Wir Spieler mögen es gemütlich: am besten bis zum Kopf zwischen Couch und Decke versunken, die Schale mit Keksen in Griffweite, den Controller umklammert. Klappt das auch mit einem klassischen Rollenspiel, das jenseits von Papier und Stift eigentlich eher auf dem PC zu Hause ist? Nach einer Stunde mit der Xbox-360-Version von Dragon Age: Origins bleibt nur ein zackiges „Jawollja!“

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Hey, datt is’ Konsole. Watt willst du denn hier?

Irgendwie riecht das alles verdächtig nach kanadischer Konspiration: Nicht nur, dass BioWare den PC schon vor Jahren mit diversen Seitensprüngen eifersüchtig machte, mit Jade Empire, KotOR oder Mass Effect zuerst im Redmond-Bettchen kuschelte und dann viele Monate später die obligatorischen PC-Fassungen nachreichte. Nein, nein. Jetzt weiten sie Dragon Age: Origins, dessen Design bekanntlich so klassisch wie Baldur’s Gate werden soll, auf die X360 und sogar die PS3 aus.

Dragon Age: Origins - Ausgiebig angespielt: das neue BioWare-Meisterwerk

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Dragon Age protzt mit pompöser Architektur - genau so, wie man es von BioWare erwartet.
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Konsolen und klassische Rollenspiele - eine Konstellation, die man vor ein paar Jahren noch kopfschüttelnd und mit einer abwinkenden Geste für groben Unfug erklärt hätte. Dass die PC-Version richtig gut aussieht, könnt ihr in der Dragon Age Vorschau aus dem letzten Jahr nachlesen. Kürzlich durften wir erstmals mit dem X360-Pad die Klinge schwingen, Pfeile schießen, eine vierköpfige Party bemuttern und arkane Kaliber zünden.

Ist das auf Konsole so sperrig, wie man es von einem Old-School-Rollenspiel erwarten würde? Nein. BioWare hat diese 360-Fassung nicht mit heißer Nadel gestrickt, sondern sich Gedanken in Hinblick auf Benutzerfreundlichkeit, Intuition und Spielfluss gemacht. Das Ergebnis fühlt sich wahrlich angenehm an, selbst wenn man in den Menüs wühlt. Und obwohl wir nur ein und denselben Bosskampf umpfzigmal ausprobieren durften, ließ die kurze Demo durchschimmern, dass Mausschieber genretypisch zwar ein paar Vorteile auskosten werden, die Couchfraktion aber nicht bockig zum Schreibtisch schielen muss.

Dragon Age E3 2009 Trailer: Hier klicken!Vor allem weil ihre Version mit kleinen grafischen Abstrichen genauso edel, die Architektur genauso pompös wie die PC-Kulisse aussieht. Wir stehen in einer vom Mondschein gestreichelten Kathedrale: Das Licht bricht mit letzter Kraft durch die bläulichen Fenster, in der Ecke flackert ein Feuer, daneben ein paar Fässer, das Übliche eben. Draußen tobt die Schlacht der Grey Warden gegen die Darkspawn, drinnen ein Kampf der Größenordnung David gegen Goliath, Heldenparty gegen Oger.

Packshot zu Dragon Age: Origins Dragon Age: Origins Erschienen für PC, Xbox 360 und PS3 kaufen: Jetzt kaufen:

Der Sturm bricht los

Ehe man die edlen Maserungen an den Wänden, die schiere Höhe dieses Bauwerks oder das stimmungsvolle Lichtspiel mit verzückten Blicken eindecken kann, stürmt sie los, die geifernde Bestie von einem Monster, dieses gefühlte vier Meter große Ungetüm. Die Klinge wird gezogen, der Bogen gespannt, der erste Zauber leise gemurmelt.

Herrlich: Selbst Könige des Sofareichs können mit dem Gamepad in die Welt von Dragon Age eintauchen – und werden mit einer durchdachten Steuerung belohntAusblick lesen

Mit einer Gänsehaut stürzen wir uns in einen Kampf auf Leben und Tod. Und werden schon nach wenigen Sekunden überrascht, wie intuitiv das mit dem Gamepad funktionieren kann. Der beste Freund des klassischen PC-Rollenspielers war bislang die Leertaste. Da man die auf einem 360-Pad nur schwerlich unterbringen könnte, muss der rechte Trigger herhalten, um das Geschehen zu pausieren – jederzeit und so lange, wie man will.

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BioWare-typisch erwarten euch Dialoge bis zum Abwinken.
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Ein aufpoppendes Ringmenü à la Mass Effect gibt anschließend Zugriff auf alle wichtigen taktischen und kämpferischen Optionen, die man braucht: Spezialattacken, Talente, Tränke und Salben, Gruppenverhalten, das Inventar. Das System erinnert strukturell ein wenig an das von Neverwinter Nights und ist mit dem Pad so komfortabel zu steuern, dass Könige des gemütlichen Couchreichs sonntagabends im Liegen in diesen riesigen taktischen Pool eintauchen können.

Taktisch ist auch durchaus ernst zu nehmen, immerhin macht BioWare nicht Diablo den Hof. Mit anderen Worten: Magier und Bogenschützen in die hintere, bullige Axtschwinger in die vordere Reihe. Aber nicht nach dem Motto „Immer feste druff“, da landet man schneller auf allen Vieren, als man den ausladenden Kampfanimationen ein paar verträumte Blicke schenken könnte. Dieses gehörnte, Gift und Galle speiende Monstrum erfordert die kluge Nutzung von Spezialattacken, Tränken, Zaubersprüchen und Fertigkeiten. Und davon gibt’s eine ganze Menge.

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Kurz vor seinem Tod bäumt sich das Monster noch mal auf.
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Die Zauberschubserin kann zum Beispiel die Waffen der Partymitglieder vereisen, den Dampf eines Heilspruchs aus allen Poren strömen lassen, ihre Mitstreiter temporär stärken oder gegen bestimmte Schadensarten eine Zeit lang immunisieren. Nahkämpfer können dem Feind mit dem Shield Bash genannten Angriff den Schild in die Rippen rammen und ihn mit etwas Glück von den Beinen fegen. Der „Crippling Shot“ richtet zwar nur normalen Schaden an, senkt allerdings kurzzeitig den Verteidigungs- und Angriffswert des Gegners, was mit etwas Glück zu einem wahrhaft durchdringenden Erfolg führt.

Jetzt bin ich beleidigt. So!

Witzig ist auch die „Taunt“-Eigenschaft: Wie es der Name verspricht, wird der Feind hier in einer Tour verbal gereizt und seine Aufmerksamkeit auf den hohnlachend Spottenden gezogen. In Kombination mit einer dicken Rüstung fängt der Tank also den Schaden ab, während die Party den Angreifer munter mit Zaubern, Pfeilen und Schwertstreichen bestückt. Hinzu kommen unter anderem das „Powerful“-Talent, das mehr Lebensenergie beschert, und der Kampf mit zwei Nahkampfwaffen.

Aber das sind nur die kämpferischen Feinheiten, die laut BioWare rund 60 bis 80 Stunden anstacheln und motivieren sollen. Daneben warten zahlreiche Talente, allesamt in vier Stufen aufrüstbar, die den Weg in eine herrlich freie Karriere ebnen. Den Weg in ein Abenteuer, das tückische Diebe genauso willkommen heißt wie Alchemisten oder Assassinen. Was darf’s sein? Kräuterkunde, Giftmischen, Fallen stellen, Überlebenskunde? In diesem Bereich bietet BioWare wieder den üblichen Umfang an, den man von den Kanadiern seit Jahren gewohnt ist und der mehrere Durchgänge reizvoll machen soll.

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Das war's. Aus und vorbei. Jetzt gehen wir einen trinken.
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Wäre aber ziemlich umständlich, all diese Talente jedes Mal aus dem Menü rauszufummeln, oder? Deswegen könnt ihr sie auf die Y-, B- und X-Taste legen; in Verbindung mit dem rechten Trigger ist sogar eine Doppelbelegung möglich, was insgesamt sechs speicherbare Shortcuts ermöglicht, in der Praxis aber noch etwas sperrig vonstatten ging. Beispielsweise ließ sich die Magierin trotz vollen Manabalkens nicht immer sofort zum klirrenden Eiszauber überreden, teils mussten wir fünfmal auf die Taste hämmern, bevor sie reagierte.

Sprengt die Ketten

Noch nicht zu erspähen waren Angriffsketten à la Baldur’s Gate. Damals konnte man einem Partymitglied nach dem anderen während der Kampfpause Befehle aufs Auge drücken, die danach abgearbeitet wurden. Zwar auch in Dragon Age: Origins, aber hier werden die Order gleich nach dem Tastendruck in die Tat umgesetzt. Sprich: Jeder Charakter macht sofort das, was man ihm sagt, ohne dass man sich erst den anderen widmen kann. Unverständlich angesichts der Tatsache, dass man mit RB und LB bequem zwischen den vier Recken umschaltet. Ein Manko der Konsolenversion? Tut sich da noch was?

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Endlich gibt's wieder taktische Partykämpfe.
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Aber immerhin lässt sich das Verhalten der CPU-gesteuerten Leidgenossen bis ins kleinste Detail zurechtzupfen. Hier gibt es nicht nur die grundlegenden Gruppentaktiken der Marke zurückhaltend oder aggressiv. Man kann sie mit verschiedenen Parametern so tiefgreifend anpassen, dass so gut wie keine Wünsche offen bleiben. Diese „Custom Tactics“ funktionieren nach dem Motto: Auf jede Aktion folgt eine Reaktion. So könnt ihr zum Beispiel festlegen, dass sich Charakter XY einen Heiltrank reinpfeifen soll, nachdem seine Lebensenergie ein bestimmtes Niveau unterschritten hat. Oder dass spezielle Zauber erst dann gezündet werden, wenn ein bestimmter Gegner etwas Bestimmtes tut.

Dieses Menü ist zwar auf den ersten Blick ziemlich verschachtelt und erinnert eher an die störrische Windows-Oberfläche, aber nach ein bisschen Einarbeitung ist es funktional und lässt euch über einem umfang- und finessenreichen System brüten. Genauso wie das Inventar, das sich mit seinen Reitern ebenfalls an Mass Effect orientiert, aber um einiges übersichtlicher ist. Hier könnt ihr bessere Ausrüstung anlegen, die sofort am Körper sichtbar wird, auf Tastendruck Waffenwerte vergleichen, frank und frei zwischen Ringen, Amuletten und Gürtelschnallen stöbern.

Dragon Age GDC 2009 Trailer: Hier klicken!Apropos Ausrüstung: Nach wenigen Minuten ist es endlich so weit. Nachdem er die Gruppe zigmal aufgerieben, die Nahkämpfer in der ersten Reihe so oft zwischen seinen Pranken zerquetscht hat, kracht der Oger stöhnend in sich zusammen. Aber nicht einfach nur wie ein alter Sack, sondern vom brutalen Gnadenstoß des Helden getrieben, der ihm in Zeitlupe auf den Leib springt und seine Schneide im Kopf versenkt. Zurück bleibt nicht mehr als eine schimmernde Blutlache und das Gefühl, etwas richtig Großes vollbracht zu haben.

Und natürlich das strahlende Grinsen beim Einsammeln der Beute, die scheinbar zufällig verteilt wird. Nach dem ersten Sieg hinterließ der Hüne noch eine Rune, einen Ring und eine imposante Plattenrüstung. Beim zweiten Mal fehlte Letztere dagegen. Auch die in der Ecke stehenden Fässer waren nach dem Ü-Ei-Prinzip jedes Mal anders gefüllt.