bei Dragon Quest zumindest auf konstant gute, teils sogar fantastische Geschichten verlassen, die bisweilen auch ziemlich kreativ sein können. Allerdings sollte man nicht erwarten (wie beispielsweise bei der Final Fantasy XIII-Trilogie) ein verworrenes Netz aus Skurrilitäten vorzufinden - Dragon Quest gibt sich meist mit klassischen Geschichten zufrieden. Ein bisschen entführte Prinzessin hier, ein bisschen alternative Welt da, ein böser Drachenherrscher ist da meist die Kirsche auf der Sahnetorte. Dennoch schafft es Dragon Quest gleichzeitig den Spieler mit diversen Kniffen bei der Stange zu halten. Liebgewonnene Charaktere sterben oder werden vereint, Zeitsprünge werden gemacht, ein Himmelreich wird erkundet. So schafft es auch jeder Dragon Quest-Ableger, einen Hauch von Innovation und Eigenständigkeit zu wahren. Wem also Herr der Ringe noch nicht klischeehaft genug ist, der wird mit Dragon Quest eine Menge Spaß haben.

Dann hätten wir noch den Humor: Humor in Videospielen, besonders in denen aus Japan, ist immer so eine Sache. Manchmal funktioniert es, manchmal geht es eben auch komplett schief. Legendär ist bis heute die Szene aus Final Fantasy X, in der Tidus ironisch laut lacht, was nett und zugleich lustig wirken soll, jedoch eher obskur und gezwungen komisch rüberkommt. Dragon Quest macht es sich da einfacher, indem es Gegnern und Bossen Leben einhaucht. Statt großen Welteroberungs-Plänen kann es da schon mal vorkommen, dass ein Zwischenboss doch bloß eine nette Dame an seiner Seite hätte oder ein Schloss erobern wollte, anstatt ein größeres, altruistisches Ziel zu verfolgen. Auch findet man viel Liebe im Detail im Gespräch mit NPCs oder wenn man sich die Namen von manchen Dragon Quest-Monstern anschaut: Statt ernstzunehmender Fantasy-Ungetüme, hat man es immer mal wieder mit einem “Zerschmetterling”, “Molchstrolch” oder “Widderling” zu tun. Wer bei solchen Wortspielen nicht zumindest schmunzeln muss, der hat JRPGs nie geliebt!

Dragon Quest ist für mich das Franchise, welches klassische JRPGs perfektioniert hat. Es bietet Innovationen, aber nicht zu viele, um das Spiel möglicherweise zu ruinieren (wie bei manchem Final Fantasy-Ableger). Es setzt seine Grenzen, reizt diese aber mit frischen Ideen und fantastischen Humor aber auch gut aus. Wer etwas mit dem Genre anfangen kann, der kommt um Dragon Quest eigentlich nicht herum. Zum Glück sind mittlerweile, dank Remakes, fast alle Dragon Quest Spiele spielbar, wenn man einen 3DS zur Hand hat. Es gibt also keinen guten Grund dieser fantastischen Serie auch mal eine Chance zu geben – ihr werdet es nicht bereuen!