Schnallt eure Gürtel ein wenig fester, bevor ihr Dirt Rally in eure Konsole einlegt, sonst zieht euch dieses Schotterspektakel die Hosen aus. So eng wie bei überaus anspruchsvollen Rennspiel lagen Lust und Frust schon lange nicht mehr beieinander. Aber keine Angst, die Freude am Fahren überwiegt, und Codemasters Werk sieht auch auf Konsolen hervorragend aus.

Dirt Rally vermittelt eine Form von Spielspaß, die nur schwer in Worte zu fassen ist. Am ehesten gelingt es mir wahrscheinlich mit einer kleinen Anekdote, die mir vor 18 Jahren widerfahren ist. Damals erlebte der Mitbewohner einer meiner Kumpels eine witzige Sensation in Partyrausch. Völlig angetickert taumelte er durch ihre gemeinsame Wohnung und musste feststellen, dass der Weg zur Toilette von einem Partygelage versperrt war. Diese Meute von der Klotür zu zitieren war in seiner Not offenbar zu zeitaufwändig, also stürmte er zum nächstbesten Fenster und reierte kurzerhand in den Blumenkasten. Als er fertig war, drehte er sich zu den erstaunten Feiergästen um und sprach einen legendären Satz, der mit schallendem Gelächter quittiert wurde:

“Lang nicht mehr gekotzt. War geil!“

Ein Satz, der sowohl den Motivationsfaktor als auch den puren Spielspaß an Dirt Rally perfekt vereint. Man möchte kotzen, man schimpft und regt sich über unendliche Maße auf, weil schon die erste Kurve auf der leichtesten Strecke dermaßen anspruchsvoll ist, dass es einen nach fünf Sekunden vom Kurs werfen kann. Mit der Konsequenz von elf bis fünfzehn Sekunden Strafzeit und einer beinahe automatischen Handbewegung, die über den Startbutton zu einem Neustart des Rennens führt.

DiRT Rally - Da bleibt euch die Spucke weg

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Schicke Partikeleffekte und diverse Darstellungsfilter hübschen das Gesamtbild ordentlich auf.
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Dirt Rally kann frustrierend sein. Aber es ist eine Form des Frustes, die nicht zwingend demotiviert, weil das Drumherum dermaßen packend und vereinnahmend ausfällt, dass man sich nicht geschlagen geben will. Wie zuvor in der gefeierten PC-Version packt euch Dirt Rally auf PS4 und Xbox One buchstäblich bei den Eiern, und in dieser Lage wäre es ungemein schmerzhaft, einen verschreckten Rückzieher zu machen. Stattdessen sitzt ihr still da und erträgt es wie ein Mann, weil ihr die Frage hinter dem Konzept zu eigenen Gunsten entscheiden möchtet: Wer hat die dickeren Cohones, der Spieler oder das Spiel?

Die Art des Frustes ist ganz anders als bei Negativbeispielen der Marke „Ferrari Racing Legends“. Er ist auch nicht mit Dark Souls vergleichbar, weil es nicht um übermenschliche Herausforderungen mit unfairem Reglement geht. Er entspringt keiner unzureichenden Steuerung oder einer unfair überlegenen künstlichen Fahrerintelligenz. Der Wagen bockt nicht und fühlt sich auch nicht an, als ob er auf Schmierseife entlangschlitterte. Frei nach Jogi Löw gewährt Codemasters Rennspiel „högschte Präzision“ in der Fahrzeugkontrolle, ohne in Arcade-Traditionen abzudriften. Zu behaupten, es ginge um eine Vollblutsimulation, wäre übertrieben. Dennoch verlangt Dirt Rally weit mehr fahrerisches Können als das typische dahergelaufene Rennspiel von der Stange.

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Auf den beklemmend engen Kursen, die nicht selten an steilen Hängen entlangführen, mutiert jede Berührung mit einem Felsen zu einer Gefahr für Leib und Leben. Virtuell, versteht sich. Eine Sekunde zu früh in die Kurve gezogen, schon liegt der Wagen auf dem Dach oder purzelt völlig außer Kontrolle den nächstbesten Hang herunter. Kündigt der Beifahrer an, man solle die kommende Kurve nicht schneiden, dann gnade einem Gott, wenn man es doch versucht. Es kann gut ausgehen, mit viel Spucke, Glück und einer Zahnbürste. In der Regel bereut man es aber. Wutausbruch, Startbutton, Neustart.

Packshot zu DiRT RallyDiRT RallyErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: ab 27,24€

Ja, ich spreche hier noch immer vom ersten Kurs, bei dem Zentimeter auf trockenem Sand den Unterschied machen. Es ist, als ob sich die Natur gegen den Piloten verschworen hätte. Die Sonne blendet, der Schatten ist zu dunkel, vertrocknete Büsche versperren die Sicht. Jeder kleine Hügel mutiert zu einer Herausforderung. Eine Gerade? Gibt es gefühlt nicht, weil jeder offene Hang Unregelmäßigkeiten aufzeigt. Bricht der Pfad auf einer Seite ein, so fährt man manchmal buchstäblich auf drei Rädern über den Abgrund.

Das Gefühl einer echten Rally

Frust hin, Frust her, am Ende überwiegt die Spaß am Fahren. Jedes Mal, wenn man eine dieser ultrakniffligen Kurven perfekt nimmt, freut man sich ein Schnitzel. Man fühlt sich wie der Meister, nein, der Kaiser der Wildnis, der im Bauch einer blechernen PS-Schleuder beweist, was Evolution bedeutet. Sieger sein über die Tücken der Wildnis ist ein berauschendes Gefühl. „Iiiiich habe Feuer gemaaaacht!“ Viel näher an den Eindruck einer echten Rally kann man wahrscheinlich nicht kommen.

DiRT Rally - Da bleibt euch die Spucke weg

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Ein Schlenker zu viel, schon liegt die Karre im Abgrund. Dirt Rally verlangt viel Voraussicht und Feingefühl.
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Dass Dirt Rally nicht zu den umfangreichsten aller Rennspiele gehört, stört angesichts der Dichte des Erlebnisses überhaupt nicht. Jede Strecke ist dermaßen gehaltvoll und fahrerisch abwechslungsreich, dass man sie selbst nach erfolgreichem Abschluss noch einmal angehen möchte, um sie noch besser zu meistern. Es geht immer noch etwas. Hier ein Schlenker zu viel, da zu früh auf die Bremse gedrückt. Man hat sowieso nie den Eindruck, hundertprozentig Herr der Lage zu sein. Zumindest wenn man konkurrenzfähige Zeiten abliefern möchte, denn zwischen Vollgas und Vollbremsung liegt eine geradezu gigantische Grauzone, in der die Beschaffenheit des Bodens den Ton angibt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Stetig hört man es scheppern und quietschen. Kieselsteine geben dem Druck der Reifen nach, werden hörbar in den Boden gedrückt oder an das Chassis des Wagens geschleudert. Virtueller Staub bevölkert die reine Luft idyllischer Bergschneisen, deren ungezähmte Topographie bis an den Horizont reicht.

Optisch herausragend, spielerisch knallhart. Dirt Rally ist nichts für Weicheier und doch eines der besten Rennspiele aller Zeiten.Fazit lesen

Zugegeben, die Grafikqualität erreicht auf keiner der beiden Konsolen vollends den Standard der PC-Version. Gespart wird hier und da an der Vegetation oder am Poly-Count des umherstehenden Publikums. Auch scheint nicht jeder Grafikfilter so effektiv zu arbeiten wie in der Vorlage. Unterm Strich sind das aber alles nur Kleinigkeiten. Was erhalten bleibt, ist die hohe Texturvielfalt wie auch die raue, ungemütliche Gestaltung der Strecken. Aalglatte 60 Bilder pro Sekunde festigen sowohl die optische Brillianz als auch das Fahrgefühl.

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Zwar reicht die Konsolenversion, wenig überraschend, nicht an die PC-Vorlage heran. Dennoch holt die Dreckschleuder einiges aus den Daddelkisten raus.
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Unterschiede zwischen der Xbox-One- und PS4-Variante sucht man übrigens mit der Lupe. Selbst im direkten Vergleich ist es ungemein schwer, wenn auch nicht unmöglich, Differenzen zu finden. Da muss man schon anfangen, Büsche im Hintergrund zu zählen, was bei 100 km/h auf beklemmend engen Serpentinen keine Freude bereitet. Lediglich in Sachen Auflösung muss sich Microsoft Kiste – mal wieder – geschlagen geben, was aber nie ins Gewicht fällt, da die Pixeldichte dynamisch berechnet wird. Nur wenn besonders viele Effekte den Bildschirm füllen, dreht die Xbox One zugunsten der Bildrate von 1080p auf 900p herunter, was gerade wegen der vielen Effekte unbemerkt bleibt. Wer bei aufwirbelnden Staubschaden anfängt, Pixel zu zählen, sollte sich lieber ein neues Hobby suchen. In Sachen Spielspaß wie beim optischen Genuss liegen beide Konsolen-Versionen gleichauf, auch wenn die PS4 mit ihren stabilen 1080p technisch logischerweise überlegen ist.