Kaum ein Spiel wurde vor seiner Veröffentlichung so in den Himmel gelobt wie der MMO-Shooter der Halo-Erfinder von Bungie. Und kaum ein Spiel wurde so schnell und gnadenlos zerrissen: Als „Destiny“ im September 2014 endlich erschien, erntete es teils massive Kritik seitens der Fachpresse. Komischerweise spielt es seitdem trotzdem jeder. Zu Recht! Viele haben die wahre Genialität von „Destiny“ schlichtweg nicht erkannt.

„Okay, jetzt gehen wir wohin wir wollen, nichts hält uns zurück“, sagt mein Hüter, ein Titan mit Licht-Level 28, als ich mal wieder auf dem Mars lande, um Patrouillen-Missionen zu absolvieren und nebenbei Relikteisen abzubauen, das ich zum Aufwerten meiner legendären Beinrüstung benötige. Los geht's: Das grün blinkende Lämpchen ansteuern, Mission annehmen, Vex und Kabale im Akkord pulverisieren, neue Mission annehmen, Sachen einsammeln, Areale erkunden, nebenbei nach den rostig schimmernden Relikt-Bruchstücken Ausschau halten.

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Da, ein Höhleneingang! Also nichts wie rein. Und siehe da, eine Truhe. Ich öffne sie – und bekomme fast einen Herzinfarkt. Es liegt ein legendäres Engramm drin! Ich schreie vor Jubel laut auf, werde dafür von meinen gerade einen Dreier-Strike spielenden Chat-Mithörern ausgelacht und bereue meinen emotionalen Ausbruch auch schon – hoffentlich sind meine Kids nicht aufgewacht, weil sich Papa gerade im Loot-Rausch befindet. Erst mal durchatmen.

Destiny - Warum Destiny das Spiel des Jahres ist

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Eine der großen Stärken von Destiny: Es spielt sich herrlich schnörkellos und sieht dabei auf den Next-Gen-Konsolen famos aus.
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Ich verlasse den Mars, begebe mich zurück in den Orbit. Klare Sache, ich muss schnellstmöglich zum Kryptarchen in den Turm auf der Erde, wo ich das Engramm eintauschen werde. Wer weiß, was er Schönes für mich bereithält. Die Vorfreude ist riesig – die Enttäuschung kurze Zeit später leider auch. Ich bekomme zwar einen legendären Gegenstand in die Hand gedrückt, es ist aber ein für mich völlig unbrauchbarer Warlock-Helm. Wenn ich ihn zerlege, gibt’s aber immerhin Aszendenten-Material, das ich bald wieder brauchen werde, sobald ich meinen exotischen Waffen-Beutezug abgeschlossen habe und die Bad Juju, ein richtig nettes Impulsgewehr, mein Eigenen nennen darf. Oder vielleicht wird’s doch mal Zeit, einen zweiten Charakter hochzuspielen...

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Destiny aktiviert den uns alle innewohnenden Jäger-und-Sammler-Instinkt – sofern man sich auf das Spiel einlässt. Getreu dem Motto „Gib' mir mehr!“: mehr Loot, mehr Marken oder mehr Relikteisen, wie hier.
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Der Fall Destiny: Ein einziges Missverständnis

Wer bis hierhin nur Bahnhof verstanden hat, der ist bislang noch nicht in den Genuss gekommen, den MMO-Shooter von Bungie zu spielen. Oder er hat sich von den zwar recht ordentlichen, im Grunde aber – bedenkt man den gigantischen Vorab-Hype um das 500-Millionen-Dollar-Spiel – sehr oft enttäuschenden Testberichten, die zum Veröffentlichungszeitpunkt des Spiels (9. September) überall im Netz zu lesen waren, beeinflussen lassen, sich das Spiel selbst schlecht geredet beziehungsweise es sich schlecht reden lassen. Selbst schuld, sage ich, Destiny ist ein verflucht gutes Videospiel und für mich glatt das Spiel des Jahres. Die genauen Gründe dafür werde ich noch erläutern.

Den Metacritic-Durchschnitt von 76 Punkten für die von mir bevorzugte und geliebte PlayStation-4-Version kann ich jedenfalls beim besten Willen nicht nachvollziehen. Schon alleine deshalb nicht, weil die meisten Spielewebseiten bereits am Tag des Destiny-Releases oder kurze Zeit später ihr finales Urteil gefällt hatten: Dünne Geschichte, repetitives Gameplay, zu wenig Inhalt, Riesenenttäuschung, basta!

Es ist nur allzu verständlich, dass heute zu jedem großen Computer- oder Videospiel am Tag des Erscheinens der passende Test rausgehauen werden muss; der Aktualitätszwang lässt sich aufgrund des enormen Konkurrenzdrucks leider nicht vermeiden. Wo kämen wir denn auch schließlich hin, wenn wir mal wieder in aller Ruhe einen fundierten, liebevoll geschliffenen Testbericht abliefern würden, der dann eben erst zwei, drei Wochen nach Spiel-Release erscheint? Oder in dem dann auch in aller Ausführlichkeit besprochen wird, was das Spiel wirklich ausmacht? Und der den, wie im Falle von Destiny, erst eine Woche nach Spieleveröffentlichung nachgereichten Raid auch entsprechend würdigt? Ich rede natürlich von dem Sechs-Spieler-Raid „Die Gläserne Kammer“, den Bungie am 16. September per Patch ins Spiel implementierte und der mit den richtigen Mitspielern ein großer Spaß ist.

Ich würde ja nur allzu gerne mal all die Day-One-Tester da draußen sehen, die Destiny nach getaner Arbeit (sprich: die Geschichte beenden und nach Charakterlevel 20 aufhören zu spielen) wieder eingepackt haben. Wie die sich in der Gläsernen Kammer wohl anstellen würden? Oder in einem knackigen Dämmerungs-Strike für Highend-Hüter?

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Helden-Pause im Turm: Hier trifft man auch den Hüter des einen oder anderen Spielejournalisten an.
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Denn, jetzt mal Klartext: Niemanden, der heute, über zwei Monate nach Veröffentlichung, immer noch begeistert die Destiny-Planeten Erde, Venus, Mars und Mond bereist, sich in Strikes, im Raid oder im Schmelztiegel – dem PvP-Modus des Spiels – austobt, interessiert sich für die Handlung. Er interessiert sich für Loot, für Marken, für dicke Waffen und coole Rüstungen. Und, das ist fast das Wichtigste: Für die Leute, mit denen er Destiny gemeinsam erlebt. Mit Verlaub: Scheiß auf die Geschichte! Das eigentlich Spiel, so hat es Bungie selbst immer wieder betont, beginnt erst mit dem Erreichen von Charakterlevel 20. Ab da geht dreht sich alles ums Endgame. Dieses ist ganz sicher nicht perfekt, aber dennoch großartig.

Und alle spielen es trotzdem

In den letzten Wochen und Monaten sind so viele erstklassige Spiele erschienen, die ich – das ist das Privileg meines Berufs – auch alle im Schrank stehen habe: Alien: Isolation, The Evil Within, Bayonetta 2, Far Cry 4, NBA 2K15, This War of Mine oder natürlich GTA 5 in der New-Gen-Fassung, um nur mal einige zu nennen. Trotzdem spiele ich abends derzeit nur ein Spiel: Destiny. Womit ich nicht alleine bin. Ich habe in den letzten Wochen mit großer Überraschung festgestellt, dass etliche Journalistenkollegen ebenfalls regelmäßig auf Online-Ballertour gehen.

Ich hatte auf Facebook einen kleinen Aufruf gestartet, ob denn sonst noch jemand Destiny goutiere, ich würde Leute für Strikes und Raids suchen. Die Resonanz war überwältigend; mittlerweile platzt meine PSN-Freundesliste fast vor Destiny-spielenden Neu-Kontakten. Darunter tummeln sich etliche Redakteure bekannter Online- und Print-Spielemagazaine, deren Namen ich nicht nennen möchte.

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Wer braucht schon eine gute Geschichte, wenn er Loot haben kann?
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Einer hat's mir aber explizit erlaubt: Der Freelancer Ahmet „schleuder“ Iscitürk, den einige sicherlich aus diversen Spieleheften kennen dürften. Er ist Destiny ebenfalls verfallen; es sei „ein Phänomen“, sagt er. Er hätte vorher nie ein Online-Rollenspiel oder -Shooter gespielt, aber das Bungie-Werk würde ihn einfach nicht mehr loslassen.

Dabei war die Fachpresse doch ach so enttäuscht von dem Spiel. Was ist da los? Passt irgendwie so gar nicht zusammen – und liegt meiner Meinung nach an vor allem an dem bereits angesprochenen Aktualitätsproblem. Und womöglich an falschen Erwartungshaltungen. Wie soll man die wahre Genialität des Destiny-Endgames erkennen, wenn man es gar nicht gespielt hat? Eben.

Ich hatte das große Glück, dass ich Destiny nicht testen, sondern für einen Zeit-Online-Artikel nur die wirtschaftlichen Zusammenhänge analysieren musste. Ich konnte mir alle Zeit der Welt lassen, levelte noch gemütlich vor mich hin, während das Netz Destiny bereits ordentlich kritisierte. Und es machte mir immer und immer mehr Spaß. Kaum hatte ich die – in der Tat höchst mäßige – Story durch, ging der Spaß dann los: Seitdem sammle ich mit Feuereifer Lichtpunkte, immer bessere Rüstungsteile und Waffen.

Grind ist geil

Es gibt da draußen sicherlich einige Spieler, die Grinding generell ablehnen, die von jedem Spiel ein Höchstmaß an Narration, erzählerischer Tiefe oder Metaebene erwarten. Oder die damit einfach ein Problem haben. Wie neulich jemand in einer Facebook-Gruppe, der diesen schönen Satz über Destiny schrieb: „(...) Auch mich hatte diese Sucht erfasst, aber es war kein geiler Trip, sondern gefühlt eher wie bei einem Alki ohne Kohle, der um vier Uhr morgens Spuckreste aus weggeworfenen Bierflaschen leersäuft, eine Belastung bei der ich persönlich schnell gemerkt habe, so wenig Payoff zu erhalten, dass ein Entzug angebracht wäre.“ Soll ja keiner sagen, hier gäbe es keine Gegenmeinung zu lesen. Hey, wer so denkt, den möchte ich bestimmt nicht belehren.

So unglaublich viele Grind-Gegner kann es aber nicht geben, wenn man sich mal den Erfolg vieler Spiele vor Augen hält, die ohne die „Leveln und Looten“-Spirale gar nicht funktionieren würde: Ob ein Hack-and-Slay-Klopper à la Diablo 3, ein MMORPG-Monster wie World of Warcraft, etliche Asia-Online-Rollenspiele oder selbst ein Rennspiel wie Gran Turismo 6, sie alle beziehen ihren Reiz aus dem ewigen Kreislauf des Fortschritts. Und den beherrscht Destiny geradezu perfekt:

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Exzellentes Gunplay: Spielerisch ist Destiny selbst nach vielen Stunden immer noch ein Genuss.
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Das Spielerlebnis ist geprägt von Vorfreude: Vorfreude auf das nächste Licht-Level; auf das Aufwerten eurer Waffe oder eine Rüstungsteiles nach getaner Farm-Arbeit; auf den Moment,wenn man genügend Marken zusammen hat und sich endlich die ersehnten legendären Handschuhe kaufen kann; auf das kommende Wochenende, wenn Händler Xûr wieder den Turm mit seiner Anwesenheit beehrt und man seine Seltsamen Münzen verprassen darf. Und so weiter. Hier ist kontinuierlich Fortschritt zu spüren, das mesolimbische System im Gehirn wird ständig stimuliert, was einen fast schon magischen Spielfluss erzeugt. Der noch viel mehr wirkt, wenn man ihn gemeinsam mit anderen Spielern zelebriert.

Was ich vor allem mit den beiden Philipps aus Leipzig mache, die ich ganz zufällig in einem Strike kennenlernte und mit denen ich seitdem regelmäßig viel Spaß in Spiel und Chat habe. Überhaupt: So viele neue „Freunde“ wie in Destiny habe ich schon lange nicht mehr in einem Spiel kennengelernt. Zwar ist das Fehlen einer globalen Chat-Funktion nach wie vor ein großes Manko des Science-Fiction-Shooters, dafür ist man so aber gezwungen, sich in Fireteams per Headset und Mikro zu verständigen. Kommunikation ist alles, auch in Destiny.

Das Endgame von Destiny ist brillant

Vor allem in den wirklich schwierigen Endgame-Herausforderungen merke ich immer wieder, wie viel Spaß mir Destiny macht: In den Hardcore-Drei-Mann-Instanzen – heroische wöchentlichen Strikes oder Dämmerungs-Strike – ist es unabdingbar, dass man im Team arbeitet und weiß, wie sich die Modifikatoren auswirken können. Mehr und stärkere Gegner, zusätzliche Ultra- und Major-Bösewichter, verstärkter Nahkampfschaden der Feinde, kein automatischer Munitionsnachschub – alles Faktoren, die im Teamspiel ebenso eine große Rolle spielen wie die individuellen Elementar-Typen bei den Feinden, die ihr mit ebenso verschiedenen Schadensarten bekämpfen müsst.

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Viele haben Destiny für seine sterile Spielwelt kritisiert, dabei bietet es zahlreiche atmosphärische Momente.
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Da reicht es nicht mehr, einfach nur ein fettes Maschinengewehr einstecken zu haben, wenn man die Praetorianer in der Eingangssequenz der Gläsernen Kammer bekämpft, es muss auch „Leere“-Schaden anrichten können, um das lila Schild des Widersachers zu dezimieren. Und wo bekomme ich ein solches her? Zum Beispiel für 150 Marken bei der Vorhut-Fraktion – die ich natürlich erst mal erspielen muss, in dem ich eifrig Strikes und tägliche heroische Storymissionen abschließe.

Solche Kniffe machen die Endgame-Kämpfe von Destiny richtig anspruchsvoll, fördern logisches Denken, cleveres Zusammenspiel mit anderen Strike- oder Raid-Teilnehmern und zwangsläufig eine gewisse Grind-Ausdauer.

Destiny ist nicht perfekt, aber es bietet perfekte Unterhaltung

Es gibt aber noch zahlreiche andere Gründe, warum ich Destiny so mag und zum Spiel des Jahres auserkoren habe: Es sieht – zumindest auf PS4 und Xbox One – fantastisch aus, die Soundeffekte fetzen, die Musik ist wunderschön, die Atmosphäre stimmt. Ist einfach sehr viel Halo drin. Obendrein spielt es sich schlicht exzellent – selbst für einen wie mich, der Shooter immer seltener konsumiert.

Einer der wichtigsten Pluspunkte jedoch: Es befriedigt meinen MMO-Drang, kostet mich aber dabei nicht mein echtes Leben. Abends zwei Stündchen spielen reicht locker, um voranzukommen. Außerdem man kann hier auch getrost mal eine Woche Pause machen, ohne gleich komplett den Anschluss zu verlieren. Für mich als Ex-MMORPG-Junkie, der sich jahrelang in WoW in Semiprogess-Raidgilden als Gildenmeister und Schlachtzugsleiter ausgetobt hat und auch in anderen Online-Rollenspielen wie Star Wars: The Old Republic sehr aktiv war, ist es die perfekte Symbiose aus Teamspiel, Belohnungssystem-Befriedigung und MMO.

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Dass nicht nur ich das so sehe, beweisen die zahlreichen Gespräche die ich in letzter Zeit über Destiny geführt habe. Es ist wirklich faszinierend, wie ein Spiel, das bei seiner Veröffentlichung teils kräftig niedergemacht wurde, trotzdem von so vielen Menschen gefeiert wird. Es ist schlichtweg ein Faszinosum, es polarisiert, emotionalisiert. Das Thema Destiny, so haben mir viele Online-Redakteure bestätigt, bringt stets die meisten Klicks, ruft die leidenschaftlichsten Kommentare hervor. (Notiz an mich selbst: Die Kommentare unter diesem Artikel in weiser Voraussicht meiden.) Es ist das ideale Objekt für Hater und Hype-Verachter. Und dennoch, ich bleibe dabei, ein geniales Spiel, das durch den jüngsten Patch bereits besser wurde und mit der kommenden ersten Download-Erweiterung „Dunkelheit lauert“, die am 9. Dezember erscheint, Content-Kritikern so langsam die Argumente entzieht.

Davon mal ganz abgesehen: Ein Classic-WoW musste auch erst wachsen, Fehler machen, sich neu erfinden; was daraus zehn Jahre später geworden ist, sieht man am gigantischen Erfolg der neuen Erweiterung Warlords of Draenor, die die Abonnentenzahlen wieder über die 10-Millionen-Marke gehievt hat.

Destiny hat das Potenzial eine der wichtigsten Spielemarken der kommenden Jahre zu werden – ich bin gespannt, was Bungie und Activision daraus machen.