Auch wenn der Titel prima zu einer Trickfilmserie aus den 80ern passen würde, ist Larians Steampunk-RTS-Total-War-Mix 'Divinity: Dragon Commander' alles andere als Kinderkram. Obwohl: In Gestalt eines Drachen mit Jetpack feindliche Panzer zu verdampfen, hat ziemlich weit oben auf meinem Wunschzettel gestanden, als ich acht Jahre alt war.

Divinity: Dragon Commander - Launch TrailerEin weiteres Video

Dragon Commander sieht auf den ersten Blick aus wie eines dieser bemühten Plagiate, für die ein namenloses Studio alle Highlights der Konkurrenz abgekupfert, anders zusammengefrickelt und zum Schluss ein neues Thema drüber geklatscht hat. In diesem Falle Steampunk. Wie gesagt: Auf den ersten Blick kommt hier einem vieles bekannt vor. Auf den zweiten Blick muss man den Damen und Herren von Larian Studios aber zugestehen, dass sie die "Inspirationen" gekonnt zu etwas Neuem verbunden haben. Hier weht ein frischer Wind, den ich nicht erwartet hätte.

Divinity: Dragon Commander - Wenn Jetpack-Drachen über Homo-Ehen und Frauenquoten grübeln

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Als Drache dürft ihr ballern bis zur Überhitzung - das kann schneller passieren, als euch lieb ist.
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Heldenhafte Halbdrachen spielen Risiko

Die Story der Kampagne spielt, wie alle Divinity-Teile, in der Welt von Rivellon und handelt von den Kindern des Kaisers Sigurd, die den Herrn Papa hinterrücks erdolcht haben und nun in einem blutigen Krieg um die Weltherrschaft verstrickt sind. Ihr als das letzte Kind - ein Bastard mit einem Drachen als Mutter - seid der Auserwählte, dessen Bestimmung es sein soll, Rivellon wieder zu vereinen.

Erzählt wird die Handlung einerseits mittels Schattenspiel-Zwischensequenzen inklusive Piano-Begleitung, andererseits im Spiel selbst. Der Humor kommt dabei nicht zu kurz und was die Übersetzung angeht: Hut ab. Die Synchronsprecher leisten ordentliche Arbeit. Jeder Pieps wurde vorbildlich ins Deutsche vertont.

Die taktische Weltkarte erinnert auffällig an einen Risiko-Spielplan. Es wird abwechselnd gezogen. Länder erobert und haltet ihr durch eure Truppen auf dem jeweiligen Feld. Je mehr Länder ihr besitzt, desto mehr Einheiten dürft ihr bauen, desto mehr Gold fließt in euer Säckel und desto mehr Wissenschaftspunkte erhaltet ihr zur Aufrüstung eurer Truppen.

Packshot zu Divinity: Dragon CommanderDivinity: Dragon CommanderErschienen für PC kaufen: Jetzt kaufen:

Mittels unterschiedlicher Gebäude wie der Taverne, dem Magierturm oder der Akademie lässt sich euer Einkommen verbessern, außerdem erhaltet ihr Bonuskarten, mit deren Hilfe ihr den Gegner sabotieren, eure eigenen Länder stärken oder Einheiten kurzzeitig als Söldner anheuern dürft.

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Erinnert an und spielt sich wie Risiko: der Rundenstrategie-Part.
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Diplomatie mit Skeletor

Spielt ihr die Kampagne, erforscht ihr zwischen den Runden auf eurem Mutterschiff "Raven" neue Technologien und Upgrades für eure Truppen. Außerdem palavert ihr mit den diplomatischen Vertretern der fünf Völker von Rivellon: einem Skeletor-Verschnitt vom Volk der Untoten, einem Legolas-Elf mit Hippie-Attitüde, einem großkapitalistischen Zwerg, einer kühlen Echsendame und einem schrulligen Imp-Gnom mit Monokel.

Daneben plauscht ihr regelmäßig mit euren vier Generälen, die euch während der Kampagne als Heerführer für automatisierte Schlachten zur Verfügung stehen - ein Feature, das Total-War-Veteranen bekannt vorkommen dürfte. Habt ihr grad keinen Bock, euch selbst ins Getümmel zu stürzen und sind eure Truppen sowieso in der Überzahl, klickt ihr einfach auf den entsprechenden Button und lasst die KI das Match auswürfeln.

Kein Thema tabu, kein Eisen zu heiß

Spätestens beim Gesprächs-Part muss man die Entwickler der Larian Studios vom Vorwurf des Ideenklaus freisprechen. Zwar erinnert das Mutterschiff im Steampunk-Look spielerisch an Sarah Kerrigans Leviathan aus der Kampagne von Starcraft 2: Heart of the Swarm, doch was euch die Protagonisten in Dragon Commander an Denksportaufgaben um die Ohren hauen, würde jedes seriöse Umfrageinstitut ins Schwitzen bringen:

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Manchmal muss man mit seinen Generälen Klartext reden.
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Soll ich Homo-Ehen erlauben? Hasch legalisieren? Die Pressefreiheit beschneiden? Gewerkschaften zulassen? Menschenversuche abnicken? Zwangsehen unter Strafe stellen? Eine Frauenquote fürs Militär durchdrücken? Oder wie stehe ich zu heißen Eisen wie aktiver Sterbehilfe, Verstaatlichung der Industrie, Urheberrecht, Tabaklobby und Geburtenkontrolle?

Wer Zweifel hegte, dass die Divinity-Reihe auch Feldherren Spaß machen kann, wird hier eines Besseren belehrt.Fazit lesen

Prinzessinnen sagen "Ja" zu Drachen

Eure Antworten bestimmen, wie die einzelnen Völker der Kampagne zu euch stehen und wie viel Gold und Wissenschaftspunkte ihr nach jeder Runde kassiert. Garniert wird das Ganze von derben Zeitungsmeldungen, die eure Entscheidungen in bester Boulevard-Manier aufs Korn nehmen. Richtig deftig werden die politischen Ränkeschmiede, sobald ihr eine von fünf Prinzessinnen zur Braut nehmen müsst - was die Beziehungen zum "erwählten" Volk enorm verbessert. Und dann ist da auch noch ein gewisser Dämon… aber ich will nicht zu viel verraten.

Gut gefallen hat mir, dass die diplomatischen Vertreter und eure Generäle selbst ein paar Runden später noch spitze Bemerkungen fallen lassen, wenn ihr sie während einer Fragerunde düpiert habt. Ebenfalls gelungen fand ich, dass "moralisch korrekte" Entscheidungen handfeste negative Auswirkungen haben können - im schlimmsten Fall verliert ihr Ansehen und Geld. Da ist man mehr als einmal versucht, einen der automatisch erstellten Spielstände zu laden oder vor einer kniffligen Entscheidung zwischenzuspeichern.

Jetzt aber Echtzeit! Mit Drachen!

So nett geschrieben die Kampagne auch ist, so gelungen ins Deutsche synchronisiert der Gesprächspart auch wurde, so kurzweilig und taktisch das Verschieben der Einheiten auf dem Spielplan auch sein mag - Brot und Butter von Dragon Commander sind die Gefechte in Echtzeit. Und hier ist es das Drachen-Feature, das den Titel von der Konkurrenz abhebt.

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Auf Brautschau: Kennen wir uns nicht von Pandora? Oder war das mein Avatar?
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Die Gefechte kommen im klassischen 3D-RTS-Look mit frei beweglicher Kamera daher. Zwar ohne komplexes Ressourcenmanagement, dafür aber mit Baseneroberung und einem zweckdienlichen Ensemble diverser Land-, Luft und See-Einheiten, die drei Produktionsgebäude-Typen für euch ausspucken. Ihr startet mit jenen Truppen ins Gefecht, die sich vor Beginn des Matches im Land befunden haben. Die Einheiten, die während des Kampfes gebaut werden, verschwinden nach dem Scharmützel wieder.

60 Sekunden nach Beginn eines Matches dürft ihr die RTS-Perspektive abstreifen und euch in einen von drei Drachen verwandeln, für den ihr euch bei Spielbeginn entschieden habt. In dieser Gestalt steuert sich Dragon Commander wie ein Arcade-Shooter. Ihr deckt feindliche Einheiten mit Feuerbällen ein und aktiviert eure Fähigkeiten, die ihr zuvor an Bord des Mutterschiffs erforscht und einer von neun Zahlentasten zugewiesen habt.

Wer braucht Truppen? Ich hab ein Jetpack!

Das Fluggefühl als Drache ist toll - ihr könnt euch frei im Gefecht bewegen und dank eures Jetpacks auf der rechten Maustaste gegnerischen Angriffen ausweichen oder schnell dahin fliegen, wo ihr gebraucht werdet. Feuerbälle ballern dürft ihr, bis die Überhitzungsanzeige rund um euer Fadenkreuz rot wird. Dann solltet ihr das Weite suchen und pausieren, wenn ihr nicht abgeschossen werden wollt. Verliert ihr all eure Lebenspunkte, werdet ihr zurück in die RTS-Perspektive versetzt und müsst ein paar Sekunden warten, bevor ihr wieder in die schuppige Drachenhaut schlüpfen dürft. Einzige Einschränkung: Das Verwandeln klappt nur in der Nähe eurer Einheiten und kostet 20 Rekruten - der Rohstoff während der Echtzeitkämpfe.

Rekruten verdient ihr, indem ihr "Rekrutierungszitadellen" auf festgelegten Bauplätzen hochzieht. Danach erhaltet ihr alle paar Sekunden einige Freiwillige (abhängig von der Bevölkerung eines Landes), die ihr gegen Einheiten und Gebäude tauschen könnt.

In Sachen Truppenvielfalt ist Dragon Commander einem Starcraft 2 zwar nicht ebenbürtig, doch es deckt die nötigen strategischen Stein-Schere-Papier-Bedürfnisse ab. Da gibt es fliegende "Hexer" mit Tarnfunktion und Flüchen, Schamanen-Zeppeline, die nahe Einheiten heilen, Schwebepanzer, Kampfläufer, "Kanonenrohre" als Artillerie, schnelle "Jäger"-Scouts, dazu diverse Schiffstypen. Da auf so ziemlich jeder Karte ein bisschen Wasser zu finden ist, könnt ihr einheitentechnisch aus dem Vollen schöpfen.

Leider sind es keine kleinen Einsteins, die ihr ins Feld führt - wenn ihr nicht auf eure Leute aufpasst, gehen sie schon einmal im Geschosshagel des Feindes verloren, weil sie stur zum Ziel rennen, ohne adäquat zu reagieren oder ihre Spezialmanöver einzusetzen. Die Feind-KI hingegen nutzt ihre Möglichkeiten konsequent, setzt die Truppen sinnvoll ein und hält euch auf höherem Schwierigkeitsgrad mächtig auf Trab.

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Der RTS-Part ist solide Standardkost, ist aber längst nicht so komplex wie vergleichbare Titel.
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Mehrspieler - vermutlich gut

Während der Kampagne oder gegen Bots sind die eigenen Truppen zwar nützlich, doch erst in den höheren Schwierigkeitsgraden entscheidend, denn im Grunde könnt ihr als Drache jede Partie allein gewinnen, wenn ihr euch geschickt anstellt und mit den richtigen aktiven und passiven Fertigkeiten an die Front fliegt. Die Action-Perspektive warf das Balancing in meinem Test gehörig über den Haufen. Selbst wenn das System eine achtzigprozentige Niederlage für mich prognostizierte, hatte ich überhaupt kein Problem, als Drache das Match zu gewinnen - so stark ist man als Schuppenvieh.

Hinzu kommt, dass es immer die gleichen Siegbedingungen zu erfüllen gibt. Wechselnde Missionsziele? Fehlanzeige. Erobert ihr alle "Rekrutierungs-Zitadellen" oder erreicht mit euren Truppen die Übermacht, habt ihr die Schlacht gewonnen. Hier wäre mehr drin gewesen.

In Mehrspieler-Matches dürfte das anders aussehen. Da haben beide Seiten Zugang zur Drachenform und mehr Einstellungsmöglichkeiten. Gerne hätte ich eine Mehrspieler-Kampagne zusammen mit oder gegen maximal vier menschliche Widersacher ausprobiert, doch mangels offener Lobbys und Mitspielern zum Testzeitpunkt blieb mir nur der Feldzug gegen die KI.

Fürs Protokoll: LAN-Gefechte sind möglich, man darf aus neun Kampagnen-Karten wählen (bei Ranglisten-Partien sind es fünf) oder stürzt sich direkt in eine Echtzeitschlacht. An Einstellungen mangelt es in den Nicht-Ranglisten-Matches nicht. Ob ihr den Drachenmodus verbieten oder nur dessen Timer verändern wollt, wie hoch die Spielgeschwindigkeit sein soll oder wie die Rekrutierungsrate ausfällt - es gibt einige Regler nach eurem Gusto zu justieren.

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Feindliche Übermacht? Von wegen! Als Drache wendet man die meisten Schlachten zu seinen Gunsten.
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Kleine Bemerkung zum Schluss

Getestet wurde eine Pre-Release-Fassung, bei der es vereinzelt zu Abstürzen, Hängern und sogar in einem Fall zu einem korrumpierten Spielstand kam. Die Probleme wurden durch mehrere Patches seitens der Entwickler angegangen und auch nach dem Release gab es einige Fixes. Es ist davon auszugehen, dass in den nächsten Tagen die letzten Kinderkrankheiten beseitigt werden. Wir behalten aber ein Auge drauf und werden nachlegen, sollte sich die Situation wieder verschlechtern. An der positiven Wertung ändert das erst einmal nichts.