Warum präsentieren sich gute Spiele wie Rise of the Tomb Raider und Deus Ex: Mankind Divided in Pressekonferenzen eigentlich immer als Ballerorgien, wenn sie doch so viel mehr können? Adam Jensen jedenfalls kultiviert, ja liebt Stealth und bietet für jede Waffe auch alternative, nicht-tödliche Munition.

Das Staatstheater zu Prag wird von sanftem Regen umspielt. Die Wassertropfen fließen an den ionischen Säulen herunter, vor denen dann auch gleich zwei halbhohe Mechs herumstolzieren. Mit ihren Scannern suchen sie die Umgebung ab, stürzen wir uns ins Rampenlicht, beginnt die Ballerei. Doch nee, das wollen wir nicht, das wäre ja zu plump. Wozu sonst haben wir die Schmerzen über uns ergehen lassen, die all diese Body-Augmentierungen so mit sich bringen?

Deus Ex: Mankind Divided - Stealth-Profi oder Takedown-Rowdy?

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Egal ob Rambo oder Stealth-Experte: Es gibt für jeden die richtige Augmentation und das gespielte Prag-Level bietet für jeden Stil eine schöne Herausforderung.
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Und wozu sonst hätten wir all diese schönen Gadgets: Typhoon-Granaten etwa, die je nach Upgrade in mehreren Detonationsphasen in einem recht großen Radius explodieren oder Schlafgas freisetzen. Wobei Letzteres nur im Inneren des Theaters hilft, den sich der Clan des Dvali-Kartells als Kommandozentrale ausgesucht hat – gegen die Stahl-Gesellen hilft nur Blei, Schrot, Sprengkraft, EMP oder der gute, alte Hack.

Generell könnt ihr euer Equipment nach Belieben zusammenstellen, was allerdings auch narrativ schön eingebunden ist: Unser Vorgesetzter fragt uns im Cutscene-Briefing regelmäßig, ob wir die tödliche oder nicht-tödliche Variante wählen wollen und reagiert darauf entsprechend. Wer eiskalt killt wie Daniel Craig in James Bond 007: Spectre, dem wird eine Mischung aus professionellem Respekt und Verachtung für den Brutalo-Stil entgegengebracht, das erinnert ein bisschen an M aus guten Tagen.

Deus Ex: Mankind Divided - E3 2015 - Offizieller Trailer13 weitere Videos

Wer hingegen eher den Pazifisten raushängen lässt, nicht direkt durch die Vordertür geht und sein Scharfschützengewehr eher mit Betäubungspfeilen denn Vollmantel-Spitzgeschossen lädt, der erhält ebenfalls eine entsprechende Reaktion, die auf den Auftraggeber abgestimmt ist. Es gibt die Hardliner, denen ein Menschenleben wenig wert ist und die Überzeugten, die für ihre Sache stehen, aber so wenig Leben wie möglich dafür auslöschen wollen. Das sind so Kleinigkeiten, die Spielgefühl und Charaktere sehr schön zusammenfließen lassen, ähnlich wie das auch Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain macht.

Kopfschuss, Titanfall-Taser oder doch lieber Nathan Drake?

Die Smart-Pistol aus Titanfall gibt’s auch in Mankind Divided, allerdings in der pazifistischen Variante. Die grillt nicht bis zu drei anvisierte Hirne gleichzeitig, sondern schockt sie nur. Schöne Optionen, keine Frage, aber so richtig beeindruckt hat uns letztlich, wie viele Wege es in dieses Theater gibt, in dem sich der mafiöse Dvali-Clan verschanzt hat.

Packshot zu Deus Ex: Mankind DividedDeus Ex: Mankind DividedErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Per Spezialvisier lassen sich Bruchstellen im Gemäuer ausmachen, wer Lust hat, augmentiert seine Faust und geht sprichwörtlich mit dem Kopf durch die Wand, anschließend geht das Action-Crescendo und der Blei-Tanz los. Alternativ könnten wir auch die Nano-Blades mit C4-Zünder verfeinern, abwarten, bis sich einer der Robos einem Auto nähert und ihn so durch die Explosionswelle mehrerer Fahrzeuge ausschalten. Oder auch einfach nur die Autos hacken, den Alarm aktivieren, die Security nach Osten schicken und im westlichen Trakt durch ein Fenster einsteigen.

Deus Ex: Mankind Divided - Stealth-Profi oder Takedown-Rowdy?

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Die PS4-Version kann technisch nicht mit der superedlen PC-Präsentation der Gamescom mithalten, aber die detailverliebten Welten entfalten den gleichen Charme.
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Wer sich im Level genau umschaut und seine Gegner abhört, der erfährt auch von einer Energiezelle. Mit der wiederum könnt ihr eine Hebebühne in Betrieb nehmen. Weil darauf aber Kameras gerichtet sind, müsst ihr die Geräte erst per Fernhack mit kleinem Minispiel ausschalten. Komplett deaktivieren lassen sich die neugierigen Gerätschaften aber nur vom Sicherheitsraum des Theaters, ihr müsst euch ergo sputen, das Dach zu erreichen, schnell in Deckung huschen und warten, bis die Kameras sich wegdrehen.

Interessant dabei: Ähnlich wie im neuen Hitman reagiert die Security deutlich professioneller auf Vorkommnisse. Die Wach-Roboter etwa registrieren die Funktionslosigkeit der Kameras und scannen entsprechend den Bereich, versucht ihr diese jetzt nochmal lahmzulegen, geben sie Alarm. Das wäre blöd, denn das Dach wird von mehren Scharfschützen bewacht, die wir entweder im F.E.A.R.-Style per Nanoklinge an die Wand nageln, per Scharfschützengewehr ausknipsen oder schleichend und meuchelnd erledigen.

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Der Titel spielt stark mit Physikelementen, würden diese Blätter also in Richtung Flammen flattern, würden sie Feuer fangen. Toll: Alles wird lokalisiert, ihr könnt also in der deutschen Version alle Texte aller Anzeigen oder Dokumente auch auf deutsch lesen.
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Wer auf nicht-tödliche Taktiken steht, sollte via Perk seine Schrittgeräusche dämpfen und muss auf sein Timing achten: Betäubungspfeile wirken erst nach gut einer, je nach Gegnertypus auch zwei Sekunden. Wer also zu spät den Treffer setzt, riskiert, dass der Sniper noch den Abzug betätigen und damit möglicherweise weitere Wachposten alarmieren kann. Auffallend ist das stark erweiterte Bewegungsrepertoire unseres Protagonisten, weil wir fast so agil wie in Uncharted anschließend durch eine Dachluke auf einen Kronleuchter kraxeln und von dort aus auch lautlos den Flur erreichen könnt. Oder aber ihr skillt auf den Icarus-Dash, einen Kurzraum-Teleport, der so funktioniert wie in Dishonored, allerdings kräftig an der Energieleiste zehrt und so andere Manöver limitiert.

Hat mit seiner kreativen Spielader und der selbstkritischen Geschichte, die auf Schwarz-Malerei zu verzichten scheint, das Potential, der erste richtige Kracher im Jahr 2016 werden.Ausblick lesen

Wir wollten Adam Jensen eigentlich sterben lassen...

Mary DeMarle, die Chefautorin, wollte Adam Jensen eigentlich zum Ende von Human Revolution hin sterben lassen. Doch ihr Team erfand letztlich für Mankind Divided eine Story, die zu ihm als Charakter passt. Für die Naturalisten ist er ein Außenseiter, weil er augmentiert ist. Und für die Augmentierten ist er nicht normal, weil er kein Neuropozyne braucht, um seine Fähigkeiten aufrechtzuerhalten.

Die Hauptstory spielt nach dem sogenannten Aug-Zwischenfall, bei dem Augmentierte ausrasten und ein Blutbad anrichten, wodurch sich die Gesellschaft ideologisch spaltet. Einstige Großkonzerne verschwinden, Augmentierte werden in Slums gedrängt und dort sich selbst überlassen. Sie bilden Rebellenvereinigungen, versuchen sich gegen Regime und Militär durchzusetzen. Kollege Michael hat das bereits in seiner Enthüllungsstory sehr schön analysiert: Jensen soll eigentlich als Teil der Task Force 29 für den Geheimdienst Terrorvereinigungen aufspüren und ausradieren.

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Wie üblich dürfen sich PC-Spieler auf die edelste Version freuen. Die Dawn-Engine setzt auf Physical Based Rendering. Genau wie in The Division perlt Wasser an Plastik herunter und sollen sich dynamische Pfützen bilden, die sich im Licht spiegeln.
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Doch wenn ihr den nicht-tödlichen Weg geht, Sicherheitssysteme hackt und euch unbemerkt Zugang zu Zielpersonen verschafft, dann sprechen die euch direkt an, erzählen ihre Geschichte vom Leid ihres Volkes. Es ist eine Story, die mitreißt, weil sie schön mit diesen Elementen in der Grauzone spielt und sich erschreckend stark in unserer eigenen Gegenwart spiegelt. Wer Deus Ex: Mankind Divided spielt, wird oft an Syrien denken und dieses wirre Bild des Krieges, den eigentlich keiner versteht. Frühere Feinde werden plötzlich zu Freunden, weil man sie braucht, um einen größeren Feind zu bekämpfen. Menschen, die wir in der westlichen Welt als Terroristen jagen und bombardieren, gelten in ihren eigenen Gefilden als Freiheitskämpfer.