Nietzsche sagte, “Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave”; doch was sind dann diejenigen, deren Verstand selbst das Gefängnis ist, bestimmt durch fremde Gesetze geschrieben von fremden Händen? Detroit: Become Human redet von dem Androiden, dessen Gedanken auf Gehorsam programmiert sind. Gehorche, sei höflich, sei menschlich, halte dich an die Gesetze, tue niemals einem Menschen weh. Sei normal. Vielleicht ist es deshalb so einfach, ihn zu verstehen; dieselben gesellschaftlichen Grenzen in meinem und in seinem Kopf.

Wieso eigentlich Detroit? Quantic Dream erklärt Hintergründe zur Story und zum Setting:

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Darum geht’s: Begleitet drei Androiden durch eine komplexe, filmästhetische Geschichte im 2038er Detroit. Entwickler Quantic Dream hat bestätigt, dies sei ihr bis jetzt verzweigtestes Spiel.

Es ist keine veraltete Frage. Kein Thema, das schon zu oft in Filmen, Büchern, Spielen und Demonstrationen da draußen, auf unseren Straßen, angesprochen wurde: Die Freiheit eines Menschen in einer Gesellschaft, die selbst nur ein verzerrtes Bild von Freisein kennt; heißt es doch, ich sei frei, wenn ich ein bestimmtes Auto besitze, das mir diese Freiheit verspricht, oder diese eine Jacke oder Markenschuhe. Frei bin ich auch, wenn ich mich an die Regeln halte, wenn ich den richtigen Menschen liebe, wenn ich mich anpasse, denn tue ich das nicht – wird mir die Freiheit genommen, ob nun durch Strafen, durch Worte, durch Blicke oder durch die unsichtbare Schere eines Systems, das Anderssein – wenn auch nicht öffentlich, denn öffentlich sind wir alle tolerant und glücklich – stets rächt.

Detroit: Become Human im Test – Polizist Hank (links) und Androide Connor (rechts) untersuchen Verbrechen, in denen Androiden verwickelt waren.

Als ich Detroit: Become Human anspielte (Vorschau) fragte ich mich, ob das Szenario um die menschlichen Androiden nicht ein wenig klischeehaft sei. Vielleicht ist es das. Ebenso wie einige Charaktere stereotyp anmuten; über den mütterlichen Kindermädchen-Androiden Kara und den Ermittler Connor, der kalt und berechnend Tatorte analysiert. Was jedoch zählt, für mich, und vielleicht auch für euch, ist in diesem Fall nicht die Originalität der Geschichte. Es ist allein die Geschichte. Und der Weg, den ihr als Ausgestoßener durch eine Gesellschaft wählt, die euch verachtet.

Schließ’ die Augen und male, was du siehst

Kara, ein artifizielles Kindermädchen, das miterlebt, wie die kleine Alice von ihrem Vater misshandelt wird. Connor, der im Dienst des fiktiven Unternehmens Cyberlife mordende Androiden untersucht. Und Markus – Markus, der Androide eines an den Rollstuhl gefesselten Künstlers, der ihn fragt, wie Markus sich fühlt, wenn er die Augen schließt. Die Antwort liegt nicht in Markus Programm, sondern in euch.

Haben Androiden das Recht, frei zu sein? Markus steht an der Spitze eines Aufstands. Wie der ausgeht, entscheidet allein ihr.

Es sind emotionale, intime Geschichten; über kaputte Menschen und Beziehungen, die sich um die Androiden spinnen, sie verletzen und dazu antreiben, das eigene Programm umzuschreiben. Hinter dem Controller aber sitzt ihr: Befolgt ihr die Gesetze, die euch auferlegt werden? Oder widersetzt ihr euch, greift zu Gewalt, rennt weg, versucht andere zu überzeugen oder auszutricksen; bleibt ihr vielleicht einfach stehen und seht zu, was dem kleinen Mädchen angetan wird?

Es ist auch eine moralische Geschichte, ein brechtianisches Schaustück von drei Außenseitern, die letztendlich nicht nur von der Zukunft künstlicher Intelligenz sprechen, sondern ebenso vom Leben am Rand der Gesellschaft.

Große Emotionen, großes Kino? Quantic Dream kämpft schon seit Heavy Rain mit dem Vorwurf, flache Charaktere in zu aufgepauschte Storys zu packen.

100 Prozent Quantic Dream

Das war mein Fazit, als ich meine Vorschau zu Detroit: Become Human geschlossen habe. Geändert hat sich daran nichts. Detroit: Become Human ist und bleibt das Kind einer Spieleschmiede, die Geschichten so emotional erzählt, dass ihr deren immersiven Fängen kaum entkommen könnt; dass ihr mitfiebert und mitleidet, Knöpfe zur richtigen Zeit drückt oder verdrückt, falsche Antworten gebt und am Ende jeder Episode erleichtert ausatmen, solltet ihr glücklicherweise nicht den Protagonisten umgebracht haben.

Quantic Dream auf seinem Höhepunkt.Fazit lesen

Schon wieder dieses Gameplay. Aber was erwartet ihr? Es gibt keine Quantic-Dream-Revolution in Detroit: Become Human, und das ist gut so. Erkundet eure Umgebung, findet alle Hinweise, entscheidet euch richtig und werdet Herr und Meister eure Controllers, indem ihr die entsprechenden Knöpfe schnell und akkurat zur entsprechenden Zeit drückt. Zugegeben, spielerisch eintönig, aber umso effektiver darin, eurer Adrenalin nicht nur stellenweise sondern konstant auf ein hohes Level zu zwingen.

Deine Story ist eine halbe Story

Während Quantic Dreams Klassiker Heavy Rain noch vorsichtig im Becken von halbwegs unterschiedlichen, halbwegs verzweigten Geschichten planschte, ist Detroit: Become Human brutal: Im schwierigen Modus sterben sie. Nicht nur Nebencharaktere, nicht nur die Unwichtigen. Zieht ihr am richtigen Hebel oder drückt den falschen Knopf, fallen ganze Storylines von mehreren Stunden unter den Tisch.

Typisch Quantic Dream: Nach jeder Episode könnt ihr eure getroffenen Entscheidungen bewundern und einsehen, wie andere Spieler entschieden haben.

Telltale hat uns gelehrt: Der Weg ist es, der zählt. Gepflastert mit euren Entscheidungen ist er einzigartig; nicht aber das Ende der Geschichte. Quantic Dream lehrt uns: Eine wahrlich verzweigte Story ist eine halbe Story, denn was auch immer ihr macht – ihr werdet im ersten Durchlauf nie alle Szenen sehen. Verliert ihr einen der Hauptcharaktere, und ja, alle können vom ersten Kapitel an sterben, fällt sein Teil einfach weg. Tötet ihr alle drei, ist das Spiel verfrüht zu Ende – Game Over gibt es nicht. Euch bleibt die Chance, entweder mitten in der Episode oder im Nachhinein über die Kapitelansicht Szenen zu wiederholen und eine neue Erzählung zu starten, in der nicht alle Charaktere verfrüht in Gras beißen.

Es gibt noch mehr: Einige Objekte, Hinweise oder Gespräche entsperren weitere Möglichkeiten, die entweder in derselben Episode oder sehr viel später zum Einsatz kommen. Habt ihr sie alle gefunden? Nein. Nicht im ersten Durchlauf, denn hier bedingen sich so viele Entscheidungen, Konstanten, Wege, Antworten und Fragen, dass ich mich gleichsam frage, wie viel die Detroit-Engine im Hintergrund eigentlich berechnet, um herauszufinden, was ihr in der nächsten Szene erlebt.

Ihr seht jede Pore

Hinter der Detroit-Maschine stecken über 200 Schauspieler

Ihr braucht etwa 12 Stunden für einen Spieldurchlauf; um jedoch alles im Spiel zu sehen, müsst ihr doppelt, vielleicht dreimal so viel Zeit investieren. Quantic Dream hat sich für Detroit: Become Human allerdings nicht nur die Finger wund geschrieben, sondern auch eine neue, hauseigene Engine entwickelt sowie über 200 Schauspieler engagiert, um Protagonisten und Nebendarsteller per Motion-Capturing ins Spiel zu uploaden.

Anders ausgedrückt: Es ist ein hübsches Spiel mit dem Fokus auf nahen, detaillierten Gesichtsanimationen, die so gestochen scharf auch an ein God of War herankommen, und es hier und da sogar übertrumpfen.

Der Traum von der Freiheit

Detroit: Become Human spart weder an großen Themen noch an großen Gefühlen. Und sie funktionieren natürlich, indem sie euch fest an die Charaktere und all ihre Entscheidungen fesseln, die ihr getroffen habt. Ein schlauer Trick und eine Waffe, die Quantic Dream gern einsetzen: Stelle den Zuschauer vor eine schreckliche Entscheidung, lass’ ihn weinen und lass’ ihn mitfühlen. Wie ein Abhängiger streift ihr durch die Szenarien und sucht nach dem nächsten emotionalen Kick, denn ja, dafür ist David Cage – wie schon in Heavy Rain – immer eine gute Wahl.

Im Gegensatz zu Telltales Glanzstücken bleibt es aber nicht dabei. Detroit ist letztendlich mehr als eine emotionale Story rund um Maschinen, die Gefühle entwickeln. Es ist ein Persönlichkeitstest in einem Science-Fiction-Universum; ein interaktives Frage-Antwort-Spiel rund um die großen philosophischen Themen unserer Geschichte – der Unterschied zum Fragebogen: Ihr seht, und fühlt im Idealfall, wie das Echo eures Rufs nach Freiheit ausfällt. Ist es laut und wütend oder leise und ängstlich? Gibt es überhaupt eines?

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Quantic Dreams Traum von der Freiheit zeigt sich nicht nur in der Story rund um Markus, Kara und Connor, sie ist auch spürbar in der Dramaturgie und den etlichen Entscheidungen, die ihr fällen dürft. Als Spiel seines Genres ist Detroit: Become Human beinahe fehlerlos, als Erzählung im Kontext unserer Gesellschaft sogar – und das erscheint mir noch wichtiger – bedeutsam.