Der Oktober 2014 wird der wohl beste Monat dieses Jahres, denn dann stürmen fast zeitgleich die Monstertitel Assassins Creed: Unity, Sunset Overdrive, Evolve und Dragon Age: Inquisition das Ladenregal. Nach einem enttäuschenden zweiten Teil lieferte uns nun allerdings die E3 eine eindrucksvolle Entscheidungshilfe, den Großteil der herbstlichen Kalendertage ausgerechnet dem Rollenspiel aus der Entwicklerschmiede von BioWare zu widmen. Riesige Drachen, gigantische Welten und strategische Kämpfe: Take my money, I don't need it in Ferelden!

Eigentlich liegt der Vergleich der Rollenspielserie Dragon Age mit einer modernen Band nicht fern: Nach einem furiosen ersten Hit (Dragon Age: Origins) ging es mit einem lieblos dahingeschludertem Flop (Dragon Age 2) und einer fast schon peinlichen iOS-App (Dragon Age Heroes) steil bergab.

Doch die Kreativköpfe haben sich neu sortiert, nächtelang zusammengesetzt und darüber nachgedacht, was sie eigentlich gut können: Atmosphäre, Charaktere und strategische Kämpfe. Das alles wurde neu verpackt, komponiert und aufeinander abgestimmt – und wartet nun auf seinen Release in Form von Dragon Age: Inquisition, das am Ende des Jahres verkaufsfertig sein soll.

... so oder so ähnlich fühlt sich das Bild an, dass Bioware in Hinblick auf eine seiner jüngsten Rollenspielmarken zeichnen möchte. „Ja, wir haben Mist gebaut, aber jetzt sind wir wieder auf dem richtigen Dampfer! Vertraut uns und gebt uns noch einmal euer Geld, ihr erhaltet dafür einen Vollpreistitel, der seinem Namen gerecht wird!“ scheint es stumm zwischen den Zeilen des E3-Trailers zu stehen. Grund genug, diese Worte zu glauben, haben wir allerdings auch.

Spielspaß trotz Ausweichrollen?

Während ich als Redakteur oft für Tests und Artikel Spiel um Spiel von Anfang bis Ende durchnehme, um mir einen guten Eindruck verschaffen zu können, erreichte ich früher nur selten einen Ende-Bildschirm. Als aufstrebender Pokemontrainer kam mir auf Route 42 die Idee, ich könne doch mit Bisasam statt Schiggy noch mal von vorne anfangen und Call of Duty langweilt auch irgendwie im letzten Drittel.

Nach einer dramatischen Vorgeschichte scheint sich Dragon Age wieder erholt zu haben und bereitet nun ein großes Comeback vor.Ausblick lesen

Zu dieser Zeit gehörte Dragon Age: Origins zu den wenigen Spielspaßbrettern, die die Zeit wie im Flug vergehen ließen und mich neugierig auf das Ende der Geschichte machten – das hoffentlich noch in weiter, weiter Ferne lag. So viel gab es zu entdecken, so viele Charaktere zu treffen und kennenzulernen – und war das Spielende mit meinem menschlichen Wächter einmal erreicht, konnte ich eine spürbar andere Geschichte als Zwerg erleben.

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Entsprechend groß war die Vorfreude auf den zweiten Teil der Reihe, der allerdings ein derart fester Schlag in mein verstörtes Gesicht war, wie ihn die gesamte Profiboxer-Riege der letzten 40 Jahre nicht besser hätte abfeuern können. Wenige Freiheiten, lieblos wiederverwendete Levelareale und nur mittelmäßig geschriebene Charaktere. Ich weinte. Ein bisschen.

Die größte Enttäuschung war aber wohl das Kampfsystem, das gleichzeitig die größte Veränderung über sich ergehen lassen musste: Die strategischen, recht langsamen Kämpfe des ersten Teils waren Vergangenheit, stattdessen schnetzelte man sich mit grundlegenden Aktionstasten durch die Landschaft. Die Zeitlupenfunktion oder das Pausieren des Spiels war zwar nach wie vor möglich, aber so notwendig wie ein Kinofilm über Flappy Bird.

Hoffnung am Horizont: Die E3 2014

Entnervt legte ich Dragon Age 2 nach wenigen Spielstunden zur Seite. Das Kapitel Ferelden war für mich offensichtlich für immer geschlossen und ich fluchte und weinte über das Unvermögen der Entwickler, das Märchen des ersten Teils am Leben zu erhalten.

Dann lief schließlich die Werbemaschinerie für Dragon Age: Inquisition an und mit jedem Entwicklervideo und Hintergrundbericht zum geplanten dritten Teil wuchs mein Vertrauen in das neue Team ein Stückchen mehr – bis Bioware mit dem E3-Trailer bei mir schließlich für literweise Lustschweiß und aufgeregtes Hecheln sorgte.

Dragon Age: Inquisition - Führe sie zum Sieg oder ins Verderben 26 weitere Videos

Es war perfekt: Während wir drei Redakteure am späten Montag-Abend die Stellung angesichts des E3-Stresses hielten, wurde es bei dem Teasertrailer stiller und stiller. Vor allem ich saugte Bild für Bild in mich auf, freute mich über weite Landschaften, riesige Drachen, tolle Effekte und – WAS WAR DAS? EINE AUSWEICHROLLE?

Ja, tatsächlich. Während des inszenierten Kampfes mit einem Drachen, legte einer der Kämpfer eine schnelle Ausweichrolle hin, die für ein Raunen bei mir und meinen Kollegen sorgte: War dies ein Indiz dafür, dass die viel zu schnelle und hektische Hack'n'Slay-Steuerung zurück war?

Die Begeisterung war etwas gedämpft – bis mehr und mehr Videos das Netz fluteten und erstmals konkrete Spielszenen in befriedigender Länge zum Bestaunen bereitstellten.

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Hier wurde schließlich deutlich: Ja, die Entwickler haben zugehört, aus ihren Fehlern gelernt und sich mehr Zeit genommen, anspruchsvolle und lebendige Welten zu schaffen, wie wir sie in Origins kennengelernt haben. Die Welt wirkt noch deutlich lebendiger und der Kampf mit den namensgebenden Drachen wurde grundlegend überarbeitet. Hach, eine Wohltat für das leidgeplagte Wächterherz.

Für mich bleibt der einzige unsichere Faktor, ob das Spiel an den früheren Erfolg anknüpfen kann, die offene Welt. Die Entwickler erklärten, dass sie Dragon Age zum Spielplatz machen wollen, in der man nicht mehr via Schlauchlevel von Punkt A zu B geleitet wird. Stattdessen darf gejagt, gesammelt und erforscht werden – wie verträglich das mit der dichten Inszenierung und geskripteten Abenteuergeschichte sein wird, die sich Fans seit Teil 1 wieder wünschen, muss das fertige Produkt im Oktober zeigen. Bis dahin werde ich Video für Video in mich aufsaugen und versuchen, meinen Frieden mit der Ausweichrolle zu machen.