Die schönste Freude überhaupt ist bekanntlich die Vorfreude. Sei es der Kurzurlaub auf Mallorca, die Geburt des kleinen Schwesterchens oder das heiß ersehnte neue MMOG – die Freude, die wir vorab empfinden, kennt keine Grenzen.

Grenzenlos ist dann leider auch der Frust, wenn einen die raue Wirklichkeit einholt. Schnell stellen wir fest, dass der verkaterte Schädel unter Spaniens Sonne nicht minder übel brummt, der elterliche Ableger an ein plärrendes und müffelndes Ungetüm erinnert und die vorab in den Himmel gelobte Onlinewelt eine einzige Baustelle ist. Womit haben wir das nur verdient?

Dabei beginnt immer alles so spannend. Den Anfang machen die fleißigen Gerüchteköche. Ein erfahrenes Studio werkelt an einer neuen Onlinewelt? Nicht schlecht. Erwachsen soll sie sein und grausam? Toll. Epische Clankriege wird es geben, Massenschlachten um Spielerstädte? Wahnsinn! Dann tauchen die ersten Bilder auf und man beginnt zu sabbern – fast wie das kleine Schwesterchen, wenn es einen Lolli erblickt.

Die MMO-Abrechnung - Von Frühgeburten und seelenlosen Welten

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Nach anfänglichem Höhenflug fallen derzeit nicht nur die Aktienkurse, sondern auch die Zahl der aktiven Spieler...
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Die erste Online-Community formt sich und verdrängt Google als Startseite. Die nächsten zwei Jahre erlebt man dann wie im Delirium, lebt nur auf das eine Ziel hin. Man möchte endlich die Welt betreten – jene Welt, die wirklich wichtig ist. Auf andere hat man keine Lust – fast wie bei der großen Liebe. Dann kommt die erste Hiobsbotschaft: Das Studio braucht länger als geplant. Die Entwickler wollen Qualität abliefern. Das verstehen wir und beschließen, uns für die gute Sache in Geduld zu üben.

Kein MMO ist beim Start fertig – warum eigentlich?

Ein paar weitere Monate vergehen, dann ist es endlich so weit. Wir haben einen konkreten Termin. Jetzt nur schnell bestellen – Preorder, was denn sonst. Immerhin – es gibt ein goldenes Kamel als Bonus. In die Beta haben wir es nicht geschafft. Die war leider limitiert und sprengte unser Budget.

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Vier Jahre spielte König Noway, um endlich einmal den Drachen steigen zu lassen.
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Macht aber nichts, wir haben ja mit unserer Arbeit für die Community zu tun. Da pflegen wir die Datenbank, schreiben an der Enzyklopädie zum Spiel, betreiben Marketing für unseren Liebling und schüren den Hype. Der gesamte Freundeskreis hat auch schon geordert. Jenen ignoranten Spaltern, die sich weigerten, wird kurzerhand die Freundschaft aufgekündigt.

Dann kommt der große Tag. Die Software haben wir schon, und auf die Sekunde genau betreten wir endlich die neugeborene Welt und stellen fest, dass nichts, aber auch gar nichts so ist, wie es sein sollte. Die eigene Klasse ist nahezu unspielbar, Quests enden im Nirwana, Spielerschlachten fehlen aus Gründen mangelnder Performance und das güldene Kamel erweist sich als störrischer und lahmender Esel. Schließlich stellen wir frustriert fest: Wie so viele Träume endet auch dieser just in dem Moment, in dem er in Erfüllung geht.

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Manch ein alter Titel bietet, was neue Spiele nur versprechen – dazu gehören auch die epischen Schlachten.
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Anfangs nimmt es die Community gelassen. „Kein MMOG ist fertig, wenn es auf den Markt kommt“, erklären die Veteranen der Szene. Aha. Warum eigentlich nicht, frage ich mich und die Experten. Beantworten kann mir diese Frage niemand. Einzig ein paar Verweise auf andere Spiele, die mit einer ähnlichen Pleite begannen, werden als Erklärung bemüht. Verleugnen lässt sich diese Entwicklung in der Tat nicht. Kaum ein MMOG, das in den letzten Jahren online ging, war auch nur annähernd vollendet.

Natürlich liegt es in der Natur einer persistenten Welt, dass sie sich über die Jahre hinweg ständig verändert und erweitert. Doch spielbar muss sie sein, gleich zu Beginn. Außerdem muss sie Raum bieten, sich zu verwirklichen – durch alle Level hinweg. Und genau daran mangelt es den modernen MMOGs immer wieder – selbst den erfolgreichen.

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Der ewige Kampf zwischen Ordnung und Chaos könnte Warhammer Online eine Seele verleihen.
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Wer spielt denn heute noch den Herrn der Ringe Online, nachdem er alles gesehen und erlebt hat? Wer interessiert sich denn noch für seinen Barbaren in Conans Hyboria, wenn es ab Stufe 80 keine Herausforderungen mehr gibt, noch irgendetwas im Spiel zu tun? Selbst der raumfahrende Altmeister Richard Garriot musste seine Lektion lernen und bewegt sich mit den Spielerzahlen langsam aber sicher in Richtung Tabula Rasa. Gemäß dem alten Motto von Origin, „we create worlds“, werden heute Welten im Akkord gebaut. Allerdings vergisst man dabei beharrlich, ein Spiel einzufügen und der Welt Leben einzuhauchen.

Was hat ein gutes MMO, was andere nicht haben?

Dabei zeigen einige Studios mit ihren älteren Titeln, wie man es richtig macht. World of Warcraft sei fairerweise genannt – dem jedoch in Sachen Langzeitmotivation auch langsam die Puste auszugehen scheint. Der Lichkönig wird das allerdings vorerst wieder beheben. Dann wäre da EVE Online, das sich seit Jahren beharrlich am Markt behaupten kann. Oder Lineage 2, dem die Fans seit vier Jahren die Treue halten.

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Die Welt ist nicht genug – in EVE Online kämpft man um die Vorherrschaft im All.
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Doch was bieten diese Titel, was andere Spiele vermissen lassen? Während Blizzard unglaubliche Mengen an Content ins Spiel geschaufelt hat und sich zudem in der glücklichen Lage schätzen kann, dass ihr Spiel vom eigenen Ruf getragen wird, sind es in EVE und Lineage 2 die freien Welten, die Spieler über Jahre hinweg faszinieren.

Ein modernes MMOG vom Fließband hat neben toller Optik, interessanten Klassen und einer feinen Anzahl an Quests nicht viel zu bieten. Die Veteranen setzen im Gegensatz dazu auf eine lebendige Welt, die nach oben hin offen ist. Da können in EVE ganze Systeme im All erobert werden, Raumschiffe von der Größe eines mittleren Mondes werden gebaut und von Feinden aufgerieben. Ein Spion des Feindes erschleicht sich das Vertrauen im Unternehmen, um nach Monaten die komplette Kasse zu plündern. Fair oder nicht - es gibt immer Raum, sich oder seine Firma zu verbessern. Und das muss man auch, wenn man ein Faktor auf dem Server sein will.

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Nur ein Spieler pro Klasse wird Held. Das Leuchten und die Extraskills sind die Mühe wert, finden Fans.
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In Lineage 2 werden Allianzen geschmiedet und Burgen erobert. Der Burgherr kann den Steuersatz bestimmen und damit die Wirtschaft. Auch ist nur ihm vergönnt, einen Drachen zu reiten. Jeder möchte gerne einmal Burgherr werden und sich in die Lüfte erheben, doch von zehntausenden Spielern auf dem Server schaffen es nur eine Handvoll. Der Rest kämpft täglich weiter, in der Hoffnung, dass der Traum eines Tages in Erfüllung gehen möge.

Wie EVE Online hat auch Lineage 2 einen komplexen Markt, der permanent in Bewegung ist. Da fließt das Geld nicht nur ständig ins Spiel hinein – man lässt es auch wieder abfließen, damit es zu keiner Inflation kommt. Doch mit derlei kreativem Schnickschnack scheint sich kein moderner Gamedesigner mehr zu befassen.

Wer steckt hinter den vermurksten Welten?

Apropos – gibt es diesen Beruf eigentlich noch? Diverse Vertreter mit „Manager“ im Titel oder gar der CEO übernehmen heute die Kommunikation nach draußen. Sie erzählen den Fans von den tollen neuen Plänen, von der bombastischen Grafik, von epischen Schlachten. Wer steckt eigentlich hinter all den vermurksten Welten aus der Retorte?

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NC Soft verleiht dem Spieler in Aion Flügel.
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Den klassischen Gamedesigner, der mit dem Spiel einen Traum verwirklicht, vermisst man schmerzlich. Vielleicht sind die letzten Vertreter dieser Zunft dem Millennium-Bug zum Opfer gefallen – vielleicht ist auch einfach kein Stuhl mehr frei, zwischen den 300 Grafikern und Leveldesignern im Büro.

Die gesamte Branche jammert, es sei kein Platz mehr auf dem Markt. Blizzard würde die Spielerwelt für sich beanspruchen und kein Titel hätte mehr Aussicht auf Erfolg, weil die Produktionskosten nicht eingespielt werden könnten. Können sie auch nicht, wenn man über Jahre hinweg Hundertschaften an teuren Leuten beschäftigt und den Einen vergisst, der dafür zuständig gewesen wäre, ein Spiel in die hübsche Welt einzubauen.

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Rasante Cockpit-Action statt ödem MMOG-Geklicke. Jumpgate Evolution.
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Doch noch besteht Hoffnung. Mit Jumpgate Evolution, Aion und Warhammer Online erwarten uns innerhalb der nächsten sechs Monate drei möglicherweise langfristig motivierende MMOGs. Die richtige Vorfreude, wie man sie von früher kannte, will sich allerdings nicht mehr so recht einstellen. Zu tief sitzt die Enttäuschung noch immer. Zu groß ist die Furcht vor einer erneuten Frühgeburt mit Tausenden von Fehlern, der dafür das Wichtigste fehlt: ihre Seele.