Dishonored 2 besitzt ein komplexes, manchmal etwas störrisches, aber auch ein verdammt cooles und befriedigendes Kampfsystem. Das Spiel lässt mir enorm viel Freiraum, ich kann erkunden, schleichen oder mich in das offene Gefecht stürzen, habe die Wahl mit oder ohne Magie zu zocken oder ob ich als Männlein oder Weiblein spiele. Und dennoch - oder gerade deshalb? - ist es eine andere Funktion, die ich am meisten nutze: das Schnellspeichern- bzw. -laden des letzten Speicherpunktes.

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Ich gehöre zu den Entdecker-Typen in Spielen. Wenn ich weiß, dass es potenziell etwas zu erkunden gibt, kann ich nicht durch Räume gehen, ohne mir alles anzugucken. Ich habe dann die beinahe zwanghafte Angst, etwas verpassen zu können. Dishonored 2 ist eines dieser Spiele: Egal, wohin man kommt, es liegt immer Gerümpel rum, da steht eine Kommode in der Ecke oder ein Schreibtisch. Und all das untersuche ich dann mit detektivischer Gründlichkeit. Entwickler Arkane hat unheimlich viel Detailverliebtheit insSpiel gesteckt und das merkt man, wenn man die etlichen Bereiche durchstreift; stets auf der Suche nach etwas Neuem: nach Briefen, Tagebucheinträgen, Munition, Hintergrundinformationen - eben all jenem, was so ein Abenteuer für mich spielens- und entdeckenswert macht.

Dishonored 2: Das Vermächtnis der Maske - Die Qual der Wahl

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Wer seine Gegner abmetzeln will, erhält dazu reichlich Gelegenheiten - Dishonored 2 ist teils sehr brutal.
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Natürlich bin ich auch auf der Jagd nach Loot - in diesem Fall sind das Runen oder Knochenartefakte, mit denen man die magischen Fertigkeiten von Corvo (oder Emily) aufwertet oder freischaltet. Es gehört zur Motivationsspirale eines solchen Spiels, dass man immer mehr Fähigkeiten erhält und sich dadurch mächtiger fühlt. In Dishonored 2 kann ich mich dabei auf eine Weise individualisieren, die meinem Spielstil am besten entspricht. Wer am liebsten offensiv spielt, wählt eben Kräfte, die sich dafür besser eignen als defensive Talente, die das Schleichen und unbemerkte Vorantasten unterstützen.

Packshot zu Dishonored 2: Das Vermächtnis der MaskeDishonored 2: Das Vermächtnis der MaskeRelease: PC, PS4, Xbox One: 11.11.2016 kaufen: ab 51,04€

Wähle ich den aggressiven Ansatz, verschaffe ich meiner Spielfigur vielleicht mehr Vitalität (Lebenskraft), Stärke und bessere Reflexe. Der Weg durch die Schatten lässt mich eher zur Zeitverlangsamung greifen oder die Teleportationskräfte ausbauen. Ich kann aber auch einen Mix aus beiden zocken und das ist das Schöne an Dishonored 2: Ich probiere es eben einfach aus. Okay, einmal vergebene Runenpunkte lasen sich nicht zurücknehmen (was ich noch cooler fände!), Platz zum Experimentieren bleibt dennoch mehr als genug.

Denn die Levelstruktur ist so aufgebaut, dass es meist mehrere Routen zum Ziel gibt - und auf dem Weg dorthin nochmals etliche kleine Ablenkungen, die wiederum den Entdecker in mir aufhorchen lassen. Zwar hätten die NPCs dem Spieler gegenüber ruhig etwas redseliger sein könnten. Trotzdem kann man durch Belauschen ihrer Gespräche zusätzliche Informationsfetzen herausholen. Oder man findet „aus Versehen“ weitere alternative Wege, weil man abseits der offensichtlichen Routen herumstreunert.

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Das Kampfsystem ist sehr flexibel und komplex - wenn viele Gegner anstürmen, wird man aber auch leicht überrumpelt.
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Dabei passiert es mir aber immer wieder, dass ich plötzlich von Wachen entdeckt werde. Zum einen, weil ich oft genug unvorsichtig bin - my bad. Es gibt nämlich durchaus die Möglichkeit, einfach um die Ecke zu schielen und Gefahren zu entdecken. Aber das ist kein Freibrief, denn Gegner erkennen mich dennoch und werden sehr schnell nach dem Rechten schauen. Überhaupt sind die KI-Kontrahenten sehr auf Zack, erspähen meinen Helden schon aus ziemlich großer Entfernung.

Dishonored 2 sprüht vor Spielwitz und bietet enorme Entscheidungsfreiheit.Fazit lesen

Ein Symbol über ihrem Schädel signalisiert mir dabei, wie stark ihre Aufregung ist, färbt sich das Ding rot, habe ich ein Problem und bin entdeckt. Die Feinde sind nicht in allen Aspekten so clever - schließe ich eine Tür hinter mir, bin ich sicher. Habe ich sie einmal abgeschüttelt, latschen sie nach Ablaufen des Alarms nonchalant an ihren toten oder bewusstlosen Kameraden vorbei und pfeifen fröhlich vor sich hin.

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Das Teleportieren funktioniert bei Corvo und Emily auf verschiedene Weise - es ist nicht der einzige Unterschied zwischen beiden Spielfiguren.
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Oft genug muss ich mich ihnen in diesen Situationen aber auch stellen, wenn ich beim Schleichen mal wieder versagt habe, oder zu wenig Geduld hatte. Oder mich beim Killen oder K.O.-Schlagen habe erwischen lassen. Dann kommt das bereits angesprochene Kampfsystem zum Tragen. Mit der rechten Hand schwinge ich mein Schwert, links halte ich eine Pistole, Armbrust, vielleicht auch mal eine Granate - oder eine aktive Zauberkraft. Ich muss dabei einen Rhythmus finden zwischen Ausweichen, Schlagen, Schießen und Zaubern. Besonders wichtig ist das Blocken bzw. Parieren feindlicher Hiebe, damit ich Konter setzen kann. Aber auch das genügt nicht, um die Gefechte siegreich zu bestehen. Häufig genug werde ich von den umherspringenden Gegnern überrannt, weil plötzlich ein halbes Dutzend oder mehr um mich herumstehen oder auch auf mich ballern.

Auch nach zig Stunden passiert es mir immer wieder, dass ich in heikle Situationen gerate, die mit meinem Bildschirmtod enden. Entweder, weil ich mich zu dusselig angestellt habe, weil ich die Feinde unterschätze und einfach kopflos drauflosmetzle. Oder, weil ich einfach neue Ansätze ausprobiere und es dann doch nicht so läuft wie gedacht. Da will ich mich etwa auf einen gegenüberliegenden Vorsprung teleportieren, falle aber runter und genau in eine Meute Soldaten. Viel hält mein Held aber nicht aus und ich bin oft zu geizig, die Lebenstränke rechtzeitig einzusetzen. Und schon grüßt mich der nächste Tod.

Aber genau da kommt der Schnellspeicherstand ins Spiel: Ich kann jede Menge testen und ärgere mich gar nicht (so sehr), wenn man etwas nicht so gut klappt. Die Ladezeiten sind mit ca. 30 Sekunden zwar nicht so kurz, wie ich mir das wünschen würde, aber immer noch erträglich genug. Leider führt das Spiel keine Statistik über die Anzahl der Ladevorgänge, allein mehr als 60 Tode dürften euch ein Indiz auf meine persönliche Nutzung dieses Features geben.

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Manchmal möchte man einfach nur gucken und genießen.
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Die Art, wie ich zocke, wirkt sich aber auch auf das Innenleben von Dishonored 2 aus. Morde erhöhen den Chaoswert. NPCs werden dadurch misstrauischer und reagieren womöglich abweisend, die Zahl der Blutfliegen-Verseuchungen steigt an, die Menge der feindlichen Wachen wächst - und vor allem beeinflusst es, wie optimistisch oder zynisch das Ende des Spiels ausfällt. Killt man Maschinenwesen - also Roboter -, trägt das übrigens nicht zur Chaosenergie bei, zudem hat nicht jeder Feind einen gleich hohen Negativwert: Man könnte es auch so sagen: Manche verdienen es eher gemeuchelt zu werden als andere. Eine Auswertung meines Verhaltens erhalte ich am Ende jeden Levels.

All diese Faktoren führen dazu, dass Dishonored 2 sich zu einem unheimlich flexiblen Abenteuer entwickelt, das ich auf viele verschiedene Weisen zocken kann - und wodurch sich auch der Wiederspielwert des reinen Einzelspieler-Titels erhöht. Schließlich kann ich einfach einen zweiten Durchlauf starten und dann zu Emily greifen, mit ihr einen ganz anderen Weg einschlagen. Dabei kommt es nicht nur auf meinen eigenen spielerischen Input an, denn die gestürzte Kaiserin besitzt eine leicht andere Auslegung als Corvo. Der Protagonist des ersten Teils ist geradliniger und klassischer ausgerichtet, Emily kämpft dagegen mit mehr Finesse und steht für das Neue in Dishonored, mehr Beweglichkeit und frische magische Talente. Anstatt sich zu teleportieren, katapultiert sich die Heldin durch die architektonisch oft wunderbar gestaltete viktorianische Steampunk-Welt. Probiert das ruhig aus, der Spielablauf bekommt mit Emily ein ganz anderes Momentum. Allerdings läuft man mit ihr auch mehr Gefahr, beim Herumtollen entdeckt zu werden.

Die Hintergrundgeschichte ändert sich (soweit ich das gesehen habe) durch diese Wahl nicht dramatisch. Der Beginn des Schlamassels: Emilys „böse Tante“ beansprucht den Thron des Kaiserreichs für sich, hat im Hintergrund einen Coup eingefädelt, um Corvo als Killer dastehen zu lassen und die junge Kaiserin zu entmachten. Mit letzter Kraft entkommt er oder sie diesem gemeinen Plot und muss nun darum kämpfen, die Dinge wieder gerade zu rücken. Das ist soweit sehr solide inszeniert, richtig Leben in die Bude kommt aber nicht in erster Linie durch ein paar schicke Zwischensequenzen. Vielmehr erschließt man sich die Welt durch eigenständiges Entdecken. Natürlich könnte man die ganzen Infos, von denen ich oben sprach, auch ignorieren und durchpesen. Aber dann wäre es nur der halbe Spaß, wo sich für mich der Kreis schließt.

Anmerkung: Dieser Test basiert auf der PS4-Version, die offenbar existierenden PC-Probleme fließen daher nicht in die Bewertung ein.