Vor nicht allzu langer Zeit, in einem nicht allzu fernen Land war für alle Fans von Online-Rollenspielen die Teilnahme an einem Beta-Test noch etwas ganz Besonderes. Über Monate, ja teilweise sogar über Jahre fieberte man dem Tag entgegen, an dem man in den elitären Kreis der Tester aufgenommen wurde, um mit Gleichgesinnten „seinem“ Spiel den letzten Feinschliff zu geben und um die Entwickler mit wertvollen Tipps auf der Zielgeraden zu versorgen.

Heutzutage ähneln solche Veranstaltungen eher einem „Public Viewing“, wie wir es während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland kennen gelernt haben. Nahezu jeder darf sich beteiligen, ganz egal ob er sich nun für die Thematik interessiert oder einfach nur dabei sein möchte, weil es andere auch sind und es ja schließlich „cool“ ist, Beta-Tester zu sein. Die wirklich euphorischen Fans, die auch ernsthaft an der Fertigstellung des Produktes mitarbeiten möchten, bleiben da meist auf der Strecke bzw. gehen in der Menge unter.

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Da drängt sich natürlich die Frage auf, wer eigentlich von solchen Massen-Events profitiert? Um dies beantworten zu können, muss man sich zunächst überlegen, was genau eine Beta überhaupt ist. In diesem sehr späten Stadium eines Entwicklungsprozesses sollten eigentlich alle geplanten Features bereits ins Spiel implementiert worden sein und zumindest größtenteils auch funktionieren.

Um dies sicherzustellen, hat ein MMO zu diesem Zeitpunkt normalerweise bereits eine ausgiebige Alpha-Phase, sowie unzählige interne Qualitätssicherungs-Stufen durchlaufen. Schwerwiegende Bugs sollten daher nicht mehr enthalten sein und genau an dieser Stelle beginnt das eigentliche Problem.

Die MMO-Abrechnung - Beta-Tests: Wie aus einer heiligen Institution eine Lachnummer wurde…

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Legendär: World of WarCraft lief schon in der Beta besser als so manches MMO heute nach Release.
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Ein Beta-Test soll einem Produkt, in unserem Fall einem MMO, den letzten Feinschliff geben. Hierzu gehören das Balancing der einzelnen Fraktionen und Klassen, das Lösen einzelner Aufgaben (Quests), um den Schwierigkeitsgrad festzulegen, sowie die finale Prüfung einzelner Features auf ihre Funktionalität und ihren Einfluss auf die gesamte Spielwelt. Kurz vor dem Release eines Spiel kann ein so genannter Stresstest außerdem dazu dienen, die Serverstruktur auf ihre Belastbarkeit zu überprüfen und die endgültige Spielergrenze für einen Server (Realm) festzulegen.

Zudem können beim Einsatz auf unterschiedlichen Systemen Konflikte mit anderen Tools und Programmen gefunden und dann im weiteren Entwicklungsverlauf beseitigt werden. Nicht zu den Aufgaben eines Beta-Testers gehört es allerdings grundlegende Fehler im Programm-Code zu finden, die permanent zu Spielabstürzen führen und einem die Lust am eigentlichen Testen schnell nehmen.

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Beta-Tester beim Bug-Report: Da kriegt man wahrlich graue Haare...
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In der Realität sieht dies leider etwas anders aus, werden doch Beta-Tester mittlerweile oftmals als kostenlose Qualitätssicherer eingesetzt und erfüllen somit eine Funktion, die eigentlich bereits intern besetzt sein sollte. Es bestreitet zwar niemand, dass die Bugs auch auf diese Weise gefunden und anschließend behoben werden können. Die Frage ist allerdings, ob die Art und Weise sinnvoll ist?

Dies kann getrost mit einem „Nein“ beantwortet werden, schneiden sich die Entwickler doch leider ins eigene Fleisch. Durch den Einsatz von möglichst vielen Beta-Testern - es sollen ja schließlich alle Fehler beseitigt werden - bekommen logischerweise auch umso mehr potenzielle Käufer den oftmals unterirdischen Zustand des Produktes zu Gesicht.

Die Reaktion darauf ist dann zumeist ein panisches Verlassen der Beta und das Streichen des Titels von der persönlichen Wunschliste. Um das Desaster für die Entwickler bzw. die Publisher perfekt zu machen, wird das entsprechende MMO dann auch noch in Blogs oder Foren „auseinander genommen“, wodurch eine noch größere Spieler-Anzahl in Zukunft einen großen Bogen um das jeweilige Produkt machen wird.

Die Auswirkungen auf die Verkaufs- und auch die Abonnentenzahlen dürften jedem klar sein. Obwohl der Titel zum Release schon in einem wesentlich ausgereifteren Zustand sein mag, wird er von den Kunden trotzdem gemieden. Wenn etwas erst einmal einen schlechten Ruf hat, dann ist es schließlich fast unmöglich, diesen wieder loszuwerden.

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Sehr schön: weit und breit kein Noob in Sicht.
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Somit hätten wir geklärt, dass weder die Hersteller noch die eigentlichen Spieler von der beschriebenen Situation profitieren. Gibt es also gar keine Nutznießer? Wenn überhaupt, dann sehen sich höchstens die absoluten Hardcore-Spieler als Gewinner, dürfen sie sich doch ziemlich sicher sein, dass die Firmenpolitik alle potenziellen Interessenten verscheucht hat und im Spiel selbst weniger „Noobs“ rumlaufen werden als in Mainstream-Titeln. Man ist also unter sich und hat seine Ruhe. Ob das allerdings ein wirklicher Vorteil ist, sei mal dahingestellt.

Uns sei an dieser Stelle ein kleiner Ratschlag an alle Publisher und Entwickler da draußen gestattet: Macht es doch einfach auf die gute alte Weise oder wie es so schön heißt: „Back to the roots“. Nehmt euch die Zeit und baut früh genug einen Hype um eure Titel auf. Betreibt sinnvolle und professionelle Community-Arbeit, um Fans langfristig an euch zu binden. Versorgt sie in regelmäßigen Abständen mit Infohäppchen und lasst sie zu einem Teil des Projektes werden.

Wenn Ihr das geschafft habt, dann dürfte es ein Leichtes sein, dankbare und engagierte Beta-Tester zu finden, denen wirklich etwas an eurem Spiel liegt und die auch über kleinere Mängel hinwegsehen werden, anstelle sie direkt an die Öffentlichkeit zu tragen.

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"Liebe Publisher, denkt mal drüber nach!"
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Nehmt Ihr euch nun noch ausreichend Zeit, um auch die letzten Fehler zu beseitigen, dann steht auch einer Open Beta oder einem Stresstest, wie man es auch immer nennen möchte, mit einer großen Teilnehmeranzahl nichts mehr im Wege. Auf diesem Wege könnt Ihr dann immer noch genügend Spieler für euer Produkt begeistern, ohne dabei befürchten zu müssen, dass der Schlag nach hinten losgeht. Was gibt es denn Besseres als eine positive Mund-zu-Mund-Propaganda?

Und wenn euer Vorstand dann bei der nächsten Budget-Planung sogar noch feststellt, dass man durch gute Community-Arbeit Unsummen an Marketinggeldern sparen kann, dann dürfte auch einem kleinen Bonus nichts mehr im Wege stehen.

Denkt einfach mal drüber nach!