Suizid ist der gravierendste, schlimmste Einschnitt, mit dem ein Mensch sich verstümmeln kann, ebenso wie es wohl die grauenhafteste Erfahrung im Leben der Mitmenschen, der Familie, der Lieben im Umfeld des Verstorben sein muss. Suizid ist ebenfalls eine sehr beliebte Headline: Mord, Totschlag, Suizid, Unfälle – nichts bringt der Online-Presse mehr Klicks, bis womöglich auf die neuesten Promi-Seitensprünge im Newscluster. Wenn dann noch ein Spiel verantwortlich gemacht werden kann, mit Fingerzeig und Unterüberschriften im Gewand von “Warnung: Besorgte Eltern bitte lesen!”, dann sind schon einmal die 100 Euro über Klickzahlen reingeholt.

Geht es um Geld, und das wissen wir alle, werden wahre Begebenheiten irrelevant. Doki Doki Literature Club! erfährt das momentan am eigenen Leib, während englische, amerikanische sowie auch deutsche Presse sich auf den Übeltäter werfen und das Spiel für den Suizid eines 15-jährigen Jungen aus Großbritannien verantwortlich machen. Wie beim Spiel Stille Post schreibt Pressemagazin A von B ab, C übersetzt B, D übersetzt C und E schreibt einen Text aus Nachrichten von allen zusammen, pickt hier die Headline, dort die angeblichen Aussagen des Vaters und salzt die News anschließend mit einem kleinen ‘Mehrwert’, einer ausgedachten Floskel zum Geschehen, um sich abzuheben.

Was kommt dabei heraus? Ein Wust an völlig unterschiedlichen Aussagen und Inhalten; mit einer Gemeinsamkeit: “Doki Doki Literatur Club! ist Schuld am Suizid eines Jungen”. Und dabei hat Doki Doki vermutlich nicht das geringste mit der Tragödie zutun.

Die horrende Pressearbeit hinter der Tragödie

Die einzige, tatsächlich journalistisch halbwegs reine Berichterstattung, die ich zu dem Fall finden konnte, stammt ausgerechnet von einem der berühmt-berüchtigsten YouTuber überhaupt: PewDiePie bespricht in seinem Video “THE REAL REAL TRUTH ABOUT TANACON” (ja, Clickbait-Überschrift) unter anderem den Fall von Doki Doki Literature Club!, verweist auf mehrere Berichte zur Tragödie und zeigt, warum das Spiel höchstwahrscheinlich nicht gemeint war, als der Vater des Jungen über die Umstände des Suizids sprach. Was dieser überhaupt gesagt hat oder ob er gegenüber der Presse tatsächlich ein Interview gegeben hat, ist aufgrund von fehlenden Quellen und der Art der Berichterstattung nicht mehr wirklich nachweisbar.

In den Pressewerken, die PewDiePie herausgefiltert hat, wird der ‘verantwortliche’ Titel als Online-Spiel bezeichnet, das den Usern Nachrichten auf ihr Handy schickt, mit Charakteren, die ‘gemein’ (eng.: “nasty”) werden, wenn nicht gemacht wird, was sie wollen. Ich habe Doki Doki selbst durchgespielt, ebenso wie PewDiePie, ebenso wie vielleicht auch du: Keine von diesen Aussagen trifft auch nur im Entferntesten auf das kleine Horrorspiel zu. Falls ihr wissen möchtet, worum es stattdessen in Doki Doki geht, könnt ihr meinen Test zum Spiel lesen.

PewDiePie spricht darüber, wie Doki Doki zum Sündenbock gemacht wird (ab Minute 7:17):

Ein weiteres Video

Es ist einfacher und schneller, Aussagen und Informationen zu einem Thema ohne jedwede Hinterfragung zu übernehmen. Und wer springt schon nicht gern auf den “Horrorspiel ist Schuld am Tod eines Menschen”-Zug auf; dieselbe Bahn, die auch Waggons mit Namen wie “Spielt führt zu Schulmassaker”, “Spiel lässt Familienvater gewalttätig werden” führt, Dinge, die vor nicht allzu vielen Jahren über Filme gesagt wurden und noch früher über Bücher.

Der Fall Doki Doki ist eine Tragödie sondergleichen, weil hier ein junger Mensch sein Leben beendet hat; weil das Schrecklichste für dessen Familie und für ihn selbst eingetreten ist. Aber auch, weil das Leid dieser Menschen nur allzu bereitwillig, fast schon freudig, in die Klick-und-Geld-Maschinerie der Presse aufgenommen, aufgesogen wird, wie ein Stück leckeres Fleisch, das nun auf dem endlosen Fließband von Stampfern zerschnitten, zermahlt und bis zur Unkenntlichkeit verarbeitet wird, bis es endlich, endlich die Art von Hackfleisch ist, die BBC News und Gaming-Journalisten rund um die Welt für eine gute News gebrauchen können.

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