Seit Jahren metzeln und morden wir, was das Zeug hält. Bestenfalls machen wir uns hierüber Gedanken, wenn es mal wieder um die Killerspieldebatte geht. Nämlich, ob das Töten am Computer oder der Konsole wirklich Folgen für die Realität hat. Andererseits kann man sich aber auch die Frage stellen: Ist das Jenseits in Realität und am Bildschirm tatsächlich ein anderes?

Mein Blick wandert vom Fernseher zum Fenster, als für Sekunden die Sonne durch eine Öffnung in der grauen Decke bricht, die heute am Totensonntag als Entschuldigung für einen Himmel herhalten muss. Ebenso kurz flackert der Plan eines Spaziergangs in der scharf riechenden Kühle des Vorwinters auf. Eingemummelt durch die schon blattlosen Wälder stapfen, bis Ohren und Nase bläuliche Farbe annehmen und dann zurückkehren zum Tee in der Wärme. Auf der Couch dösen und einen Tag gediegene Langeweile erleben.

Der Tod spielt mit - Vom Leben in die Traufe – Spiele und das kalte Grab

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Trübes Wetter: Der Totensonntag
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Dann ist der Moment verflogen. Die Wolkenlücke schließt sich und fisseliger Nieselregen fällt. Ich schüttele melancholische Vorstellungen ab und wende mich erneut meiner Beschäftigung zu: Nariko setzt ihr Schwertballett mit wenig begeisterten Tanzpartnern fort. Doch während links und rechts digitale Körper stolpern und stürzen, frage ich mich, ob das wirklich die Intention des Ewigkeitssonntags war.

Eigentlich sollte man heute den im letzten Jahr Verstorbenen gedenken - nicht aber neue Andenkensfälle erst erzeugen. Ich bin ein zutiefst ungläubiger Mensch, trotzdem fühlt sich das Metzeln heute wie ein Sakrileg an. Dabei haben die über meine Klinge springenden Jungs nicht einmal das, über was sogar Spammer im Überfluss verfügen: Namen. Sie sind anonym, reine Datenströme.

So rennen Evil Henchman Nummer 144 ff. in meinen wirbelnden Stahl, wohl wissend, dass all ihre Bemühungen fruchtlos sind. Trotzdem stürzen sie kopfüber ins Verderben, end- und erfolglos wie Generationen von Schergen des Bösen vor ihnen. Die meisten hinterlassen vermutlich virtuelle Familien, die sich beim Abendessen wundern, wo Papi heute bleibt. Und mag Gevatter Tod in Fiktionen aller Art noch so sympathisch dargestellt sein: als schwarzer Vogel, Katzen liebender Großvater oder sexy Goth-Dame.

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Schöner Tod: Die sexy Goth-Dame.
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Wen immer der Fährmann bei der Hand nimmt, zurückgekommen ist noch keiner. Jedenfalls niemand ohne Savepoint. Denn die Kupfermünze unter der Zunge zahlt nicht das Continue, sondern die Überfahrt über den Styx. Wenigstens einmal sollte dieser verlorenen Seelen gedacht werden.

Den nächsten Widersacher streckt ein Fußtritt nieder und Sekunden später verschwindet er im Nichts - jenseits des Bildschirmausschnitts, jenseits der Sichtgrenze. Mir kam die Geburtstagsfeier eines Bekannten vom Vorabend in den Sinn. Normalerweise nutzte er hierzu die Scheune eines Nachbarn, was in diesem Jahr allerdings pietätlos erschien. Denn vor wenigen Monaten hatte man eben jenen dort erhängt aufgefunden.

Das Fest zollte dem Umstand insofern Tribut, als es trotz der herbstlich klammen Wetterbedingungen im Freien stattfand. Schwedenkerzen (senkrecht stehende, entzündete Kiefernstämme) flackerten vor sich hin und warfen Schatten an die Scheunenwand, die einen Sichtschutz ganz eigener Art darstellte.

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Trauriger Abgang: Wieder findet ein Pixelopfer den Tod.
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Im hier und jetzt erklimmt Nariko derweilen von Feinden unbehelligt eine lange Steintreppe und der Hessische Rundfunk bringt einen Bericht über die hohe Selbstmordrate in Schweden: wegen der lang währenden Dunkelheit. In dieser Situation traut sich das Wort Ironie nicht einmal »angedacht« zu werden.

Nariko dreht sich wie ein Kreisel und ihre Klinge darstellenden Lichtpunkte gleiten durch den Pixelkörper ihres Gegenübers. Dessen Existenz aus elektrischen Impulsen vergeht schlagartig, als sich Nariko abwendet und er aus ihrem Blickfeld in Schwärze gleitet. Kaum anders als die Schaufeln voller Erde, die im Sommer das Grab meines besten Freundes füllten. Nach und nach, Schicht um Schicht, bis es für die Augen nichts mehr zu sehen gab. Als würde nicht mehr existieren, was wir nicht wahrnehmen.

Dabei sind die Erinnerung an gute Zeiten, genau wie den reglosen Körper und das Unverständnis über solche Endgültigkeit, auch nicht mehr als Energieströme – nur eben in unserem Kopf. Wenn unsere eigenen Lichter ausgehen, bleiben von uns lediglich helle Flecken im Gehirn derjenigen, die an uns denken.

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Schön und mordlüstern: Heavenly Sword-Aktrice Nariko.
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Als meine rothaarige Schwertschwingerin in einen Hinterhalt gerät, der wiederum alle außer ihr selbst teuer zu stehen kommt, erkenne ich nach und nach, wie viel es zu erinnern gibt, wenn man erst einmal damit anfängt. Vor nur drei Tagen habe ich eine lange E-Mail von einem Freund und Ex-Kollegen erhalten, dessen Vater im November gestorben ist. Dieses Alter hat die Generation C64 also mittlerweile erreicht. Daran, dass die meisten Fußballspieler jünger sind als wir, haben wir uns langsam gewöhnt. Selbst an die permanenten Hochzeiten und Kindersegen im Freundeskreis. Aber das?

Nicht lange und wir müssen akzeptieren, dass allmählich sogar die Ikonen unsere Spielewelt ins Wanken geraten. Dem Medium blieb der Shakespeare-Effekt bisher erspart, dass wir also bewundernd auf Werke schauen und uns fragen müssen, ob nach dem Tod ihres Schöpfer jemals wieder ein Mensch existieren mag, der derartige Schaffenshöhen erreichen kann. Aber das ist nur eine Frage der Zeit.

Immerhin hat das gefühlt kürzeste Jahr der Weltgeschichte 2007 Rennspielnamensgeber Colin McRae als Opfer gefordert (zugegeben, es war ein Hubschrauberunfall und nicht das Alter). Und Douglas Adams ist nun schon sechs Jahre tot. Trotzdem bleibt für wahre Fans unbegreiflich, dass »Die letzten ihrer Art« das letzte seiner Art gewesen sein soll.

Richard Garriott, Warren Spector, Peter Molyneux oder Sid Meier sind alle weit davon entfernt, als tattrige Greise dahinzuvegetieren. »Um die fünfzig und seit zirka dreißig Jahren Computerspiele produzierend« klingt jedoch bereits beunruhigend für ein Medium, das sich selbst die Eigenschaft der Jugend verbissener zuschreibt als ein Bridge-Club sechzigjähriger Arztgattinnen.

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Kaum vorstellbar: Die Spielwelt ohne Sid Meier und Co.
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Irgendwann in 2042 werden sich künftige Zocker über vergangene Spielegenerationen unterhalten und miteinander wetten, wie lange wohl die alten Helden bereits tot sind. Von den genannten Größen wird nicht mehr geblieben sein als das besagte elektronische Flackern. Die Gedanken der Menschen, die ihrer aufgrund der großen Leistungen für die Welt der Computerspiele gedenken. Unheilbare Nostalgiker, die einmal jährlich vom Dachboden erbarmungslos veraltete Rechner herunterholen, um »Pirates!« oder »Populous« zu spielen. Falls nicht, wird es so sein, als hätten sie nie existiert.

Ein weiterer Gegner stirbt durch Narikos Schwert und verblasst. Draußen bricht die Sonne durch. Ich schalte endgültig die Playstation aus. Dann ziehe ich meinen Mantel an und die Tür hinter mir ins Schloss. Es ist Totensonntag und wir sollten uns verdammt noch mal erinnern!