Wir erinnern uns: Das höchst ambitionierte belgische Studio Larian, höchstens bekannt für die ulkig-nischige Reihe Divinity und sonst für präzise gar nichts, hatte sich über Crowdfunding die Realisierung einer Schnapsidee ermöglicht, deren Ergebnis so besoffen gar nicht war. Man hätte nicht glauben sollen, dass ein so anachronistisches, sperriges, langes, rundenbasiertes Traditions-Rollenspiel wie Divinity: Original Sin überhaupt funktionieren könne. Tat es aber mit Anlauf und Bravour. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, und das Märchen von den Quellenjägern gewann auf ganzer Linie: Respekt, tolle Wertungen und gute Verkaufszahlen.

Dass derzeit fleißig am Nachfolger gewerkelt wird, der in Sachen Ambition und Freiheit seinen ohnehin üppigen Vorgänger nochmal in den Schatten stellen soll, ist wenig verwunderlich, wenn auch etwas einschüchternd. Mehr spielerische Freiheit? Wie denn?! Wenn wir an noch weniger Regeln gebunden werden, dann wird das Spiel quasi der RPG-Maker! Wir wünschen dem belgischen Studio jedenfalls viel Glück.

Divinity: Original Sin Enhanced Edition - Overview Trailer - PS 4

Es ist bis dahin aus finanzieller Sicht keine schlechte Idee, eine Enhanced Edition des ersten Teils zurechtzuhäkeln und neben den PC-Spielern jetzt auch auf Konsolenhelden loszulassen. Die Kasse wird, zumindest im Verhältnis zum Produktionsaufwand, klingeln wie ein Leprakranker, und wenn auch vielleicht PS4 und Xbox One nicht das perfekte Publikum bieten, wird man sicherlich einige RPG-Nerds erwischen, an denen Original Sin letztes Jahr vorbeigehuscht ist.

So gesehen hätte man es sich gemütlich machen können. Was soll man auch schon aus einem Oldschool-RPG mit explosivem Überforderungsfaktor drechseln? Eine Grafikbombe wird es eh nicht mehr, das Grundkonzept ist zu behäbig um Actionfreunde ins Panzerschiff zu holen und womit soll man sonst schon punkten? Larian hatte jede Ausrede parat, um gemächlich die Neuauflage vor sich herzukullern wie ein Kätzchen ein Wollknäuel. Es spricht sehr für Larian, dass sie es nicht getan haben.

Tatsächlich steckt in der Enhanced Edition einiges, was sie attraktiver und zugänglicher macht. Nehmen wir es gleich vorweg: Die Grafik zählt nicht wirklich dazu. Original Sin ist schön, ohne Frage, aber nicht schöner als zuvor, es sei denn natürlich, man hat eine derartige Möhre von Rechner, dass man schon vor einem Jahr die stilisierte Iso-Grafik auf das Niveau von Fallout 1 runterschrauben musste. Wird aber wohl kaum passiert sein, da das Spiel in der Hinsicht sehr verträglich war.

Divinity: Original Sin Enhanced Edition - Die quasselnden Götter von der Couch

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Dank dem klasse umgesetzten Splitscreen kann man das epische Abenteuer super von der Couch aus genießen.
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Eigentlich ist es sogar gut, dass man nicht künstlich versucht hat, die Optik der Enhanced Edition aufzubauschen. Braucht kein Schwein, und es werden Zeit und Ressourcen für wichtigere Baustellen frei. Zum Beispiel muss die Frage im Raum gestanden haben, wie man ein so menülastiges Rollenspiel gut über einen Controller zugänglich macht. Ein Stolperstein, der schon so manchen Konsolenport hat stürzen und sich den Hals brechen lassen. Bei der Enhanced Edition von Divinity: Original Sin ist das Ergebnis erfreulich, wenn auch nicht perfekt.

Packshot zu Divinity: Original Sin Enhanced EditionDivinity: Original Sin Enhanced EditionErschienen für PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Neue Features, neue Freude

Über Radial-Menüs lassen sich alle relevanten Fenster in kürzester Zeit erreichen, und hat man sich erst an das System gewöhnt (Schultertaste halten, Menüpunkt anvisieren, Schultertaste wieder loslassen) schwingt man sich durch die verschiedenen wichtigen Fenster so souverän wie Tarzan durchs Dickicht. Es klappt tatsächlich, man sollte es nicht für möglich halten, besser als anno dazumal auf dem Rechner. Schneller, komfortabler. Auch sind die Menüs zugunsten der Übersichtlichkeit etwas gestrafft und insgesamt vergrößert worden. Alle wichtigen Informationen sind nach wie vor vorhanden, manche vielleicht hinter einem Knopfdruck mehr versteckt, aber zügig abrufbar, gut zu erkennen und einfach sinnvoller organisiert.

Schwachpunkt dieser Neuausrichtung ist das nach wie vor kaum zu bändigende Inventar, denn wenn erst Unmengen an Plunder in die Taschen der beiden Quellenjäger wandern, dann hat man sich schon 2014 etwas intuitivere Optionen gewünscht. Optionen dafür, das Inventar sinnvoll zu sortieren oder die Handhabung der Gegenstände zwischen den Partymitgliedern, die notwendigerweise immer noch getrennte Rucksäcke haben, besser organisieren zu können.

Eine tolle Neuauflage – lohnt einen zweiten Blick, vor allem aber einen ersten, wenn man eines der besten RPGs der letzten Jahre bislang verpasst hat.Fazit lesen

Und wenn wir schon dabei sind, Schwächen aus der Welt zu räumen: Eine der bewussten Designentscheidungen, die aber ohne jeden Zweifel nicht nur auf Gegenliebe gestoßen sein wird, ist ebenfalls immer noch in seinem ganzen Glanz und seiner Glorie enthalten: Wenn ihr erwartet, dass euch D:OS in seinem neuen Gewand mehr Dinge mitteilt – Wo muss ich hin? Wo sich wichtige Elemente der Welt? Wie funktioniert dies und das? - seid ihr schon kurz nach der neuerlichen Ankunft genauso aufgeschmissen wie vor einem Jahr. Auch die Enhanced Edition sagt euch nicht viel mehr als nichts.

Divinity: Original Sin Enhanced Edition - Die quasselnden Götter von der Couch

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Wir haben die Xbox-One-Version getestet, die aber vergleichbare Elemente hat.
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Ist aber alles relativ wumpe, es gibt nämlich, bei aller Beibehaltung alter Macken, ein paar immens erfreuliche Neuerungen. Der Couch-Coop ist die erste. Während alle Stärken, die man vom Online-Multiplayer bereits kennt, durchaus gut transportiert wurden, kann man gemeinsam vor derselben Konsole ein sehr ähnliches Erlebnis haben, denn üähnlich dem System, das man zum Beispiel aus den LEGO-Spielen kennt, spaltet sich bei Bedarf und nahtlos einfach der Bildschirm vertikal in der Mitte, wenn sich beide Spieler zu weit voneinander entfernen, und schließt sich ebenso butterweich, wenn man wieder zueinanderfindet.

Bessere Story und Sprachausgabe

Das gibt ein ungehöriges Maß an Freiheit, so viel, dass sich Spieler wirklich gegenseitig ins Boxhorn jagen können, wenn sie aufeinander keinen Bock haben und auf Ego-Kurs gehen. Da redet dann einer ganz geduldig mit der lokalen Dorfbevölkerung, während der andere sich schon in der Steppe von Orks die Kauleiste neu ausrichten lässt. Tatsächlich hat der Splitscreen sogar den Vorteil, dass man sich schnell wiederfindet – in einem kompetitiven Shooter ist es Schummel, hier aber hilft ein kurzer Blick zur anderen Seite des Bildschirms. Übrigens gibt es jetzt eine frei drehbare Kamera, die herrlich viel Übersicht ermöglicht. Nur, wenn beide Spieler auf einem Bildschirm im Couch-Coop rumackern, ist die Kamera fixiert.

Die beiden größten Änderungen jedoch sind es, die endgültig den Deal besiegeln und dafür sorgen, dass Divinity: Original Sin Enhanced Edition sich eine dicke Empfehlung verdient. Einer der größeren Kritikpunkte der Originalversion war, zumindest in Teilen, die Story, die gerade zum Ende hin zerstückelt vor sich hinschwappte und dann ein Ende bot, das nicht unbedingt den Höhepunkt dieses so reichhaltigen Spiels darstellte. Jeder Entwickler bei Verstand hätte gesagt "Gut, dumm gelaufen, können wir aber nichts mehr dran drehen. Wir versuchen's beim Sequel nochmal."

Divinity: Original Sin Enhanced Edition - Die quasselnden Götter von der Couch

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Die Sprachausgabe und überarbeitete Story machen auch Veteranen den Mund wässerig.
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Nicht so Larian. Wer sich genug Mühe gibt, auf einen so elementaren Kritikpunkt einzugehen und tatsächlich die Story nochmal zu bearbeiten, verdient sich ein dickes Lob. Vor allem ein befriedigenderes Ende stand auf dem Plan, und im Gegensatz zu gewissen Kollegen (husthustMassEffect3hust) war ja der ursprüngliche Abschluss auch kein Debakel.

Und wenn man schonmal dabei ist, die Story zu verändern, dachte man sich: Wie wäre es denn, wenn wir auch noch eine Sprachausgabe mit drauflegen? Einfach mal so? So schlapp fast 70000 Zeilen einsprechen lassen, damit die Helden und NPCs einfach mehr Persönlichkeit kriegen? Es ist wirklich ein Mammutwerk und qualitativ ist die Sprachausgabe sehr gut gelungen.

Der einzige Makel ist, dass die NPCs, die zuvor auch schon im Sekundentakt ihre Standardphrasen runtergebetet haben, sich auch mit echtem Geschwafel alle paar Sekunden wiederholen. Nach fünf Minuten auf einem Marktplatz kann man schon leicht geisteskrank werden, und Gott gnade dem Spieler, der sich in der Nähe einer Gruppe Quest-Charaktere aufhält, die das aktuelle problem mit den immer selben Phrasen beklagen. Ein kleiner Schönheitsfehler in einem Meer von Schönheit.

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