Böse sein geht nicht, einfach drüber hinwegsehen aber auch nicht so richtig. Der „Macht doch mal was Neues!“-skandierende Internetmob ist inzwischen ebenso von Kyotoer Firmensitzen aus gut zu vernehmen, bedrängt Shooter-Fließbandprogrammierer wie Mario-Schöpfer gleichermaßen. Keiner stößt sich wirklich daran, die Japaner noch ein bisschen weniger; was wollt ihr alle, ihr kauft's doch sowieso. Wäre ja auch schon blöd, das hier zu verpassen.

Selbst das sich wiederholende Nörgeln wird wiederholt. Wer sich nach Very New Super Mario Bros. 23 noch nicht genug die Hörner am dicken Felsblock abgestoßen hat, der seit Jahren unbeweglich an jener Stelle verharrt, die Nintendo ursprünglich einmal für neue Konzepte reserviert hatte, kann ab diesem Freitag einen neuerlichen Anlauf wagen.

Im Laufe der Zeit ist aus dem grobschlächtigen Brocken eine beinahe perfekt bearbeitete Skulptur geworden, geschliffen von all den zweiten, dritten und zehnten Auflagen derselben Idee. Ob das nun Kunst oder schlichtes Handwerk ist, müsst ihr schon selbst entscheiden – kann man drüber streiten. Über die Qualität eher weniger: die erreicht mit Donkey Kong Country: Tropical Freeze ihren Höhepunkt.

Als die Retro Studios Ende 2010 mit der Ehrenrettung einer fast totgeglaubten Marke begannen, befanden sich 2D-Jump-and-Runs nicht unbedingt in einer Sinnkrise, waren aber noch ein gutes Stück vom aktuellen Höhenflug entfernt. Mit den zweidimensionalen Schablonenhüpfern des Latzhosenträgers war Nintendo selbst maßgeblich an der Rehabilitation eines Genres beteiligt, das von Spielen wie Banjo & Kazooie an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt wurde. Ein Spiel, mit dem Entwickler Rare selbst eine Ära beende, in dessen Zenit sie Anfang der Neunziger mit Donkey Kong Country standen.

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Wehe, jetzt kommt einer von euch mit Next-Gen-Grafikvergleichen.
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Knapp 20 Jahre später lagen sowohl Studio als auch Affe im Sterben. Retro reanimierte letzteren mit einem großartigen Comeback und tat damit endgültig etwas, von dem schon keiner mehr recht glaubte, dass es überhaupt möglich war: das von Rare hinterlassene Loch, die ihre Kreativität inzwischen gegen Microsofts Geldscheine getauscht hatten und Donkey Kong erst zur Ikone machten, endgültig zu stopfen. Halleluja!

Ein Spiel, das vor allem eines soll: Spaß machen

Auf den ersten Blick liegen zwischen dem Zauber von 2010 und der Faszination von heute nicht viel mehr als paar zusätzliche Pixel und eine Haarkur für das prächtig schimmernde Affenfell (es sieht so gut aus!). Es ist noch alles an seinem Platz, alles da, wo ihr es liegengelassen habt. Wer damals mehr Wiimotes als Spielstunden verschlissen hat, sollte seine Umgebung von Zerbrechlichem säubern – so ein Wii U GamePad wiegt einiges Wenn die Freundin von eurem beschwingten Mitwippen zur fröhlichen Musik genervt war, freut sie sich vielleicht mal über neue Kopfhörer. Es hat schon seinen Grund, dass „Tropical Freeze“ anstelle einer „2“ im Titel steht.

Donkey Kong Country: Tropical Freeze - Farbenfrohe Screenshots mit Donkey, Diddy, Dixie und Cranky

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Nennt es von mir aus „dasselbe in Grün“, wenn ihr wollt, schimpft wie die putzigen Pinguine, wenn ihnen der spielgewordene Beweis für Shigeru Miyamotos Englischschwäche mit einem unvergleichlich befriedigenden Schmatzen auf die blauen Köpfe springt. Alles entschuldbar, bisweilen verständlich, wenn ihr Donkey Kong Coutry: Tropical Freeze denn nur eine Chance gebt.

Mehr als eine Gelegenheit brauchen die texanischen Entwickler auch gar nicht. Sie schmeißen euch so unvermittelt, so unmittelbar ins Geschehen wie damals, als die einzige Hürde zwischen Spieler und stundenlangem Spaß das Einstecken des Moduls in den Konsolenschacht und Updates oder Tutorials noch Fremdwörter waren. Donkey Kong grinst so debil, dass man sich ernsthaft um die Enge seines Krawattenbundes sorgt, feiert mit seinen Kumpels; Pinguine hier, plötzlich Ärger da, irgendwas explodiert, plötzlich Eis überall, los jetzt.

Das Gefühl des Wii-Vorgängers ist sofort wieder da (jetzt dank GamePad und Pro Controller sogar ohne nerviges Wiimote-Gefuchtel), das Fluchen aber auch. Von allen Dingen, die Retro übernommen hat, ist der Schwierigkeitsgrad vermutlich die größte Konstante. Trotz des Koop-Modus ist Donkey Kong Country: Tropical Freeze kein Spiel für einen entspannten Abend, das ihr zusammen mit einem Kumpel und ein paar Bierchen mal eben nebenbei daddeln könnt. Sollte das euer Plan sein, ist Super Mario 3D World oder meinetwegen auch Rayman Legends das Party-Spiel, nach dem ihr sucht.

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Ein ganz normaler Tag im Dschungel.
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Sechs Welten, vier Affen, zwei Herzen, keine Gnade

Hinter niedlichen Tierchen und Wohlfühlatmosphäre lodert es stets bedrohlich, das Feuer der eigenen Wut. Wer an einer kniffligen Stelle zu verzweifeln droht, darf ausnahmsweise mal keine Gnade erwartet. Hier wird kein freundlicher Luigi ins Bild hüpfen und euch an der Hand durchs Level führen, wie es in New Super Luigi U der Fall war. Viel mehr als ein kleines Nicken in eure Richtung ist auch der Kram in Funky Kongs Hütte nicht. Ein paar Bananenmünzen sind kein schlechter Deal für mehr Leben oder ein drittes Herz, machen die ach-so-nervige Sprungpassage oder die gelegentlich etwas zu langen Bosskämpfe aber auch nicht leichter. Was für ein Affentanz.

So konservativ wie genial: In seinen Grundzügen dasselbe wie auf der Wii, im Detail konsequent verbessert. Viel mehr kann man aus dem Genre nicht herausholen.Fazit lesen

Mit Tropical Freeze ist die Serie weder leichter noch schwerer geworden, aber zumindest eine Spur taktischer. Das ADHS-Äffchen auf Donkeys Schulter reicht den Staffelstab nun auch gelegentlich an Dixie und den tatterigen Cranky Kong weiter, dessen Stammbaum irgendwo den von Dagobert Duck kreuzen muss. Wie einst der Entenhausener auf dem NES hüpft sein affiger Gegenpart ebenso auf seinem Krückstock durch die wunderschön anzusehenden Level, vorbei an eisigen Gletschern und tropischen Wäldern.

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Nicht gerade selten muss es genau einer von den drei Partnern mit der ihm eigenen Spezialfähigkeit sein, den der titelgebende Protagonist im Schlepptau haben muss, um an einen Sammelbuchstaben, ein verstecktes Puzzleteil oder sogar eine geheime Route zu gelangen. Auf Anhieb werdet ihr kaum jedes Geheimnis eines Levels aufspüren. Wiederspielwert ist kein Problem von Tropical Freeze.

Das latente Gefühl von „Irgendwie habe ich das alles schon mal gesehen“ schon eher. Trotz kreativer Glanzleistungen im Minutentakt, dem besten Soundtrack, den Donkey-Kong-Country-Komponist David Wide je erdacht hat und mehr Abwechslung in 15 Minuten als andere Jump-and-Runs 15 Stunden ist es doch immer da, schwerer zu überwinden als jeder Abgrund, den ihr auf vier Pfoten oder auch mal in einer wilden Lorenfahrt vor euch habt. Es ist das größte Problem eines Spiels, das sonst keine hat.