Eine Hommage an die Siedler
(von Stefan Michaelis)

Herzlichen Glückwunsch, Siedler! Nach zehn Jahren emsigen Gewusels steht euch immer noch nicht der Schweiß auf der Stirn, eure Knochen sind nicht müde, kein Fleckchen Erde ist vor euch sicher. Schaffe, schaffe, Häusle baue- ihr feiert das deutscheste aller Spiele-Jubiläen.

Als sich irgendwann die Entwickler bei BlueByte in Mühlheim an der Ruhr zusammensetzten, um sich ein neues Spielkonzept zu überlegen, ahnten sie noch nichts von dem Riesenerfolg, den sie landen würden.

Die Siedler - Trailer

Von einer Gamesbranche konnte man in Deutschland schließlich noch gar nicht sprechen, der PC hatte gerade erst das Licht der Welt erblickt, und Bill Gates war nicht mehr als ein talentierter Garagen-Softwarebastler. Und dann gleich so etwas radikal Neues?

Richtiger Riecher im Ruhrgebiet
Sie hatten den richtigen Riecher im Ruhrgebiet, denn das, was sie ersannen, war so Deutsch wie Sauerkraut. »Die Siedler« sollten vor allem eines: arbeiten, schuften, knüppeln, knechten und dabei niemals murren, stattdessen sogar lächeln und fröhlich pfeifen. Leistung muss sich lohnen, Arbeit bringt Gewinn - so oder so ähnlich schlagzeilten aktuell und später CDU/CSU, SPD und FDP in ihren Wahlkämpfen.

Genauso argumentierten die Arbeitgeberverbände und praktizierte es die Wirtschaft vor allem im Musterländle Baden-Württemberg. Das Spiel hätte also auch »Die Schwaben« heißen können. Aber all das hatte BlueByte natürlich nichtim Sinn, nur ein gutes Spiel wollte man eben machen. Und es traf die deutsche Seele voll auf die Zwölf.

Weltweit wuseln
Am 30. Juni 1993 nahm der erste Siedler die Schaufel in die Hand und schippte einen Bauplatz für den Steinbruch frei. So beginnt bis heute jede Mission, die erste (und einzige) übrigens für den Amiga. Erst ein Jahr später gab's den Spatenstich für die PC-Version. Bis heute haben es die fleißigen Handwerker auf weltweit 4,5 Millionen verkaufte Exemplare in vier PC-Spielreihen gebracht. Diese Leistung hat sich wirklich gelohnt.

Von Fahne zu Fahne
Wer auch immer den Begriff geprägt hat (es war vermutlich der »PC Player«), er brachte all das, was an dem Aufbau- und Strategie-Spielprinzip der Siedler Spaß macht, auf den Punkt: Wusel-Faktor. Wenn die Produktionsketten von der Weizenfarm bis zum Bäcker oder dem Fischer bis zur Waffenschmiede liefen, wuselten jede Menge Männchen über den Bildschirm.

Kleine Kerlchen, kaum größer als der Nagel des kleinen Fingers, warteten darauf, Güter und Rohstoffe von Fähnchen zu Fähnchen zu transportieren. In voll ausgebauten Siedlungen glich das Straßensystem einem gigantischen Spinnennetz.

Bis zu 64.000 Siedler sollen theoretisch im ersten PC-Spiel aktiv werden können.

Dunkle Zeiten mit DOS
Kaum vorstellbar, bei den technischen Hürden der frühen PC-Jahre, die für die Windows-Jünger von heute kaum mehr fassbar sind. Interne Speicherverwaltung, vom System konfigurierte und konfliktfreie Sound- und Grafikkarten? Wer sich damals einen 286er PC besorgte, kann darüber nur müde lächeln.

Das Betriebssystem hieß DOS, und es sah so aus, wie sich Hollywood Computerszenen heute noch vorstellt: Schwarzer Bildschirm, eine Kommandozeile und Befehle, die per Tastatur eingegeben werden.

Mehr Speicher
Es war die Zeit, in der Gespräche zwischen PC-Usern nach folgendem Muster abliefen: »Ich hab' einen Trick gefunden, wie Du fünf Kilobyte Arbeitsspeicher heraus kitzeln kannst.« »Geil! Ich hab' gestern nur drei geschafft!« Es war auch die Zeit der zwei Soundkarten-Standards Adlib Gold und Soundblaster. Und es waren die Jahre des Uni-Vesa-Treibers, der eine VGA-Darstellung mit jeder Grafikkarte ermöglichte - wobei es nur ungefähr fünf bis sieben Karten gab. Ein Hauch davon ist in der »Platin Edition« zum Jubiläum noch zu spüren (siehe Kasten).

Deutliche Übersicht
1996 wurde all das noch komplizierter, aber auch viel schöner: Die Grafik von »Siedler 2« machten einen Riesenschritt nach vorn, weil die Rechner schneller und die Standards höher geworden waren. Auch das Menü-System für Häuserbau, Transportverwaltung und allen anderen Siedler-typischen Dingen wurde deutlich besser und ähnlich übersichtlich, wie wir es heute gewohnt sind.Siedler lernen laufen
Der 20. November 1998 war dann der Tag, den Wusel-Fans nicht vergessen werden. »Siedler 3« erschien und spaltete die Aufbaustrategen in zwei Lager - denn die kleinen Krieger unter dem Handwerker-Volk hatten die frei steuerbare Bewegung gelernt.

Zuvor waren Schwertkämpfer allein Wachstuben und Burgen zugeordnet, von denen aus sie feindliche Burgen angreifen konnten. Nun agierten sie plötzlich wie Figuren in Echtzeit-Strategiespielen und konnten zu Hunderten unabhängig von Militärgebäuden über die Karte gelenkt werden.

Eine Frage des Charmes
Für viele Fans der ersten Stunde war damit das »Siedler«-Spielprinzip gestorben. Doch gleichermaßen erreichte es viele neue Wusel-Freunde. Tatsächlich hatte »Siedler 3« nicht mehr den alten, unwiderstehlichen Charme.

Doch als die Tränen getrocknet waren, erreichte der neue Charme auch alte Spieler.

Denn nun war mit den »Siedlern« mehr möglich. Nun gab es auch reine Wirtschaftsmissionen, Rätsel-Level und einen Mehrspieler-Modus, der ein echtes Online-Gegeneinander eröffnete. Zuvor konnten nur zwei Siedler-Fürsten im Splitscreen-Modus um jeden Zentimeter Boden ringen.

Kartentausch im Web
Die fröhlich schuftenden Häuslebauer boomten, und zwar so sehr, dass ein knappes halbes Jahr später die erste Missions-CD erschien. Die Lust auf neue Missionen, Kampagnen und Geschichten wuchs und wuchs. Sie wurde ebenso durch den Karten-Editor befriedigt, den es zwar auch schon für »Siedler 2« gab. Doch erst das zum dritten Teil sich parallel stark entwickelnde Internet gab Spielern die Möglichkeit, Karten-Eigenbauten auszutauschen.

Nur Rock statt Hose
BlueByte hörte allerdings nicht auf die Signale, welche die Völker-Fans aussandten. Mit dem nächsten Add-On »Das Geheimnis der Amazonen«lieferten die Erfinder kaum Innovationen. Immerhin: Die schlagkräftigen Damen waren das bis heute erste und einzige weibliche Siedler-Volk. Doch irgendwie war das nicht wirklich neu. Irgendwie roch das nach der schnellen Mark, die mit ein paar neuen Kampagnen gemacht werden sollte, mit einem eigentlich alten Volk, das nur im Rock statt in Hosen schuftete.

Erhellendes Dunkles Volk
Es dauerte also folgerichtig länger mit dem nächsten Teil, bis zum Frühjahr 2001 nämlich. Und »Siedler 4« hatte es so richtig in sich. Denn nun erschien das »Dunkle Volk« auf der Bildfläche, ein düsteres Gesindel, das aus den lieblichen Wiesen der ehrlichen Handwerker ein moderiges Grau machte.

Die düsteren Gesellen ernährten sich von Mana, welches sie den Saft aus Schmarotzerpilzen sogen, die von willenlosen Sklaven gezüchtet wurden. Üble Priester fielen in die Siedlungen ein und kidnappten die Häuslebauer.

»Die Siedler« wurden fast ein bisschen zum »Herrn der Ringe« - denn das Hauptquartier des »Dunklen Volks« mit seinem Feuerring glich Saurons Dunklem Turm im Reiche Mordor, von wo aus die finsteren Schergen ohne Rücksicht auf Verluste expandierten.

Siedeln bis ins hohe Alter
»Die Siedler 4« ist der Teil der Serie, der die Fans bis weit in ihr Rentenalter hinein beschäftigen wird. Für kein anderes Kapitel haben sie selbst nämlich so viele eigene Geschichten geschrieben. Bestes Beispiel dafür ist die Fan-Site Settlers Map Base.

Dort gibt es bereits fast 2500 Karten-Eigenbauten für den vierten Teil, ebenso viele für den dritten und über 100 für den zweiten Teil. Viele davon sind mit so liebevollen Ideen bestückt, dass BlueByte sie auf offiziellen Add-Ons verewigte.

Viele kleine Gags
»Die Siedler« - was bleibt da bei einem echten Fan hängen? Die vielen kleinen Gags:
Seit der Geburt der Wusel-Könige machen die Träger Faxen, wenn sie nichts zu tun haben, lesen Zeitung oder lassen Kaugummiblasen platzen. Die grunzenden Schweine. Die Bienchen der Wikinger, die um kleine Stöcke sirren.

Die aufsteigenden Seelen der Verlierer einer Schlachten. Die zuckersüßen Bauwerke der Trojaner und die Detailverliebtheit ihrer mediterranen Landschaften. Die Schneemänner, die auf den unerreichbaren Berggipfeln stehen. Und die bizarre Umwandlung von Fauna und Flora durch das »Dunkle Volk«, das aus Rehen und Hasen kobaltblau und violett schimmernde Käfer macht.

Evolution statt Revolution?
Bleibt zu hoffen, dass die nächste Evolution keine Revolution wird, die ihre Kinder frisst. »Die Siedler 5« wird aus den Fürsten der isometrischen Sicht nämlich ein 3D-Spektakel machen. Vielen legendären PC-Klassikern (zum Beispiel den »Lemmings«) ist das gar nicht gut bekommen. Doch angesichts des liebenswerten Eifers, den die mit unendlicher Kondition gesegneten Wusel-Giganten an den Tag legen, sollte auch dieser Aufbau gelingen.
Nur eine Frage wird vermutlich auch mit dem fünften Teil ungeklärt bleiben: Wenn es denn immer so viel Siedler-Nachwuchs in den Missionen gibt - wie machen die Kerle das, so völlig ohne Frauen?Die Platin Edition
Ob Anfänger, halb gebildeter Siedler-Spieler oder Ultra-Fan mit »Ich will neue Karten!«-Suchterscheinungen: Die Platin Edition ist Pflicht. Denn hier wird die komplette »Siedler«-Welt eingedost.

Das ist wörtlich zu nehmen, denn die Platin Edition ist eine geprägte Blechbüchse in limitierter Auflage, in der zwei DVD-Hüllen mit CD-ROMs stecken, die alles, wirklich alles enthalten, was jemals offiziell in der Serie erschienen ist.

Da Ubi Soft als Grundlage jeweils die Gold Editionen aller Teile genommen hat, sind die CDs jeweils technisch auf dem neusten und saubersten Stand.

In den Gold Editionen waren immer alle Hauptspiele, Mission-CDs und Add-Ons eines Kapitels zusammengefasst.

In einem Punkt war der Publisher aber fauler als seine Protagonisten: Es gibt weder ein gedrucktes Handbuch noch die alten Referenzkarten, die alle Häusertypen und Produktionsketten auf einen Blick zeigen.

Das Material liegt als PDF-Files vor. In einem anderen Punkt gebührt Ubi Soft dagegen ein Fleiß-Award: Für die »Siedler 1« und »Siedler 2« - beides DOS-Games - wurde ein umfangreiches Fehlerhilfe-Dokument geschrieben. Es beschreibt sehr sorgfältig alle möglichen Schwierigkeiten mit Windows-Systemen und deren Lösung.

So sind auch reine Win-Jünger in der Lage, die Soundkarteneinstellungen vorzunehmen, Interrupts und DMA-Channel zu regeln. Tatsächlich läuft sogar der erste Siedler-Teil völlig problemlos unter Windows, ohne dass man in den DOS-Modus wechseln muss.»Alles« heißt nicht nur »alle Spiele«: Die Mini-Games »Hiebe für Diebe« und »Die Dunkle Seite« sind ebenso dabei wie Wallpaper, Bildschirmschoner, Skins für WinAmp und vieles mehr, was Fans lieben.

Entwickler: Bluebyte
Publisher: Ubi Soft
Internet: www.ubisoft.de/.../bb