Lasst uns über eine Science-Fiction-Geschichte reden und wir bewerten sie nach ihrer Originalität, nach unbekannten Welten, die sie uns zeigt, nach dem Anderen, dem Unfassbaren. Lasst uns über ein Drama reden und wir bewerten es nach den Figuren und der Art, wie sie Emotionen zeigen; wie wir uns fühlen. Lasst uns über Detroit: Become Human reden – ein Apfel am Ahnenbaum von Quantic Dream, so schwer von menschlichen Empfindungen, das auch der verzweigteste Ast ihn kaum halten kann. Das Gute: Was im 2038er Detroit geschieht, ist genau das, was ihr nach Fahrenheit, Heavy Rain und Beyond Two Souls erwartet, möchtet, verlangt.

Das sind die Menschen hinter den Androiden

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Ich durfte 2-3 Stunden der fertigen Version spielen, von Anfang an und in chronologischer Reihenfolge. Dabei lernte ich alle Hauptcharaktere kennen, traf schwierige Entscheidungen und fand heraus, was es bedeutet, in Detroit: Become Human zu versagen. Zusätzlich habe ich ein Interview mit Quantic-Dream-CEO Guillaume de Fondaumière geführt.

Detroit: Become Human ist eine menschliche, gefühlvolle Geschichte - ein guter Grund, um das Cover-Art einzig mit einem Gesicht zu füllen

Das Schlechte: Detroit spielt hier, nicht in einer fremden Welt

Kennt ihr Blade Runner? Was für eine Frage. Das Sammelsurium an Mensch-gegen-Maschine-Geschichten erstreckt sich über etliche Jahrzehnte in die Vergangenheit, bis hin zu Isaac Asimov, der in seiner kurzen Erzählung Runaround (1942) als erster die Robotergesetze entwarf: “Du darfst keinen Menschen töten” und “Du musst dem Menschen gehorchen.

Detroit: Become Human ist keine neue Geschichte. Sie ist nicht originell, fremd oder unfassbar, etwas, das nicht nur ich mir ohne Frage von Science Fiction erhoffe. Auch dem Gameplay fehlt es an großen Überraschungen, zumindest falls ihr dem Titel in Erwartung einer großen Revolution auflauert, um ihm dann sein Todesurteil entgegen zu feuern. Es ist Quantic Dream, es ist Emotion und schließlich mehr Persönlichkeitstest als neue Welt.

Und jetzt, da ich euch diese Hoffnung genommen habe: Bitte schnallt euch an, holt das Popcorn aus der Mikrowelle und macht euch bereit für ein grafisches Meisterwerk, einen Marathonlauf schwieriger Entscheidungen und nicht zuletzt einen Trip in die dunkelsten Winkel dessen, was wir Menschlichkeit nennen.

Die Menschen im Spiel zeigen sich nicht immer von ihrer besten Seite

“Wenn er gebaut wurde, um zu lieben, darf man wohl annehmen, dass er ebenso gut hassen kann.”

Kann er? Was im Kubrik-Spielberg-Meisterwerk AI: Künstliche Intelligenz (2001) diskutiert wurde, wird in Detroit: Become Human erneut an die Oberfläche der Popkultur geschwemmt. Wir leben im Jahre 2038, in Detroit, denn die Großstadt ist ein Wahrzeichen des technischen Fortschritts, über Autopioniere in der Vergangenheit zur Androiden-Moguln in der Zukunft. Ihr seid Connor, aber ihr seid auch Markus und Kara: Drei unterschiedliche Androiden-Modelle in völlig verschiedenen Lebenssituationen; ein Ermittler, ein Hausmädchen und der Begleiter eines einsamen Mannes im Rollstuhl. Über die Szenen und Kapitel hinweg switch ihr ständig die Charaktere, wie ein Film mit mehreren Erzählsträngen.

Das Interessanteste ist, dass wir durch diese drei Charaktere drei verschiedene Perspektiven anbieten. Durch diese drei Blicke geben wir dem Spieler die Möglichkeit, sich verschiedene Fragen zu stellen”, erzählt mir Guillaume im Interview.

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Was passiert, wenn ihr als Android nicht gegen Menschen ermitteln müsst? Was passiert, wenn ihr etwas Schockierendes erlebt, das euer Code nicht verarbeiten kann? Und das Wichtigste: Wie reagiert der Spieler, der Mensch, welcher die Androiden in Detroit: Become Human kontrolliert?

Detroit: Become Human ist das Produkt einer Vergangenheit, die Heavy Rain und Beyond Two Souls erschaffen hat

In Anbetracht der Spiele, die den Weg von Quantic Dream geebnet haben, scheint Detroit: Become Human nicht nur in seinen eigenen Disziplinen zu brillieren. Es ist auch das zwangsläufige Produkt dieser Vergangenheit: Eine durchweg emotionale, extrem menschliche Geschichte, mit Ereignissen, die schocken und schwitzen lassen, mit Entscheidungen, die wir nicht fällen wollen. Eine Qual, die ich persönlich – als Fan von Heavy Rain – nur allzu gern durchlebe. Im Gegensatz zu den Vorgängern wird Detroit: Become Human aber etwas humaner mit unserer Psyche umgehen und uns jederzeit die Möglichkeit geben, getroffene Entscheidungen zu revidieren.

Am Ende jeder Szene haben wir Flowcharts: Dort sieht der Spieler genau, was er für Entscheidungen getroffen hat, man sieht aber auch – das ist neu – welche anderen Möglichkeiten es gegeben hätte. Und wir geben dem Spieler die Möglichkeit, jeder Zeit, in Szenen wieder zurückzukommen und andere Entscheidungen zu treffen. Durch das Hauptmenü. Du musst nicht unbedingt bis zum Ende spielen.”

Da wir jetzt im Inneren der Detroit-Maschine angekommen sind und die metallischen Eingeweide inspizieren, stellt ihr euch vielleicht die Frage, ob eure Entscheidungen nach jedem Kapitel wieder ausgewertet werden. Oder anders: Ob ihr eure Persönlichkeit mit allen anderen Spielern vergleichen könnt, nur um zu jubeln, wenn ihr zu den fünf Prozent derjenigen gehört, die sich für diesen einen Weg entschieden haben. Die Antwort ist: Ja.

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