Als Dirt Rally im April 2015 wie aus dem Nichts via Early Access auf Steam erschien, war das für PC-Spieler mit einer Vorliebe für knackige Rennsimulationen ein echter Glücksfall. Denn Entwickler Codemasters wagte den von vielen Fans ersehnten Neustart der beliebten Rennspielreihe – oder besser gesagt: den längst überfälligen Schritt zurück zu den Wurzeln der frühen Colin-McRae-Spiele. Seitdem haben die Briten mithilfe des Community-Feedbacks fleißig an ihrer Rallye-Simulation gefeilt und reichlich Feintuning betrieben. Nun ist die finale Version von Dirt Rally da und entpuppt sich als Meisterwerk. Nie war der Kampf gegen die Uhr so spannend, so unterhaltsam – und manchmal auch so frustrierend.

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Zeitreise ins Jahr 1998: Ich scheuche meinen blauen Subaru Impreza mit schweißnassen Händen über die staubigen Pisten Australiens, die malerischen Küstenstraßen Korsikas oder die schlammigen Wege Großbritanniens. Ich bin höchst fasziniert von dem Codemasters-Rennspiel Colin McRae Rally für die PlayStation. Es beschert mir eine eine ganz neue, höchst intensive Erfahrung, denn es stellt den Kampf gegen die Uhr und die perfekte Beherrschung der jeweiligen Strecke in den Vordergrund, anstatt mich wie so oft gegen Computerpiloten antreten zu lassen. Ein grober Fahrfehler bedeutet meist die sichere Etappen-Niederlage, was manchmal ganz schön frustrierend sein kann. Doch das nehme ich gerne in Kauf. Colin McRae Rally spielt sich traumhaft, begeistert mich mit einer extrem realistischen Fahrzeugphysik und belohnt mein Durchhaltevermögen mit einem intensiven Gefühl der Befriedigung, wenn ich dann schließlich doch die Bestzeit einfahre...

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Zu Beginn der Karriere steigt ihr ins Cockpit von Autos aus den 1960er Jahren. Hier machen wir etwa mit dem Lancia Fulvia einen der Wales-Parcours unsicher.
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Zurück in die Gegenwart: Ich spiele Dirt Rally auf dem PC mit zunehmender Begeisterung – und habe fast genau das gleiche Glücksgefühl wie anno 1998. Mein Herz pocht laut, während ich mit meinem blauen, mit Spikereifen versehenen Subaru Impreza durch die verschneiten Schikanen der Schweden-Rallye schlittere. Ich bin hoch konzentriert, schließlich kenne ich das Spielchen: Ein grober Fahrfehler genügt, und Bestzeit und Etappen-Sieg sind dahin. Dank der guten Rumble-Effekte spüre ich in meinem Xbox-360-Controller jede Unebenheit des Untergrunds. Notiz an mich selbst: Ich muss mir unbedingt ein neues, ordentliches PC-Lenkrad zulegen, um das Force-Feedback zu erleben! Doch auch mit dem Gamepad spielt sich Dirt Rally exzellent – es fühlt sich so herrlich intuitiv und puristisch an wie damals.

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Gnadenoser Kampf gegen Uhr und Strecke

In der Karriere, dem Herzstück des Spiels, trete ich in sechs Ländern – Wales, Schweden, Finnland, Deutschland, Monaco und Griechenland – an und versuche in jeweils mehreren Etappen so schnell wie möglich zu sein. Wer mag, kann zwar auch wie in den vorherigen Spielen der Dirt-Reihe Computerkontrahenten herausfordern, dafür steht der Rallycross-Modus zur Verfügung. Doch der Fokus von Dirt Rally liegt in der Tradition der frühen Colin-McRae-Titel ganz klar auf dem authentischen Rallye-Erlebnis, dem Kampf gegen die Uhr und dem Meistern der verschiedenen Strecken.

Insgesamt hat Codemasters 72 Wertungsprüfungen inklusive verschiedener Varianten implementiert. Dabei bietet jedes Land Charakteristika, die sich stark auf das Fahrgefühl auswirken und mich vor jeweils komplett andere fahrerische Herausforderungen stellen. Von den Schotterpisten Griechenlands und den schnellen Asphaltkursen in Deutschland bis hin zu schlammigen Abschnitten in Wales oder den bereits erwähnten Schnee-und Eisstrecken Schwedens gibt’s in Dirt Rally in puncto Streckenvielfalt jede Menge Abwechslung.

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Spannung vor Rennbeginn: Schaffen wir es diesmal, ohne Fahrfehler durchzukommen?
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Fahrerfolge spülen Geld aufs virtuelle Konto, mit dem man wiederum neue Rallye-Serien und vor allem Zugang zu weiteren Fahrzeugen in insgesamt zwölf Klassen aus verschiedenen Rennsport-Epochen freischaltet. Wo ihr anfangs mit eher lahmen Oldies wie einem alten Mini Cooper S oder einem Lancia Fulvia HF unterwegs seid, gebt ihr im Spielverlauf mit deutlich PS-stärkeren Boliden wie aufgemotzten Achtzigerjahre-Autos Marke BMW E30 M3 Evo Rally oder aktuellen Rallye-Kutschen à la Ford Fiesta RS WRC Gas. Damit ihr wisst, wie sich das jeweilige Auto spielt, dürft ihr es in selbst erstellten Rennen ausgiebig testen.

Die Rennspiel-Überraschung des Jahres und die beste Rallye-Simulation, die man derzeit spielen kann. Ein Traum für PS-Freaks, die eine Herausforderung nicht scheuen.Fazit lesen

Dass der Zugang zu der aktuell 39 Autos umfassenden und von Codemasters immer wieder um neue Modelle erweiterten Garage in der Karriere anfangs beschränkt ist, macht spielerisch durchaus Sinn: Auf diese Weise könnt ihr euch bei den Autos mit niedriger Fahrleistung erst einmal an die anspruchsvolle Steuerung gewöhnen und lernen, wie man möglichst geschickt um enge Kurven driftet, über Hügel hopst oder die Handbremse wohldosiert einsetzt. Auch die Kommandos eures stets präsenten Beifahrers („Innen links drei lang, nicht schneiden“) solltet ihr jederzeit aufmerksam verfolgen und möglichst kompetent umsetzen. Später, wenn ihr euch bereits gut eingefahren habt, kommt ihr dann auch mit PS-Monstern prima klar.

Nur mit viel Lehrgeld zur Perfektion
So hervorragend sich Dirt Rally auch spielt, es sollte jedem klar sein, dass man für das neue Codemasters-Werk eine hohe Frusttoleranz besitzen muss. Da kann ich eine Etappe bis kurz vor Ende noch so perfekt fahren – wenn ich aber auch nur einen blöden Bremsfehler mache, einen Tick zu schnell in eine enge Schikane drifte oder auf Geröll am Straßenrand ins Rutschen komme, unternehme ich garantiert einen unfreiwilligen Ausflug ins Kiesbett oder gar in den nächstbesten Graben. Und dann ist der Etappen-Erfolg mit ziemlicher Sicherheit dahin – vor allem, wenn ich Strafsekunden für das Zurücksetzen auf die Strecke kassiere. Im schlimmsten Fall muss ich gar zähneknirschend den Totalschaden meines Wagens hinnehmen.

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Die Cockpit-Kamera bietet den höchsten Grad an Realismus, ist aber auch unübersichtlicher als die übrigen vier Ansichten. Zusätzlich gibt es zwei Außen- sowie Motorhauben- und Ego-Perspektive.
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Eine Rückspulfunktion wie in den meisten modernen Rennspielen? Gibt es hier nicht. Einen Trainingsmodus sucht ihr ebenfalls vergeblich. Hey, wir reden hier aber schließlich von der modernen Neuinterpretation von Colin McRae Rally. Solche Optionen würden meiner Meinung nach aber auch gar nicht zum Simulationsansatz des Spiels passen. Also Augen zu und durch!

Unfälle bestraft das Spiel übrigens gleich doppelt: Nicht nur, dass euch jeder Etappen-Neustart einen Teil eurer Siegprämie kostet, obendrein wirkt sich jeder Crash spürbar auf euer Vehikel aus. Fahrzeugschäden übernehmt ihr mit ins nächste Rennen und habt vor selbigem jeweils 30 Minuten, um sie von eurer Crew reparieren zu lassen. Diese Zeit reicht jedoch meist nicht aus, damit sämtliche Defekte behoben werden können – ihr müsst euch also entscheiden, welche Komponenten eures Flitzers ihr sofort wieder instand setzt und welche vorerst noch warten müssen. Euer Team, das ihr im Verlauf der Karriere um neue Mechaniker erweitern dürft, schlägt euch auf Wunsch netterweise Reparaturempfehlungen vor, auf die man sich in der Regel verlassen kann.

Wichtig ist vor einem Rennen auch die Feinabstimmung des Wagensetups: Ob Bremsbalance, Radaufhängung oder Stoßdämpfer, ihr könnt jedes noch so kleine Detail eures Autos verändern. Das ist allerdings schon eine Wissenschaft für sich – ich zumindest bin in Sachen Auto-Know-how nicht fit genug, um mir entscheidende Vorteile durch Setup-Tuning zu verschaffen. Zum Glück hat Codemasters den Steam Workshop vorbildlich in Dirt Rally integriert: Jeder Spieler kann sein Setup für eine Strecke und ein Auto hochladen, was ich dann wiederum im Spiel einfach per Tastendruck übernehmen kann. Eine klasse Idee, die euch obendrein viel Zeit spart.

Offroad-Spaß abseits der Karriere

Wenn ihr etwas Abwechslung zum knallharten Karrierealltag sucht, bietet euch Dirt Rally noch zwei weitere Modi. Rallycross habe ich ja bereits angesprochen: Auf drei speziellen Strecken plus Kursvarianten stellt ihr euch hier bis zu fünf Gegnern und rast um Sieg und Kohle. Dabei gibt es eine sogenannte Jokerrunde, in der jeder Fahrer einmal pro Rennen einen Umweg fahren muss, der deutlich zeitintensiver ist. Rallycross unterhält ganz passabel, kann aber lange nicht mit dem großartigen Rallye-Erlebnis der Karriere mithalten.

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Rutschpartie: Auf Schnee und Eis seid ihr mit Spikereifen unterwegs und müsst besonders vorsichtig fahren.
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Als dritter Modus steht schließlich Hillclimb parat: Steigt in besonders schnelle Flitzer wie den Audi Quattro S1 ein und quält euch – ohne Beifahrer – die legendäre Pikes-Peak-Strecke in den Rocky Mountains hoch. Das ist wirklich so anstrengend, wie es klingt. Wer hier fehlerfrei ins Ziel kommt, hat meinen tiefsten Respekt verdient. Nicht mein Ding.

Zu guter Letzt runden Online-Rennen gegen menschliche Gegner den Offroad-Spaß ab. In täglichen, wöchentlichen und monatlichen Herausforderungen messt ihr euch im Netz mit PC-Piloten rund um den Globus und versucht, euch in den Bestenlisten zu verewigen. Die Möglichkeit, selbst Wettbewerbe für sich und seine Freunde zu erstellen, Rallycross-Duelle zu fahren oder an einer Onlineliga teilzunehmen, runden die Rallye-Simulation gebührend ab.

Ihr könnt euch Dirt Rally via Steam für rund 45 Euro herunterladen; eine Boxed-Version ist ab dem ab 30.12. für knapp 50 Euro im Handel erhältlich. Die Versionen für PS4 und Xbox One sind für den 5. April 2016 angekündigt.