Denke ich an Deus Ex, dann denke ich an Warren Spector. Diesen charmanten Kreativkopf, der einst dieses düstere Cyberpunk-Universum erdachte, das heute jedoch ohne ihn fortgeführt wird. Er selbst hatte in einem Interview dem 2011 erschienen Deus Ex: Human Revolution und damit der Arbeit von Eidos Montreal den Ritterschlag erteilt als er dessen Stil, die Ausrichtung und den Heroen Adam Jensen lobte. Und tatsächlich gelang dem Prequel und gleichzeitigen Serien-Neustart die elegante Vermählung von Ego-Shooter und Rollenspiel, Action und Anspruch, Philosophie und Coolness. Jedoch stolperten die Entwickler wie schon einst das Ur-Deus-Ex-Studio Ion Storm auch über Ambitionen, Kompromisse und Unachtsamkeiten. Mankind Divided soll diese nun aufspüren, tilgen und gleichzeitig nicht nur der Grafik ein nötiges Update verpassen.

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Die bescheuerten Verschwörungsspinner mit ihren doofen Aluhüten hatten Recht! Okay, wer hätte denn auch ahnen sollen, dass eine Geheimgesellschaft wie die Illuminaten nicht nur in Dan Browns Romanen, sondern auch in der "echten Welt" überlebt hat? Und, dass sie die als Heilsbringer verehrten Implantate, Augmentierungen und High-Tech-Prothesen, die anno 2027 gefühlt jeder in und an sich trägt, in eine Terrorwaffe verwandeln würden; ein Mittel, um die unmündige Bevölkerung der Welt unter ihre fürsorgliche Kontrolle zu bringen?

Deus Ex: Mankind Divided - Der harte Sturz des Ikarus

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Nicht unbedingt actionreicher, aber actionkompatibler soll das neue Deus Ex werden. Waren Ballereien im Vorgänger noch eher frustig, sollen sie nun zackiger, spaßiger und durchaus erfolgversprechend sein. Wäre nicht schlecht.
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Tja, keiner, keiner außer Adam Jensen, der Sicherheitsbeamte des Biotechkonzerns Sarif Industries, der nach einem Anschlag von Augmentierungsgegnern seinen ganzen Körper durch Prothesen ersetzt sieht. Fast schon ironisch, dass die Terroristen von Purity First ihn zu etwas machten, das sie eigentlich bekämpfen: die Verschmelzung von Mensch und Maschine; ein Symbol des Transhumanismus. Doch auch seine Nachtsichtaugen, Hydraulik-Arme und integrierten Nanoklingen konnten nicht verhindern, dass der Illuminati-Supercomputer der Forschungsstation Panchaea ein Signal aussendete, das die Welt in Panik stürzte. Ein Signal, das die optimierten Menschen weltweit durchdrehen ließ; sie dazu brachte, Freunde, Nachbarn und Fremde anzugreifen. Nur für einen Augenblick, aber der war lange genug.

Zwei Jahre nach der Katastrophe, dem Aug Incident, hat sich alles verändert. Die Optis, augmentierte Menschen, so will es die offizielle Geschichtsschreibung, waren selbst für diese Gewalt- und Bluttaten verantwortlich. Wurden sie dereinst als "besser und stärker" angesehen, gelten sie nun als wandelnde Zeitbomben. Wie Aussätzige im Mittelalter, werden sie gemieden und ausgegrenzt. Sie werden gejagt, verprügelt und in Lager gesperrt, ganz egal, ob ihnen ein durch einen Unfall verlorener Arm ersetzt wurde oder sie sich aus purem Chic ein Implantat verpassen ließen. Einstige Megafirmen wie Sarif und Tai Yong wurden boykottiert und gingen pleite.

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Deus Ex: Mankind Divided sieht viel besser aus als Human Revolution. Zu verdanken ist es der Dawn Engine.
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Der unkontrollierte Hass trieb viele Augmentierte in den Untergrund, wo einige ihre Chance erkannten, die morschen Pfeiler dieser Welt zum Einsturz zu bringen. Es herrscht ein stiller Krieg zwischen Puristen und Augs. Auch Jensen ist daher nicht nur ein der Welt unbekannter Held, sondern wie Millionen anderer ein Ausgestoßener. Er steht zwischen Fronten. Der einzige Weg, alles wieder ins Lot zu bringen, ist die Hintermänner des Aug Incident aufzuspüren und auszuschalten. Die Illuminati. Und dafür bekommt er seine Chance.

Agent für das Gute

Die nahe dem tschechischen Prag gelegene Utulek Station, besser bekannt als Golem City, ist ein bedrückender Ort. Die einstige Arbeitersiedlung ist eine Art Internierungslager, aber auch ein Zufluchtsort für Augmentierte. Kabel hängen hier lose von den ineinander verkeilten Wohnblöcken, dürre Brücken überspannen die Kluft zwischen Fassaden. In aus Wellblech und Beton gezimmerten Nischen ruhen kleine Läden. Werkzeug, Nahrung und Leiterplatten liegen in Kisten aus. Undichte Rohre fauchen und dampfen. In Wasserlachen spiegelt sich die Umgebung. Es klappert, scheppert. Auf einem Turm aus Monitoren flackern Nachrichtensendungen. Alles wirkt dank der neuen Dawn Engine verdammt plastisch und lebendig.

Das hier ist die Chance, einen der ganz großen Namen der Videospielgeschichte, in die moderne Spieleserie zu verwandeln, wie wir sie schon vor einem Jahrzehnt haben wollten.Ausblick lesen

Wie eine Ameise in einem riesigen Nest wird Jensen hindurchgeführt, vorbei an Optis, deren Prothesen unkontrolliert zucken oder wie tot vom Fleisch hängen. Langsam und unbeachtet streunt der ehemalige Sicherheitsbeamte durch die Gänge. Er sucht hier einen Kerl namens Dr. Talos Rucker. Er ist der Gründer der Augmented Rights Coalition – kurz ARC. Diese tritt eigentlich für die Rechte der Transhumanen ein. Aber mit immer schärferen Gesetzen und zunehmender Ungerechtigkeit, wird die Gruppe mittlerweile auch für Anschläge verantwortlich gemacht.

Nein, Jensen will sich ihnen nicht anschließen, sondern ist auf einer Mission. Nach dem Aug Incident rekrutierte ihn die Task Force 29, eine Abteilung von Interpol, die sich auf Terrorismus durch Augmentierte fokussiert. Jensen mag seinem neuen Arbeitgeber zwar nicht gänzlich trauen, spioniert deswegen auch für die Hackergruppe Juggernaut Collective, hofft aber so, den Illuminati auf die Schliche zu kommen. Hier ist er daher inkognito unterwegs. Und wie schon in Human Revolution sind die Hub-Areale wie Golem City frei erkundbar. Größer, verwinkelter und natürlicher sollen sie aber auch sein – wohin es sonst geht: angeblich Montreal, Hong Kong and Paris. So werden auf dem Weg durch den Internierungskomplex etwa Personen angesprochen und Gespräche belauscht, die Hinweise und Nebenmissionen ergeben.

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In Sachen Gegner wird es Adam mit recht unterschiedlichen Kontrahenten zu tun bekommen.
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Ein Doktorin bittet Jensen etwa, Ausschau nach Neuropozyne zu halten: dem Medikament, das die Abstoßung der Implantate durch den Körper verhindert, aber von der Regierung künstlich verknappt wird, um die Augs unter Kontrolle zu halten. In einer Ecke wird gerade ein armer Kerl von Polizisten fortgeschleift, dem man zur Hilfe eilen könnte. Tut man das, kann's sein, dass er einem selbst später im Spiel behilflich ist. Endlich sollen nämlich die Folgen solcher Nebenaufgaben auch spürbar werden. Aber für die ist erst mal keine Zeit. Jensen hat schließlich eine Mission. Und die führt tiefer und weiter in das metallene Nest.

Die Qual der Wahl

Wie schon im Original von 2001 und Human Revolution ist es auch in Mankind Divided dem Spieler überlassen, wie er seine Ziele verfolgt. Um Talos Rucker ausfindig zu machen, kann, wer mag, schlicht ganz Golem City abklappern, bis er zufällig durch dessen Tür stolpert. Das geht. Effektiver ist es jedoch, Kontakt mit einem Informanten aufzunehmen, den Jensen aufgetan hat. Der wurde aber gerade von der Polizei verhaftet. Was tun? Der Kerl hat eine Frau, die Jensen in der bekannten Multiple-Choice-Manier konsultieren kann. Wer sich mit "einfühlsamen" Fragen herantastet, der kann so vielleicht Hinweise auf Ruckers Aufenthaltsort herauskitzeln.

Wer dagegen "direkt" und "aggressiv" auf Informationen pocht, der verschreckt die verängstigte Dame – und muss wohl einen Weg finden, den Informanten bei der Polizei aufzusuchen. Aber ebenso kann man in die Wohnung des Typen einsteigen, seinen Rechner hacken und hier entdecken, dass sich ARC in einem ruhigen Randbezirk von Utulek einen Unterschlupf eingerichtet hat. Noch ein Stück flexibler und gleichsam individueller sollen sich verschiedenen Möglichkeiten anfühlen. Wer keinen Bock auf Laberei hat, wird auch nicht dazu gezwungen werden, muss dann allerdings auch damit leben, womöglich wichtige Hinweise, interessante Orte und Personen zu verpassen.

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Na, da hat jemand aber wohl zu viel Crysis gespielt, oder? Ähnlich der Shooter-Reihe von Crytek lassen sich Waffen direkt im Spielfluss vielfältig umbauen, aufrüsten und anpassen.
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Nur wenig später steht Robomann Jensen in einer provisorisch eingerichteten Fabrikanlage mit surrenden Maschinen, einem Boxring und gülden leuchtenden Neonröhren an der Decke. An solchen Punkten ist es gut sich auf eventuelle Schießereien vorbereiten und Waffen wie das BFW-Sturmgewehr anzupassen: Feuermodus, Visier, Zielhilfe, Schalldämpfer und Munitionsart können nun direkt an der Knifte eingestellt werden – hier hat das Team unübersehbar bei Crysis stibitzt!

Aber natürlich ist Schleichen die angesagte Möglichkeit, ans Ziel zu kommen. Das soll, verglichen mit 2011, aber weniger Fingerknoten verursachen und deutlich besser von der Hand gehen. Ironischerweise haben sich die kanadischen Entwickler dafür einiges beim Deus-Ex-Abkömmling Dishonored abgeguckt. Zur Schnellwahl lassen sich Fähigkeiten nun frei auf dem D-Pad ablegen, aber auch aus einer Art Waffenrad wählen. So wird etwa zackig die Smart-Vision aktiviert, mit der sich Gegner durch Wände und dank Mark-&-Track-Upgrade – ähnlich dem Instinct-Mode aus Hitman: Absolution – auch ihre Laufpfade und Bewaffnung erkennen lassen. Recht einfach werden so einige Mechanokerls umgangen.

Zwei andere bekommen in einer stylisch inszenierten Nahkampfattacke Jensens jeweils im Arm verbaute Nano-Klingen zu spüren. Wer seine Umgebung beobachtet, kann auch immer wieder Abkürzungen entdecken. Etwa die klischeehaften Luftschächte, Lastenaufzüge oder eine Leiter, die sich à la Syndicate mit einem Fernbediungsupgrade herunterfahren lässt.

Zweischneidiges Schwert

Kaum zehn Minuten darauf steht Jensen letztlich vor Dr. Talos Rucker, dessen Büro einem Mischmasch aus Barockschloss und Rümpelkammer gleicht. Herrlich detailliert zeigen sich an Schränken feine Verzierungen, ein Rembrandtgemälde in einem filigranen Rahmen steht rum und die Muster auf Ruckers extravaganten Klamotten: beeindruckend. Schnell wird klar, ein Terrorist ist der ehemalige Arzt mit Dreitagebart und Whiskyglas in der feingliedrigen Handprothese wohl nicht. "Wir wollen Frieden zwischen Augmentierten und Menschen", beteuert Rucker.

Er wolle niemandem schaden, sondern nur Gleichberechtigung. Trotzdem kann Jensen hartnäckig darauf pochen, dass Rucker zur Befragung mitkommen muss, woraufhin dieser besorgt erklärt, die Regierung würde ihn "dann verschwinden lassen". Bleibt der Interpol-Agent "vertrauensvoll", redet auf ihn ein, mag Rucker dennoch zustimmen. Trotzdem: Der ARC-Chef will der Task Force 29 und dem System keinesfalls trauen. Wieso, weshalb? Das kann er nicht mehr erklären. Denn plötzlich beginnt der Arzt zu zucken; seine Augmentierungen spielen verrückt, treiben ihn zu Boden, er röchelt und bleibt leblos liegen. Was zum Teufel?! Selbstmord? Nein. Ein Anschlag? Ehe sich das durchdenken lässt, poltert es vor der Tür. Wie die Smart-Vision zeigt, rottet sich ein schwerbewaffnetes ARC-Sicherheitsteam vor dem Büro zusammen.

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Gegenspieler, Freund, Verbündeter oder alles zusammen? Victor Marchenko wird zum neuen Führer der Augmented Rights Coalition, die einst friedlich für die Rechte der Augmentierten eintreten sollte – aber auch des Terrorismus verdächtigt wird.
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Davonschleichen oder kämpfen? War in Human Revolution die Antwort ganz klar "Ab in den Lüftungsschacht!", soll nun auch Vorwärtsverteidigung eine echte Alternative sein. Mit einem Krachen fliegt die Tür plötzlich aus den Angeln, Rauchgranaten pfeifen umher. Einige blitzende Feuerstöße fauchen durch's Zimmer. Jensen gibt Konter, feuert einige Salven zurück und aktiviert seinen Nano-Schild, der seinen Körper wie ein Panzer aus metallenen Polygonen umhüllt, an dem Kugeln einfach abprallen; eine der neuen Augmentierungen, zu denen später noch eine Schockkanone im Arm, ein Taser, eine Nano-Klingen-Armbrust und ein brutaler Teleporter-Schlag kommen.

Gleich einer Abrissbirne rauscht der Mechanomann durch die Wachleute und stürmt durch einen Gang in einen überwucherten Wintergarten. Mit einem Schuss auf eine Laderampe lässt er eine Lawine aus Fässern auf die Verfolger rollen und hechtet durch eine Glasfront ins Sicherheit. Ein Kerl mit nur einem Auge und dicken Metallarmen schreitet dramatisch ins Bild: der ARC-Leutnant Victor Marchenko! Er deutet den Verfolgern, die Waffen zu senken. Hat er Rucker auf dem Gewissen und hängt nun Jensen den Mord an? Oder ist er einer der Guten? Verdammt viele Fragen tun sich auf! Sicher ist nur: Jensen ist erneut inmitten einer riesigen Verschwörung gefangen.

So hätte es wohl sein sollen

Mit Deus Ex: Human Revolution hat Eidos Montreal eine der meistgeschätzten und prägendsten Spielemarken überhaupt wiederbelebt. Nicht so elegant wie es Crystal Dynamix mit Tomb Raider tat, sondern mit etlichen Ecken und Kanten. Mit Mankind Divided scheint Eidos Montreal aber nun das Spiel zu entwickeln, das sie einst im Sinn hatten. Denn vieles, wie etwa die so nervenden Bosskämpfe, waren der mangelnden Zeit und externen Helfern geschuldet. Auch die angegraute Grafik hätte besser ausschauen sollen, gestanden einige der Macher im Nachhinein. Und sowieso: mehr Möglichkeiten, Areale, Waffen und Freiheiten waren angedacht.

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Adam kann niemandem wirklich trauen. Selbst seinem neuen Arbeitgeber, der Interpol-Abteilung Task Force 29, mag er nicht vollends glauben. Daher sticht er Infos und Material auch zu einer geheimen Truppe namens Juggernaut Collective durch.
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Das alles soll jetzt eingelöst werden. Und vielleicht trifft Jensen sogar Illuminatenführer Bob Page, wie im ersten Trailer angedeutet wird: das wäre endlich ein schlüssiger Brückenschlag zu Warren Spectors Deus Ex! Vor allem aber scheinen die Entwickler die mit Human Revolution begonnene Parabel sinnig und stimmig weiterzuführen: Der selbstherrliche Mensch hat sich in Human Revolution mit seinen Augmentierungen, wie dereinst Ikarus mit seinen Wachsflügeln aufgeschwungen, ist zu nah an die Sonne geflogen und abgestürzt. Nun kommen mit Mankind Divided die harte Landung und der Schmerz.