Immer wieder ist da dieses nervöse Pochen. Ja, das könnte was werden, könnte richtig was werden. Adam Jensen ist zurück: ohne stocksteifen Mantel zwar, dafür mit Reibestimme und dem ganzen Rest, der eben dazugehört. Vieles beim Alten, selbst das Team hierhinter, alles gut also, kein Grund, gleich den Teufel an die Wand zu malen. Und dann ist da wieder dieses Pochen.

Es gibt heutzutage nicht mehr viele Spiele von diesem Schlag. Spiele, die sich ihrer Unzulänglichkeiten bewusst sind, sich nicht für sie schämen, sondern kleinere Makel als Teil ihres Charakters akzeptieren, sie sogar offen zur Schau stellen. Spiele, die sich nicht für andere verbiegen, sich nicht dem Massenmarkt anbiedern. Spiele, die ihre Vision über Verkaufszahlen stellen.

Es gibt nicht mehr viele Spiele wie Deus Ex: Human Revolution.

Deus Ex: Mankind Divided - Ich will kein perfektes Spiel, ich will Deus Ex

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Der Gelbstich ist weg, die Atmosphäre bleibt: Mankind Divided sieht in Bewegung nicht ganz so großartig aus wie auf diesen Bildern, aber immer noch unheimlich beeindruckend.
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Insofern gibt es dankbarere Aufgaben als die, mit der Eidos Montreal aktuell betraut ist. Wie soll die Fortsetzung eines Spiels aussehen, das trotz oder gerade für seine Schwächen geschätzt wurde? Der Grat zwischen notwendigen Verbesserungen und spiegelblanken Ecken und Kanten ist ein schmaler, die Lager auf beiden Seiten angespannt. Mankind Divided muss seine Existenz als Fortsetzung und „New-Gen-Spiel“ rechtfertigen, ohne alte Fans zu verprellen. Viel Spaß dabei.

Keine schlechte Idee also, das Projekt erst einmal auf das alte Fundament zu stützen. Mankind Divided kommt nicht plötzlich mit einem völlig neuen Konzept um die Ecke, warum auch, wenn schon das alte so gut ankam? Eidos wandelt nach wie vor auf den vor vier Jahren eingeschlagenem Pfad, inhaltlich und spielerisch gleichermaßen, denn das neue Deus Ex wird eine Fortsetzung im eigentlich Sinn, kein unnötiger Reboot-Quatsch. Der erste von vielen Pluspunkten.

Deus Ex: Mankind Divided - E3 2015 - Dawn Engine Tech Demo13 weitere Videos

Adam Jensen bleibt wie gesagt am Ball, diesmal im Prag des Jahres 2029 und damit zwei Jahre nach Human Revolution. Viel Zeit für eine schnelllebige Welt wie diese, die sich nicht unbedingt zum Besseren gewandelt hat. Technisch „optimierte“ Menschen (Augmentierte) werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt, verfolgt und diskriminiert. Es brodelt in der Bevölkerung, in allen sozialen Klassen, während die Grenzen zwischen Menschen und Maschinen zusehends verschwimmen. Richtig guter Cyberpunkt-Stoff eben, ganz ohne moralischen Zeigefinger. Niemand nimmt euch die Arbeit ab, Gut und Böse und die dutzenden Schattierungen dazwischen in fein säuberlich getrennten Schubladen abzulegen. Ihr müsst schon eure eigenen Entscheidungen treffen, eure Vorstellungen von Moral gegebenenfalls sogar ein-, zweimal überdenken. Der Reiz von Human Revolution lag vor allem auch in dieser Ambivalenz und Mankind Divided scheint sich darüber durchaus im Klaren zu sein, was die vielleicht beste Nachricht dieses Artikels ist.

Packshot zu Deus Ex: Mankind DividedDeus Ex: Mankind DividedErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Überhaupt ist es unheimlich beruhigend, dasselbe Team hieran arbeiten zu wissen. Die Leute, an deren Lippen ich im großartigen Director's Cut von Human Revolution hing, die in den dutzenden Audiokommentaren (eine Zusatzoption, die es viel öfter geben sollte) während des Spielens erklärten, wie das und jenes zustande kam, was gestrichen und was während der Überstunden gegessen wurde. Eine Mannschaft, die für ihr Baby brannte – und deren Flammen noch längst nicht erloschen scheinen.

Deus Ex: Mankind Divided - Ich will kein perfektes Spiel, ich will Deus Ex

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Bislang ist der Fokus auf Action noch etwas zu dominant. Das darf gern noch etwas weniger werden, Eidos.
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Mankind Divided atmet dieselbe mit Ressentiments und Spannungen aufgeladene Luft wie sein Vorgänger und verlässt sich auf ähnliche Kernkompetenzen, könnte diese aber wie angedeutet etwas anders gewichten. Es bleibt bei einer Melange aus Schleichen und Kampf, Hacken und sozialer Interaktion. Auch die Freiheit, sich jederzeit zwischen diesen Säulen zu entscheiden, sollt ihr 2016 nach wie vor haben, wir reden hier immerhin von Deus Ex.

Sieht alles ganz fantastisch aus, was die Entwickler uns da auf der E3 gezeigt haben. Adam Jensen panzert sich nicht mehr hüftsteif durch die Zukunft, ist nun ein viel agileres Kerlchen mit gepimpten Fähigkeiten und technischen Helferlein, von denen ihr in diesem Video einen ganz guten Eindruck bekommt. Alles läuft runder und intuitiver, ist außerdem größer, was im Grunde vor allem höher bedeutet, denn „Vertikalität“ war neben „multiple Lösungswege“ eine der Lieblingsvokalen der Entwickler.

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Waffen lassen sich nebenbei anpassen, das Hacken des Vorgängers wurde leicht verbessert, vieles andere auch. Könnte spitze werden.
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Ohne Jensens zackigere Manöver wären diese Ausmaße kaum möglich. Blitzschnell schießt er nach oben und unten, vor und zurück, © Dishonored. Saucool, auf jeden Fall, aber vielleicht auch eine Spur zu dynamisch für ein Spiel, dessen Klobigkeit immer schon Teil des Konzepts war. Wenn Mankind Divided selbst im Schleichen offensiver und brachialer wirkt als Human Revolution während seiner Actionpassagen, ist man möglicherweise irgendwo falsch abgebogen. Ich mache drei Kreuze, wenn sich das nächstes Jahr nur als typische „Wir müssen den Leuten ordentlich was bieten!“-Präsentation herausstellt; Entwickler und Publisher neigen nach wie vor dazu, die Leute da draußen mit Knallbummpeng-Szenen beeindrucken zu wollen. Gut möglich also, dass die Munitionsanzeige später nicht dreistellig wie in der Alpha-Demo ausfällt, in der ich ehrlich gesagt nicht erkannt habe, welchen Vorteil vorsichtiges Vorgehen bringen soll.

Schön die wiederzusehen, Adam Jensen. Ich hoffe, du bleibst der Alte.Ausblick lesen

Es ist so ziemlich die einzig relevante Sorge, die mir Mankind Divided bereitet.