Deindiziert. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. D e i n d i z i e r t. Mein persönliches Wort des Jahres 2011 kommt eigentlich direkt aus der PR-Sprechhölle und doch ist damit eine teuflisch gute Nachricht verbunden: Seit dem 4. August 2011 befindet sich Doom nicht mehr auf dem Index, wurde also von der Liste jugendgefährdender Medien der Bundesprüfstelle gestrichen und darf infolgedessen frei beworben und verkauft werden.

17 Jahre nachdem der staatliche Zensur-Bannhammer das wegweisende und stilprägende Werk von id Software traf, hat es nun sogar einer 16er-Freigabe erhalten. Und ist nun via Xbox Live endlich wieder ganz legal verfügbar.

Doom anno 2012 ist zwar einerseits ein sehr gutes Beispiel, wie sehr sich die Computerspiel-Technologie seit dem 10. Dezember 1993 - der Stunde Null - weiterentwickelt hat. Ganze 22,43 MB Umfang besitzt der Download, nur wenige Sekunden vergehen, bis der Shooter-Prototyp aus der Ursuppe des digitalen PC-Ballerns auf der Festplatte der Konsole landet.

Andererseits wird beim erneuten Durchspielen aber auch sehr schnell klar, dass Doom nicht umsonst als Keimzelle der Ego-Shooter gilt und in etlichen Belangen heute noch als Blaupause dient. Das sieht man zwar in der Regel nicht auf den ersten Blick, das grundlegende Spielprinzip hat sich in dieser Zeit aber kaum verändert.

Wundervoller Pixelbrei

Selbstverständlich darf man ungeachtet der HD-Display-Unterstützung keine Wunder erwarten. Doom ist in dieser Form nicht viel mehr als ein Traum gewordener Pixelbrei, den 99,9 Prozent aller aktuellen Smartphone-Games optisch locker in die Tasche stecken. Aber der Witz ist: Trotz der grau-braun-rot-grünen grafischen Matschsoße - einer Mischung aus monotonen Wänden, radioaktiven Texturseen und grobkörnigen Blutspritzern - hat das Ballerspiel nichts von seiner Faszination verloren.

Doom 1 - 17 Jahre später: Der Spiele-Meilenstein ist wieder da

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Doom hat seinerzeit die 3D-Grafik salonfähig gemacht und war ein technischer Meilenstein.
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Immer noch läuft man voller Beklemmung durch die engen Gänge, erwartet instinktiv hinter jeder Ecke eine Ansammlung der fiesen Höllenmonster und pirscht sich so ängstlich voran. Jeder Schritt kann eine Falle, eine weitere geheime Schiebewand auslösen, hinter der sich schiere Massen an Feinden verbergen.

Packshot zu Doom 1Doom 1Erschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

id Software zeigte sich trotz der damals neuen 3D-Technik als Meister der Reduktion. Es brauchte keine opulenten Explosionen oder stotternde Fahrzeugmissionen, nicht Dutzende unterschiedliche Protagonisten und verworrene Handlungsstränge, die eh nach zehn Minuten vergessen sind.

Dass man sich hier auf dem Marsmond Phobos befinden soll, ist nach wenigen Sekunden aus den Gedanken gelöscht; es geht einfach nur ums nackte Überleben. Nein, hier arbeitet das Team um John Carmack mit simplen Mitteln: völlige Dunkelheit, im fahlen Schein aufblitzende Lichter, plötzlich aus dem Nichts auftauchende Monstrositäten, die uns auch gerne mal per One-Hit-Kill ins Jenseits befördern.

Das Schlimmste ist aber wohl die ständige Geräuschkulisse - irgendwo, knurrt und keift es pausenlos. Selbst eine sich schließende Tür verursacht mitunter panische Reaktionen. Dabei will man doch nur diese verdammten Keycards finden, mit der sich die nächste, übernächste und drölfte farbige Tür öffnen lässt.

Oldschool - na und?

Natürlich ist das alles nicht sonderlich abwechslungsreich. Selbst der unfähigste Spieler bekommt schnell Spitz, wie dumm und vorhersehbar sich die computergesteuerten Widersacher verhalten. Wer Doom mit heutigen Maßstäben misst, wird sich über die lächerliche Ziel-Funktion totlachen. Eigentlich genügt es, die Knarren nur grob in die Richtung der Monster auszurichten. Fast jeder Schuss ist ein Treffer - selbst mit der Schrotflinte trifft man noch kilometerweit entfernt herumwuselnde Höllenviecher.

Es ist noch nicht einmal nötig - oder besser gesagt möglich! - den Blick nach oben oder unten zu schwenken. Auch in diesem Punkt glänzt das Werk mit einer Bescheidenheit, die den meisten aktuellen Titeln in ihrer Featureitis einfach abgeht.

Wer jetzt denkt, Doom sei total oldschool, irrt. Denn Doom hat die Oldschool erfunden! Am Aufbau dieses Ballerspiels orientieren sich seit bald zwei Dekaden Heere von Spieledesignern. Vielleicht nicht unbedingt, was die eingeschränkte Steuerung betrifft. Aber ganz sicher beim verworrenen Levellayout, bei diversen Spielmechaniken, und vor allem der Zusammensetzung und Gestaltung des Waffenarsenals (Ich sage nur Doppelläufige Schrotflinte!).

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Strunzdoof, aber dennoch furchteinflößend: die Monster.
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Oder der Einsatz des von Bobby Prince komponierten treibenden Midi-Soundtracks, der Musikstücken aus dem Metal-Bereich (Rise von Pantera und Behind the Crooked Cross von Slayer) nachempfunden und dem grausamen Geschehen wie auf den Leib geschneidert ist. Jetzt natürlich im 5.1-Surround-Sound.

Eine Offenbarung ist übrigens damals wie heute der Multiplayer-Modus für vier Spieler. Mehrspieler-Spaß online, das war eine Sensation! 1994 waren viele schon froh, wenn sie gemeinsam an einem Computer zocken durften. Plötzlich ballerte man mit Doom sogar gegen Leute aus einer fremden Stadt - ja von einem anderen Kontinent - um die Wette. Selbst einen Vier-Spieler-Koop-Modus gab es obendrauf.

Der Adrenalinrausch vergangener Tage stellt sich vielleicht nicht mehr in dem Maße ein, wie heute bei einem Battlefield 3 oder Modern Warfare 3. Im Prinzip äffen diese Games aber nur nach, was Doom einst ins Leben rief.

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Neben dem Deathmatch gibt es auch einen Koop-Modus für bis zu vier Spieler.
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Wie visionär id Software Anfang der 90er bereits war, zeigte auch das Distributionsmodell. Nicht zuletzt dank der über einen Universitäts-Server verteilten legalen "Demoversion" des ersten Drittels des Spiels, genoss Doom eine rasend zunehmende Popularität. Carmack vertraute schon damals auf die Mundpropaganda und sah das Potenzial des Online-Absatzmarktes. Und damit schließt sich mit dieser aktuellen Doom-Version via Xbox Live der Kreis zum heutigen Videospiel-Markt.

Denn die 400 MS-Punkte (knapp fünf Euro) sollte euch dieser Klassiker absolut wert sein. Wer anno 93 zu jung war, muss spätestens jetzt diese Bildungslücke schließen. Eine PC-Fassung ist übrigens nicht geplant.