Das Leid uneingehaltener Ankündigungen kennt der Mensch seit Ewigkeiten. Bereits Dorothea Viehmann pries den Grimms »Hänsel und Gretel« als einen »Thriller um blutjunges Inzestpärchen« an. Heraus kam eine fade Schote über den respektlosen Umgang mit Senioren.

In der Gamesbranche wurde die Neigung zur Übertreibung kommender Spiele-Ereignisse landläufig mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen in der PR-Abteilung, respektive chronischer Naivität von Spieleredaktionen erklärt. Während ich selbst bei »Silverfall« den Schritt vom Preview zum Review vollzog, trafen mich die wahren Gründe wie ein Schlag. Ich will sie euch selbstverständlich nicht vorenthalten.

Schuld an der Diskrepanz zwischen vorweg stürmender Vorfreude und hintendrein schleichender Realität sind schlichte Übertragungsfehler, da der liebe Gott zwischen Spieleproduzent und -konsument eine lange Kette informationsverarbeitender Signalregeneratoren gesetzt hat. Die arbeiten ganz offensichtlich analog, denn bereits auf dem Weg vom englischsprachigen Entwickler zum deutschen Publisher, zu dessen PR-Schergen und weiter in die Redaktionen wachsen manchem Feature ein dritter Arm und ein Auge auf der Stirn. Die parasitären Lebensformen verdauen also auf jeder Zwischenstufe ganze Datenteile, nur um sie in spektakulärer Abwandlung wieder auszuscheiden und weiterzuleiten.

Dont believe the Hype! - Hypes enträtseln leicht gemacht - PR-Sprech in der Übersetzung

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 3/71/7
Rentnertreff Oblivon: Erst schlägt das Schwert zu, dann der Alzheimer.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Das Konzept kam mir vertraut vor. Ernährt sich nicht ähnlich der aus dem galaktischen Reiseführer »Per Anhalter durch die Galaxis« bekannte Babelfisch? Ein blutegelartiger Geselle, der sich im Ohr seines Wirtes festsaugt, Gehirnströme frisst und verständliche Sprache ausscheidet. Wenn der wechselwarme Kamerad selbst vogonische Poesie versteht… könnte man ihn nicht zur universellen Rückübersetzung »Marketingsprech -> Deutsch« einsetzen? Damit wäre das Stille-Post-Prinzip endgültig bezwungen und unrealistische Previews gehörten der Vergangenheit an!

Als ersten Praxistest ließ ich Yahoos terrestrische Inkarnation des Babelfischs zwischen mir und der offiziellen Homepage von »The Elder Scrolls: Shivering Isles« dolmetschen. Sofort entlarvte er die wahre Natur des »Oblivion«-Addons: von wegen großes Abenteuer! Krankengymnastik mit Parkinsonpatienten will Bethesda uns unterjubeln. Wie sonst soll man den deutschen Arbeitstitel »Die Älteren Rollen: Zitternde Inseln« verstehen? Weiter heißt es: »Das Zittern der Inseln fügt der vorhandenen Welt die Vergessenheit hinzu.« Ein SimGeriatrie mit Alzheimer als Zusatzfeature? Pfui Teufel!

Dont believe the Hype! - Hypes enträtseln leicht gemacht - PR-Sprech in der Übersetzung

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 3/71/7
Unter dem Weißblech trägt Siegfried der Dosenförmige alle Eigenschaften, »die Spielern gewachsen sind«.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Aber damit nicht genug der schrecklichen Entdeckungen: Bei »Ultima Online: Kingdom Reborn« formuliert der geschuppte Fremdsprachenassistent etwa für EA erstaunlich offen, wenn auch in unverkennbar trappatonianischem Sprachstil: »Erfahrung 'Ultima Online' mögen nie vorher«. Stimmt. Der Selbsterkenntnis folgt die Darlegung eines frevlerischen Rettungskonzepts. Im Original beginnt es harmlos mit: »All of the features players have grown to love in MMOs are here, including drag and drop functionality«.

Die abartigen Intentionen treten in der Übersetzung zu Tage. EA plant einen Kunstgriff derart weit unter die Gürtellinie, dass selbst Beate Uhse erröten würde: »Alle Eigenschaften, die Spielern gewachsen sind, um in MMOs zu lieben, sind hier, einschließlich Gegenkraft- und Tropfenfunktionalität […] Jagd hunderte der tödlichen Monster über einer massiven Welt mit exotischen Positionen […] gehen Sie auf Gruppenabenteuer, nehmen Sie an den epischen Fällen teil, hängen Sie heraus an der Ecke und verbinden Sie spielerverursachte Sozialfälle.« Ekel erregend!

Gewarnt sei auch vor dem kommenden Online-Titel »Fury«. Nicht nur, weil die Entwickler die Frage »Warum ausschließlich PvP ?« beantworten mit: »Einer der Hauptgründe ist, dass wir nicht denken«. Vielmehr offenbart der Internetauftritt die katastrophalen Beschäftigungsbedingungen ihrer Mitarbeiter. Stellt der Babelfisch deren Arbeitsalltag doch unter »Warum wir kämpfen« wie folgt dar: »Es ist das niedrigste Gefühl[…]: Furcht. […] Ein Schwärzungsgrad, der sie […] schleppt, unnachgiebig und unwiderstehlich. Panik überwältigt sie, wenn sie nach Luft keuchen, die nicht dort ist. Sie dreschen ihre Glieder in jeder Richtung, hoffnungslos […] sie finden nur Nichts […]etwas weniger als der Geist und ziellos in der Leere, einsam und gelitten«.

Dont believe the Hype! - Hypes enträtseln leicht gemacht - PR-Sprech in der Übersetzung

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 3/71/7
Schreien ihr Leid zum Himmel: Die Mitarbeiter von Fury-Entwickler Auron.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Nur ein einzelnes Mitglied der Grafikabteilung scheint sich aufgrund mäßigen Drogenkonsums in sein Schicksal gefügt zu haben: »Es ist nicht Hass, der mich meine Blätter zeichnen lässt […], zog von der ewigen Nacht und von der Form zurück in die lebende Welt der flüssigen Farbe und des prachtvollen Lichtes. Meine Rettung war nicht zufällig. Jedoch, ich wurde geholt zurück zu einem Zweck: Ich muss tun, was ich gut tue«. Kein Wunder, dass der Entwicklungsfortschritt in der Featureliste als Punkt mit rein konjunktivischer Natur auftaucht: »Zukünftiges Spiel errichtet auf unwirklicher Maschine 3.«

Wenigstens die Ankündigungen von Electronic Arts zum dritten Teil von »Command & Conquer: Tiberium Wars« blenden nicht. Das Prequel weist selbst in der schonungslosen Übersetzung eine aparte Note auf, die Hintergrundstory erscheint vielschichtiger als angenommen. Führt doch im Jahr 2047 ein gewisser Kane »die Bruderschaft des Kopfnickens in einem massiven Angriff […] nach links auf dem Planeten.« Wer hätte ahnen mögen, dass die Tiberiumkonflikte auf dem Selbstfindungsprozess einer sozialistischen Heavy-Metal-Vereinigung basieren. Vor allem ist das »Glatt-Wie-Seide Gameplay C&Cs, das erfunden wird, jetzt besser als überhaupt«. Besser als überhaupt? Wow! Insbesondere wenn man bedenkt, dass es »zukünftige Graphiken, eine epische Geschichte mit Phasentätigkeit und Bewegtvideoreihenfolgen« gibt.

Selbst bei »Mercenaries 2« hilft der brabbelnde Fisch, Schwächen zu offenbaren. Vor allem der Realismusgrad des 3D-Actionspiels wirkt problematisch, gilt hier C4 doch als »Leise, kompakt«. Auch die Söldnercharaktere lassen Federn. Einer der vermeintlich knallharten Protagonisten, Mattias Nilsson, erweist sich als ehemaliges Mitglied des lappländischen »Förster-Regiments« und ist bekannt dafür, »ein extrem verwegenes und heftiges Entweichen auszuführen«. Ein Forstbeamter mit Verdauungsstörungen? Na großartig. Ähnlich die steuerbaren Vehikel. Etwa zu einem Buggy, der zwar den kühnen Namen »Scorpion« trägt, dessen Beschreibung »nichts überquert holperiges Gelände und extreme Steigungen wie der wüste Pfadfinderträger!« eher nach fünfwöchiger Bergwanderung in Strapsen klingt.

Dont believe the Hype! - Hypes enträtseln leicht gemacht - PR-Sprech in der Übersetzung

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/5Bild 3/71/7
Was die GDI nicht ahnt: Der Angriff der moshenden Bruderschaft steht unmittelbar bevor.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

All diese Erkenntnisse bestätigen jedenfalls die eingangs aufgestellte Theorie. Die Wurzel des Hype-Übels liegt in überbrückbarer Fehlkommunikation. Freut euch also schon auf meine künftigen Spielevorschauen, in denen ich dank Babelfisch, vollkommen gefeit vor PR-Fallen, nur noch hart an der Realität berichten werde. Ich möchte sogar so weit gehen zu sagen, dass mich meine Entdeckungen in die Lage versetzt haben, euch die Antwort auf die Frage nach Previews, Reviews, dem Universum und dem ganzen Rest zu geben.

Sie lautet selbstverständlich 42.