Der Brite Dino Dini erschuf 1989 mit Kick Off eines der wichtigsten digitalen Fußballspiele überhaupt. Nun feiert der Klassiker zeitexklusiv auf der PS4 sein Comeback. Doch dieses ist selbst für eingefleischte Fans wie mich ein Schlag ins Gesicht, weshalb ich einige Tage gebraucht habe, um über die erste Enttäuschung hinwegzukommen. Vielleicht hoffte ich auch, dass Dini schnell einen Patch nachliefert, um die zahlreichen Bugs und Glitches zu beheben und Kick Off Revival um Funktionen und Modi zu erweitern, die in einem Fußball-Game eigentlich Pflicht sind. Hat er leider nicht. Deshalb kann ich den Retro-Kick im aktuellen Zustand selbst Nostalgikern kaum empfehlen.

Mann, was habe ich Kick Off von 1989 und dessen Nachfolger Kick Off 2 von 1990 geliebt! Mit meinen Kumpels verbrachte ich Stunden vor dem Amiga, um irre schnell herumwuselnde Sprite-Kicker über den Pixelrasen zu scheuchen, gelungene Spielzüge, listige Bananenflanken und spektakuläre Tore zu zelebrieren. So einige Competition-Pro-Joysticks sind dabei auf der Strecke geblieben. Selbst das 1992 erscheinende Sensible Soccer und dessen Nachfolger Sensible World of Soccer haben es damals nicht geschafft, Kick Off von meinem persönlichen Podest zu stoßen. Vielleicht hatte ich mit Anbruch der Pubertät dann auch einfach anderes zu tun, wer weiß das schon.

Dino Dini's Kick Off Revival - Dino Dini’s Desaster

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In Kick Off Revival gibt es nur ein einziges Stadion – plattes Pappaufsteller-Publikum inklusive.
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So oder so, Kick Off hat einen Ehrenplatz in meinem Zockerherzen. Umso gespannter war ich auf die Neuauflage des Klassikers, die der mittlerweile 50-jährige Kultentwickler Dino Dini im Alleingang programmiert hat. Vorerst ist Kick Off Revival nur für die PS4 zu haben (derzeit im PlayStation Store für günstige zehn Euro), eine Umsetzung für die PS Vita soll in Kürze folgen. Nach Ablauf der sechsmonatigen Sony-Exklusivität darf man dann mit Portierungen für Xbox One und PC rechnen.

Ob die bis dann allerdings noch irgendjemand haben will? Fraglich. Denn Dino Dini hat das Kick-Off-Comeback, anders kann ich es leider nicht sagen, ziemlich in den Sand gesetzt. Das Spiel wirkt lieblos, unfertig und einfach hingerotzt – gerade so, als hätte es unbedingt noch zur Fußball-EM 2016 in Frankreich fertig werden müssen. Ein vermutlich gar nicht so abwegiger Verdacht.

Durchaus Retro-Feeling

Beginnen wir erst einmal mit den positiven Aspekten: Kick Off Revival ist wie das Original ein Hochgeschwindigkeitskick, der sich wohltuend von FIFA und Co. abhebt. Wie früher ist das Spieltempo verdammt hoch, wie früher verfolgt ihr das hektische Geschehen grundsätzlich aus der Vogelperspektive, schießt, passt, flankt, grätscht oder köpft mit nur einer Taste – dem X-Button des PS4-Controllers.

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Mangels offizieller Lizenzen laufen in dem Arcade-Fußballspiel nur Spieler mit Fantasienamen auf. Die sind dafür ziemlich witzig und reichen von Merio Gätze bis hin zu Manuel Newer. Hier trifft Tomas Mäller gerade für Deutschland.
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Während jüngere Spieler mit dem puristischen Ansatz des Spiels überfordert sein dürften, kommen Kick-Off-Kenner hier – zumindest auf den ersten Blick – auf ihre Kosten. Dini hat die einst analoge Steuerung recht originalgetreu auf den PS4-Controller übertragen; das wichtigste Kernelement des Originals, der nicht am Fuß der Spieler „klebende“ Ball, ist enthalten. Trotz der 1-Button-Steuerung sind zahlreiche Feinheiten möglich, um das Leder etwa als hohen Lob zu spielen, ihm Effet oder unterschiedliche Schussstärken zu verleihen. Beschäftigt man sich jedoch intensiver mit dem Spiel, merkt man schnell: Kick Off Revival ist ein einziges Eigentor.

Ich liebe das Original. Doch im aktuellen Zustand ist der Retro-Kick leider ein einziges Bug-Festival, dem es an essenziellen Modi und Optionen fehlt.Fazit lesen

Von allem zu wenig

Das Trauerspiel fängt bei den wenigen zur Verfügung stehenden Spielmodi an: Es gibt lediglich Freundschaftsspiele (wahlweise gegen den Computer oder im Online-Modus nebst Rangliste), einen Übungsmodus ohne Gegner (der allerdings die Steuerung nicht erklärt) und einen ohne jegliches Drumherum präsentierten EM-Modus. In Letzterem tretet ihr mit einem der 24 EM-Teilnehmer in den Originalgruppen an. Da sich Solo-Entwickler Dini keine teuren Lizenzen leisten kann, laufen hier ausschließlich Balltreter mit Fantasienamen auf: Aus Mario Götze etwa wurde Merio Gätze, Manuel Neuer heißt Manuel Newer und Mats Hummels hört jetzt auf Mets Hammels. Damit kann ich aber leben, das ist schließlich sogar ganz witzig – und Spieler von Pro Evolution Soccer können sich sicherlich auch noch gut an den Herrn Pomatski erinnern.

Das war es dann in Sachen Spielmodi aber auch schon. Auf Einstellungsmöglichkeiten hat Dini ebenfalls verzichtet: Ihr könnt weder Schwierigkeitsgrad noch Spiellänge bestimmen (eine Halbzeit dauert stets fünf Minuten), weder Auswechslungen vornehmen noch die Darstellung der Kamera ändern. Auch Zeitlupenwiederholungen oder eine Speicherfunktion, mit der ich meine schönsten Trefffer für die Ewigkeit sichern kann, gibt es nicht. Puh, das ist dann doch schon mehr als schwach.

Fehler über Fehler

Man merkt schon allein an diesem komplett fehlenden Komfortwillen, dass Dini es mit der Fertigstellung des Spiels sehr eilig hatte. Das Ganze geht dann auf dem Platz nahtlos weiter: Gelbe und rote Karten? Auswechslungen? Abseitsregel? Pustekuchen! Hinzu gesellen sich etliche Bugs und Glitches, die in der Community schon heftig kritisiert wurden.

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Noch gibt es in Kick Off Revival keine gelben und roten Karten, diese will Entwickler Dino Dini aber bald per Patch nachliefern. Bis dahin bleiben selbst fiese Blutgrätschen ohne Folge.
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Beispiele gefällig? So jubeln nach einem Tor etwa Akteure beider Teams, außerdem kann man sich durch ein Foul an einem Spieler der eigenen Mannschaft einen Freistoß ermogeln. In einem Spiel passierte es mir zudem, dass ich – endlich mal wieder, so dachte ich jedenfalls – ein Tor erzielte. Der gegnerische Keeper bekam den Ball zwar noch in die Finger, er stand allerdings ganz klar hinter der Torlinie – was das Spiel jedoch anders sah. Das Tor zählte schließlich nicht.

So etwas nervt mich nicht nur ungemein, es nimmt mir auch sämtlichen Spielspaß und lasst mich ratlos zurück. Dino Dini, dieser Held meiner Jugend, der wird doch nicht etwa ein mieser Abzocker sein?

Dini verspricht Besserung

So recht will ich das allerdings nicht glauben, ich gebe ihm (vorerst) noch eine Chance. Dini will nämlich laut eigener Aussage stetig an Kick Off Revival feilen und verspricht, sämtliche Bugs nach und nach beheben zu wollen. Außerdem sollen nachträglich einige Optionen ihren Weg ins Spiel finden, darunter die dringend nötigen gelben und roten Karten, Torwiederholungen, neue Spielvarianten, zusätzliche Kamerawinkel sowie die Möglichkeit, jeweils zwei Teilnehmer pro Team an einer Konsole oder via Internet gegeneinander antreten zu lassen.

Sollte Kick Off Revival tatsächlich innerhalb der nächsten Wochen und Monate noch gefixt, getunt und optimiert werden, könnte aus dem derzeit eher an ein Spiel im Alpha-Stadium erinnernden Katastrophen-Kick durchaus noch eine gelungene Neuauflage des Oldies werden. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.