Gymkhana? Klingt wie Hippie-Turnstunden, ist aber der aktuelle Trendsport der Rallye-Szene, den Codemasters für die aktuelle Dirt-Iteration entdeckt hat. Manch einer würde es wohl als Allradballett bezeichnen, so filigran, wie man um Hindernisse rutschen und waghalsige Stunts vollführen soll. Nicht jedermanns Geschmack, aber definitiv eine Bereicherung für die Dirt-Serie.

Trip-Hop meets Toblerone auf Eis. Hui, das erzeugt Gänsehaut, und ich spreche gerade mal vom Menü. Der bassverliebte Synthie-Sound von Chase & Status feat. Liam Bailey schleift meine Ohrmuscheln ab, während ich durch ein Meer von Dreiecken und Pyramiden navigiere, die vor zahnarztgrünem Sepia tanzen. Trippy, schnittig, futuristisch.

DiRT 3 - So ein Drecksspiel: Mit Vollgas durch den Staub

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Dieses weiche Licht. Diese Farben. Diese Details.
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Wäre richtig cool, wenn mir die Sabbeltanten aus dem Off nicht das Ohr abkauten. Einerseits fühle mich in Codemasters' flauschiger Einstiegshilfe für Dirt 3 durchaus wonnig eingepackt. Jede neue Variante des Rallye-Sports, jeder neue Schauplatz und alle Regeln dröseln meine Rennsportzivis für mich auf, als wäre ich ein Pilot im Altenheim. Andererseits fühl ich mich im Wattepack wie der Marshmallow-Mann: träge und unbeweglich. So nötig hab ich es doch auch nicht... Als ob ich noch nie eine Schotter-Rallye gesehen hätte.

Und das gedröselte Pamphlet will anfangs gar kein Ende nehmen. Wurde ich nicht schon genug mit den ersten Einstellungen aufgehalten? Youtube-Account für Replays, Name und Herkunft samt Sprachsample und die Seriennummer des beigelegten VIP-Gutscheins möchte Codemasters eingetragen haben, bevor ich den Auspuff meines ersten Rennschlittens zu Gesicht bekomme. Der Gutschein ist für die Online-Nutzung auf den Konsolen vonnöten – EAs Online-Pass lässt grüßen.

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Neben den Rennen warten viele weitere Events.
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Danach noch gefühlte Ewigkeiten vor den Auswahl-Icons herumhängen zu müssen, um dem nicht überspringbaren Palaver meiner Manager und Mechaniker zu lauschen, grenzt an Folter. Argh, ich will endlich fahren! Geht's hier vielleicht auch mal los? Endlich! Nach abermals nervenzehrenden Ladezeiten steht mein Kiesdrifter endlich auf dem virtuellen Schotter eines Waldwegs in Finnland. Drei, zwei, eins, auf geht's!

Und schon ist alles vergeben und vergessen. Ewiges Palaver? Ist ja überstanden! Lange Wartezeit? Pah, bei einer so detailverliebt aufgetischten Grafikpracht absolut gerechtfertigt. Immerhin dauert das Datenschaufeln nicht mehr ganz so lang wie in unserer Vorschau.

Der Traum von einem Rennspiel

In die Grafik von Dirt 3 möchte man sich geradezu reinlegen, so markant und scharf zeichnen Codemasters’ Polygonkünstler kleinste Details wie Grasnarben, Baumwipfel oder fließende Straßenbegrenzungen. Absolut flüssig, versteht sich, kein Zuckeln, so weit das Auge reicht, stattdessen sanfte Farben mit weichem Lichteinfall, tolles Schattenspiel, rattenscharfe Texturen. Aufgewirbelter Staub und malmende Geräusche der schotterwalzenden Reifen versetzen mich augenblicklich in die richtige Stimmung, um auf die halsbrecherische Hatz nach den letzten Millisekunden zu gehen. Instant-Rallye-Feeling wie aus der Fünf-Minuten-Terrine.

Bei Dirt poppen einem sprichwörtlich die Augen raus, selbst auf den mittlerweile leicht betagten Konsolen Xbox 360 und PlayStation 3. Vielleicht ist der Eindruck von warmem Lichteinfall, sanften Farbübergängen und natürlichen Formen ja deshalb so einschlagend, weil er im Kontrast zum kalten und stylisch geschnittenen Menü steht. Keine Ahnung, aber es wirkt, so viel steht fest.

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Nach ewig langen Konfigurationen und Ladezeiten kann es endlich losgehen - und man wird nicht enttäuscht.
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Klingt doch nach einer herzerwärmenden Liebeserklärung, dabei rase ich gerade mal zehn läppische Sekunden auf der Strecke. Egal, dank butterweicher, feinfühliger Steuerung, spürbarer Bodenbeläge und anspruchsvoller Streckenführung sabbere schon jetzt in versteinertem Tunnelblick auf meinen Controller. Saubere Arbeit, Codemasters. Dazu ein Schadensmodell von einem anderen Stern, das nicht nur Blech verbiegt, sondern auch Reifen und Windschutzglas opfert sowie Motorleistung und Bodenhaftung beeinflusst. Spitzenklasse, sowohl optisch als auch in der spürbaren fahrerischen Konsequenz! Aber wie steht es denn mit dem spielerischen Anteil? Was hat sich seit Dirt 2 getan und wie viel Rallye hat das „Drecksspiel“ noch unter der Haube?

Spritzig, schnell und adrenalingeladen - auch ohne Colin McRae.Fazit lesen

Auf den ersten Blick scheint sich nur wenig getan zu haben. Noch immer serviert Codemasters die Rallye-Welt in abwechslungsreichen Varianten, die den Rennalltag bunt und kurzweilig gestalten. Auf den zweiten Blick fällt bereits auf, dass zwar vier saisonale Zyklen mit je fünf Meisterschaften bevorstehen, bei denen Etappenfahrten und Rundkurs-Veranstaltungen gleichermaßen vertreten sind. Doch gibt es keine Welttour, keine Liga oder ähnliche organisierte Abfolge, mit der man der bevorzugten Variante konsequent folgen könnte.

Potpourri der Driftaffären

Egal ob Buggy-Racing, Rallyecross, Sprint oder Drift-Meisterschaft, jede Veranstaltung steht für sich und kann beliebig oft angegangen werden, um nachträglich Punkte für freischaltbare Sonder-Events zu kassieren. Für den Spielfortschritt muss man sich auf Dauer in allen Disziplinen behaupten, auch wenn einem Rallyecross oder Landrush-Truck nicht so gut gefällt.

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Es geht auch raus ins ewige Eis, inklusive schöner Effekte wie haftenbleibendem Schnee.
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Veranstaltungsorte wie finnische Wäldchen, die Steppe Kenias, Norwegische Schneepfade und die heißen Asphaltpflaster Monacos bieten derweil genug frisches Material für das Auge. An Abwechslung mangelt es also garantiert nicht, aber genau das könnte so manchem Rennspielass auf den Zeiger gehen.

Dirt 3 vermittelt keine vertiefte Dokumentation des halsbrecherischen Rasersports, sondern eine schnelllebige Sightseeing-Tour, die lediglich mal kurz die Nase in alle Sparten steckt. Selbst das sonst übliche Autosammeln und Tunen, das man aus Forza oder Gran Turismo kennt, fällt flach. Dirt 3 stellt einem immer die passende Wagenklasse für eine Veranstaltung zur Verfügung, die Auswahl wird lediglich größer, wenn man durch gesteigerten Ruf weitere Rennteams an Land zieht. Anpassungen an der Spielmechanik beschränken sich auf passive Funktionen wie Fahrhilfen, Stabilitätskontrolle, zweistufig einblendbare Ideallinie oder den fünfstufigen Schwierigkeitsgrad für die künstliche Intelligenz.

An der Karosse geschraubt wird hingegen so gut wie gar nicht. Aufhängung, Federung und Getriebes lassen gerade mal Justierungen in fünf groben Schritten zu, und die CPU nimmt euch in der Regel sogar die Arbeit ab. Bei heftigem Schneefall, Regen oder anderen Witterungsbedingungen setzt der quasselfreudige Mechaniker aus dem Off bereits den Schraubschlüssel an, sodass ihr unbehelligt starten könnt.

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Ach, und nicht zu vergessen: aufspritzendes Wasser - schade, dass es keinen Matsch gibt.
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In den Augen virtueller Drehzahltüftler dürfte Dirt 3 somit augenblicklich an Attraktivität verlieren. Dennoch bleibt die Schnittmenge an Spielelementen so groß, dass sowohl Simulationsfanatiker als auch Arcade-Rennspieler ihren Spaß haben können. Eine bierernste Sim liefert Codemasters selbstverständlich nicht ab, aber die Beherrschung der Fahrzeuge wäre für einen reinen Spielhallen-Racer viel zu anspruchsvoll. Dirt 3 parkt irgendwo in der Mitte.

Das ist nicht erst seit gestern so, und daher scheiden sich erneut die Geister. Wer Teil 2 mochte, wird den dritten Ableger lieben, weil er die Philosophie des Vorgängers konsequent ausbaut. Verächter des Konzepts finden hingegen weiterhin keinen Zweig, an den sie sich klammern könnten. Nicht zuletzt das neue Gymkhana-Event dürfte die Spielerschar weiter spalten. Zwar haben die meisten dieser Veranstaltungen Prestige-Charakter ohne Einfluss auf die Meisterschaft, aber sie nehmen einen nicht zu verachtenden Teil in Codemasters aktuellem Konzept ein.

Online-Sitzungen im Raserhimmel

Gymkhana ist der hippe Trendsport der Rallye-Szene, bei dem Piloten auf einem begrenzten Areal Driftpirouettchen, Sprungstunts und Spins zur Schau stellen. Ein Heidenspaß, sofern man nach einigen Übungsrunden geschnallt hat, wie sich die extrem wendig getunten Fahrzeuge punktgenau steuern lassen. Mit Fahrgeschick auf engen, rutschigen Straßen hat das spektakuläre Allradballett dennoch herzlich wenig am Hut, was die Abwechslung im Veranstaltungsrepertoire nochmals steigert, Schotterfetischisten aber links am Allerwertesten vorbeigeht. Eine Frage des Geschmacks.

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Gut zum Üben: die Gymkhana-Events.
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Gymkhana stellt sich nicht als so übermäßig schwer heraus, wie man zuerst vermuten könnte. Donuts und Spins vollzieht man auf vormarkierten Spuren, bei denen die Software mal ein Auge zudrückt, um den Wagen nicht komplett durchschleudern zu lassen. Dennoch vergehen einige Spielstunden, bis man wirklich jeden Trick aus dem Hut zaubert. Ein praktisches Training, denn gebrauchen kann man diese spezielle Form der Fahrpraxis vor allem in den Mehrspielervarianten.

Rennspiele entfalten ihr meistes Potenzial, wenn man mit weiteren menschlichen Spielern um die Wette düst, und die Jungs von Codemasters fahren hierfür eine Vielfalt an Veranstaltungen auf, die selbst außerhalb der Rallye-Sparte ihresgleichen sucht. Kopf-an-Kopf-Rennen in diversen Abwandlungen auf Zeit- und Team-Basis gehören hier gerade mal zum Grundinventar. Die Gaudi startet erst richtig, wenn man in „Katz und Maus“ an den Stoßstangen der besten Freunde hängt oder acht Fahrer für eine Runde „Outbreak“ versammelt. Hier flüchtet die gesamt Meute vor einem „verseuchten“ Fahrer, der jeden anderen durch schlichte Berührung infiziert. Zombie mit Allradantrieb. Geil!

Crashrennen? Freies Herumdüsen auf mehreren irren Parcours, die vom Parkplatz bis zum Inneren eines Warenhauses reichen? Capture the Flag? Alles vorhanden und klasse umgesetzt. Sogar ein Hardcore-Modus wurde implementiert, der alle Teilnehmer dazu zwingt, selbst verregnete Nachtfahrten in Cockpit-Perspektive zu fahren, ganz ohne HUD. Bei so vielen Spielmodi scheint es mir unmöglich, die Vielseitigkeit von Dirt 3 zu oft zu betonen, darum sag ich es noch einmal: Codemasters holt alles aus dem Rallye-Thema heraus, was nur geht. Nüchtern mag es nur um schnödes Autorennen gehen, aber so wie ein Ball lässt Codemasters' Raserei viele unterschiedliche Spielvarianten zu, denen nicht so schnell die Puste ausgeht.

DiRT 3 - Entwicklertagebuch: Teil 13 weitere Videos

Je nach eingestelltem Schwierigkeitsgrad für die Gegner-KI kann das auf den Pisten der Karriere ganz anders aussehen. Kontrahenten drängeln, blockieren und rempeln, wo es nur geht, ähnlich wie menschliche Piloten. Bei aktiviertem physischem Schadensmodell geht das jedoch auf Kosten der Lenkung oder der Motorleistung, was die CPU nicht juckt, für euch aber nicht selten zu einem Neustart führt.

Uuund alles noch mal zurück!

Sofern ihr nicht zum berüchtigten Rewind-Button greift, der das Renngeschehen einige Sekunden zurückspult. Bäh. Fühlt sich nach mogeln an, und bei Dirt 3 darf man sogar ganz unabhängig vom Schwierigkeitsgrad darauf zugreifen. Immerhin fünfmal in jedem Rennen, wenn auch nur unter Verlust von Rufpunkten bei der Endauswertung.

Je nach Veranlagung kann das den Spielspaß wie auch die Spieldauer der Karriere schnell schmälern. Wenn der Frust hochkocht, liegt der Griff zum Rewind nahe und die Spannung geht flöten. Es bleibt letztendlich eine Frage des eigenen Anspruchs, denn wer den Schwierigkeitsgrad senken will – und sei es nur vorübergehend –, kann auch die KI verdummen oder weitere Fahrhilfen wie automatische Bremsen zuschalten. Der Rewind ist nur so furchtbar bequem, dass die Versuchung irgendwann Überhand gewinnt.

Da Rückspulfunktionen seit Dirt 2 zum Standard werden, soll dieser Faktor nicht in die Wertung einfließen, bleibt ja jedem selbst überlassen, ob er die Funktion nutzt. Aber es bleiben noch ein paar Kritikpunkte, die am Lack des Rennspielknallers nagen.

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Mit trockenen Reifen in den Sonnenuntergang - zum Träumen schön.
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Warum darf man etwa Replay-Ausschnitte auf Youtube hochladen, aber nicht auf der Festplatte speichern? Hochgeladene Videoschnipsel halten sowieso nur höchstens 30 Sekunden fest und können kein nervenzerfetzendes Rempelduell verewigen, weil man nicht einmal den Kamerawinkel oder die allgemeine Ansicht festlegen darf. Bitter, zumal die blockige Bildqualität in gerade mal 480p keine Begeisterungsstürme erzeugt.

Schade auch, dass Fahrzeuge keine Spuren hinterlassen oder die Landschaft verformen. Matsch ist etwa eine Seltenheit auf der Strecke, die nie durch die Luft fliegt und in der man nie Gefahr läuft, stecken zu bleiben. Watet man im Arcade-Knaller „Sega Rally“ durch die nasse, dickflüssige Pampe, bleibt in Dirt 3 alles staubig und somit leider auch berechenbar.

Wettereffekte sind durchaus vorhanden und können sich sehen lassen, so ist das nicht. Aber eine aufgeweichte Regenpiste fällt höchstens durch ihren Glanz auf dem Kies auf. Zumindest ein Trostpflaster serviert Codemasters dafür bei Dunkelheit: Das dynamische Licht aus den Scheinwerfern macht Schneetexturen und Kiesbetten noch markanter, noch greifbarer. Zur perfekten Rallye-Grafik fehlt trotzdem noch ein ganzes Stück, auch wenn man sich vor lauter Randdetails kaum traut, die Augen zum Blinzeln zu schließen.